Anfang
In einer langsamen, breiten Flussbiegung trieb Lumi, ein kleines Glühwürmchen. Nicht in der Luft, sondern auf einem runden Seerosenblatt. Das Blatt war wie ein grünes Boot. Es wippte sanft, als würde der Fluss leise singen.
Lumi leuchtete warm und hell. Sein Licht war nicht laut. Es war wie ein stilles Lächeln. Unter dem Blatt glitt das Wasser vorbei, dunkel wie Tee. Am Ufer standen Schilfhalme. Sie nickten im Takt der Abendluft.
Das Seltsame an Lumi war: Es stellte seine Füßchen ganz ruhig hin, als wären sie warme Kiesel. Ganz fest und still, auch wenn alles um ihn herum langsam weiterfloss. So fühlte es sich sicher. So blieb das Leuchten ruhig.
Der Himmel wurde violett. Ein paar Wolken sahen aus wie Watte. Der Fluss roch nach nasser Erde und nach Minze, die zwischen Steinen wuchs. Lumi ließ sich tragen, ohne Eile. Es war eine Abendfahrt, weich wie eine Decke.
Mitten im Fluss
Als das Seerosenboot an einer stillen Stelle vorbeikam, spiegelten sich Sterne im Wasser. Lumi schaute hinunter und sah sein Licht zwischen den Sternpunkten. Da wurde es ihm ganz leicht im Bauch, wie bei einer kleinen Schaukel.
Ein leiser Wind kam. Das Blatt drehte sich einmal. Für einen Moment war alles anders herum. Lumi rutschte ein bisschen. Sein Licht flackerte kurz, wie eine Kerze, die kurz erschrickt.
Dann erinnerte sich Lumi an seine warmen Kiesel-Füße. Es setzte beide Füßchen fest auf das Blatt. Ganz still. Es fühlte, wie das Blatt unter ihm da war. Sicher. Der Fluss durfte drehen und drehen. Lumi blieb ruhig.
Weil es so ruhig wurde, machte Lumi etwas, das es oft am Abend tat: ein kleines Fluss-Yoga, damit Körper und Licht sich gut anfühlen.
Erst machte es die „Stein-Stand“-Haltung. Lumi stellte seine Füßchen nebeneinander. Es drückte sie sanft in das Blatt, als wären sie zwei warme Steine am Ufer. Der Rücken wurde lang. Der Kopf zeigte zum Himmel. Alles war einfach.
Dann folgte die „Wasserarm“-Haltung. Lumi hob langsam beide Vorderbeinchen zur Seite, wie kleine Flügel, und ließ sie wieder sinken. So, als würde es das Wasser streicheln, ohne es zu stören. Das Blatt wippte, aber nicht zu sehr.
Weiter vorn im Fluss schwamm ein rundes Holzstück. Es sah aus wie ein kleiner Hügel. Es drehte sich träge. Lumi dachte, es sei ein Tier, und sein Licht wurde wieder unruhig. Doch als das Blatt näher kam, sah Lumi: Es war nur ein Stück Holz, glatt und alt, vom Fluss freundlich gemacht.
Lumi leuchtete erleichtert. Manchmal sehen Dinge im Abendlicht größer aus. Und manchmal sind sie ganz harmlos.
Es machte noch eine Haltung, die es liebte: die „Katzenrücken“-Haltung, nur ganz klein. Lumi setzte sich tief auf sein Blatt. Es rundete seinen Rücken ein wenig, dann machte es ihn wieder lang. Wie eine Katze, die sich dehnt. Langsam. Ohne Hast. Das Licht in seinem Bauch wurde dabei ganz gleichmäßig.
Der Fluss glitt weiter. Ein Frosch sprang irgendwo, aber man sah ihn nicht. Es gab nur ein Platschen, dann wieder Ruhe. Lumi blieb in seiner kleinen Welt aus Wasser, Blatt und warmem Leuchten.
Der kleine Umweg
Plötzlich wurde der Fluss ein bisschen schmaler. Zwei große Steine standen links und rechts. Dazwischen floss das Wasser schneller, wie wenn es kurz kichern muss. Das Seerosenboot nahm den Weg dazwischen. Es wackelte stärker.
Lumi spürte ein Ziehen im Bauch. Nicht schlimm, nur neu. Sein Licht zuckte. Das Blatt schob sich an einem Stein vorbei und drehte sich wieder. Ein paar Tropfen spritzten auf Lumis Rücken. Sie waren kühl, wie winzige Perlen.
Da machte Lumi seine ruhigste Haltung: die „Eierschale“-Haltung. Es setzte sich hin, zog die Beinchen an und machte sich klein, wie ein rundes Ei auf grünem Blatt. Der Kopf neigte sich ein wenig nach vorn. Lumi spürte, wie sein Atem von selbst kam und ging. Ganz leise.
Das Wasser lachte kurz zwischen den Steinen und wurde dann wieder langsam. Das Blatt beruhigte sich. Tropfen rollten herunter und fielen zurück in den Fluss, als würden sie nach Hause gehen.
Lumi richtete sich wieder auf. Es machte die „Sternarme“-Haltung: Es streckte die Beinchen nach oben und zur Seite, so weit es angenehm war, wie ein kleiner Stern. Dann ließ es sie sinken. Dabei stellte es sich vor, dass jeder Stern am Himmel ihm freundlich zuzwinkert.
Das Licht in Lumi wurde weicher. Nicht kleiner, nur sanfter. Wie Honiglicht.
Ende
Der Fluss wurde nun breit und ruhig. Das Ufer lag weiter weg. Schilf und Weiden standen still, als würden sie schon schlafen. Eine Wasseroberfläche wie ein Spiegel trug die letzten Farben des Tages.
Lumis Seerosenboot fand eine Stelle, an der das Wasser fast stand. Das Blatt schob sich an eine kleine Insel aus Moos. Dort war es warm und geschützt. Der Abend roch nach Gras und nach stiller Nacht.
Lumi setzte seine Füßchen noch einmal hin, ganz unbeweglich, wie warme Kiesel. Es fühlte den sicheren Druck, das sanfte Grün unter sich, die Ruhe um sich herum. Alles war gut.
Zum Abschied vom Tag machte Lumi noch die „Mond-Schaukel“-Haltung. Es legte sich auf den Rücken, ganz vorsichtig, und zog die Beinchen an. Dann ließ es sie langsam zur einen Seite sinken und zur anderen, nur ein kleines Stück. Wie ein Mond, der sanft über den Himmel wandert. Das Seerosenblatt schaukelte mit, als wüsste es, wie Schlaf geht.
Lumis Leuchten wurde nun ganz fein. Es war immer noch da, aber es flüsterte nur noch. Die Sterne spiegelten sich im Wasser, und das Wasser spiegelte sich in Lumis Augen.
Der Fluss trug die Stille wie eine Decke. Das Schilf atmete. Die Insel aus Moos war wie ein Kissen. Lumi schloss die Augen. Seine warmen Kiesel-Füße blieben still. Sein kleines Herz fühlte einfache Freude: ein Blatt, ein Fluss, ein Abend, ein sanftes Licht.
Und während das Seerosenboot kaum noch wippte, schlief Lumi langsam ein.