Anfang
Milo wohnt im Waldhaus aus Moos. Milo hat einen weichen Schwanz und kleine Flügel. Heute will Milo ein Foto machen. Es soll ein Foto für das Wald-Album sein.
Im Garten blühen gelbe Blumen. Milo stellt die Kamera auf einen Stein. „Klick“, macht es. Auf dem Bild sieht Milo klein aus. Die Blumen sehen größer aus als Milo.
Milo runzelt die Stirn. „Ich will auf dem Foto mutig aussehen“, flüstert Milo. „So groß wie ein Baum.“
Milo hat eine Foto-App. Milo schiebt mit dem Finger. Milo macht sich größer. Milo macht die Flügel extra glänzend. Milo macht die Blumen kleiner. Dann lächelt Milo. „Jetzt ist es schön.“
Kurz darauf kommt Tapsi, das Dachs-Kind, vorbei. Tapsi trägt einen Korb mit Beeren. „Oh, ein Foto! Darf ich sehen?“
Milo hält das Gerät fest. „Ähm … ja. Schau.“
Tapsi staunt. „Wow, Milo! Du bist riesig!“
Milo nickt schnell. „Ja … so bin ich.“
Mitte
Am Abend sitzen Milo und Tapsi bei der Lampe aus Glühwürmchen. Sie kleben Bilder ins Album. Tapsi zeigt auf Milos Foto. „Dann kannst du bestimmt die schweren Steine am Bach tragen.“
Milo wird warm im Bauch. Milo denkt: Das stimmt nicht. Milo kann nur kleine Steine tragen. Milo schaut auf das große Foto. Es fühlt sich plötzlich nicht mehr gemütlich an.
Da kommt Liri, die Eule, leise herein. Liri bringt Papier für das Album. „Ihr seid fleißig“, sagt Liri. „Fotos sind wie kleine Erinnerungen. Sie sollen ehrlich sein, damit wir ihnen vertrauen.“
Milo schluckt. Milo spürt ein Kitzeln hinter den Augen. „Ich … ich habe das Foto verändert“, sagt Milo ganz leise. „Ich wollte größer wirken. Ich hatte Angst, dass ihr sonst nicht stolz auf mich seid.“
Tapsi legt eine Pfote auf Milos Arm. „Ich bin auch stolz, wenn du klein bist“, sagt Tapsi. „Ich mag dich, weil du Milo bist.“
Liri nickt. „Danke, dass du es sagst. Das ist mutig. Was können wir jetzt tun?“
Milo atmet aus. „Ich möchte mich entschuldigen. Es tut mir leid, Tapsi. Ich habe dich getäuscht.“
„Danke“, sagt Tapsi. „Das tut kurz weh, aber jetzt ist es wieder ruhig.“
Ende
Milo wischt das Foto zurück. Milo macht ein neues Foto. Milo stellt die Kamera tiefer. Milo steht neben den gelben Blumen. Milo lächelt, so wie Milo wirklich ist. „Klick.“
Tapsi klatscht. „Das bist du! Echt und freundlich.“
Liri lächelt. „Und wir können dem Bild vertrauen.“
Milo klebt das neue Foto ins Album. Unter das Bild schreibt Milo: „Ehrlich ist warm.“
Milo schaut noch einmal zu Tapsi. „Wenn ich wieder Angst habe, rede ich lieber“, sagt Milo.
Draußen wird es dunkel. Drinnen ist es hell und leise. Milo kuschelt sich ins Moosbett. Im Kopf fühlt es sich leicht an. Milo weiß: Wahrheit macht Platz für Nähe. Und Nähe macht das Herz ruhig.