Kapitel 1 – Die Geste
Die Stadtbibliothek roch an diesem Abend nach Papier, Politur und einer Ahnung von Aufregung. Über den Köpfen der Besucher hing ein blaues Banner: Nacht der Rätsel. Unter einer Glasvitrine glänzte der Sternenkompass, ein alter, messingfarbener Kompass, so groß wie eine Handfläche, verziert mit feinen Linien, die wie winzige Sternbilder wirkten.
Nora Winter stand seitlich an der Wand, die Hände in die Manteltaschen geschoben. Sie beobachtete gern, bevor sie sprach. Neben ihr drängte sich Jule, ihre zwölfjährige Nichte, aufgeregt wie eine gespannte Feder. „Tante Nora, der Kompass ist bestimmt uralt, oder?“, flüsterte sie.
„Alt genug, um Geschichten zu kennen“, sagte Nora.
Frau Eisenhut, die Bibliothekarin, trat vor die Menge. Sie war eine Frau mit ordentlichen Bewegungen und einer Stimme, die jede Ecke erreichte, ohne zu laut zu werden. „Willkommen!“, rief sie. „Unser Sternenkompass ist heute das Herzstück unserer Nacht.“
Nora ließ den Blick weiterwandern. Links stand Herr Krumm, der Hausmeister, am Lichtpult. Davor der Zauberkünstler Felix Funkel mit einem Korb voller Tücher und… Orangen? Daneben der Blogger Ben Borke, Kamera in der Hand, Finger am Auslöser. In der Nähe der Vitrine Frau Brandt vom Stadtrat, elegant und in Eile, wie so oft.
Während Frau Eisenhut sprach, passierte es: Sie strich mit zwei Fingern über die Glasvitrine, als prüfe sie unsichtbaren Staub, hob dann die Hand und zeigte Herrn Krumm drei gespreizte Finger. Ein kurzer, stiller Austausch: drei. Herr Krumm nickte. Ein kleines, unscheinbares Zeichen, kaum jemand bemerkte es. Außer Nora.
„Hast du das gesehen?“, murmelte Jule.
„Ja“, sagte Nora. „Drei. Wofür wohl?“
„Drei Minuten?“, riet Jule.
Nora speicherte das Zeichen in ihrem Kopf. Es war elegant, unauffällig, und doch ein Faden in einem Netz, das sich eben erst spannte.
Felix Funkel trat vor. „Und nun, ein kleiner Zauber, bevor der Sternenkompass offiziell vorgestellt wird!“ Er wirbelte bunte Tücher. Eine orangefarbene Schale sprang im Korb, sein Lächeln funkelte wie sein Künstlername.
„Hast du dein Notizbuch?“, flüsterte Jule.
„Immer“, sagte Nora und tippte gegen die Manteltasche. „Und du hältst die Ohren offen. Alles, was unscheinbar wirkt, kann wichtig werden.“
Da hob Frau Brandt die Hand, sah auf ihr Handgelenk, tippte auf die Luft, als hätte sie eine imaginäre Uhr. Sie deutete es Felix zu. Tempo, bitte. Auch diese Geste registrierte Nora. Zeit. Es ging um die Zeit.
Kapitel 2 – Schatten und Applaus
Die ersten Applauswellen rollten, als Felix mit einem Tuch eine Orange verschwinden ließ. Dann passierte das, was alle Ereignisse in der Bibliothek kurz zum Stillstand brachte.
Das Licht ging aus.
Nicht ganz. Ein Rest Notbeleuchtung blieb. Für zehn, zwölf Sekunden wirkte alles gedämpft, weicher, wie in einer fremden Welt. Ein leises Raunen stieg auf, Stühle knarrten, jemand lachte nervös. Nora hörte das Klicken von Jules Handy — sie startete immer in unübersichtlichen Momenten automatisch eine Sprachaufnahme, ein unschuldiger Reflex.
Als die Lampen zurückkehrten, klatschten ein paar Kinder erleichtert. Felix verbeugte sich und ließ ein Tuch wie eine kleine Fahne wehen. Frau Eisenhut rückte bereits auf die Vitrine zu, um den Kompass zu präsentieren.
„Meine Damen und Herren, der Sternen—“
Sie stockte. Ihre Hand erstarrte auf halbem Weg.
Die Vitrine war leer.
Ein paar Sekunden lang war die Stille dicker als die Teppiche. Dann begannen die Stimmen, erst flüsternd, dann höher, durcheinander. „Ist das Teil der Show?“, rief jemand. „Herr Krumm!“, rief Frau Brandt. „Licht an, alles an!“
Nora ging in die Hocke, noch bevor die erste Panik richtig Form annahm. „Jule, bleib bei mir“, sagte sie. „Atem ruhig. Augen offen.“
Die Vitrine war nicht zerbrochen, das Glas unversehrt. Der samtige, dunkelblaue Stoff auf dem Sockel zeigte eine kleine, schlierenartige Spur, als hätte etwas Schweres kurz geschabt. Auf dem Teppich davor waren ganz feine Linien — Spuren von kleinen Rädern?
„Siehst du den Duft?“, flüsterte Jule, dann schüttelte sie über sich selbst den Kopf. „Ich meine, riechst du das? Orangen.“
Nora nickte. Der Duft war da, frisch und hell. Aber Orangen waren bei Felix' Tisch. Ein großer Tropfen Politur glänzte auf der Kante der Vitrine. Nora roch daran: Glasreiniger mit Zitrus? Möglich. Oder Orangenöl an Fingern.
Ben Borke knipste wild. „Das ist unglaublich!“, rief er, halb schockiert, halb begeistert. „Sensationell!“
„Ben, keine Nahaufnahmen von Menschen ohne Erlaubnis“, zischte Frau Eisenhut und presste die Lippen zusammen. Ihre Stirn war blasser geworden. „Der Kompass… wir müssen alles absperren. Keiner verlässt den Saal.“
Herr Krumm stellte sich vor die Türen. „Bitte ruhig bleiben!“, rief er mit tiefer Stimme. Felix hob die Hände. „Das war nicht ich“, sagte er. „Meine Tricks sind sauber. Ich fasse die Vitrine nicht an.“
Nora trat an die Seite, um den Fluss der Leute zu sehen. Wer ging wohin? Wer blieb stehen? Jemand rollte am Rand das Banner ein Stück, vielleicht aus Nervosität. Das Blau des Stoffes war tief, und an einem Saum hing ein winziges Fädchen.
„Haltet kurz inne!“, sagte Nora laut, aber sanft. Sie hatte eine Stimme, die nicht schrie, und doch hörten die Leute. „Wir werden das klären. Aber dazu brauchen wir Ordnung. Und Zeit.“
Kapitel 3 – Minuten und Sekunden
Frau Eisenhut atmete tief durch. „Wer sind Sie?“, fragte eine ältere Dame misstrauisch.
„Nora Winter“, stellte Jule sie stolz vor. „Detektivin.“ Nora nickte knapp. „Ich werde helfen. Aber ich brauche Ihre Mitarbeit. Zuerst die Zeit.“
„Die Zeit?“, fragte Herr Krumm.
„Wann ging das Licht aus? Genau. Und wie lange. Ohne das weiß ich nicht, wer was hätte tun können.“ Nora sah zu Jule. „Hast du aufgenommen?“
Jule nickte und spielte die Tonspur ab. „Ab Begrüßung. Ich habe die Angewohnheit…“
Auf dem Handy klang Frau Eisenhuts Eröffnung, applaus, Felix' Stimme — dann ein dumpfes Klicken, ein kollektives Einatmen, Flüstern, ein Kind, das „Woah!“ sagte, ein kurzes Klirren von einem Glas irgendwo, und dann wieder Licht, dann Applaus. Jule stoppte. „Zwölf Sekunden dunkel“, sagte sie. „Genau zwölf.“
„Gut“, sagte Nora. „Zweites: Die Uhr da vorne“, sie zeigte auf die große Wanduhr, „geht sie richtig?“
„Vier Minuten vor“, sagte Ben sofort. „Ich habe gerade die Zeit in der Kamera mit dem Handy verglichen.“
„Danke“, sagte Nora. „Also die Wanduhr zeigt mehr als die reale Zeit. Drittes: Die Reihenfolge. Frau Eisenhut, wann haben Sie angefangen zu sprechen?“
„Neunzehn Uhr neunzehn“, sagte sie nach kurzem Nachdenken. „Ich hatte genau auf mein Handy geschaut.“
„Und Felix trat vor bei—?“
„Neunzehn Uhr einundzwanzig“, sagte Felix. „Ein schneller Tuchtrick, zweieinhalb Minuten. Dann sollte die Vorstellung des Kompasses kommen. Ein Dimmen war geplant, eine kleine Lichtdramaturgie. Keine Dunkelheit.“
„Geplant?“, fragte Nora. „Wie haben Sie das signalisiert?“
Frau Eisenhut errötete. „Ich habe Herrn Krumm drei Finger gezeigt — drei Minuten bis zum Dimmen. Ein sanftes Dimmen. Kein Abschalten. Ich hatte es mit ihm besprochen.“
„Ich habe gedimmt“, sagte Herr Krumm. „Aber plötzlich war's ganz aus. Ich… vielleicht habe ich den falschen Schieber erwischt. Ich habe gleich korrigiert.“
„Passiert“, sagte Nora. „Die Frage ist: Reichen zwölf Sekunden und ein Moment der Verwirrung, um eine Vitrine zu öffnen und den Kompass verschwinden zu lassen?“
„Die Vitrine war nicht abgeschlossen“, sagte Frau Eisenhut leise. „Wir mussten sie offen lassen, damit ich den Kompass herausnehmen konnte für die Erklärung. Ich weiß, es war riskant, aber—“
„Dann reichte es“, sagte Nora nüchtern. „Wer stand in der Nähe?“
Sie hörte Aussagen, notierte Namen. Ben hatte um neunzehn Uhr einundzwanzig und vierzig Sekunden ein Foto gemacht — die Vitrine mit Kompass, mit seiner Kamerazeitanzeige. Das nächste Foto, neunzehn Uhr dreiundzwanzig, zeigte Menschen, Licht wieder an, und die Vitrine unscharf im Hintergrund.
„Das hilft“, sagte Nora. „Noch etwas: Die Orangen. Dieser Geruch hier — er ist frisch. Aber Orangenöl steckt auch in Reinigern. Und—“ Sie hob das winzige blaue Fädchen auf. „Blaue Faser. Das Banner?“
Jule blickte zum Banner. „Das ist aus dickem Stoff. Und hat Rollen unten.“ Sie kniete und betrachtete die Spur am Teppich. „Schau, die Rollen sind genau so breit wie die Spuren.“
„Schreib auf: Rollen neben Vitrine. Blaue Faser auf Samt. Orangen-Geruch. Zwölf Sekunden Dunkelheit“, sagte Nora. „Und die drei Finger.“
„Wieso die drei?“, fragte Ben, dessen Kamera nun an der Brust baumelte.
„Weil sie die Zeit kennzeichnen“, sagte Nora ruhig. „Wenn ich die Zeit kenne, kenne ich die Möglichkeiten.“
Kapitel 4 – Verdächtig ist nicht schuldig
„Sie denken, ich war's“, sagte Felix plötzlich. Er wirkte gekränkt. „Wegen der Orangen.“
„Ich denke noch gar nicht“, sagte Nora. „Ich prüfe. Was haben Sie gemacht, als es dunkel wurde?“
„Ich stand vorn“, sagte er. „Die Hände oben, weil ich den Trick enden ließ. Ich hab sogar selbst erschrocken. Orangen oder nicht — sehen Sie.“ Er hielt die Hände hoch. Seine Handflächen waren sauber, aber leicht duftend nach Zitrus. „Ich habe mit Öl gearbeitet, damit die Schale leichter fester bleibt. Aber ich war nicht an der Vitrine.“
„Jemand hat mich am Ärmel gepackt“, sagte Frau Brandt. „Im Dunkeln. Vielleicht ein Kind. Ich stand nicht nah genug.“
„Herr Krumm?“, fragte Nora.
„Ich war am Pult“, sagte er. „Und fluchte leise, weil ich falsch gedrückt hatte. Ich habe den Schieber sofort hochgeschoben.“
„Dann sehen wir uns Ihre Hände an“, sagte Nora höflich. Herr Krumm streckte sie hin. Keine Spuren von Samt oder Metall, nur ein wenig Staub.
„Ich war am Rand und hab… na ja, ehrlich gesagt, wollte ich das Banner gerade rücken“, gestand Ben. „Es hing schief. Wenn etwas schief hängt, kann ich nicht ruhig fotografieren. Im Dunkeln hab ich's nicht angefasst. Erst danach, glaube ich.“ Er kratzte sich am Nacken. „Meine Kamera sagt, ich habe um neunzehn Uhr dreiundzwanzig dreizehn ein Bild vom Banner gemacht. Das Licht war wieder an.“
„Der Kompass ist schwer“, mischte sich Jule ein. „Den steckt man nicht einfach in die Hosentasche.“
„Eine Tasche wäre zu auffällig“, sagte Nora. „Ein Versteck, das nach hier gehört, wäre klüger.“
„Das Banner?“, riet Jule.
„Vielleicht“, sagte Nora. „Aber wir folgen nicht nur Ideen, wir testen. Noch jemand?“
„Ich habe im Dunkeln gezählt“, meldete sich ein kleiner Junge. „Eins, zwei, bis zwölf. Dann habe ich, äh, geniest.“
„Gesundheit nachträglich“, sagte Nora. „Das passt zu Jules Aufnahme. Gut.“
Sie ging zurück zur Vitrine. Die kleine, schlierenartige Spur auf dem Samt sah aus, als hätte etwas rundes, glattes Metall sie hinterlassen. In der Ecke klebte winziges, helles Pulver. „Gibt es Kreide in der Bibliothek?“, fragte sie.
„Straßenkreide für die Kinder“, sagte Frau Eisenhut. „Die lag da drüben bei den Rätseltischen.“
„Kreide könnte von Bannerrändern stammen“, murmelte Nora. „Wenn jemand einen Bannerstab mit Kreide markiert hat. Oder einfach Staub.“
„Also war's doch Ben?“, flüsterte Jule. „Er war beim Banner…“
„Vielleicht. Oder jemand, der wusste, dass Ben beim Banner war“, sagte Nora. „Wir dürfen uns nicht täuschen lassen. Verdacht ist keine Wahrheit.“
„Integrität“, sagte Jule so ernst, dass Felix kurz lächelte. „Du hast doch neulich gesagt, das heißt, man bleibt aufrecht, obwohl ein schneller Sieg lockt.“
„Richtig“, sagte Nora. „Deshalb prüfen wir weiter. Stück für Stück.“
Kapitel 5 – Das gerollte Versteck
Nora bat um Raum und Ruhe. „Niemand verlässt den Saal“, wiederholte sie. „Bitte bleiben Sie ruhig. Wir werden ein kurzes Experiment machen.“
Sie trat zum Banner. Es war an zwei Stangen befestigt, unten mit einer Stange beschwert, die man einrollen konnte. Die Rollen am Fuß waren klein, aber stabil. Ein dünner, blauer Faden hing am Rand, genau eines von jener Sorte, die Nora auf dem Samt gefunden hatte.
„Jule, hol mir bitte den leerstehenden Stuhl“, sagte Nora. „Und Maja, könntest du mithalten, wenn ich das Banner anhebe? Langsam.“
„Was machen Sie da?“, fragte Ben. Sein Ton war vorsichtig.
„Ich gehe einer Idee nach“, sagte Nora. Sie hob den Saum, klopfte mit den Fingern gegen die untere Stange. Ein dumpfer Klang. Dann rollte sie den Stoff ein Stück, ließ ihn wieder herunter. „Wenn der Kompass jemandem in der Dunkelheit in die Tasche gefallen wäre, hätten wir Geräusche gehört. Eine Vitrine hat nicht endlos Polsterung. Aber hier…“
Sie legte das Ohr an die Stange und rollte mit Jules Hilfe ein Stück mehr. Ein zartes, metallisches Klingen, kaum hörbar, vielleicht Einbildung.
„Hören Sie das?“, fragte sie.
„Ich… ja“, sagte Jule und ihre Augen wurden rund.
„Ich höre nichts“, sagte Ben, zu schnell.
Nora stoppte. Sie sah Ben an. Und plötzlich erinnerte sie sich an den Anfang, an das Durcheinander, als das Licht zurückgekehrt war. Ben hatte eine rasche Kreisbewegung mit der Hand gemacht, ein drehendes Zeichen für einen seiner jungen Helfer: Roll das mal eben. Nicht viel, nicht auffällig, nur praktisch — ein Banner, das schief hing, störte seine Fotos. Eine harmlose Geste. Oder ein Zaktes Zeichen im richtigen Moment.
„Ben“, sagte Nora ruhig, „zeig mir bitte dein Foto von neunzehn Uhr einundzwanzig vierzig. Und das von neunzehn Uhr dreiundzwanzig dreizehn.“
Er reichte die Kamera. Nora betrachtete die Bilder. Auf dem ersten hing das Banner glatt, sein Saum parallel zum Boden. Auf dem späteren Bild war der Saum ein Hauch unregelmäßig, dicker gerollt — nur ein wenig. Und neben der Vitrine war die Teppichspur mit den Rollen frischer.
„Ich hatte es gerade gerichtet“, sagte Ben. „Ich ertrage Schief nicht.“
„Ich auch nicht“, sagte Nora. „Aber die Frage ist: Hast du das Banner gerollt, als es dunkel war, oder danach, als es wieder hell war?“
„Danach“, sagte Ben. „Ich schwöre.“
„Gut. Dann wird uns das Experiment die Antwort geben.“ Nora bat Herr Krumm, die untere Stabkappe vorsichtig zu öffnen. Er kniete, fädelte mit seinen breiten Fingern. Eine kleine Metallkappe fiel. Alle hielten den Atem an.
Nora hob die Stange an, drehte sie langsam. Etwas glitt innen. Ein sanftes, schabendes Geräusch. Dann, mit einem leichten, trockenen Ton, rutschte ein messingfarbenes, rundes Ding aus dem Stangeninneren auf den weichen Stuhl, den Jule herangeholt hatte.
Es war der Sternenkompass.
Ein Kollektiv-Seufzer ging durch den Saal. Einige klatschten sogar, dann verstummten sie, als wäre Klatschen hier nicht richtig.
Ben stand da, als hätte jemand ihm die Luft abgestellt. „Ich…“, sagte er, doch seine Stimme brach. „Ich wollte… nicht stehlen.“
„Was dann?“, fragte Nora, und ihre Stimme war weder hart noch weich, sondern klar.
„Ich wollte zeigen, dass die Sicherheit schlecht ist“, stieß er hervor. „Ein Beitrag. Ein Wachrütteln. ‚Wie leicht man Historisches verlieren kann‘. Ich wollte ihn nachher zurückgeben. Ehrlich. Ich dachte, es ist eine Art… Test. Und ich hab… im Dunkeln…“
„…den Kompass ins Banner fallen lassen“, vollendete Nora. „Und danach den Saum ein Stück gerollt, damit er nicht herausrollt. Du hast sogar dein eigenes Timing verraten: Mit der Geste zum Einrollen, als das Licht zurückkam.“
Ben sah zu Boden. „Ich habe dumm gehandelt.“
„Und gefährlich“, sagte Frau Eisenhut, ihre Stimme zitterte. „Das Exponat war eine Leihgabe.“
„Ich… es tut mir leid“, sagte Ben. „Ich zahle jede Strafe. Ich schreibe einen öffentlichen Entschuldigungspost. Ich—“
„Ben“, unterbrach Nora. „Bevor du über Strafen sprichst, gibt es noch etwas zu klären. Hast du das Licht etwa angefordert?“
„Nein!“, rief Ben. „Das war… ich sah nur, dass Frau Eisenhut Herrn Krumm die drei Finger zeigte. Drei Minuten. Ich… ich nutzte den Moment, als es dunkler wurde. Ich dachte, es sei ihr Plan.“
„Mein Plan war ein weiches Dimmen“, sagte Frau Eisenhut. „Nicht Dunkelheit. Aber ich trage Verantwortung. Ich hätte die Vitrine bis zur Präsentation geschlossen halten sollen.“
Nora sah in die Runde. „Wir kommen der Wahrheit näher. Zeit, das offen zu Ende zu führen.“
Kapitel 6 – Wahrheit mit geradem Rücken
Die Bibliothek atmete ein und aus. Der Kompass lag wieder in der Vitrine, vorerst nur auf dem Samt, doch diesmal hatte Herr Krumm die Abdeckung sicher verschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt.
„Es ist leicht“, sagte Nora in die Stille, „in Aufregung jemanden zu beschuldigen, der nach Orangen riecht oder der am Lichtpult stand. Es ist leicht, eine schnelle Lösung zu lieben. Aber ich glaube nicht an einfache Abkürzungen. Ich glaube an Ordnung, an sorgfältige Schritte und daran, dass Wahrheit trägt.“
Sie wandte sich an Ben. „Du wolltest etwas zeigen. Das ist manchmal die Aufgabe eines Journalisten. Aber Integrität heißt, dass der Weg so sauber ist wie das Ziel. Du hättest vorher die Bibliothek darauf hinweisen können, dass eine offene Vitrine riskant ist. Du hättest helfen können, es besser zu machen, statt die Situation auszunutzen.“
Ben nickte, die Ohren rot. „Sie haben recht“, sagte er leise. „Ich war ungeduldig. Und ich wollte… na ja… Klicks.“
„Dann ist jetzt der Moment, ehrlich zu sein“, sagte Nora. „Vor allen.“
Ben hob den Kopf. „Ich habe den Kompass ins Banner gesteckt“, sagte er. „Ich dachte, niemand merkt es, und ich gebe ihn nach meinem Text zurück. Es war falsch. Ich entschuldige mich bei der Bibliothek, bei der Stadt, bei allen hier.“
Ein gemurmeltes „Hm“ ging durch die Reihen. Frau Brandt trat vor. „Was schlagen Sie vor, Frau Winter?“, fragte sie. Ihre Stimme war kühl, aber nicht unfreundlich.
„Erstens: Wir vermerken den Vorfall, geben ihn an die richtigen Stellen, und Ben arbeitet die nächsten Wochen mit der Bibliothek an einer Sicherheitsbroschüre. Ehrenamtlich. Er schreibt keinen Skandalartikel, sondern einen Beitrag darüber, wie man aus Fehlern lernt. Zweitens: Wir prüfen die Technik. Herr Krumm, morgen testen Sie das Lichtpult in Ruhe mit Frau Eisenhut. Drittens: Wir zeigen den Kompass heute doch — mit erhobenem Kopf. Nicht, weil nichts passiert ist, sondern weil wir ehrlich damit umgehen.“
Frau Eisenhut atmete aus. „Das ist anständig“, sagte sie.
„Und ich werde meine drei Finger künftig in Worte übersetzen“, fügte sie mit einem kleinen Lächeln hinzu. „‚In drei Minuten dimmen‘ statt geheime Zeichen.“
Jule zog an Noras Ärmel. „Und wir?“, flüsterte sie.
„Wir schreiben auf, was wir gelernt haben“, flüsterte Nora zurück. „Dass Zeit unsere beste Freundin ist. Und dass eine kleine Geste alles sein kann — der Anfang eines Plans oder der Faden, der ihn entwirrt.“
Sie wandte sich an die Kinder in der ersten Reihe. „Habt ihr die blaue Faser gesehen?“, fragte sie. Ein paar Köpfe schüttelten, ein paar nickten stolz. „Habt ihr gemerkt, dass die Uhr vier Minuten vorgeht? Dass Jule zwölf Sekunden gezählt hat? Dass eine eingerollte Stange Dinge verschlucken kann? All das sind keine Zaubertricks. Es ist Beobachten. Es ist Denken.“
Felix hob die Orange. „Und für den Rest“, sagte er, „bin ich zuständig.“ Ein Lächeln stahl sich zurück in die Gesichter. Das Licht war hell, aber ruhiger. Herr Krumm legte eine Hand auf die Konsole, als tätsche er einen störrischen Hund. Frau Brandt blickte auf die Vitrine, dann zu Nora. „Danke“, sagte sie.
„Gern“, sagte Nora. „Ich mag Rätsel, die sich lösen lassen.“
Später, als die Nacht der Rätsel weiterging, standen Jule und Nora noch einmal vor dem Banner. „Ich hätte das mit der Stange nicht geahnt“, sagte Jule.
„Ich auch nicht sofort“, sagte Nora. „Erst, als ich das Klingen hörte und Ben die rollende Geste machte. Manchmal fügen sich Bruchstücke zur richtigen Zeit zusammen. Und manchmal muss man die Zeit erst ordentlich sortieren.“
„Zwölf Sekunden“, sagte Jule.
„Und drei Finger“, sagte Nora.
Sie stießen die Fäuste sanft gegeneinander. Vor ihnen glänzte der Sternenkompass, still und arglos. Hinter ihnen summten die Stimmen, wie das leise Rauschen eines Flusses. Und irgendwo am Rand lachte ein Kind, das wieder zählen wollte, nur so, der Übung wegen.