Kapitel 1: Die Sonne kitzelt wach
Mina war sieben und fand, dass die Luft heute anders roch. Nicht nach Heizung und nassen Stiefeln, sondern nach etwas Frischem, fast wie ein grüner Apfel. Als sie das Fenster kippte, streifte ein warmer Sonnenstrahl ihre Nase.
„Mama! Die Sonne ist ganz weich!“, rief Mina.
Mama lächelte in der Küche. „Dann zieh dich an. Aber nicht zu warm. Es ist Frühling auf Probe.“
Mina schaute auf ihren dicken Wintermantel. Er lag schwer über dem Stuhl, als hätte er noch Schnee im Bauch. Daneben hing ihre leichte Jacke, die nach Waschmittel und ein bisschen nach draußen roch.
„Darf ich ohne Mütze?“, fragte Mina und strich sich über die Ohren.
„Wenn du mir versprichst, auf deinen Körper zu hören“, sagte Mama. „Wenn dir kalt wird, sagst du's.“
Mina nickte. „Versprochen.“
Draußen war der Gehweg noch ein bisschen feucht. Pfützen glitzerten wie kleine Spiegel. Ein Vogel sang so laut, als hätte er den Winter einfach vergessen.
Mina ging neben Mama her und ließ die Hände in der Sonne baumeln. Sie fühlte die Wärme durch die Ärmel kriechen.
„Warum ist die Sonne jetzt freundlicher?“, fragte Mina.
„Weil sie wieder länger bleibt“, sagte Mama. „Und weil die Erde sich ein bisschen anders zur Sonne dreht. Frühling bedeutet: mehr Licht.“
Mina blinzelte. „Mehr Licht macht mich fröhlich.“
Mama drückte ihre Hand. „Mich auch.“
Am Zaun vor dem Haus standen kleine grüne Spitzen aus der Erde. Mina beugte sich hinunter.
„Guck mal, Mini-Pflanzen!“, flüsterte sie, als könnte man sie sonst erschrecken.
„Das sind Krokusse oder Narzissen“, sagte Mama. „Sie schlafen im Winter im Boden und wachen jetzt auf.“
Mina wollte die Spitzen streicheln, doch Mama hob sanft ihre Hand. „Schau erst. Nicht alles muss man anfassen.“
Mina zog die Hand zurück. „Aber es sieht so weich aus.“
„Mit den Augen kann man auch streicheln“, sagte Mama und zwinkerte.
Mina kicherte. „Dann streichle ich jetzt mit meinen Augen.“
Kapitel 2: Schauen wie eine Forscherin
Sie gingen langsam, wie auf einem Weg aus goldener Wärme. Mina hörte Schritte, Vogelrufe und irgendwo ein Fahrradklingeln. Aus einer Bäckerei duftete es nach warmen Brötchen, und Mina fand, dass Frühling auch ein bisschen nach Butter roch.
An einer kleinen Wiese blieb Mina stehen. Dort summte etwas.
„Mama, da fliegt ein… ein flauschiger Ball!“, sagte Mina.
„Eine Hummel“, antwortete Mama. „Sie ist früh dran.“
Die Hummel setzte sich auf eine gelbe Blüte. Mina machte einen Schritt näher und hielt dann an. Sie erinnerte sich an Mamas Worte.
„Wenn ich sie anfasse, fliegt sie weg, oder?“, flüsterte Mina.
„Vielleicht“, sagte Mama. „Und die Blüte könnte kaputtgehen. Tiere und Pflanzen brauchen Ruhe. Wir können sie beobachten.“
Mina stellte sich hin wie eine Statue. Sie atmete leise. Die Hummel brummte wie ein winziger Motor, ganz beschäftigt.
„Sie arbeitet“, sagte Mina.
„Ja“, sagte Mama. „Sie sammelt Nektar. Das ist Essen für sie. Und dabei hilft sie den Pflanzen.“
Mina nickte langsam. „Also ist sie wichtig.“
„Sehr wichtig“, sagte Mama. „Wie kleine Helferinnen im Frühling.“
Mina lächelte. „Dann bin ich heute auch eine Helferin. Ich helfe, indem ich nicht störe.“
Mama lachte leise. „Das ist eine wunderbare Hilfe.“
Ein Windhauch kam vorbei und roch nach Erde, nach nassem Holz, nach irgendetwas, das neu werden wollte. Mina spürte, wie ihre Wangen warm wurden.
„Ich will mir alles merken“, sagte sie. „Den Geruch, den Vogel, die Sonne.“
„Dann schau genau hin“, sagte Mama. „Welche Farben siehst du?“
Mina drehte sich einmal im Kreis. „Grün, aber noch schüchtern. Und gelb. Und der Himmel ist blau wie… wie der Deckel von meiner Stiftebox.“
„Und welche Geräusche?“, fragte Mama.
„Brummen, singen, Schuhe auf dem Boden“, sagte Mina. Dann grinste sie. „Und mein Bauch, der ‘Brötchen!' ruft.“
Mama tat, als würde sie lauschen. „Oh, das höre ich auch.“
Kapitel 3: Die Blumen hinter dem Glas
Auf dem Weg kamen sie an einem Laden vorbei. Die Schaufensterfront glänzte, und darin spiegelten sich die Wolken. Hinter dem Glas war eine Frühlingswelt aufgebaut: bunte Papier-Schmetterlinge hingen an Fäden, und echte Blumen standen in Töpfen. Dazwischen lagen kleine Holzhasen und eine Gießkanne, als würde gleich jemand gärtnern.
Mina blieb stehen, als hätte der Boden sie festgeklebt. „Oh! Mama, guck!“
„Wunderschön“, sagte Mama. „Eine richtige Frühlings-Vitrine.“
Mina drückte fast die Nase an die Scheibe. Die Blumen sahen aus, als würden sie lachen: rosa Primeln, gelbe Narzissen, lila Hyazinthen. Mina meinte, sie könnte den Duft sogar durch das Glas riechen.
„Ich will die da anfassen“, sagte Mina und zeigte auf eine Hyazinthe. „Die sieht aus wie eine kleine Traube.“
Mama kniete sich neben sie. „Sie ist zart. Wenn viele Kinder sie anfassen, verliert sie Blüten. Schau lieber genau. Welche Form haben die Blüten?“
Mina hielt die Hände hinter den Rücken, damit sie nicht aus Versehen losflogen. „Sie sind wie winzige Glöckchen.“
„Genau“, sagte Mama. „Und sie gehören zu einem lebenden Wesen. Pflanzen merken zwar nicht wie wir, aber sie brauchen ihre Blätter und Blüten, um stark zu bleiben.“
Mina nickte. „Dann lass ich sie in Ruhe. Aber ich kann ihr etwas sagen, oder?“
„Natürlich“, sagte Mama.
Mina beugte sich zur Scheibe und flüsterte: „Hallo, Blume. Du bist sehr hübsch. Bleib gesund.“
In dem Moment ging die Ladentür auf. Eine Frau mit einer Schürze trat heraus, eine Gießkanne in der Hand. Sie sah Mina und lächelte.
„Na, gefällt dir unser Fenster?“, fragte sie.
„Ja!“, sagte Mina schnell. „Ich wollte die Blumen anfassen, aber ich habe nur geguckt. Mit Augen-Streicheln.“
Die Frau lachte. „Das ist die beste Art. Blumen mögen es, wenn man sie bewundert. Aber anfassen ist oft zu viel.“
Mama sagte: „Mina übt gerade, zu schauen, ohne alles zu berühren.“
„Dann bist du schon eine kleine Gärtnerin“, sagte die Frau. Sie hielt die Gießkanne hoch. „Möchtest du sehen, wie man gießt, ohne zu kleckern?“
Mina strahlte. „Ja, bitte!“
Die Frau stellte einen Topf näher ans Fenster, öffnete die Tür einen Spalt und goss vorsichtig. Das Wasser glitzerte und verschwand in der Erde, als würde sie es trinken.
„Sie trinkt wirklich!“, staunte Mina.
„Pflanzen trinken über die Wurzeln“, erklärte die Frau. „Und sie mögen es, wenn man geduldig ist.“
Mina sagte ernst: „Ich kann geduldig sein. Ich kann warten, bis sie groß sind.“
„Das ist eine tolle Frühlings-Idee“, sagte die Frau. „Warten und schauen.“
Als sie weitergingen, winkte Mina dem Schaufenster. „Tschüss, Blumen. Danke fürs Zeigen.“
Kapitel 4: Ein Lächeln am Garderobenschrank
Zu Hause war die Wohnung warm, aber anders warm als draußen. Drinnen roch es nach Tee und ein bisschen nach Holz. Mina zog ihre Schuhe aus und wackelte mit den Zehen.
„War das ein schöner Spaziergang?“, fragte Mama.
„Ja“, sagte Mina. „Ich habe gelernt, dass man mit den Augen freundlich sein kann. Und mit den Händen vorsichtig.“
Mama hängte Minas Jacke an den Haken. Mina ging zum Garderobenschrank, öffnete die Tür und sah ihren dicken Wintermantel auf dem Bügel. Er wirkte plötzlich wie ein schlafender Bär, der sich ausruhen darf.
Mina blieb einen Moment stehen. „Der Mantel muss jetzt nicht mehr so viel arbeiten“, sagte sie leise.
Mama kam dazu. „Genau. Er darf Pause machen, bis der nächste Winter kommt.“
Mina strich über den Stoff, ganz kurz und ganz sanft, als würde sie sich verabschieden. Dann ließ sie die Hand wieder sinken.
„Draußen habe ich nichts kaputt gemacht“, sagte Mina stolz. „Nicht die Blüten, nicht die Hummel.“
Mama nickte. „Du hast den Frühling respektiert. Das ist etwas Großes.“
Mina spürte noch die Sonne in ihren Wangen, als wäre ein kleines Licht darin geblieben. Sie schloss die Schranktür und sah den Mantel noch einmal durch den Spalt, bevor er verschwand.
„Ich glaube“, sagte Mina und lächelte, „der Frühling hängt jetzt auch im Schrank. Aber nur für ein bisschen. Dann läuft er wieder raus.“
Mama lachte leise. „Und du läufst mit.“
Mina stellte sich ans Fenster. Draußen wackelten die kleinen grünen Spitzen im Wind. Sie schaute lange, ganz ruhig, und fühlte sich so leicht wie ihre Jacke.
„Gute Nacht, Frühling“, flüsterte sie. „Ich guck morgen wieder.“