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Detektivgeschichte 11/12 Jahre Lesen 28 min.

Mira Feldmann und das Geheimnis des leeren Rahmens

Die junge Detektivin Mira untersucht das Verschwinden von Jonas’ gerahmter Zeichnung im Mietshaus und folgt Hinweisen wie Glitzer und einem Aufkleberlogo, während sie Nachbarn befragt und mögliche Motive aufdeckt.

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Eine etwa 30-jährige Detektivin mit sanftem Gesicht, kurzem braunem Bob, senfgelbem Mantel und grünem Schal, mit Taschenlampe und offenem Notizbuch, gelehnt zu einem leeren Bilderrahmen; ein 12-jähriger Junge mit zerzausten Haaren und hellblauem T‑Shirt, besorgt aber erleichtert, betrachtet das ihm gereichte Drachenbild; ein etwa 45-jähriger, müder, beschämter Zimmermann in brauner Jacke mit Werkzeug steht zurückgesetzt neben einem verschobenen Möbelstück; eine etwa 60-jährige ältere Frau mit grauem Dutt, verschränkten Armen und streng‑gerührtem Blick beobachtet von einer Stufe oberhalb; Ort: Treppenhaus, gelbe Lampe, cremefarbene Wände mit Farbresten, Metallbriefkästen, Fußmatte und kleine Topfpflanze, leerer Rahmen an der Geländerhöhe eines Kindes; Szene: die Detektivin setzt das bunte Drachenbild in den Rahmen, alle versammeln sich, goldene Glitzerpartikel auf dem Bild und Sternaufkleber am Boden, ruhige, versöhnliche Stimmung, einfache Komposition, pastellkontraste (Senfgelb, Grün, Hellblau, Creme). Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der leere Rahmen

Als Mira Feldmann an diesem Dienstag die Tür zu ihrem kleinen Detektivbüro aufzog, roch es nach Regen und frischem Papier. Auf ihrem Schreibtisch lag, wie immer, ihr Notizbuch. Daneben stand eine Tasse mit kaltem Kaffee, den sie längst vergessen hatte.

Es klopfte. Nicht laut, aber entschieden.

„Herein“, sagte Mira.

Frau Kroll, die Hausmeisterin aus dem Nachbarhaus, schob sich ins Zimmer. Ihr Blick war wachsam, als würde sie auch in einem ganz normalen Flur nach verdächtigen Dingen suchen.

„Frau Feldmann“, begann sie ohne Umwege, „bei uns im Haus ist etwas verschwunden.“

Mira deutete auf den Stuhl. „Setzen Sie sich. Was genau?“

„Ein Bild. Genauer: die Zeichnung von Jonas aus dem dritten Stock. Die hing im Treppenhaus, gerahmt. Alle waren stolz drauf. Und heute Morgen… war der Rahmen leer.“

Mira hob eine Augenbraue. „Ein leerer Rahmen. Interessant.“

„Nicht interessant“, zischte Frau Kroll. „Unverschämt. Und traurig. Jonas ist zwölf. Der hat die Zeichnung extra für das Sommerfest gemacht.“

Mira schlug ihr Notizbuch auf. „Wann wurde das Bild zuletzt gesehen?“

„Gestern Abend, kurz nach acht. Ich hab noch den Müll rausgebracht, bin dran vorbei. Heute um halb sieben: weg.“

Mira nickte langsam. Eine klare Zeitspanne. Ein Treppenhaus. Ein gerahmtes Bild, das man nicht mal eben aus Versehen mitnimmt. Das war kein Zufall, das war eine Entscheidung.

„Wer hat Zugang zum Treppenhaus?“

„Alle Bewohner. Und… na ja, Besucher. Paketboten, Freunde, Handwerker.“

Mira stand auf, zog ihren Mantel an und griff nach einer kleinen Taschenlampe. „Ich schaue es mir an. Und Frau Kroll?“

„Ja?“

„Bitte sagen Sie niemandem im Haus, dass ich komme. Je weniger Aufregung, desto besser.“

Frau Kroll blinzelte, als hätte sie gerade einen Geheimauftrag bekommen. „Verstanden.“

Draußen glänzte der Asphalt. Das Treppenhaus roch nach Putzmittel und nassen Jacken. Mira stellte sich vor den Rahmen: ein schmaler Holzrahmen, leicht schief. Innen: nur ein heller Rand, wo das Papier vorher gewesen war.

Sie beugte sich näher. Ganz unten am Rahmen klebte etwas Winziges. Ein graues Fädchen? Nein. Ein Stück Klebeband, fast unsichtbar, mit einem Hauch von… Gold?

Mira rieb vorsichtig mit dem Daumen darüber. Glitzer.

„Wer glitzert denn im Treppenhaus?“, murmelte sie.

Sie machte ein Foto, notierte: Glitzer am unteren Rahmenrand. Möglicherweise von einer Tasche, einem Pullover oder Bastelmaterial.

Dann drehte sie sich um und betrachtete die Stufen. Auf der zweiten Stufe lag etwas, das nicht dahin gehörte: ein kleines, grünes Papierteilchen, wie ein abgerissenes Etikett. Darauf ein gedrucktes Zeichen: ein stilisierter Stern in einem Kreis.

Mira steckte es in einen Umschlag. Ein Zeichen, dachte sie. Manchmal waren es genau solche Kleinigkeiten, die die Richtung vorgaben.

Und dann hörte sie Schritte. Jemand kam die Treppe herunter, pfeifend, als wäre die Welt völlig in Ordnung.

Kapitel 2: Der hilfsbereite Nachbar

Der Mann, der um die Ecke bog, trug eine Werkzeugtasche und ein freundliches Gesicht. Er blieb stehen, als er Mira sah, und lächelte.

„Oh! Sie sind doch… Frau Feldmann, oder? Die Detektivin?“

Mira musterte ihn. Mitte vierzig, kurze Haare, saubere Hände trotz Werkzeugtasche. Nicht nervös. Eher neugierig.

„Kommt drauf an, wer fragt“, sagte sie.

„Ach, entschuldigung. Ich bin Herr Bastian Neumann, aus dem zweiten Stock. Ich helfe hier manchmal mit kleinen Reparaturen. Frau Kroll nennt mich ihren ‚Notnagel‘.“ Er lachte leise. „Ist etwas passiert?“

Mira zeigte auf den leeren Rahmen. „Eine Zeichnung ist verschwunden.“

Herr Neumann pfiff durch die Zähne. „Das ist ja… gemein. Jonas' Bild? Das mit dem bunten Drachen über dem See?“

Mira nickte. „Sie haben es gesehen?“

„Klar. Ich geh jeden Tag dran vorbei. Der Drache hatte so lustige Zähne, als würde er grinsen.“

Mira notierte: Neumann kennt Motiv. Beobachtet Details. Das kann normal sein. Oder zu genau.

„Waren Sie gestern Abend im Treppenhaus?“, fragte sie.

„Ich? Hm… ja. Ich hab gegen halb neun noch ein Paket für Frau Stein hochgetragen. Sie war krank und konnte kaum laufen. Ich bin rauf in den vierten Stock. Da hing das Bild noch.“

Mira blickte ihn direkt an. „Sie sind sicher?“

„Ganz sicher. Ich erinnere mich, weil ich kurz stehen geblieben bin. Ich bastle selbst gern. Hab überlegt, wie Jonas den Himmel so gleichmäßig blau bekommen hat.“

Mira ließ den Satz wirken. „Basteln Sie gern?“

„Ja. Modelle, kleine Holzsachen. Ich baue gerade ein Vogelhaus für den Innenhof.“ Er deutete mit dem Kinn nach draußen. „Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen helfen. Türen, Schlösser, so was. Ich kann sogar den Rahmen abnehmen und nach Spuren schauen.“

Mira hob die Hand. „Danke. Aber zuerst mache ich mir selbst ein Bild.“

Herr Neumann nickte sofort. „Natürlich. Verantwortung, ja? Nichts anfassen, bevor man's untersucht.“

Das sagte er schnell, wie jemand, der zeigen will, dass er die Regeln kennt.

Mira ging ein paar Stufen hinauf. Von oben sah sie das Treppenhaus wie eine Bühne: Briefkästen, Schuhmatten, Pflanzen. Und überall mögliche Augen.

„Wer könnte ein Interesse an einer Kinderzeichnung haben?“, fragte sie mehr zu sich selbst.

Herr Neumann hob die Schultern. „Vielleicht jemand, der Kunst mag? Oder… jemand, der Jonas ärgern will.“

Mira drehte sich halb zu ihm. „Gibt es Streit im Haus?“

„Na ja. Frau Stein beschwert sich ständig über Lärm. Und Herr Lenz aus dem Erdgeschoss findet, Kinder sollen nicht im Flur spielen. Aber klauen? Dafür müsste man schon…“ Er suchte nach dem Wort. „…kalt sein.“

Mira dachte an den Glitzer am Rahmen. „Haben Sie gestern irgendwo Glitzer gesehen?“

Herr Neumann grinste. „Glitzer? Nicht wirklich. Außer vielleicht bei der kleinen Luisa aus dem ersten Stock. Die klebt manchmal Sterne auf alles. Sogar auf ihren Rucksack.“

Mira hielt inne. Luisa. Sterne. Und in ihrer Tasche: das grüne Papierstück mit dem Stern im Kreis.

„Wissen Sie, wo Jonas die Zeichnung gemacht hat?“, fragte Mira.

„In der Schule, glaube ich. Oder im Jugendzentrum. Dort gibt's doch diese Bastel-AG mit Frau Hagemann.“

Mira nickte. Ein neuer Weg. Ein Ort, an dem Zeichen wie Sterne auf Etiketten durchaus vorkommen konnten.

„Herr Neumann“, sagte Mira, „ich melde mich, wenn ich Hilfe brauche.“

Er hob die Werkzeugtasche. „Ich bin da. Im zweiten Stock. Klopfen Sie einfach. Ich mag Rätsel.“

Mira beobachtete ihn, wie er die Treppe hinunterging, immer noch pfeifend. Hilfsbereit, ja. Vielleicht zu hilfsbereit. Oder einfach nur ein netter Nachbar.

Als er unten um die Ecke verschwand, zog Mira den Umschlag hervor und betrachtete das grüne Stück Papier erneut. Der Stern im Kreis war sauber gedruckt, kein Kindergekritzel.

Ein Logo?

Ein Hinweis?

Und vor allem: Warum lag es direkt neben dem Tatort?

Kapitel 3: Fakten prüfen

Mira mochte keine Vermutungen, die sich wie Nebel ausbreiteten. Sie mochte Fakten. Wenn sie etwas wissen wollte, überprüfte sie es. Immer.

Zuerst klingelte sie bei Jonas' Wohnung im dritten Stock. Die Tür ging auf, und ein Junge mit zerzausten Haaren und einem Gesicht wie ein aufgeschlagenes Heft stand da: alles offen, alles verletzt.

„Bist du Frau Feldmann?“, fragte er.

„Ja. Du bist Jonas.“

Er nickte schnell und schluckte. Hinter ihm tauchte seine Mutter auf, die versuchte, ruhig zu wirken, aber ihre Hände verrieten sie: Sie knetete ein Geschirrtuch, als wäre es Knete.

„Danke, dass Sie kommen“, sagte sie leise.

Mira ging in den Flur. „Jonas, erzähl mir von der Zeichnung. Was genau war darauf?“

Jonas' Augen wurden wacher, trotz allem. „Ein Drache. Aber nicht böse. Er fliegt über unseren See im Park. Und unten sind Leute mit Drachenbooten. Ich hab… ich hab extra die Schuppen mit einem goldenen Stift gemacht.“

Mira spürte ein Klick in ihrem Kopf. Goldener Stift. Glitzer am Rahmen.

„Goldener Stift mit Glitzer?“, fragte sie.

Jonas nickte. „Ja. Frau Hagemann hat den mitgebracht. Der glitzert total.“

Mira schrieb: Goldglitzer könnte von der Zeichnung selbst stammen, nicht vom Täter.

Das war wichtig. Ein Detail, das eine Spur entweder stärkte oder entwertete. Verantwortung hieß auch: nicht vorschnell jemanden verdächtigen, nur weil etwas glitzert.

„Wann hast du die Zeichnung gerahmt?“, fragte Mira.

„Letzte Woche. Wir haben sie im Jugendzentrum fertig gemacht. Dann hat Mama einen Rahmen gekauft. Ich hab sie ins Treppenhaus gehängt, weil Frau Kroll gesagt hat, dort dürfen Kinderbilder hängen.“

„Hat jemand gesehen, wie du sie aufgehängt hast?“

Jonas überlegte. „Luisa war da. Und Herr Neumann hat mir den Nagel reingehauen. Ich durfte nicht mit dem Hammer, weil Mama meinte, ich hau mir den Daumen kaputt.“

Mira sah kurz zu Jonas' Mutter. Sie nickte. „Herr Neumann ist wirklich hilfreich.“

Mira notierte es, ohne etwas dazu zu sagen.

„Jonas“, fragte sie, „hat dich jemand wegen der Zeichnung angesprochen? Vielleicht… zu freundlich? Oder komisch?“

Jonas zuckte die Schultern. „Frau Stein hat gesagt, sie mag keine Drachen, weil die nach Krach aussehen. Und Herr Lenz meinte, das Treppenhaus sei kein Museum.“

„Und wer hat sie gelobt?“

Jonas' Gesicht hellte sich minimal auf. „Frau Aydin aus dem vierten Stock. Sie hat gesagt, der Drache sieht aus, als hätte er Mut.“

Mira lächelte kurz. „Mut ist gut.“

Als sie wieder draußen im Treppenhaus stand, ging sie die Namen durch wie Karteikarten: Stein, Lenz, Aydin, Luisa, Neumann.

Dann der nächste Schritt: das Jugendzentrum. Wenn Jonas den goldenen Stift dort benutzt hatte, konnte das grüne Papierstück vielleicht auch von dort stammen. Mira wollte es wissen, nicht nur glauben.

Im Jugendzentrum roch es nach Holzleim und Kakao. An einer Pinnwand hingen Flyer. Mira fand sofort einen grünen Streifen Papier am Rand eines Plakats: „Bastel-AG – Jeden Mittwoch“. Unten war ein Stern im Kreis. Genau das Zeichen.

Mira strich mit dem Finger über das Logo. „Also doch“, murmelte sie.

Frau Hagemann, eine Frau mit buntem Schal und wachsamen Augen, kam aus dem Bastelraum. „Kann ich helfen?“

„Mira Feldmann. Es geht um eine Zeichnung von Jonas. Sie wurde aus dem Treppenhaus gestohlen.“

Frau Hagemanns Mund wurde schmal. „Wie bitte? Die Drachenzeichnung?“

„Ja. Ich habe ein Stück Papier mit Ihrem Logo gefunden. Haben Sie solche Etiketten oder Aufkleber?“

Frau Hagemann nickte. „Wir haben Aufkleberbögen mit dem Stern. Die kleben wir auf Mappen, damit nichts verloren geht.“ Sie zog eine Schublade auf und holte einen Bogen hervor. „Sehen Sie?“

Mira verglich. Es passte.

„Wer hat Zugang zu diesen Bögen?“, fragte Mira.

„Alle in der AG. Aber wir zählen sie nicht. Es sind… Aufkleber.“

„Und wer war gestern Abend hier?“

Frau Hagemann runzelte die Stirn. „Gestern? Wir hatten keine AG. Aber am Nachmittag war der Hausmeister da, um die Fenster zu prüfen. Und später kam jemand vorbei und fragte, ob Jonas' Bild noch hier sei, weil er es ‚für eine Überraschung‘ brauche.“

Mira hob den Stift. „Wer war das?“

„Ein Mann. Werkzeugtasche. Sehr freundlich. Er sagte, er wohne im gleichen Haus wie Jonas.“

Mira spürte, wie sich die Puzzleteile aneinanderlehnten. Noch nicht eingerastet, aber nah.

„Wie sah er aus?“, fragte sie.

Frau Hagemann überlegte. „Braune Jacke, kurze Haare. Und er hat dauernd gepfiffen. So eine Melodie.“

Miras Blick wurde ruhig, aber in ihrem Inneren war es plötzlich sehr still. Ein stiller Moment, in dem eine Vermutung schwerer wurde.

Herr Neumann.

Doch Mira hielt sich fest an ihre Regel: Erst beweisen, dann beschuldigen.

„Danke“, sagte sie. „Eine letzte Frage: Hat Jonas hier seine Zeichnung irgendwo abgegeben?“

„Nein. Er hat sie mitgenommen. Aber er hat eine Kopie gemacht, mit Kohlepapier. Die liegt vielleicht noch bei uns in seiner Mappe.“

„Darf ich sie sehen?“

Frau Hagemann reichte ihr eine Mappe mit einem Sternaufkleber. Innen: eine blassere Kopie des Drachen. Unten rechts stand, in Jonas' Schrift: J.

Mira fotografierte die Kopie. Ein Plan entstand. Kein riskanter, sondern ein sauberer.

Wenn jemand das Original wollte, konnte es zwei Gründe geben: Ärgern. Oder benutzen.

Und „Überraschung“ klang nicht nach Ärgern. Eher nach… etwas, das man heimlich vorbereiten wollte.

Aber heimlich war nicht automatisch richtig.

Kapitel 4: Der Stern im Kreis

Am Abend setzte sich Mira in ihr Büro und legte alles vor sich aus: Foto vom leeren Rahmen, das grüne Logo-Schnipselchen, Notizen aus dem Jugendzentrum, Jonas' Kopie.

Dann schrieb sie in großen Buchstaben drei Fragen auf ein Blatt:

1) Wer hatte Gelegenheit?

2) Wer hatte ein Motiv?

3) Was erklärt den Stern-Aufkleber am Tatort?

Sie liebte diese Methode. Nicht, weil sie wie in einem Film wirkte, sondern weil sie Ordnung schuf.

Gelegenheit: Viele. Aber jemand, der wusste, wann das Treppenhaus ruhig ist, hatte einen Vorteil.

Motiv: Ärgern? Dann wäre der Rahmen vielleicht auch beschädigt worden. War er aber nicht. Das Bild wurde sauber herausgenommen.

Stern-Aufkleber: Jugendzentrum. Jemand war dort oder hatte Kontakt zu den Aufklebern.

Mira dachte an Herrn Neumanns Satz: „Verantwortung, ja? Nichts anfassen, bevor man's untersucht.“ Das war klug. Oder gelernt.

Sie beschloss, einen Fakt zu prüfen, den sie bisher nur aus Worten hatte: das Paket für Frau Stein. Wenn Herr Neumann wirklich um halb neun bei Frau Stein war, konnte Frau Stein das bestätigen. Und wenn nicht… wurde es interessant.

Mira ging ins Nachbarhaus. Sie klingelte bei Frau Stein im vierten Stock. Es dauerte, dann öffnete sich die Tür einen Spalt. Ein strenges Gesicht erschien, dahinter ein leiser Fernseher.

„Was wollen Sie?“, fragte Frau Stein.

„Mira Feldmann. Es geht um eine verschwundene Zeichnung im Treppenhaus. Darf ich kurz fragen: Hat Ihnen gestern Abend jemand ein Paket gebracht?“

Frau Stein blinzelte, als würde sie überlegen, ob das eine Falle ist. „Ein Paket? Ja. Von Herrn Neumann. Gegen… ich weiß nicht… kurz nach neun.“

Mira notierte. „Hat er sich ungewöhnlich verhalten?“

„Er ist immer höflich. Ein bisschen zu fröhlich für meinen Geschmack. Pfeift ständig.“ Sie zog die Tür ein Stück weiter auf. „Ist die Zeichnung wieder da? Diese Drachen-Sache?“

„Noch nicht.“

„Dann suchen Sie den Täter. Und sorgen Sie dafür, dass im Treppenhaus wieder Ordnung ist“, sagte Frau Stein und schloss die Tür.

Mira ging langsam die Treppe hinunter. Herr Neumann hatte die Wahrheit gesagt. Zumindest darüber.

Also war er entweder harmlos… oder clever genug, eine richtige Spur zu legen.

Unten im Erdgeschoss kam ihr Herr Lenz entgegen, ein großer Mann mit Einkaufstasche. Seine Stirn war eine einzige Falte.

„Sie sind die Detektivin“, sagte er, als wäre das ein Vorwurf.

„Das stimmt. Haben Sie etwas gesehen oder gehört?“

„Ich habe gesehen, dass hier ständig irgendwer im Flur herumsteht. Und dass dieses Bild da hing, als wäre es ein Aushang. Ich habe mich beschwert.“

„Bei wem?“

„Bei Frau Kroll. Und bei Neumann. Der hält sich für den Reparatur-König.“

Mira hielt inne. „Sie haben mit Herrn Neumann über das Bild gesprochen?“

„Natürlich. Ich sagte: ‚Das gehört da nicht hin.‘ Er hat gelacht und meinte, Kunst mache das Haus freundlich.“

Mira sah Herrn Lenz direkt an. „Waren Sie gestern Abend im Treppenhaus?“

Herr Lenz schnaubte. „Ich war arbeiten. Bis spät. Fragen Sie meine Frau.“

Mira glaubte ihm nicht blind. Aber sie sah auch kein Zittern, kein Ausweichen. Nur Ärger, der zu ihm passte wie seine Einkaufstasche.

Als Mira wieder vor dem leeren Rahmen stand, fiel ihr etwas auf, das sie vorher übersehen hatte: Im Holz, links unten, war eine winzige Kerbe. So klein, dass sie wie ein Zufall wirkte. Aber Mira kannte Zufälle: Sie waren oft nur unentdeckte Gründe.

Sie leuchtete mit der Taschenlampe. In der Kerbe steckte ein Fasernrest, dunkelblau.

„Dunkelblau“, flüsterte sie. „Wie eine Jacke… oder ein Handschuh.“

Sie dachte an Herrn Neumann: braune Jacke. An Herrn Lenz: meist grauer Mantel. An Frau Stein: beige Strickjacke. An Frau Aydin: dunkelblauer Mantel? Hatte Jonas das gesagt? Nein. Das wusste Mira nicht.

Sie brauchte mehr. Und sie brauchte es sauber.

Da hörte sie wieder dieses Pfeifen, irgendwo im Flur. Eine Melodie, die sie nun zu gut kannte.

Mira drehte sich um.

Herr Neumann stand unten, eine Holzplatte unterm Arm, und lächelte. „Ah, Frau Feldmann. Ich hab gerade im Hof gemessen. Für das Vogelhaus. Wollen Sie sehen?“

„Vielleicht später“, sagte Mira. „Sagen Sie, Herr Neumann: Waren Sie heute im Jugendzentrum?“

Er blinzelte. Nur einmal. Aber es war da.

„Im Jugendzentrum? Nein. Wieso?“

Mira hielt ihren Umschlag hoch, ohne ihn zu öffnen. „Ich habe dort jemanden getroffen, der Sie beschrieben hat. Werkzeugtasche. Pfeifen. Freundlich. Sie hätten nach Jonas' Zeichnung gefragt.“

Herr Neumann hob beide Hände, als würde er sich ergeben, aber sein Lächeln blieb. „Ach das. Ja, gut. Ich war kurz da. Aber ich hab nichts gestohlen. Ich wollte nur… etwas vorbereiten.“

„Was genau?“

Er zögerte. „Kann ich… kann ich das lieber erklären, wenn Jonas dabei ist?“

Mira spürte, wie die Lage kippte. Nicht in Richtung Gefahr, aber in Richtung Entscheidung.

„Nein“, sagte sie ruhig. „Erst sagen Sie mir, wo das Bild ist.“

Herr Neumann atmete aus. „Es ist nicht weg. Es ist… sicher.“

„Sicher wo?“

Er schaute nach oben, als würde er überlegen, ob die Wände zuhören. Dann sagte er leise: „In meiner Wohnung. Hinter einem Schrank. Bitte… hören Sie mich an.“

Mira nickte langsam. „Ich höre zu. Aber Sie kommen jetzt mit. Und wir holen es gemeinsam zurück. Verantwortung bedeutet, Dinge wieder gut zu machen, nicht nur nett zu erklären.“

Herr Neumann schluckte. „Ja.“

Kapitel 5: Hinter dem Schrank

Herr Neumanns Wohnung im zweiten Stock war ordentlich, aber nicht geschniegelt. Auf einem Tisch lagen Holzleisten, Schrauben, ein Zollstock. An der Wand hing ein Plan vom Innenhof, mit Bleistiftlinien und kleinen Notizen.

Mira blieb im Flur stehen. „Zeigen Sie es mir.“

Herr Neumann ging ins Wohnzimmer, schob einen niedrigen Schrank zur Seite und zog etwas hervor, das in Papier eingeschlagen war. Er hielt es, als wäre es zerbrechlich.

„Ich hab den Rahmen nicht mitgenommen“, sagte er schnell. „Nur das Bild. Ich wollte es nicht knicken.“

Er wickelte das Papier ab. Da war er: Jonas' Drache, grinsend, goldglitzernde Schuppen, ein blauer Himmel, der wirklich gleichmäßig war.

Mira nahm das Bild nicht sofort. Sie ließ den Moment wirken. Dann fragte sie: „Warum?“

Herr Neumann setzte sich auf die Sofakante, rieb sich die Stirn. „Weil ich dachte, ich tue etwas Gutes. Im Hof ist doch dieses graue Stück Wand neben den Mülltonnen. Immer nur Beton. Ich wollte daraus eine kleine Galerie machen. Mit Kinderbildern. Wetterfest, mit Plexiglas. Für das Sommerfest. Als Überraschung.“

Mira verschränkte die Arme. „Und dafür stehlen Sie das Bild aus dem Treppenhaus? Ohne zu fragen?“

„Ich… ich wollte es nur kurz ausmessen. Und scannen. Im Jugendzentrum gibt's einen großen Scanner. Damit ich eine Kopie in groß drucken kann. Dann hätte Jonas sein Original sofort zurückbekommen.“

Mira dachte an den Stern-Aufkleber. „Und der Aufkleber?“

„Der ist mir aus der Tasche gefallen.“ Er zog seine Werkzeugtasche heran, kramte und zeigte einen Bogen Sternaufkleber. „Frau Hagemann hat mir einen gegeben, weil ich ihr das Regal repariert habe. Ich wollte die Mappen beschriften. Damit nichts durcheinanderkommt.“

Mira blieb still. Seine Geschichte erklärte vieles: das Pfeifen, die Werkzeuge, der Besuch im Jugendzentrum, sogar das saubere Herausnehmen des Bildes. Und doch blieb ein Punkt.

„Warum haben Sie nicht Jonas' Mutter gefragt? Oder Jonas selbst?“

Herr Neumann senkte den Blick. „Weil ich Angst hatte, dass alle Nein sagen. Oder dass es dann keine Überraschung mehr ist.“

Mira nahm das Bild jetzt vorsichtig in die Hand. „Sie haben sich entschieden, über andere zu bestimmen. Das ist keine Hilfe. Das ist… Bevormundung.

Er nickte, als hätte ihn das Wort getroffen. „Ja. Ich hab's gemerkt, als ich den leeren Rahmen sah und Frau Kroll so wütend war. Ich wollte es zurücklegen, aber dann dachte ich: Wenn mich jemand sieht, sieht es aus, als wäre ich der Dieb.“

„Sie waren der Dieb“, sagte Mira sachlich. „Nur mit einem freundlichen Motiv. Das macht die Tat nicht unsichtbar.“

Herr Neumann presste die Lippen zusammen. „Was passiert jetzt?“

Mira überlegte kurz. Für sie war klar: Wahrheit und Wiedergutmachung. Keine Theaterstrafe, aber eine Konsequenz, die passt.

„Wir bringen das Bild zurück“, sagte sie. „Und dann erklären Sie es Jonas und den anderen. Nicht als Held. Sondern als jemand, der einen Fehler gemacht hat. Und Sie fragen um Erlaubnis, bevor Sie eine ‚Überraschung‘ planen.“

Herr Neumann atmete schwer aus. „Okay.“

Mira sah sich noch einmal um. Auf dem Tisch lag ein Rahmen aus Holzleisten, halb fertig. Daneben ein Ausdruck: ein Entwurf für eine „Hof-Galerie“. Oben stand: Stern im Kreis – Kinderkunst.

„Sie meinen es nicht böse“, sagte Mira. „Aber Verantwortung bedeutet, dass man Grenzen respektiert. Sonst wird aus Hilfe schnell Ärger.“

„Verstanden“, murmelte er.

Sie gingen gemeinsam hinaus. Im Treppenhaus war es still, nur das Summen der Lampe über dem Rahmen.

Mira setzte das Bild nicht selbst in den Rahmen. Sie hielt es fest, als würde sie sagen: Das gehört nicht mir, also entscheide ich nicht darüber.

„Wir holen Jonas“, sagte sie.

Kapitel 6: Der eingerahmte Drache

Jonas stand im Treppenhaus, seine Mutter neben ihm, Frau Kroll mit verschränkten Armen, Herr Lenz wie ein Wachhund, Frau Stein oben an der Tür, als hätte sie ihren Platz auf dem Balkon verwechselt. Sogar Luisa lugte hinter einem Bein hervor und hielt einen Glitzersticker in der Hand.

Mira stand in der Mitte und fühlte das bekannte Ziehen: Jetzt musste es klar und fair werden.

Herr Neumann trat vor, ohne Pfeifen, ohne Lächeln. „Ich habe das Bild genommen“, sagte er. „Ich wollte eine Hof-Galerie als Überraschung machen. Ich dachte, ich mache etwas Schönes. Aber ich habe nicht gefragt. Das war falsch.“

Frau Kroll öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Jonas starrte auf das Bild in Miras Händen.

„Du hast meinen Drachen… geklaut?“, fragte Jonas, die Stimme dünn.

Herr Neumann nickte. „Ja. Und es tut mir leid. Ich habe dein Original immer sicher aufbewahrt. Ich wollte es scannen, um eine große Kopie zu machen. Aber ich hätte dich fragen müssen. Du hättest entscheiden müssen.“

Jonas' Mutter atmete hörbar aus. Herr Lenz machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen „Ha!“ und „Na also“ lag.

Mira ging zu Jonas und hielt ihm das Bild hin. „Es ist deins.“

Jonas nahm es vorsichtig, als könnte es sich auflösen. Dann fuhr er mit dem Finger über den glitzernden Rücken des Drachen. Der Glitzer fing das Treppenlicht und funkelte, als würde der Drache zwinkern.

„Ich…“, Jonas begann, brach ab und sah zu Herrn Neumann. „Eine Galerie im Hof wäre schon cool. Aber… nicht so.“

Herr Neumann nickte. „Ich weiß.“

Mira trat einen Schritt vor. „Wir haben jetzt zwei Aufgaben: Erstens, das Bild wieder einrahmen. Zweitens, gemeinsam entscheiden, ob es eine Hof-Galerie geben soll. Mit Zustimmung. Mit Regeln. Zum Beispiel: Niemand nimmt etwas weg, ohne zu fragen. Und wer etwas aufhängt, sorgt auch dafür, dass es wetterfest ist.“

Frau Aydin, die bisher still gewesen war, kam aus dem vierten Stock dazu. Sie trug tatsächlich einen dunkelblauen Mantel. Mira dachte an die blaue Faser in der Kerbe und schob den Gedanken weg: Nicht jede Spur ist ein Täter. Manchmal ist sie nur ein Besucher. Oder ein Wind.

„Ich finde die Idee schön“, sagte Frau Aydin. „Aber Jonas soll entscheiden, welches Bild wohin kommt. Es ist seine Kunst.“

Luisa hob ihren Sticker. „Und ich kann Sterne dazu kleben!“

Frau Stein rief von oben: „Nicht auf die Wand!“

Ein kleines Lachen ging durch das Treppenhaus. Es löste die Spannung wie ein Knoten, der endlich aufging.

Mira nahm den Rahmen vorsichtig gerade, Jonas schob das Bild hinein, Frau Kroll hielt den Nagel, und Herr Neumann schlug ihn diesmal nicht einfach ein, sondern fragte: „Darf ich?“

Jonas nickte. „Ja. Aber langsam.“

Der Rahmen hing wieder. Der Drache grinste über dem See, als wäre er nie weg gewesen.

Später, als die meisten wieder in ihren Wohnungen verschwunden waren, blieb Jonas kurz bei Mira stehen. „Wie hast du's rausgefunden?“

Mira tippte an ihr Notizbuch. „Ich habe geprüft, was stimmt. Ich habe gefragt, woher der Stern kommt. Und ich habe nicht einfach das erstbeste Verdachtsgefühl genommen. Das ist wichtig.“

Jonas nickte ernst. „Also… erst Fakten.“

„Genau. Und wenn du etwas Gutes tun willst“, fügte Mira hinzu, „fragst du vorher. Sonst machst du vielleicht etwas kaputt, ohne es zu wollen.“

Jonas schaute zu Herrn Neumann, der unten im Flur stand und die Werkzeugtasche wie eine schwere Schuld trug. Dann sagte Jonas: „Herr Neumann? Wenn du die Galerie machen willst… können wir das zusammen planen. Aber diesmal mit Zetteln und Unterschriften. Damit alle ja sagen.“

Herr Neumann hob den Blick. „Das wäre… fair.“

Mira ging hinaus in den Regen, der inzwischen nur noch nieselte. Ihre Arbeit war getan. Der Fall war gelöst, nicht mit einem großen Knall, sondern mit einem klaren Ende.

Als sie sich noch einmal umdrehte, sah sie durch das Treppenhausfenster den Rahmen an der Wand. Darin: Jonas' Zeichnung, sauber, sicher, sichtbar.

Ein eingerahmter Drache, der ein bisschen aussah, als würde er über alle wachen.

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Detektivbüro
Ein Raum, in dem jemand Fälle untersucht und Hinweise sammelt.
Notizbuch
Ein kleines Heft, in das man Gedanken oder Beobachtungen schreibt.
Hausmeisterin
Eine Person, die sich um ein Gebäude kümmert und repariert.
Treppenhaus
Der Raum im Haus mit den Treppen zwischen den Stockwerken.
Gerahmt
Etwas ist in einen Rahmen gelegt, damit es an der Wand hängt.
Klebeband
Ein dünnes Band, das man benutzt, um Dinge zusammenzukleben.
Glitzer
Kleine, glänzende Teilchen, die Licht reflektieren und funkeln.
Etikett
Ein kleines Papier mit Zeichen oder Text, das etwas beschreibt.
Umschlag
Ein Papierumschlag, in den man Zettel oder kleine Sachen steckt.
Werkzeugtasche
Eine Tasche, in der Werkzeuge wie Hammer oder Schraubendreher sind.
Jugendzentrum
Ein Ort, wo Kinder und Jugendliche treffen, spielen und basteln.
Wiedergutmachung
Etwas tun, um einen Fehler wieder in Ordnung zu bringen.
Bevormundung
Wenn jemand ohne Erlaubnis über andere entscheidet, obwohl die dürfen nicht selbst wählen.

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