Kapitel 1: Die Tür, die „Pssst!“ machte
Mila war acht Jahre alt und konnte es kaum erwarten: Weihnachten war so nah, dass man es fast riechen konnte. Nicht nur nach Plätzchen und Kakao, sondern auch nach Tannenzweigen, Kerzenwachs und diesem besonderen Knistern in der Luft, das nur im Dezember auftaucht.
Im Wohnzimmer stand schon der Karton mit den Lichterketten. Auf dem Küchentisch lagen Ausstechformen: Sterne, Monde, ein etwas schiefes Rentier und ein Engel, dem immer ein Flügel abbrach. Mila summte ein Lied, während sie ihren Schal ablegte.
„Mama, darf ich die Lichterketten entwirren?“, fragte sie.
Mama lachte. „Wenn du mutig bist. Das ist die schwerste Advents-Aufgabe.“
„Ich bin mega mutig“, sagte Mila und machte ihre Augen so groß wie ein Weihnachtsbaumkugel.
Gerade als sie den Karton öffnete, hörte sie ein leises Geräusch. Kein Poltern. Kein Krachen. Es klang eher wie… ein kleines Geheimnis.
Pssst.
Mila drehte den Kopf. Die Tür zum Flur war einen Spalt offen. Und jetzt… bewegte sie sich. Ganz langsam. So langsam, als würde jemand sie mit zwei Fingerspitzen streicheln.
Klick.
Die Tür fiel sanft ins Schloss, als wollte sie sagen: „Nichts passiert. Wirklich nicht.“
Mila ging hin. „Hallo?“
Keine Antwort. Aber auf der Fußmatte lag plötzlich etwas, das vorher nicht da gewesen war: ein winziges Stück Papier, sorgfältig zusammengefaltet. Und daneben—Mila rieb sich die Augen—ein Glitzerstern aus Zucker? Oder war es nur Staub? Es glitzerte jedenfalls frech.
Sie hob den Zettel auf und klappte ihn auf. Darauf stand in krakeligen Buchstaben:
„Liebe Mila! Wenn eine Tür sich leise schließt, fängt ein Spiel an. Folge der Spur, zeichne eine Karte. Dein Freund: der Weihnachtswichtel.“
Mila schluckte. Nicht aus Angst—eher aus Aufregung. Ein Weihnachtswichtel! Sie kannte Geschichten davon. Kleine Wesen, die nachts Socken verstecken, Löffel vertauschen und mit Zuckerstangen Knoten üben. Meistens ganz nett. Meistens.
„Mama?“, rief Mila. „Hast du… einen Zettel geschrieben?“
„Welchen Zettel?“, rief Mama aus der Küche. „Und wenn es um die Lichterkette geht: Ich war's nicht!“
Mila grinste. Okay. Das war echt.
Auf der Rückseite des Zettels war eine Ecke eines Bildes: eine halbe Schatzkarte! Man sah ein Stückchen Wald, einen krummen Baum und ein X, das nur halb da war, als hätte jemand den Rest verschluckt.
Unter dem Bild stand: „Du brauchst eine Karte, damit du mich findest. Fang an zu zeichnen. Jetzt.“
Mila sah sich um. Ein Wichtel wollte, dass sie eine Karte zeichnet? Mit ihm? Das klang nach Abenteuer, aber auch nach—na ja—Wichtelchaos.
Sie schnappte sich aus ihrem Mäppchen einen Bleistift und ein leeres Blatt Papier. „Gut“, murmelte sie. „Dann zeichne ich eben eine Karte.“
Sie setzte sich auf den Teppich und zeichnete zuerst ihr Haus: ein Rechteck, ein Dach, ein Kamin. Dann den Flur, die Küche, das Wohnzimmer. Sie malte sogar den Karton mit den Lichterketten als kleines Viereck. Und als sie die Tür zum Flur zeichnete, machte sie einen extra dicken Strich.
„Damit du weißt, wo du angefangen hast“, sagte sie laut, obwohl niemand zuhörte.
Doch da raschelte es ganz leise hinter ihr.
„Oh doch“, flüsterte eine Stimme, die klang wie ein Glöckchen, das kichert.
Mila fuhr herum. Auf dem Regal, zwischen einer Kerze und einer Schneekugel, saß ein winziges Wesen mit einer roten Zipfelmütze, die viel zu groß war. Sein Gesicht war frech, seine Ohren spitz, und seine Schuhe hatten vorne kleine Glöckchen.
„Du… bist echt“, hauchte Mila.
Der Wichtel verbeugte sich so tief, dass seine Mütze fast vom Kopf rutschte. „Natürlich bin ich echt. Sonst hätte ich die Tür nicht so höflich schließen können.“
„Warum hast du das gemacht?“, fragte Mila.
„Weil Türen Geschichten lieben“, sagte der Wichtel. „Und weil du genau richtig schaust, wenn etwas leise passiert.“
Mila musste lachen. „Wie heißt du?“
„Ich heiße Flix“, sagte er stolz. „Flix Funkelknopf, Meister der kleinen Umstände und großer Kicherer.“
„Großer Kicherer? Du bist winzig.“
„Das Kichern ist groß“, erklärte Flix ernst. „Du bist dran. Zeig mir deine Karte.“
Mila hielt ihm das Blatt hin. Flix sprang vom Regal, landete butterweich auf dem Teppich und betrachtete die Zeichnung. Er nickte, als wäre er ein echter Karten-Erfinder.
„Sehr gut. Aber eine Schatzkarte braucht mehr als Zimmer und Türen“, sagte er. „Sie braucht Spuren. Rätsel. Und ein bisschen Glitzer, sonst findet man den Schatz nicht.“
„Welchen Schatz?“, fragte Mila.
Flix zwinkerte. „Den Schatz der kleinen Sorgen, die zu großen Lachern werden. Komm. Wir fangen an.“
Und in diesem Moment fühlte Mila, wie der Dezember im Haus noch ein bisschen heller wurde, als hätte jemand eine unsichtbare Lichterkette eingeschaltet.
Kapitel 2: Die Karte mit den Keks-Krümeln
Flix hopste vor Mila her, als wäre der Flur ein Tanzboden. „Erste Regel“, sagte er, „wenn du einen Wichtel triffst: Schau nach unten.“
„Weil du so klein bist?“, fragte Mila.
„Nein“, sagte Flix. „Weil unten die Krümel liegen.“
Tatsächlich: Auf dem Boden glitzerten winzige Keks-Krümel. Sie bildeten eine Spur, wie eine Mini-Straße aus Zucker. Mila kniete sich hin.
„Hast du das gemacht?“, fragte sie.
„Ich? Niemals!“, sagte Flix und wischte sich ein Krümelchen vom Mundwinkel. „Das waren… Krümel-Elfen. Sehr unordentlich.“
Mila kicherte. „Aha.“
Sie nahm ihren Bleistift und zeichnete auf ihrer Karte eine gepunktete Linie vom Wohnzimmer zur Küche. Daneben malte sie ein kleines Keks-Symbol.
„Sehr professionell“, lobte Flix. „Du hast Talent. Ich werde dich vielleicht in mein Wichtel-Team holen. Wir haben jeden Freitag Kakaopause.“
„Und macht ihr da auch Quatsch?“, fragte Mila.
„Wir nennen es… festliche Umgestaltung“, sagte Flix.
In der Küche roch es nach Zimt. Mama stand am Herd und rührte in einem Topf.
„Mila, willst du…“, begann Mama, dann blieb sie stehen. „Warum steht die Mehlpackung auf dem Kühlschrank?“
Mila starrte. Das Mehl stand wirklich da oben, als hätte es sich einen Aussichtspunkt gesucht.
Flix setzte ein unschuldiges Gesicht auf. „Mehl mag Höhenluft.“
Mama runzelte die Stirn. „Komisch. Ich war's nicht. Na gut. Mila, willst du den Teig ausstechen?“
Mila nickte schnell. „Gleich! Ich… äh… muss erst was holen.“
Flix zog Mila am Ärmel Richtung Speisekammer. „Zweite Regel: Wenn Erwachsene etwas nicht merken sollen, lächle und nicke. Erwachsene sind sehr beschäftigt mit Töpfen.“
In der Speisekammer war es dunkel und gemütlich. Dort standen Marmeladen, Nudeln und der große Adventskalender, den Mila eigentlich erst nächste Woche aufhängen wollte.
Auf einmal hörte Mila ein leises „Plopp“.
Ein Mandarinen-Netz schaukelte, als hätte jemand es angestupst. Und darunter lag—schwupps—ein kleines Holzstück: ein winziger Stift, so dünn wie ein Zahnstocher, aber mit einem goldenen Band daran.
„Das ist für die Karte“, erklärte Flix. „Ein Kartenstift! Damit kannst du unsichtbare Dinge markieren.“
„Unsichtbare Dinge?“, fragte Mila.
„Zum Beispiel versteckte Türen“, flüsterte Flix geheimnisvoll.
Mila nahm den Stift. Er fühlte sich warm an. „Und wie benutzt man ihn?“
„So“, sagte Flix und zeigte auf den Boden. „Mal dort, wo du denkst, dass etwas Besonderes ist.“
Mila kniete sich hin und zeichnete mit dem goldenen Stift eine kleine Spirale auf den Boden—nur in die Luft, nicht wirklich auf die Fliesen. Und tatsächlich: Für einen Moment schimmerte dort ein winziger Wirbel aus Licht, als hätte jemand Seifenblasen zu einem Kreis gepustet.
Mila machte große Augen. „Wow.“
„Psst“, sagte Flix. „Nicht zu laut. Die Marmeladen schlafen.“
Plötzlich fiel hinter ihnen ein kleines Geräusch: klack. Ein Glasdeckel wackelte. Mila zuckte zusammen, aber Flix winkte ab.
„Nur die Marmelade, die sich umdreht“, sagte er. „Sie träumt wahrscheinlich von Pfannkuchen.“
Mila musste wieder lachen. Angst fühlte sich anders an. Das hier war eher wie Kitzeln im Bauch.
Flix hüpfte zum Adventskalender. Er war noch leer, nur die Taschen waren da. Flix steckte seine Hand hinein und zog… eine winzige Papierrolle heraus.
„Das ist dein zweites Kartenstück“, sagte er und reichte es Mila.
Mila rollte es auf. Darauf war ein Teil der Karte: ein gemalter Stern über einem Fenster und ein Pfeil. Darunter stand: „Wo das Licht am Nachmittag tanzt, wartet der nächste Punkt.“
„Das Fenster im Wohnzimmer!“, rief Mila.
„Oder das im Bad“, sagte Flix.
Mila verzog das Gesicht. „Bitte nicht.“
Flix grinste. „Nur Spaß. Noch. Zeichne es ein.“
Mila ergänzte ihre Karte: Sie zeichnete das Wohnzimmerfenster und malte einen Stern darüber. Dann klebte sie das kleine Kartenstück daneben, als wäre es ein Puzzle.
„Und jetzt?“, fragte sie.
Flix setzte sich auf eine Kiste Nudeln und schwang die Beine. „Jetzt machen wir aus einem kleinen Problem ein großes Kichern. Bist du bereit?“
„Welches Problem?“, fragte Mila.
Flix zeigte zur Küche. „Deine Mama sucht gleich das Mehl. Und sie wird sich fragen, warum es…“, er hielt dramatisch inne, „…auf Reisen war.“
Mila runzelte die Stirn. „Aber dann ist Mama genervt.“
„Nur kurz“, versprach Flix. „Und dann kommt die Lösung. Wichtel-Ehrenwort.“
Mila dachte nach. „Okay. Aber nichts Gemeines.“
Flix legte die Hand aufs Herz. „Nur sanfter Quatsch. Wie eine Feder im Schlaf.“
Sie schlichen in die Küche zurück. Mama nahm gerade eine Schüssel. „Mila, jetzt aber. Ich brauche deine Plätzchen-Kunst.“
Mila trat neben sie. Flix sprang unbemerkt auf die Arbeitsplatte. Er stupste—ganz vorsichtig—die Mehlpackung an. Sie rutschte vom Kühlschrank herunter… direkt in Mamas Hände, als hätte sie sich selbst zurückgebracht.
Mama blinzelte. „Hä? Das Mehl… kommt zu mir?“
Flix flüsterte: „Siehst du? Hilfsbereit.“
Mila prustete los. Mama sah sie an, erst streng, dann musste sie auch lachen. „Du und deine Fantasie. Na los, ausstechen!“
Mila stach Sterne aus, und jedes Mal, wenn sie einen Stern aus dem Teig hob, meinte sie, ein winziges Glöckchen klingen zu hören.
Kapitel 3: Das tanzende Fensterlicht
Am Nachmittag wurde das Wohnzimmer golden. Die Sonne stand tief, und ihr Licht glitt über den Teppich wie ein langsamer, warmer Fisch.
Mila setzte sich mit ihrer Karte ans Fensterbrett. Flix saß neben dem Blumentopf und tat so, als würde er die Erde zählen.
„Hier tanzt das Licht“, sagte Mila. „Und jetzt?“
Flix zeigte auf den Fenstervorhang. „Dritte Regel: Vertraue dem Unscheinbaren. Vorhänge wissen viel.“
Mila schob den Vorhang zur Seite. Dahinter klebte ein kleiner Zettel an der Scheibe. Er war so klein, dass Mila ihn fast übersehen hätte.
Sie las: „Zeichne den Weg des Lichts. Und finde den Punkt, der kitzelt.“
„Der Punkt, der kitzelt?“, fragte Mila.
Flix nickte ernst. „Ja. Manche Stellen im Haus sind kitzelig, weil dort die gute Laune wohnt.“
Mila legte ihre Hand auf den Teppich, dort, wo das Licht gerade lag. Es fühlte sich warm an. Sie schob ihre Hand weiter, folgte dem Lichtstreifen, bis sie an die Ecke beim Bücherregal kam.
„Hier“, sagte sie. „Hier ist es irgendwie…“
„Kitzelig?“, half Flix.
Mila musste lachen. „Ja!“
Flix klatschte in die Hände. „Dann markier es.“
Mila nahm den goldenen Kartenstift und zeichnete in die Luft über der Stelle ein kleines X. Ein winziger Funke glitzerte auf, wie ein Sternchen, das kurz Hallo sagt.
Plötzlich ruckelte das Bücherregal ein bisschen. Mila hielt den Atem an. Aber Flix blieb ruhig.
„Keine Sorge“, sagte er. „Die Bücher rücken nur zusammen. Sie wollen besser sehen.“
Ein schmaler Spalt öffnete sich zwischen zwei dicken Büchern. Und aus dem Spalt fiel… ein weiterer Kartenschnipsel! Er segelte wie ein Blatt zu Boden.
Mila hob ihn auf. Darauf war ein gemalter Schlitten und darunter eine Reihe kleiner Kreise, wie Trittsteine.
„Trittsteine?“, fragte Mila.
„Das sind Lach-Steine“, erklärte Flix. „Jeder Kreis ist ein Moment, in dem du aus einem kleinen Ärger einen Witz machst.“
Mila überlegte. „Ich ärgere mich manchmal, wenn ich meine Sachen nicht finde.“
„Ah! Klassisch“, sagte Flix. „Socken, Stifte, Lieblingshaargummi. Kleine Dramen, große Gefühle.“
„Ich bin nicht dramatisch“, protestierte Mila.
Flix hob eine Augenbraue. „Du hast letzte Woche fünf Minuten lang einen Bleistift betrauert.“
Mila wurde rot. „Der war gut gespitzter als die anderen!“
Flix nickte verständnisvoll. „Genau. Und heute machen wir daraus etwas Leichtes.“
Er sprang auf das Sofa und zog eine Decke ein Stück hoch. Darunter lagen—Mila staunte—drei Dinge, die sie gestern gesucht hatte: ihr Haarband, ein Radiergummi in Herzform und… ihr verschwundener Glitzerstift.
„Hey!“, rief Mila. „Da waren die!“
Flix tat überrascht. „Oh! Eine geheime Sofa-Höhle! Wer hätte das gedacht?“
Mila stemmte die Hände in die Hüften. „Du hast sie versteckt!“
„Ich?“, sagte Flix. „Ich habe sie… auf Abenteuer geschickt. Sie wollten den Teppich kennenlernen.“
Mila sah ihn streng an. Dann musste sie lachen, weil Flix so ernst dabei guckte, als wäre er ein Reiseführer für Haarbänder.
„Okay“, sagte Mila. „Aber nächstes Mal fragst du vorher.“
Flix nickte feierlich. „Abgemacht. Und du zeichnest es auf deiner Karte: ‚Sofa-Höhle der wiedergefundenen Dinge‘.“
Mila zeichnete ein Sofa und malte darunter eine kleine Höhle mit einem lächelnden Gesicht. Neben einen der Kreise schrieb sie: „Sachen wiedergefunden = lachen.“
Da rief Mama aus der Küche: „Mila, kannst du den Tisch decken?“
Mila stand auf. „Ja!“
Flix hüpfte hinterher und flüsterte: „Vierte Regel: Wenn du helfen willst, tu es mit Schwung.“
„Mit Schwung?“, flüsterte Mila zurück.
„Mit Schwung“, bestätigte Flix.
Mila trug Teller ins Esszimmer. Flix sprang über die Gabeln wie über kleine Brücken. Als Mila ein Glas hinstellte, schubste Flix es ganz leicht, sodass es ein winziges „Ping“ machte.
Mila erschrak kurz, aber das Glas stand sicher. Flix grinste. „Nur ein Musikton. Der Tisch übt ein Lied.“
„Flix!“, zischte Mila, aber sie musste dabei lachen.
Beim Abendessen erzählte Mila—ohne Flix zu verraten—von ihrer „Schatzkarte“. Papa meinte: „Eine Karte ist praktisch. Dann findet man immer zurück.“
Mila sah zu Flix, der hinter der Obstschale saß und sich eine Traube ansah, als wäre es eine lila Weihnachtskugel. Sie dachte: Vielleicht geht es bei dieser Karte nicht nur ums Finden, sondern auch ums Verstehen.
Nach dem Essen sagte Mama: „Oh nein, wo ist das Geschenkband? Ich wollte doch die Päckchen einpacken.“
Mila spürte, wie Flix sich neben ihr räusperte. Ganz leise.
„Du hast es nicht…“, flüsterte Mila.
Flix hob die Hände. „Nur ein bisschen umgelegt. Es ist nicht weg. Es ist… kreativ gelagert.“
Mila atmete durch. „Mama, ich helfe dir suchen!“, sagte sie schnell.
„Danke, Schatz“, sagte Mama.
Flix flüsterte: „Jetzt kommt der beste Teil. Aus dem Suchen wird ein Spiel.“
Kapitel 4: Das Geschenkband-Rätsel und der Schatz
Im Flur standen drei Körbe: einer für Mützen, einer für Schals und einer für Dinge, die niemand zugeben will, dass sie ihm gehören. Mila nannte ihn den „Vielleicht-Korb“.
„Das Band ist bestimmt hier“, sagte Flix und deutete auf den Vielleicht-Korb.
Mila beugte sich vor. „Wenn da jetzt eine Banane drin ist, bin ich nicht schuld.“
„Wichtel auch nicht“, sagte Flix zu schnell.
Mila zog Sachen heraus: eine einzelne Socke, eine Batterie, ein zerknitterter Einkaufszettel, ein kleiner Spielzeugdino.
„Roar“, flüsterte Flix und erschrak dann vor sich selbst.
Mila kicherte. „Du hast gerade geroart.“
„Ich übe“, sagte Flix würdevoll.
Ganz unten im Korb lag etwas Buntes. Mila zog es heraus: Geschenkband! Aber nicht nur eine Rolle. Es war zu einer riesigen Schleife verknotet, so groß wie ein kleiner Hut.
„Oh nein“, stöhnte Mila. „Mama wird das nicht lustig finden.“
Flix hob den Finger. „Jetzt kommt die Verwandlung. Du brauchst nur… einen Trick.“
„Welchen?“, fragte Mila.
Flix sprang auf die Schleife, als wäre sie ein Trampolin. „Du machst aus dem Knoten einen Wettbewerb. Sag: ‚Mama, ich hab ein Schleifen-Monster gefangen!‘ Und dann entknotet ihr es zusammen. Mit Lachen. Nicht mit Seufzen.“
Mila zögerte. Dann nickte sie. „Okay.“
Sie ging in die Küche, wo Mama gerade Papier zurechtschnitt. Mila hielt die Schleife hoch wie eine Trophäe.
„Mama!“, rief sie. „Ich hab ein Schleifen-Monster gefangen! Es hat das Geschenkband gefressen und sich als Riesenschleife verkleidet!“
Mama sah erst verwirrt aus. Dann musste sie lachen. „Ein Schleifen-Monster? Na, das ist ja frech. Komm her.“
Mila setzte sich neben Mama an den Tisch. Gemeinsam zogen sie vorsichtig an den Enden, suchten die richtige Stelle, wo der Knoten begann.
„Hier“, sagte Mama. „Wenn man da zieht…“
„…wird es schlimmer“, ergänzte Mila, und beide lachten.
Flix saß auf dem Stuhlbein und wackelte mit den Glöckchen-Schuhen, als würde er applaudieren.
Nach ein paar Minuten war das Band wieder in Ordnung. Mama strich es glatt. „Siehst du? Zusammen geht's leichter.“
Mila fühlte sich warm im Herzen. Nicht nur, weil das Band wieder da war, sondern weil aus dem kleinen Ärger wirklich ein witziger Moment geworden war.
„Jetzt“, flüsterte Flix Mila zu, „zeichne einen Lach-Stein.“
Mila nahm ihre Karte und malte einen neuen Kreis. Daneben schrieb sie: „Schleifen-Monster = zusammen lachen.“
Plötzlich leuchtete der goldene Kartenstift in ihrer Hand ein bisschen stärker. Mila blinzelte.
„Das heißt“, erklärte Flix, „du bist fast am Ziel.“
„Wo ist denn der Schatz?“, fragte Mila leise.
Flix deutete zur Tür im Flur—genau die Tür, die am Anfang so sanft zugegangen war. „Da, wo alles begonnen hat. Türen mögen Kreise. Geschichten auch.“
Mila ging zur Tür. Sie legte die Hand auf die Klinke. „Was ist dahinter?“
„Nur etwas Gutes“, versprach Flix. „Und vielleicht ein wenig Glitzer. Aber harmlos. Fast.“
Mila öffnete die Tür. Dahinter war… der kleine Abstellraum. Besen, Putzeimer, eine Kiste mit alten Schals. Nichts Magisches.
Doch dann sah sie an der Wand etwas, das vorher nicht da gewesen war: ein Herz aus Papiersternen, zusammengeklebt, und in der Mitte steckte ein Umschlag. Darüber hing eine winzige Glocke.
„Ding“, machte die Glocke ganz leise, als Mila den Umschlag berührte.
Sie öffnete ihn. Darin lag das letzte Stück der Schatzkarte. Als sie es an die anderen Teile hielt, passte alles zusammen. Das X zeigte auf… das Wohnzimmer. Genauer: auf den Platz unter dem Weihnachtsbaum, der noch gar nicht stand.
Auf der Rückseite stand: „Der Schatz wächst, wenn man ihn teilt: Lachen, Hilfe, Wärme. Und ein bisschen Mut, kleine Sorgen leicht zu machen.“
Mila las es zweimal. Dann sah sie Flix an. „Das ist der Schatz?“
Flix nickte. Seine Augen funkelten. „Du dachtest an Gold, oder?“
Mila zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ein bisschen.“
„Gold ist nett“, sagte Flix. „Aber es ist kalt. Lachen ist warm. Und du hast heute welche gesammelt. In Kreisen.“
Mila schaute auf ihre Karte: die Krümelspur, das Fensterlicht, die Sofa-Höhle, das Schleifen-Monster. Es war wirklich eine Karte voller kleiner Momente.
„Du hast trotzdem Chaos gemacht“, sagte Mila und versuchte streng zu klingen.
Flix legte den Kopf schief. „Ja. Aber nur so viel, dass du es wieder ordnen konntest. Damit du merkst: Du kannst das. Und es macht sogar Spaß.“
Mila musste zugeben: Er hatte recht. „Und warum die Tür?“
Flix strich über die Türklinke. „Weil eine sanft geschlossene Tür sagt: ‚Komm, ich zeig dir was.‘ Eine laut zugeschlagene Tür sagt: ‚Bleib weg.‘ Ich mag das erste.“
Mila nickte langsam. „Ich auch.“
Aus dem Wohnzimmer rief Papa: „Mila, kommst du? Wir wollen den Baum aufstellen!“
Mila strahlte. „Ich komme!“
Flix hüpfte auf ihre Schulter. Er war so leicht, dass es sich anfühlte wie eine Schneeflocke, die kurz sitzen bleibt.
Als der Weihnachtsbaum stand, stellte Mila ihre Schatzkarte heimlich darunter. Nicht als Geschenk, sondern als Erinnerung. Flix kletterte zwischen die Zweige und flüsterte: „Jetzt ist dein Haus ein bisschen mehr wie ein Märchen. Nur mit echten Socken.“
„Und ohne zu viel Chaos“, flüsterte Mila.
„Oh“, sagte Flix, „das verspreche ich nicht. Aber ich verspreche: Es wird schnell wieder gut. Und meistens lustig.“
Mila lachte. „Deal.“
Später, als es draußen dunkel wurde und die Lichterkette am Baum wie kleine Sterne blinkte, hörte Mila noch einmal dieses leise Geräusch.
Pssst.
Die Flurtür schloss sich ganz sanft, als würde sie zufrieden seufzen.
Mila kuschelte sich in ihre Decke und flüsterte: „Gute Nacht, Flix.“
Aus irgendeiner Ecke kam ein ganz leises Kichern, wie ein Glöckchen im Traum.
Und Mila wusste: Wenn in der Weihnachtszeit ein kleiner Ärger auftaucht, kann man ihn manchmal einfach an die Hand nehmen, ihm eine lustige Mütze aufsetzen und daraus einen warmen Abend machen.