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Detektivgeschichte 11/12 Jahre Lesen 23 min.

Der verschwundene Lesepokal: Kommissar Jonas Falks Bibliotheksfall

Kommissar Jonas Falk untersucht in einer Stadtbibliothek das Verschwinden des Lesepokals; mit Spuren, Befragungen und einer geplanten Falle versucht er, das Geheimnis zu lösen.

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Ein etwa 40-jähriger Detektiv mit konzentriertem, ruhigem Blick, hellbraunem Mantel, Karohemd, offenem Notizbuch in einer Hand und einer kleinen Papiertüte mit einem grünen Faserstück in der anderen, beugt sich über eine große offene grüne Tasche, in der ein Metallpokal sichtbar wird; ein etwa 19-jähriger Tim mit verschrecktem, nervösem Blick und zerzausten Haaren sitzt auf einem kleinen Stuhl mit aufgeschlagenem Buch daneben; eine etwa 58-jährige Bibliothekarin steht hinter dem Ausleihtheken-Pult mit besorgtem, aber erleichtertem Gesicht und gefalteten Händen; ein etwa 50-jähriger Hausmeister mit gesenktem Kopf, halb hochgekrempelten grünen Filzhandschuhen an den Handgelenken, steht beschämt neben der Tasche; Ort: Foyer einer alten Bibliothek mit poliertem Parkett, leerem hölzernen Podium mit Platte, metallischem Buchwagen, Glastür zur Straße, bunten Plakaten an der Wand und warmem Lampenlicht; Hauptsituation: ruhige Enthüllung — der Detektiv präsentiert Beweise und entdeckt den im grünen Beutel des Hausmeisters versteckten Pokal, zentrale Komposition, angespannte aber wohlwollende Stimmung. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der fehlende Pokal

Als Kommissar Jonas Falk an diesem Nachmittag die Stadtbibliothek betrat, roch es nach Papier, Staub und dem leisen Versprechen von Ruhe. Er mochte diesen Ort. Hier sprachen die Menschen automatisch leiser, als würde jedes Wort sonst zwischen den Regalen zerbrechen.

„Herr Falk!“ Die Bibliothekarin, Frau Neumann, winkte ihn hinter den Ausleihschalter. Ihre sonst ordentlichen grauen Locken standen ein bisschen ab, als hätte sie sich im Ärger darüber gestritten. „Es ist weg.“

Jonas zog sein Notizbuch heraus. „Was genau ist weg?“

„Der Lesepokal. Sie sagte es, als wäre es ein Mitglied des Teams. „Der Wanderpokal vom ‚Lese-Marathon‘ der Schulen. Er sollte heute im Foyer ausgestellt werden. Morgen ist die Preisverleihung.

Jonas sah zum Foyer. Dort stand ein Podest mit einem sauberen, hellen Rechteck darauf, als hätte jemand den Staub abgewischt. Daneben lag ein kleines Schild: Pokal der Stadt – Bitte nicht berühren. Es wirkte jetzt wie ein schlechter Witz.

„Wer hat zuletzt auf den Pokal aufgepasst?“ fragte Jonas.

Frau Neumann presste die Lippen zusammen. „Ich. Zumindest dachte ich das. Um zwölf Uhr war er noch da. Um zwei nicht mehr.“

Jonas machte eine schnelle Skizze: Podest links, Sitzbänke rechts, Glastür zur Straße, daneben die Treppe zur Kinderabteilung.

„War es hier voll?“

„Es ging. Eine Schulklasse war da, zwei ältere Herren in der Zeitungsecke, und…“ Sie senkte die Stimme. „Und Tim.“

„Tim?“ Jonas kannte viele Tims in dieser Stadt.

„Tim Berger. Praktikant. Sehr freundlich, aber…“ Frau Neumann suchte nach dem richtigen Wort. „…oft mit dem Kopf woanders.“

Jonas nickte. Er mochte keine voreiligen Urteile. Er mochte Fakten.

Er ging zum Podest. Auf dem Holzrand klebte ein winziger Streifen glänzendes Klebeband, kaum länger als sein Daumennagel. Außerdem lag am Boden eine einzelne grüne Faser, wie von einem Filzstoff.

„Frau Neumann, haben Sie hier irgendetwas auf den Boden fallen hören? Ein Klirren?“

„Nein. Nichts.“

Jonas richtete sich auf. „Dann war es wahrscheinlich kein Unfall.“

Er drehte sich langsam im Foyer und ließ den Blick wandern: die Garderobenhaken, die Glasscheiben, der Flyerständer, der kleine Mülleimer neben der Tür. Alles sah normal aus. Und genau das machte ihn misstrauisch.

„Ich brauche eine Liste: wer zwischen zwölf und zwei hier war, soweit Sie sich erinnern. Und bitte: niemandem erzählen, dass Sie Tim verdächtig finden. Wir sammeln erst Hinweise.“

Frau Neumann atmete hörbar aus. „Verstanden.“

Jonas steckte die grüne Faser in ein Papiertütchen. „Und jetzt fangen wir an, logisch zu denken. Ein Pokal ist nicht klein. Wer ihn mitgenommen hat, musste ihn irgendwie verstecken oder schnell rausbringen. Die Frage ist: wie, ohne dass es auffällt?“

Wenn du miträtseln willst: Schau dir das Foyer mit Jonas' Augen an. Wo könnte man etwas Großes unauffällig kurz ablegen? Und was könnte zu einer grünen Filzfaser passen?

Kapitel 2: Spuren zwischen den Regalen

Jonas ging zuerst dorthin, wo Menschen am wenigsten hinsahen: zu den Gewohnheiten. Die meisten Diebstähle waren nicht mutig, sondern bequem.

In der Zeitungsecke saßen tatsächlich noch zwei ältere Herren. Einer hielt die Zeitung so hoch, dass man nur seine Stirn sah, der andere starrte auf ein Kreuzworträtsel.

„Entschuldigen Sie“, sagte Jonas freundlich. „Ich bin von der Polizei. Haben Sie heute Mittag etwas Ungewöhnliches im Foyer bemerkt?“

Der Mann mit dem Kreuzworträtsel blinzelte. „Ungewöhnlich? In einer Bibliothek? Höchstens, wenn jemand laut hustet.“

Der andere senkte die Zeitung ein Stück. „Ich hab einen jungen Kerl gesehen, der mehrmals hin und her gelaufen ist. Mit einem… na, so einem Rollwagen.“

Jonas' Stift hielt kurz inne. „Ein Rollwagen?“

„Ja.“ Der Mann zeigte mit dem Kinn Richtung Seitengang. „So ein Bücherwagen. Hat die Dinger da drauf gestapelt.“

Jonas dankte und ging zum Seitengang. Da stand tatsächlich ein Bücherwagen, ein metallener mit drei Ebenen. Oben lagen zurückgebrachte Bücher, ordentlich, aber nicht perfekt.

Er beugte sich über die oberste Ebene. Ein paar Buchrücken waren leicht verschoben, als hätte jemand hastig etwas dazwischen geschoben. Jonas griff nicht sofort hinein. Erst beobachten, dann handeln.

Er sah den grünen Filz wieder vor sich. Filz passte zu Taschen, zu Hüllen, zu etwas, das polstern sollte.

„Frau Neumann“, rief er leise, als sie näherkam. „Ist dieser Wagen heute benutzt worden?“

„Ja. Tim sortiert damit die Rückgaben. Er sollte um eins anfangen.“

Jonas zog sich dünne Handschuhe an und schob die Bücher vorsichtig auseinander. Zwischen einem Atlanten und einem dicken Roman lag ein Kartonumschlag, zu groß für ein Buch. Darin: ein Ausdruck mit einem Grundriss der Bibliothek, darauf mit Stift markiert: Hintereingang – 13:20. Daneben ein Pfeil zur Lieferzone.

Jonas' Blick blieb ruhig, aber in seinem Kopf klickte es leise. Jemand hatte geplant.

„Haben Sie das schon gesehen?“ fragte er.

Frau Neumann wurde blass. „Nein. Das… das gehört hier nicht her.“

Jonas steckte den Ausdruck ein. „Wer hat Zugang zum Hintereingang?“

„Wir. Das Personal. Und der Hausmeister. Und Lieferanten, wenn sie kommen.“

„Und Tim?“ Jonas fragte es ohne Tonfall.

„Er hat einen Schlüssel, ja. Fürs Praktikum.“

Jonas ging zum Hintereingang. Eine schwere Tür, neben der ein Feuerlöscher hing. Davor: ein grauer Fußabtreter.

Er kniete sich hin. Auf dem Abtreter klebte etwas Glänzendes, als hätte jemand mit Schuhen Klebebandreste verteilt. Und zwischen den Rillen: eine winzige goldene Spur, wie Abrieb von Metall.

Ein Pokal aus Metall, dachte Jonas. Wenn man ihn auf den Boden stellte oder an einer Kante entlangschob, konnte so etwas entstehen.

Er stand auf. „Wir gehen jetzt nicht sofort zu Tim und fragen ihn aus“, sagte Jonas, mehr zu sich selbst als zu Frau Neumann. „Wenn jemand geplant hat, will ich wissen, wer noch mit im Spiel ist.“

Wenn du miträtseln willst: Warum sollte jemand einen Grundriss ausgerechnet im Bücherwagen verstecken? Und wozu könnte der Hinweis „13:20“ dienen?

Kapitel 3: Der Zerstreute im Hof

Draußen hinter der Bibliothek lag die Lieferzone: zwei Müllcontainer, eine Rampe, ein kleines Tor zur Gasse. Jonas ging langsam, als wäre er nur zufällig hier. Beobachten, ohne beobachtet zu wirken.

Am Tor stand ein junger Mann mit einem Rucksack. Er tippte hektisch auf seinem Handy herum, schaute hoch, schaute wieder runter, murmelte Zahlen. Er wirkte zerstreut, als hätte er ein Puzzle im Kopf und alle Teile wären gleichzeitig heruntergefallen.

Jonas erkannte ihn von einem Foto auf dem Praktikumsbogen, den Frau Neumann ihm gezeigt hatte: Tim Berger.

Jonas blieb ein paar Schritte entfernt stehen. Nicht zu nah. Nicht bedrohlich. Nur präsent.

„Tim?“ fragte Jonas.

Tim fuhr zusammen. „Äh— ja?“

„Jonas Falk. Polizei.“ Jonas hielt den Ausweis kurz hoch. „Sie arbeiten hier, stimmt's?“

Tim nickte so schnell, dass sein Rucksack wackelte. „Ja. Praktikum. Ich… ich wollte nur kurz—“

„Was wollten Sie?“ Jonas' Stimme blieb ruhig. Er hörte lieber zu, als zu drücken.

Tim schluckte. „Ich hab… ich hab mich mit jemandem verabredet. Wegen… wegen Mathe.“ Er lachte einmal, zu kurz. „Klingt doof.“

Jonas sah auf Tims Schuhe. An der Sohle klebte ein Stück transparentes Klebeband. Genau die Sorte, die er am Podest gesehen hatte.

„Tim, hören Sie mir zu“, sagte Jonas. „Aus dem Foyer ist der Lesepokal verschwunden. Sie waren heute hier.“

Tim riss die Augen auf. „Was? Nein! Also… ich war hier, ja. Aber ich hab den Pokal nicht genommen. Echt nicht.“

Jonas hielt die Hand hoch, als würde er das Tempo der Szene runterdrehen. „Ich glaube nicht an ‚echt nicht‘. Ich glaube an Erklärungen. Warum waren Sie um 13:20 hier hinten?“

Tim starrte Jonas an, dann auf sein Handy. „Woher wissen Sie…?“

„Weil jemand es auf einen Plan geschrieben hat. Und weil Sie gerade so aussehen, als hätten Sie einen Termin verpasst.“

Tim sank ein wenig in sich zusammen. „Ich… ich wollte den Pokal nur kurz wegbringen.“

„Wegbringen wohin?“

„In den Abstellraum. Damit er nicht… nicht kaputtgeht.“ Tim sprach zu schnell. „Da war so eine laute Klasse, und jemand hat dagegen geschubst, und Frau Neumann war vorne, und ich dachte, ich mach was Gutes. Verantwortung, wissen Sie?“

Jonas nickte langsam. „Das klingt vernünftig. Aber der Pokal ist nicht im Abstellraum.“

Tim rieb sich die Stirn. „Weil er mir aus dem Wagen gefallen ist.“

„Aus welchem Wagen?“

Tim deutete auf den Lieferwagen, der gerade in der Gasse vorbeifuhr. „Nicht so. Aus dem Bücherwagen. Ich… ich hab ihn mit Büchern verdeckt. Damit niemand—“ Er stoppte, als hätte er sich selbst überführt.

Jonas blieb still. Stille war wie eine Taschenlampe: Sie leuchtete in die Ecken, in die Worte sich sonst versteckten.

Tim platzte heraus: „Ich weiß, das war dumm! Aber dann kam der Hausmeister, Herr Kranz, und meinte, er hilft, weil ich so gestresst wirke. Und dann… dann war der Wagen kurz weg. Nur kurz! Und als er wieder da war, war… war der Pokal weg. Und ich dachte, ich bekomme Ärger. Also hab ich… hab ich nichts gesagt.“

Jonas' Augen verengten sich minimal. Hausmeister Kranz. Lieferzone. Hintereingang.

„Tim“, sagte Jonas, „ich stelle Ihnen eine klare Frage: Hat Herr Kranz den Wagen allein geschoben?“

Tim nickte. „Ja. Er meinte, ich soll vorne weiter sortieren. Und ich hab's geglaubt, weil… weil ich ihm vertraut habe.“

Jonas atmete leise aus. Ein Verdacht war keine Lösung, aber ein Wegweiser.

„Okay“, sagte Jonas. „Dann ändern wir den Plan.“

Wenn du miträtseln willst: Tim hat Klebeband an der Sohle, aber das beweist noch nichts. Welche Details aus seiner Geschichte passen zusammen – und welche klingen wie Ausreden?

Kapitel 4: Ein Plan wird korrigiert

Jonas ging mit Tim zurück hinein, aber nicht zum Schalter. Stattdessen in einen kleinen Raum neben der Treppe, wo die Bibliothek alte Plakate lagerte. Dort war es eng, die Luft roch nach Pappe und Druckfarbe.

„Tim“, sagte Jonas, „Sie haben einen Fehler gemacht, ja: Sie haben etwas Wichtiges allein gehandhabt und dann geschwiegen. Aber Verantwortung heißt nicht, nie Fehler zu machen. Verantwortung heißt, sie zuzugeben, bevor sie größer werden.“

Tim nickte, die Ohren rot. „Ich wollte nicht, dass Frau Neumann denkt, ich wäre unzuverlässig.“

„Das denkt sie jetzt sowieso“, sagte Jonas trocken. „Aber sie wird mehr Respekt haben, wenn Sie helfen, es zu klären.“

Tim atmete kurz und heftig, als müsste er sich erst trauen. „Ich helfe. Wirklich.“

Jonas blätterte in seinem Notizbuch. Der ursprüngliche Plan war simpel gewesen: Personal befragen, Räume durchsuchen, vielleicht den Pokal irgendwo finden. Aber jetzt gab es eine gezielte Spur: der Hintereingang und Herr Kranz.

„Unser neuer Plan“, sagte Jonas, „hat drei Schritte. Erstens: Wir prüfen, ob der Pokal das Gebäude wirklich verlassen hat. Zweitens: Wir finden heraus, wer um 13:20 am Hintereingang war. Drittens: Wir stellen eine Falle – eine harmlose.“

Tim hob den Kopf. „Eine Falle?“

„Eine Beobachtungssituation“, korrigierte Jonas. „Wir stellen heute noch etwas aus, das ähnlich verlockend ist wie ein Pokal: eine Metallkassette mit alten Medaillen aus dem Archiv. Wir erzählen niemandem davon, außer Frau Neumann. Wir legen sie sichtbar auf das Podest – mit einem Zettel: Für die Preisverleihung – bitte nicht anfassen. Und dann warten wir.“

Tim schluckte. „Das ist wie… Köder.“

„Es ist wie Logik“, sagte Jonas. „Wenn jemand den Pokal genommen hat, weil er glänzt und Wert hat, könnte er auch das nehmen wollen. Und wenn jemand ihn genommen hat, um jemandem zu schaden, will er vielleicht sehen, ob wir etwas merken.“

Tim sah auf seine Hände. „Und wenn es Herr Kranz war?“

„Dann braucht er eine Gelegenheit“, sagte Jonas. „Und die kommt, wenn er glaubt, wir sind abgelenkt.“

Jonas ging mit Tim zu Frau Neumann und erklärte knapp den Plan. Sie runzelte die Stirn, nickte dann. „Ich kann eine Kassette aus dem Archiv holen. Aber… was, wenn der Täter merkt, dass es ein Trick ist?“

„Dann haben wir immer noch die Spuren“, sagte Jonas. „Klebeband am Podest. Metallabrieb am Abtreter. Der Plan im Bücherwagen. Und eine Person, die den Wagen allein hatte.“

Tim hob zögernd die Hand. „Herr Kranz hat immer so grüne Filzhandschuhe. Damit er keine Fingerabdrücke auf Glas hinterlässt. Er putzt viel.“

Jonas sah ihn an. Die grüne Faser in seiner Tüte fühlte sich plötzlich schwerer an, als wäre sie ein kleines Gewicht an der Waage.

„Gut“, sagte Jonas. „Dann kommt noch ein vierter Schritt: Wir prüfen diese Handschuhe.“

Wenn du miträtseln willst: Warum wären Filzhandschuhe praktisch beim Tragen eines Metallpokals? Und wer könnte außer dem Hausmeister noch Filz benutzen?

Kapitel 5: Die Falle und die Uhrzeit

Am frühen Abend wurde die Bibliothek leerer. Die Geräusche änderten sich: weniger Schritte, mehr Rascheln, das Summen der Lampen wurde hörbar. Jonas saß auf einer Bank im Foyer, ein Buch aufgeschlagen, aber seine Augen lasen nicht. Sie beobachteten Spiegelungen in der Glastür, Schatten im Gang, Bewegungen am Schalter.

Tim saß ein Stück entfernt, ebenfalls mit einem Buch. Er tat so, als würde er lesen, aber er drehte alle zwei Minuten eine Seite, ohne hinzusehen. Jonas ließ ihn. Nervosität war normal. Wichtig war, dass Tim blieb.

Auf dem Podest lag jetzt die Metallkassette. Nicht zu groß, nicht zu klein. Auffällig genug.

Um 18:12 öffnete sich eine Seitentür. Herr Kranz trat heraus. Ein großer Mann mit breiten Schultern, grauer Arbeitsjacke und einem Schlüsselbund, der bei jedem Schritt klirrte. Er blieb kurz stehen, blickte zum Podest. Nur ein Moment – aber Jonas sah, wie seine Augen hängenblieben.

Herr Kranz ging langsam weiter, als würde er nur den Boden prüfen. Als er am Podest vorbeikam, beugte er sich, als wolle er das Schild geraderücken.

Jonas wartete. Nicht zu früh. Nicht zu spät.

Herr Kranz' Hand glitt an die Kassette. Da blitzte etwas Grünes auf: Filzhandschuhe.

Jonas stand auf. „Herr Kranz.“

Der Hausmeister zuckte kaum. „Oh. Herr…?“

„Falk. Polizei.“ Jonas blieb in höflichem Abstand. „Darf ich Sie etwas fragen?“

Herr Kranz lächelte, aber es war ein dünnes Lächeln, wie eine Linie mit einem Radiergummi gezogen. „Natürlich. Immer.“

„Wo waren Sie heute um 13:20?“ Jonas stellte die Frage wie eine Tür, die man öffnet: ohne Knall, aber deutlich.

Herr Kranz hob die Augenbrauen. „Um 13:20? Ich arbeite. Überall.“

„Genauer.“ Jonas' Stimme blieb ruhig.

„Ich habe Müll rausgebracht“, sagte Kranz sofort. „Hintereingang. Wie immer.“

Jonas nickte, als würde er zustimmen. „Interessant. Denn um 13:20 ist am Hintereingang Metallabrieb auf dem Abtreter entstanden. Als hätte jemand etwas Schweres darüber gezogen.“

Herr Kranz' Blick flackerte kurz zur Glastür. „Vielleicht ein Lieferant.“

„Heute gab es um diese Zeit keinen Lieferanten“, sagte Frau Neumann plötzlich vom Schalter aus. Sie war nähergekommen, leise wie eine Katze. „Ich habe das Lieferbuch geprüft.“

Tim atmete hörbar ein. Jonas warf ihm einen kurzen Blick zu: ruhig bleiben.

„Herr Kranz“, sagte Jonas, „ich möchte Ihre Handschuhe sehen.“

Kranz verschränkte die Arme. „Warum?“

„Weil eine grüne Filzfaser am Tatort lag.“ Jonas zog das Tütchen nicht heraus, aber er ließ die Information stehen. „Und weil Sie gerade versuchen, etwas vom Podest zu nehmen, das Ihnen nicht gehört.“

Kranz lachte kurz. „Ich wollte nur den Staub wischen.“

„Mit Handschuhen“, sagte Jonas.

Kranz' Kiefer arbeitete. Dann seufzte er, als würde er sich über etwas Ärgern, das längst entschieden war. „Na gut. Schauen Sie.“

Er zog einen Handschuh aus. Jonas nahm ihn nicht in die Hand. Er beugte sich nur vor und sah an der Innenkante einen feinen goldenen Abrieb.

„Metall“, sagte Jonas leise.

Kranz' Lächeln war verschwunden. „Das beweist gar nichts.“

„Noch nicht“, sagte Jonas. „Aber es passt.“

Wenn du miträtseln willst: Was wäre ein logischer nächster Schritt, um zu beweisen, dass Herr Kranz den Pokal hatte? Wo könnte ein Hausmeister etwas verstecken, ohne dass es jemand merkt?

Kapitel 6: Der Abstellraum und das Geständnis

Jonas bat Herrn Kranz, ihn zu begleiten. Kein Handgelenkgriff, keine laute Szene. Nur ein ruhiger Gang durch Flure, in denen die Schatten länger wurden.

„Wenn Sie uns jetzt helfen“, sagte Jonas unterwegs, „wird das in Ihrem Bericht stehen. Wenn Sie uns blockieren, auch.“

Herr Kranz schnaubte. „Bericht. Als wäre ich ein Verbrecher.“

„Jemand hat einen Pokal gestohlen“, sagte Jonas. „Das ist nicht harmlos. Es geht um Vertrauen. Um die Arbeit von Kindern, die dafür gelesen haben.“

Bei dem Wort Kinder zuckte etwas in Kranz' Gesicht. Vielleicht Ärger, vielleicht Scham.

Sie standen vor dem Hausmeisterraum. Kranz' Schlüsselbund klirrte. Er zögerte eine Spur zu lang, bevor er aufschloss.

Der Raum roch nach Reinigungsmittel. Eimer, Besen, Ersatzlampen, Werkzeug. Jonas ließ den Blick wandern. Wer etwas verstecken will, sucht zwei Dinge: Nähe und Tarnung.

In der Ecke stand ein großer, grüner Filzsack für Recyclingflaschen. Jonas ging hin, ohne zu rennen, ohne Drama. Der Sack wirkte voller als sonst, die Form zu gleichmäßig, zu rundlich.

„Bitte öffnen“, sagte Jonas.

Kranz presste die Lippen zusammen. Dann zog er den Sack auf.

Der Pokal lag darin, in Zeitungspapier gewickelt. Das Metall glänzte trotz der Dunkelheit wie ein gefangener Sonnenstrahl.

Tim stieß ein kleines Geräusch aus, irgendwo zwischen Erleichterung und Entsetzen. Frau Neumann legte die Hand an den Mund.

Jonas hob den Pokal nicht sofort heraus. Er sah Kranz an. „Warum?“

Kranz starrte auf den Boden. „Ich… ich wollte ihn nicht verkaufen.“

„Dann?“

Kranz' Schultern sanken. „Mein Neffe ist in der Schule. Er hat mitgemacht, hat gelesen wie verrückt. Aber er ist nicht unter den Besten. Er war so traurig. Und ich…“ Kranz schüttelte den Kopf, als könnte er den Gedanken abschütteln. „Ich dachte, wenn der Pokal weg ist, wird das Ganze verschoben. Vielleicht bekommt er noch eine Chance. Vielleicht…“

„Vielleicht ändern sich Regeln durch einen Diebstahl“, sagte Jonas.

„Ich weiß.“ Kranz' Stimme wurde rau. „Es war dumm. Und dann hab ich Tim gesehen, wie er den Pokal auf dem Wagen versteckt hat. Ich dachte: Na wunderbar, jetzt kann ich ihn nehmen, und alle denken, der Praktikant war's. Ich…“ Er brach ab.

Jonas nickte langsam. „Sie haben die Verantwortung weggeschoben. Auf jemanden, der neu ist und Angst hat.“

Tim schluckte. „Ich hätte gleich was sagen müssen.“

Jonas sah ihn an. „Ja. Aber Sie sind geblieben und haben geholfen. Das ist der Unterschied zwischen einem Fehler und einem Charakter.“

Kranz hob den Kopf, die Augen glänzten. „Ich bringe ihn zurück. Und ich entschuldige mich.“

„Und Sie stellen sich der Konsequenz“, sagte Jonas.

Kranz nickte. „Ja.“

Wenn du miträtseln willst: Was hättest du an Tims Stelle getan, als der Wagen kurz weg war? Und warum ist Schweigen manchmal genauso gefährlich wie Lügen?

Kapitel 7: Eine kleine Feier

Am nächsten Morgen stand der Pokal wieder auf dem Podest. Diesmal mit einem durchsichtigen Schutzkasten darüber. Frau Neumann hatte zusätzlich ein Schild daneben gestellt: Bitte fragen, wenn ihr ihn aus der Nähe sehen wollt. Es klang freundlicher und klüger.

Die Preisverleihung fand im Lesesaal statt. Stühle in Reihen, ein Mikrofon, ein Tisch mit Saft und Keksen. Die Kinder zappelten, flüsterten, grinsten. Jonas stand hinten, unauffällig. Er mochte keine Bühne.

Tim stand neben Frau Neumann und hielt einen Stapel Urkunden. Er sah immer noch etwas zerknittert aus, aber auch wacher.

Herr Kranz war nicht dabei. Jonas hatte seinen Bericht geschrieben. Kranz würde sich erklären müssen, offiziell. Jonas fand das richtig. Verantwortung war kein Wort, das man nur sagte. Es war etwas, das man tat, auch wenn es unbequem war.

Als die Gewinnerklasse ihren Pokal erhielt, ging ein Jubel durch den Raum. Der Pokal glitzerte, und diesmal klang das Klatschen nicht wie Lärm, sondern wie ein Abschluss.

Nach dem offiziellen Teil kam Frau Neumann zu Jonas. „Ohne Sie hätten wir heute nur Panik gehabt.“

Jonas zuckte mit einem Mundwinkel. „Panik liest sich schlecht.“

Tim trat dazu, hielt Jonas eine kleine Tüte hin. „Für Sie. Kein Beweisstück. Versprochen.“

Jonas nahm sie. Drinnen: ein Lesezeichen aus festem Papier, darauf mit Filzstift ein sauber gezeichneter Kompass und die Worte: Für klare Gedanken.

„Danke“, sagte Jonas.

Frau Neumann hob ihr Saftglas. „Auf die Wahrheit. Und darauf, dass wir sie ruhig suchen.“

Tim hob ebenfalls sein Glas. „Und darauf, dass man Fehler zugeben kann, bevor sie jemanden anders treffen.“

Jonas hob seines. „Und darauf, dass Logik und Geduld meistens gewinnen.“

Sie stießen an. Keine große Party, keine Musik. Nur eine kleine Feier mit Saft, Keksen und einem Pokal, der wieder da war, wo er hingehörte.

Jonas sah zu den Kindern, die lachend ihre Urkunden betrachteten, als wären es Eintrittskarten in eine größere Welt. Er steckte das Lesezeichen in sein Notizbuch.

Manchmal, dachte er, löst man nicht nur einen Fall. Man repariert ein Stück Vertrauen.

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Wanderpokal
Ein Pokal, der jedes Jahr an eine andere Person oder Gruppe geht.
Podest
Eine erhöhte Fläche, auf der etwas wichtiges ausgestellt wird.
Ausleihschalter
Der Ort in der Bibliothek, wo man Bücher aus- und zurückgibt.
Praktikant
Eine Person, die für eine kurze Zeit in einer Arbeit mitlernt.
Notizbuch
Ein Heft, in das man wichtige Beobachtungen und Gedanken schreibt.
Lieferzone
Der Bereich, wo Waren und Lieferungen ankommen oder abgegeben werden.
Abtreter
Eine Matte vor einer Tür, auf der man die Schuhe abstreift.
Filzstoff
Ein dichter, weicher Stoff, der oft als Schutz oder Polster dient.
Hausmeister
Die Person, die Gebäude pflegt, repariert und reinigt.
Metallabrieb
Feine Metallpartikel, die entstehen, wenn Metall an etwas reibt.
Archiv
Ein Ort, wo alte Dokumente oder Sachen aufbewahrt werden.
Verantwortung
Die Pflicht, für etwas zu sorgen oder Fehler zuzugeben.
Preisverleihung
Eine Feier, bei der Gewinner eine Auszeichnung bekommen.
Lesepokal
Der Pokal, der für besondere Leseleistungen an Gruppen verliehen wird.

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