Im kleinen Königreich Sonnental lebte eine Ritterin. Sie hieß Ritterin Mira. Mira trug einen silbernen Helm und einen roten Umhang. Wenn sie durch den Burghof ging, klang ihr Schritt wie ein leises Lied. Mira war mutig. Und Mira war auch verträumt. Sie schaute oft in die Wolken und dachte: Dort oben wohnen bestimmt gute Ideen.
Eines Morgens kam ein Bote zur Burg. Er hielt eine Schriftrolle fest. Der König sagte ruhig: „Mira, hör zu. Drei Clans wohnen in unserem Land. Der Bach-Clan, der Wald-Clan und der Hügel-Clan. Früher haben sie zusammen gefeiert. Jetzt reden sie kaum noch miteinander.“ Der König seufzte, aber freundlich. „Ich wünsche mir ein Fest der Freundschaft. Willst du die Clans wieder vereinen?“
Mira legte die Hand aufs Herz. „Ja, das will ich. Ich gebe nicht auf.“ Sie sah kurz aus dem Fenster. Der Himmel war blau. Das fühlte sich wie ein gutes Zeichen an.
Mira ritt los. Ihr Pony hieß Funke. Funke war klein, aber flink. „Wir schaffen das, Funke“, sagte Mira. „Schritt für Schritt.“ Funke schnaubte leise, als würde er „Ja“ sagen.
Zuerst ritt Mira zum Bach-Clan. Dort plätscherte das Wasser hell und klar. Die Leute standen am Ufer und wuschen bunte Tücher. Mira grüßte höflich. „Guten Tag. Ich bin Ritterin Mira. Ich bringe eine Einladung. Ein Fest auf der Burg. Für alle Clans.“ Der Anführer, Herr Bardo, runzelte die Stirn. „Der Wald-Clan hört nicht zu. Und der Hügel-Clan ist stur.“ Mira nickte. „Manchmal brauchen Ohren Zeit. Ich habe Zeit. Bitte kommt.“ Sie zeigte ein kleines Stoffband. Es war blau wie der Bach. „Dieses Band ist für euch. Blau bedeutet: Wir gehören dazu.“ Herr Bardo lächelte ein wenig. „Du bist freundlich. Wir denken darüber nach.“
Dann ritt Mira zum Wald-Clan. Die Bäume standen wie große, grüne Türme. Vögel sangen. Mira atmete tief ein. „So riecht Mut“, flüsterte sie. Am Waldrand traf sie Frau Linde, die Anführerin. Mira sagte: „Ich lade euch zum Fest ein.“ Frau Linde schüttelte langsam den Kopf. „Der Bach-Clan macht alles nass. Und der Hügel-Clan macht alles laut.“ Mira setzte sich auf einen Baumstumpf. Sie sprach ganz ruhig. „Ich höre euch. Und ich bleibe hier, bis wir eine gute Idee haben.“ Sie schaute nach oben. Zwischen den Blättern tanzte Licht. Da bekam Mira eine Idee, sanft wie ein Traum. „Was, wenn jeder Clan etwas mitbringt, das er gut kann? Der Bach-Clan bringt frisches Wasser. Der Wald-Clan bringt Holz für Tische und bunte Blätter als Schmuck. Der Hügel-Clan bringt Musik und Brot.“ Frau Linde blinzelte. „Das klingt… schön.“ Mira reichte ihr ein grünes Band. „Grün bedeutet: Wir gehören dazu.“ Frau Linde nahm es. „Wir kommen, wenn die anderen auch kommen.“
Zuletzt ritt Mira zum Hügel-Clan. Der Weg ging bergauf. Mira wurde müde. Funke auch. Der Wind schob ein wenig. Mira klopfte Funkes Hals. „Wir halten durch. Noch ein Stück. Dann noch eins.“ Oben standen kleine Häuser aus Stein. Es roch nach warmem Brot. Der Anführer, Herr Stein, war groß und hatte ein rundes Gesicht. „Ein Fest? Hm“, brummte er. „Die anderen schauen auf uns herab.“ Mira stellte sich gerade hin. Ihr roter Umhang wehte. „Ein Ritterherz schaut niemanden herab. Ein Ritterherz hebt alle hoch.“ Herr Stein schaute sie an. Mira fügte hinzu: „Bringt eure Trommel mit. Und euer Brot. Ohne euch fehlt der Takt. Ohne euch fehlt der Duft.“ Herr Stein kratzte sich am Kinn. Dann lachte er kurz. „Du redest wie eine Heldin aus einem Lied.“ Mira wurde ein bisschen rot. „Vielleicht träume ich Lieder.“ Sie gab ihm ein gelbes Band. „Gelb bedeutet: Wir gehören dazu.“ Herr Stein nickte. „Wir kommen.“
Am Festtag schmückte Mira den Burghof. Sie band die Bänder zusammen: blau, grün, gelb. Ein langes Band wie eine freundliche Schlange. Der Bach-Clan kam mit Krügen Wasser. Der Wald-Clan brachte kleine Tische und Blätterkränze. Der Hügel-Clan brachte Brot und eine Trommel.
Am Anfang standen alle ein bisschen weit auseinander. Mira ging in die Mitte. „Willkommen“, sagte sie. „Heute sind wir ein Kreis.“ Sie klatschte leise im Rhythmus. „Eins, zwei, eins, zwei.“ Herr Stein trommelte dazu. Der Bach-Clan schenkte Wasser ein. Frau Linde legte Blätter auf die Tische. Langsam lächelten die Leute. Dann lachten sie. Dann tanzten sie.
Der König kam zu Mira. „Du hast es geschafft.“ Mira sah die bunten Bänder an. „Nicht ich allein“, sagte sie. „Alle haben mitgemacht. Und ich habe nicht aufgegeben.“
Als die Sonne unterging, saßen die Clans zusammen. Sie teilten Brot. Sie tranken Wasser. Sie hörten den Vögeln zu, die schon schlafen wollten. Mira streichelte Funke. „Wir waren tapfer“, flüsterte sie. Der König sprach warm: „Im Sonnental sind wir stark, wenn wir zusammen sind.“
In der Nacht lag Mira in ihrem Bett in der Burg. Sie sah aus dem Fenster zu den Sternen. Sie fühlte sich ruhig und froh. „Morgen gibt es neue Träume“, murmelte sie. „Und neue Wege. Schritt für Schritt.“ Und so schlief die verträumte Ritterin ein, mit einem großen, guten Herzen.