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Wissenschafts-Fantasie 11/12 Jahre Lesen 30 min.

Liora und der Chor aus Glas: Das Geheimnis der Spiegelrotunde

Die zwölfjährige Liora entdeckt in einer geheimnisvollen Rotunde einen versteckten Durchgang und begibt sich mit ihrer Karte und dem Wächter Nox auf eine Mission, um das Gleichgewicht zwischen Klang und Freude gegen den rätselhaften Maestro zu bewahren.

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12-jährige Liora mit entschlossenem, fröhlichem Gesicht, lebhaften Augen, Rußflecken auf der Nase und zwei zerzausten Zöpfen hält ein leuchtendes Heft und zeichnet mit einem vibrierenden Metallstift einen leuchtenden Ring; hinter ihr schützt Nox, ein schlanker Wächter aus Lichtlinien und dunklen Platten in schwebender, jugendlicher Silhouette, und stabilisiert die Szene mit visuellen Noten, während der antagonistische Maestro, eine große, von Schatten und Kabeln umhüllte Gestalt mit starrer Metallmaske, vor einem riesigen, beginnend rissigen Portal steht und mit einer Antennenstange schwarze Wellen aussendet; der Schauplatz ist eine unterirdische Rundkammer mit schrägen Spiegelwänden, glänzenden Kupferleitungen, Zahnradplatten und in schwarzen Fäden gefangenen Glühkäfern, Glasplattenboden leuchtet bei den Schritten; Schlüsselmoment: Liora zeichnet den Resonanzring, Nox ordnet die Szene, schwarze Wellen zerbrechen, kleine Lichter umkreisen den Kreis — Atmosphäre mutig, dramatisch und farbenreich (Kupfer, tiefes Blau, warmes Rosa, Kontrastschwarz), grafischer Retro-Cartoon-Stil mit runden, flüssigen Linien, übertriebenen Proportionen, leicht körniger Textur und warmem dramatischem Licht. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Chor aus Glas

Wenn Liora lachte, klang es, als hätte jemand eine Handvoll Kiesel in einen Brunnen geworfen: hell, rund, mit kleinen Spritzern Freude. Heute lachte sie nicht. Heute hörte sie zu.

Die Rotunde der Spiegel war größer, als sie von außen wirkte. Von draußen sah sie aus wie ein harmloser, runder Turm aus grauem Stein. Drinnen aber öffnete sich ein Kreis aus Licht und Reflexen, ein Raum ohne klare Grenzen. Spiegelwände standen nicht einfach nur da – sie schwebten in leichten Winkeln, als wären sie nach einer unsichtbaren Melodie ausgerichtet. Zwischen ihnen liefen dünne Kupferadern, die leise summten, und in den Fugen glimmten Zeichen, die zugleich wie Runen und wie Schaltpläne aussahen.

Liora trat über die Schwelle und spürte, wie die Luft sich änderte: kühler, prickelnder, als hätte sie winzige Funken in den Haaren.

„Du bist spät“, sagte eine Stimme.

Sie kam nicht von einer Person. Sie kam von allen Seiten.

„Ich bin nicht spät. Ihr seid früh“, murmelte Liora und drückte den Riemen ihres kleinen Rucksacks fester.

Die Spiegel antworteten im Chor: „Früh. Früh. Früh.“

Liora verdrehte die Augen. „Genau. Und ich bin die Königin der reflektierten Kartoffeln.“

„Kartoffeln“, flüsterte es, als hätten die Spiegel plötzlich Hunger bekommen. „Kartoffeln…“

Sie schob sich zwischen zwei schmalen Spiegeln hindurch. Ihr eigenes Gesicht tausendfach: einmal mutig, einmal müde, einmal mit einem winzigen Schmutzfleck auf der Nase. Die meisten Spiegel zeigten sie. Manche zeigten etwas anderes: eine Version von ihr mit einem fremden Mantel, mit einem leuchtenden Stab, mit Augen, die kurz wie Sterne funkelten.

Liora blieb stehen. „Hört auf damit.“

Der Chor rauschte wie Wind in trockenem Gras. „Wir zeigen, was möglich ist.“

„Ich will, dass ihr zeigt, was wahr ist.“

Ein einzelner Spiegel, etwas älter als die anderen, mit einem Sprung wie ein Blitz in der Ecke, ließ sein Bild schärfer werden. Darin stand nicht Liora, sondern eine Zeichnung: ein Korridor, der sich unter der Rotunde entlangschlängelte – und ein kleiner Punkt, der sich bewegte.

Lioras Herz machte einen Satz. „Da ist es wieder.“

Der Chor summte zustimmend. „Der versteckte Durchgang. Der Atemweg des Turms.“

„Nicht Atemweg“, sagte Liora. „Passage. Und niemand außer mir darf sie finden.“

„Warum?“, fragten die Spiegel gleichzeitig. Es klang beinahe neugierig, beinahe wie Kinder, die sich an einem Geheimnis festhalten.

Liora zog ihr Notizbuch hervor. Es war kein normales Notizbuch. Die Seiten waren mit dünnen, grauen Linien durchzogen, die sich bewegten, wenn man sie schräg hielt. In der hinteren Tasche steckte ein kleiner Stift aus schwarzem Metall, der an der Spitze leicht vibrierte.

„Weil sich sonst alles verschiebt“, sagte sie. „Ein Schritt zu viel nach links, und du kommst nicht mehr dort raus, wo du rein bist. Ich brauche… Gleichgewicht.“

„Gleichgewicht“, sang der Chor. „Gleichgewicht.“

Liora atmete ein. Sie war zwölf, klein für ihr Alter, und ihre Zöpfe standen heute in alle Richtungen. Aber ihre Augen waren wach, und in ihnen lag diese besondere Art von Frechheit, die man nicht erzieht, sondern höchstens umlenkt.

Sie stellte sich in die Mitte der Rotunde auf die runde Platte aus weißem Stein. Darauf waren Kreise und Linien eingraviert, wie eine Karte, die jemanden vergessen hatte. In der Mitte war ein kleiner, eingelassener Kristall, der auf ihre Schritte reagierte und kurz aufblitzte.

„Gut“, sagte Liora. „Wir fangen an. Ihr gebt mir Echo, ich gebe euch Richtung.“

„Echo“, antworteten die Spiegel.

„Und wenn ihr wieder ‚Kartoffeln‘ sagt, klebe ich euch alle mit Kaugummi zu.“

„Kaugummi“, flüsterten sie ehrfürchtig.

Liora grinste endlich. Das war ihre Rotunde. Ihre Aufgabe. Ihr Abenteuer – auch wenn es bisher nur aus Rätseln, Summen und einem Durchgang bestand, den niemand sah.

Aber sie spürte, dass heute etwas anders war. Der Kristall unter ihren Füßen pulsierte zweimal, als würde er zählen. Und in einem Spiegel am Rand huschte ein Schatten vorbei, der nicht zu ihr gehörte.

Kapitel 2: Die Karte, die zurückspricht

Liora kniete sich hin und legte ihr Notizbuch auf den Stein. Der vibrierende Stift sprang in ihrer Hand an, als würde er sich freuen. Sobald die Spitze den Stein berührte, zog er keine gewöhnliche Linie, sondern eine leuchtende Spur, die kurz in der Luft stehen blieb und dann in die Seiten des Buches „einsickerte“.

„Zeigt mir den Durchgang“, sagte sie.

„Durchgang“, antwortete der Chor und ließ die Spiegelbilder flackern. Ein leises Klicken setzte ein, als würden irgendwo Zahnräder einrasten. In den Kupferadern an den Rändern liefen Lichtpunkte entlang, wie kleine Züge, die pünktlich auf winzigen Schienen fuhren.

Auf der Seite in ihrem Notizbuch erschien ein Plan: die Rotunde als Kreis, darum herum schmale Segmente. Und darunter – ein sich windender Strich, der zuerst verschwommen war und dann scharf wurde.

Liora schob die Zunge zwischen die Zähne. „Okay. Er ist nicht direkt unter der Mitte. Er ist… da.“

Sie markierte einen Punkt am Rand, zwischen Spiegel 17 und Spiegel 18. Sie hatte sie durchnummeriert, weil man in einer Rotunde voller identischer Flächen sonst verrückt wurde. Spiegel 17 zeigte meistens sie selbst mit einem schiefen Grinsen. Spiegel 18 zeigte manchmal – warum auch immer – einen Fisch.

„Warum der Fisch?“, hatte sie einmal gefragt.

„Er schwimmt im Licht“, hatten die Spiegel geantwortet und so getan, als wäre das eine völlig normale Erklärung.

Jetzt stand Liora auf und ging zu Spiegel 17. Sie hob die Hand, aber berührte die Fläche nicht. Ein kalter Hauch strich über ihre Finger, als würde der Spiegel atmen.

„Wenn ich hier durchgehe“, sagte sie, „dann will ich auch wieder zurück. Keine Tricks.“

„Keine Tricks“, sagte der Chor. Aber es klang, als wäre es ein Versprechen, das man sehr genau prüfen musste.

Liora zog aus dem Rucksack eine kleine Kugel, kaum größer als eine Murmel. Sie war aus dunklem Glas und hatte innen einen hellen Kern, der wie ein eingefangener Sonnenstrahl glühte.

„Signalperle“, erklärte sie, obwohl niemand danach gefragt hatte. „Wenn ich sie werfe und sie nicht zurückkommt, war's das.“

„War's das“, flüsterten die Spiegel. „War's das.“

Sie holte tief Luft und warf die Perle gegen Spiegel 17.

Nichts zerbrach.

Die Kugel verschwand, als hätte sie der Spiegel verschluckt. Einen Herzschlag lang war es still. Dann tauchte die Perle wieder auf – aber nicht in Spiegel 17. Sie rollte aus einem schmalen Spalt am Boden, genau zwischen Spiegel 17 und 18, und blieb vor Lioras Schuh liegen.

Liora bückte sich und tastete über die Steinplatte. Da war eine Linie, kaum spürbar, wie ein Haar im Stein. Und dort, wo die Perle herausgekommen war, fühlte sich der Stein warm an.

„Ha!“, rief sie. „Ihr habt euch verraten.“

„Verraten“, sagte der Chor, und diesmal klang es beinahe stolz.

Liora nahm ihren Stift und zeichnete einen kurzen Strich auf den Boden – nicht mit Tinte, sondern mit einem winzigen, schimmernden Licht. Der Strich blieb wie ein Leuchtfaden liegen.

„Das ist mein Anker“, sagte sie. „Damit ich die Richtung nicht verliere.“

„Richtung“, antworteten die Spiegel.

Sie schob beide Hände an die Stelle am Boden und drückte. Erst passierte nichts. Dann summte es tiefer, wie ein riesiger, schläfriger Käfer. Der Stein gab nach und glitt zur Seite, als hätte er Rollen darunter.

Ein schmaler Schacht öffnete sich. Kalte Luft stieg auf, riechend nach Metall und nach etwas Süßem, das Liora nicht kannte.

Aus dem Dunkel kam ein Flüstern, nicht aus Spiegeln, sondern aus dem Gang selbst: „Liora…“

Sie erstarrte. „Wer ist da?“

Die Spiegel antworteten nicht im Chor. Sie hielten den Atem an.

Dann sagte eine einzelne, klare Stimme aus dem Schacht: „Endlich.“

Liora spürte, wie Freude und Vorsicht gleichzeitig in ihr aufsprangen – wie zwei Ziegen, die sich auf demselben Hügel treffen und erst mal gucken, wer ausweicht.

„Ich komme runter“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. „Aber wenn da unten ein Fisch ist, der reden kann, gehe ich wieder hoch.“

„Reden“, wisperte der Chor, und irgendwo zeigte Spiegel 18 kurz einen Fisch, der eindeutig grinste.

Kapitel 3: Unter dem Kreis

Die Stufen nach unten waren nicht aus Stein, sondern aus einem dunklen Material, das sich anfühlte wie warmes Glas. Unter jedem Schritt leuchtete kurz ein Muster auf, als würde der Gang sich merken, wo sie hintrat.

Liora ließ ihre Signalperle über die Stufen rollen. Sie leuchtete in der Dunkelheit wie ein kleiner Mond, blieb aber immer ein Stück vor ihr, als hätte sie es eilig.

Der Schacht führte in einen Korridor, der sich drehte wie eine Schnecke. Die Wände waren mit Platten bedeckt, in denen winzige Zahnräder steckten, aber zwischen den Zahnrädern waren eingravierte Symbole, die an Sterne und Blätter erinnerten. Technik und Magie, eng verschränkt, als hätten sie sich beim Spielen ineinander verknotet.

„Das ist… wunderschön“, flüsterte Liora, und diesmal meinte sie es ohne einen einzigen ironischen Haken.

Aus einer Nische löste sich etwas. Erst sah es aus wie ein Stück Schatten. Dann formte es sich zu einer Gestalt: nicht größer als Liora, schlank, aus schimmernden Linien zusammengesetzt. Wo ein Gesicht sein sollte, war eine glatte Fläche, in der sich für einen Moment Lioras Augen spiegelten.

„Du bist spät“, sagte die Gestalt.

Liora starrte sie an. „Das habe ich heute schon gehört.“

„Dann hast du gut zugehört“, sagte die Gestalt. Ihre Stimme klang wie eine Mischung aus Glocke und Datenklick. „Ich bin Nox. Wächter der unteren Schleife.“

„Nox“, wiederholte Liora. „Also… ein echter Wächter. Und was bewachst du?“

Nox hob die Hand. In der Luft erschien ein schwebendes Bild: die Rotunde oben, dann der Gang, dann ein weiterer Raum – ein Kreisraum, in dessen Mitte ein riesiges, stehendes Spiegelportal schimmerte. Um das Portal kreisten kleine Lichter wie Glühwürmchen.

„Das Gleichgewicht“, sagte Nox. „Der Durchgang ist nicht nur ein Weg. Er ist eine Waage. Jede Bewegung oben hat ein Echo unten. Und jedes Echo unten antwortet oben.“

Liora schluckte. „Darum der Chor.“

„Darum der Chor“, bestätigte Nox. „Die Spiegel sind Resonatoren. Sie halten die Welt in einer Stimmung, die nicht zerreißt.“

Liora runzelte die Stirn. „Und wenn jemand… die Stimmung verstimmt?“

„Dann kippt die Waage.“ Nox' glatte Gesichtsfläche zeigte keine Mimik, aber die Stimme wurde schärfer. „Jemand ist bereits hier gewesen. Jemand hat versucht, das Portal zu öffnen, ohne die Regeln zu kennen.“

Liora dachte an den Schatten im Spiegel. „Wer?“

Nox ließ das Bild wechseln. Es zeigte keine Person, sondern eine Spur: dunkle Schlieren, die über die Platten gekratzt waren, als hätte jemand einen kalten Stift über Wärme gezogen.

„Ein Sammler“, sagte Nox. „Er sammelt Dinge, die nicht ihm gehören: Töne, Licht, Freude. Er nennt sich selbst Maestro. Er glaubt, er könne mit einem einzigen, lauten Akkord alles kontrollieren.“

Liora verzog das Gesicht. „Klingt anstrengend.“

„Er ist gefährlich“, sagte Nox. „Er hat ein Stück der Chor-Antwort aus der Rotunde herausgeschnitten. Deshalb flackern die Spiegel. Deshalb zeigen sie dir Dinge, die zu früh sind.“

Liora spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. „Ich dachte, ich hätte mir das eingebildet.“

„Du bist klug“, sagte Nox. „Du kartierst. Du verknüpfst. Du suchst Muster, wo andere nur Glanz sehen.“

Liora hob das Kinn. „Ich suche auch Snacks, aber ja. Was soll ich tun?“

Nox zeigte auf Lioras Notizbuch. „Deine Karte kann mehr, als du denkst. Sie kann nicht nur Wege zeichnen – sie kann Wege reparieren. Aber nur, wenn du Freude und Gleichgewicht zusammenhältst.“

Liora blinzelte. „Freude?“

„Freude ist nicht Kichern, wenn alles leicht ist“, sagte Nox. „Freude ist Licht, das bleibt, auch wenn es wackelt. Der Maestro stiehlt sie, weil er nicht versteht, wie man sie teilt.“

Liora musste plötzlich an ihr Lachen denken, an die Kiesel im Brunnen. Sie drückte ihre Signalperle in die Handfläche. „Dann teilen wir sie eben. Wo ist das Portal?“

Nox deutete den Gang entlang. „In der Kernkammer. Aber du musst vorsichtig gehen. Der Maestro hat Fallen aus Klang gebaut. Wenn du sie aus dem Gleichgewicht bringst, lösen sie sich.“

„Klangfallen“, murmelte Liora. „Natürlich. Warum nicht.“

Sie steckte das Notizbuch fest unter den Arm. „Los. Und Nox?“

„Ja.“

„Wenn du ‚Du bist spät‘ noch einmal sagst, nenne ich dich ‚Kartoffel‘.“

Einen Moment lang war Nox still. Dann sagte er: „Kartoffel.“

Liora prustete los, und ihr Lachen hüpfte durch den Gang. Die Zahnräder an der Wand klirrten fröhlich mit, als hätten sie es vermisst.

Kapitel 4: Die Fallen aus Klang

Je näher sie der Kernkammer kamen, desto mehr veränderte sich die Luft. Sie vibrierte. Nicht wie ein Wind, sondern wie eine gespannte Saite. Liora konnte es in den Zähnen spüren, als hätte sie auf Metall gebissen.

„Nicht singen“, flüsterte Nox.

„Ich singe nie“, flüsterte Liora zurück. „Nur unter Zwang. Oder bei wirklich guten Refrains.“

Sie gingen weiter. Der Boden war nun in schmale Felder eingeteilt. Auf jedem Feld lag ein Symbol: eine Spirale, ein Stern, eine Welle, ein Dreieck. Manche Symbole glimmten, als wären sie frisch gezeichnet.

„Tritt nur auf die Felder, die antworten“, sagte Nox.

„Wie sollen Felder antworten?“

Nox klopfte mit einem Finger auf eine Spirale. Ein leises „Ping“ erklang, klar und freundlich. Dann klopfte er auf ein Dreieck. Es antwortete mit einem dumpfen „Bumm“, das unangenehm im Bauch wummerte.

„Autsch“, sagte Liora. „Okay. Wir nehmen Ping, nicht Bumm.“

Sie zog ihren vibrierenden Stift heraus und hielt ihn über ein Feld. Die Spitze zitterte stärker, wenn es ein „Ping“-Feld war, und wurde träge bei „Bumm“-Feldern. Ein bisschen wie eine Nase, die gute Kekse erkennt.

„Ha! Mein Stift hat Geschmack“, flüsterte sie.

„Er hat Resonanz“, korrigierte Nox.

„Resonanz mit Geschmack“, sagte Liora und setzte den Fuß auf das nächste Ping-Feld. „So. Gleichgewicht. Linker Fuß, rechter Fuß. Nicht stolpern. Nicht singen.“

Sie kamen gut voran, bis Liora in der Ferne eine Bewegung sah: ein dünner, schwarzer Streifen, der über die Wand kroch wie Tinte in Wasser.

„Da“, flüsterte sie.

Nox' Linienkörper flackerte. „Der Maestro hat seine Spur hier dichter gemacht.“

Der schwarze Streifen zog sich über mehrere Symbole und machte aus Pings plötzlich Bumms. Liora sah, wie ein Feld, das eben noch freundlich geklungen hatte, jetzt dumpf antwortete.

„Er verstimmt die Felder“, sagte sie. „Er macht sie schwer.“

„Er macht sie einseitig“, sagte Nox. „Nur Laut. Nur Druck.“

Liora biss sich auf die Lippe. „Dann… müssen wir sie wieder… ausbalancieren.“

Sie nahm ihr Notizbuch, riss nicht etwa eine Seite heraus – das hätte es beleidigt –, sondern schlug eine leere Doppelseite auf. Mit dem Stift zeichnete sie eine Reihe kleiner Kreise, verbunden durch Linien, wie eine Kette. Dann legte sie die Seite flach auf den Boden vor dem verstimmten Bereich.

„Was tust du?“, fragte Nox.

„Ich baue eine Brücke“, sagte Liora. „Wenn der Boden nicht mehr antwortet, antwortet die Karte.“

Sie tippte mit dem Stift auf den ersten Kreis. „Ping“, machte es. Der zweite: „Ping“. Der dritte: ein zögerndes „Ping“, als hätte er sich erst erinnern müssen.

Liora atmete aus. „Siehst du? Freude hilft beim Erinnern.“

Sie trat auf die Notizbuchseite. Nichts riss. Die Seite wurde hart wie eine Platte, trug ihr Gewicht und leuchtete unter ihren Füßen.

„Das ist… ungewöhnlich“, sagte Nox.

„Ich bin… ungewöhnlich“, sagte Liora, und für einen Moment fühlte sie sich groß, als hätte sie einen Umhang aus Licht.

Sie gingen über die Karten-Brücke. Der schwarze Streifen zuckte, als wäre er beleidigt. Als Liora am Ende ankam, nahm sie das Notizbuch wieder hoch, und die Seite wurde weich und normal.

„Nimm das, Maestro“, murmelte sie.

Als Antwort erklang ein Ton, so fein, dass man ihn fast nicht hörte. Er kam aus der Kernkammer. Er klang wie jemand, der lächelt, ohne freundlich zu sein.

„Sie kommt“, sagte eine Stimme, die nicht der Chor war und nicht Nox.

Liora blieb stehen. „Das hat er gehört.“

„Er hört alles“, sagte Nox. „Er lebt von Echos.“

Liora schüttelte die Hände aus, als würden sie kribbeln. „Dann geben wir ihm ein Echo, das er nicht stehlen kann.“

„Welches?“, fragte Nox.

Liora grinste. „Meins.“

Kapitel 5: Der Maestro und das Portal

Die Kernkammer war ein Kreisraum wie die Rotunde oben, nur dunkler, tiefer, älter. In der Mitte stand das Portal: ein hoher Spiegelbogen, eingefasst von Metallringen, die sich langsam drehten. Auf den Ringen liefen Zahlen, aber zwischen den Zahlen wuchsen kleine, leuchtende Ranken, als hätte die Natur beschlossen, Mathematik zu umarmen.

Um das Portal schwebten die Glühwürmchenlichter, aber sie waren nicht frei. Dünne Fäden aus schwarzer Klang-Tinte hielten sie fest, wie unsichtbare Leinen.

Und davor stand der Maestro.

Er war groß, aber nicht auf eine normale Art. Seine Gestalt wirkte zusammengesetzt, als hätte jemand aus Schatten einen Mantel genäht und ihn mit glänzenden Kabeln zusammengeschnürt. Auf seinem Kopf saß eine Maske aus poliertem Metall, die kein Gesicht zeigte, nur ein dauerhaftes, zu breites Lächeln. In seiner Hand hielt er einen Stab, der zugleich Dirigentenstab und Antenne war.

Als Liora eintrat, drehte er sich ohne Hast um. „Ah“, sagte er. „Die Kartografin.“

„Und du bist der… Klangdieb“, sagte Liora. „Klingt wie ein schlechter Zauberer aus einem billigen Theaterstück.“

Der Maestro lachte, und sein Lachen war ein Akkord, der an den Wänden hängen blieb. „Worte sind niedlich. Aber Töne sind Macht.“

Nox stellte sich neben Liora, leicht vor sie, wie ein Schild. „Lass das Portal.“

„Das Portal?“ Der Maestro legte den Kopf schief. „Ich lasse gar nichts. Ich nehme. Und dieses Portal nimmt mich mit zu den Spiegeln oben. Zu all den Stimmen. Zu all der Freude, die sie verschwenden, indem sie sie teilen.“

Liora ballte die Fäuste. „Freude ist keine Münze, die weniger wird, wenn man sie weitergibt.“

„Doch“, sagte der Maestro sanft. „In meiner Welt schon.“

Liora schnaubte. „Dann ist deine Welt schlecht gebaut.“

Der Maestro hob den Stab. Die Metallringe am Portal beschleunigten sich. Die Glühwürmchenlichter zitterten.

Die Spiegeloberfläche im Portal begann, nicht Liora zu spiegeln, sondern Bilder der Rotunde oben: die Spiegel, die Kupferadern, der Kristall. Und mitten darin: die Stelle am Boden, wo Liora den Eingang geöffnet hatte.

„Er verbindet sich“, flüsterte Nox. „Wenn er durchkommt, verstimmt er den Chor endgültig.“

Liora riss ihr Notizbuch auf. Auf der Karte blinkten Linien, als würden sie Alarm schlagen. „Dann zeichne ich ihm eine Grenze.“

„Grenzen sind nur Linien“, spottete der Maestro. „Und Linien kann man übertönen.“

Liora spürte, wie ihr Mut kurz wackelte. Ein bisschen. Gerade genug, um ihn zu bemerken. Dann erinnerte sie sich an ihr Lachen, an die Kiesel im Brunnen, an den Moment mit Nox und dem Wort „Kartoffel“. Freude, die nicht flieht.

Sie setzte den Stift an und zeichnete einen Kreis um das Portal – aber nicht auf den Boden. Sie zeichnete in die Luft. Die Linie blieb stehen, leuchtend, und die Luft roch plötzlich nach Regen.

„Was…“, sagte der Maestro. Sein Lächeln auf der Maske blieb, aber die Stimme verlor die Ruhe.

„Das ist ein Resonanzring“, sagte Liora. „Er lässt nur durch, was im Gleichgewicht ist.“

Der Maestro schlug mit dem Stab auf den Boden. Ein lauter Ton knallte durch den Raum. Lioras Kreis zitterte.

„Nicht genug“, knurrte Nox. „Er ist zu stark.“

Liora nickte, als hätte sie das schon gewusst. „Dann brauche ich den Chor.“

„Der Chor ist oben“, sagte Nox.

„Nicht nur“, sagte Liora. Sie drehte sich zum Portal und rief mit klarer Stimme: „Spiegelrotunde! Antwortet!“

Einen Moment lang geschah nichts. Dann kam ein Flüstern, ganz leise, wie das erste Rascheln in einem Wald: „Antwortet… antwortet…“

Der Chor. Gedämpft, aber da.

Der Maestro fauchte und schickte einen zweiten Akkord, scharf wie Glas. Lioras Kreis bekam Risse aus Licht.

„Liora!“, rief Nox.

Liora presste die Zähne zusammen. „Ich weiß.“

Sie hob die Signalperle hoch. „Chor! Wenn ihr wirklich antworten wollt, dann nicht mit Angst. Mit Freude.“

„Freude“, kam es, jetzt stärker. „Freude… Freude…“

Liora lachte. Nicht, weil es lustig war, sondern weil es nötig war. Ihr Lachen sprang durch das Portal nach oben, wurde von den Spiegeln aufgefangen, vervielfacht, und kam wie ein warmer Wind zurück.

Die Glühwürmchenlichter begannen, sich zu lösen. Einer nach dem anderen riss ein schwarzer Faden.

Der Maestro hob den Stab, als wolle er das Lachen zerschneiden. „Still!“

„Nein“, sagte Liora. „Aber… ausgewogen.“

Sie zeichnete eine zweite Linie, nicht gegen den Maestro, sondern daneben: eine sanfte Welle, die sich an den Kreis anschmiegte. Der harte Ton des Maestros prallte nicht mehr direkt auf den Ring, sondern wurde gebremst, verteilt, wie Wasser, das gegen viele Steine statt gegen eine Wand läuft.

Nox' Stimme wurde ehrfürchtig. „Du gibst ihm Gegenton, ohne ihn zu spiegeln.“

„Balance“, keuchte Liora. „Nicht nur blocken. Umlenken.“

Der Maestro stolperte einen Schritt zurück. Zum ersten Mal klang er unsicher. „Du… du kannst nicht—“

„Doch“, sagte Liora. „Weil ich nicht allein bin.“

Der Chor oben sang jetzt deutlich. Die Spiegel antworteten einander, und die Antwort floss durch das Portal in die Kernkammer. Die Metallringe verlangsamten sich, als hätten sie wieder ihren eigenen Takt gefunden.

Der Maestro schüttelte den Stab, aber sein Ton brach, wie ein zu dünner Faden. Die schwarzen Klangfäden an den Glühwürmchen rissen vollständig, und die kleinen Lichter schwebten frei – und flogen nicht weg, sondern bildeten einen Kreis um Lioras Resonanzring, wie ein leuchtender Schutzkranz.

„Nein!“, rief der Maestro. Sein Lächeln blieb, aber es wirkte plötzlich wie eine Maske, die zu schwer geworden war.

Liora hob den Stift und setzte einen letzten Punkt auf ihre Luftlinie. Der Kreis schloss sich. Ein sanftes „Ping“ erfüllte den Raum, so klar, dass es fast wie Wasser klang.

Der Maestro wurde still. Dann begann er zu verblassen, als würde ihm der Klang fehlen, an dem er sich festhalten konnte. Seine Kabel wirkten plötzlich schlaff. Die Maske kippte schief.

„Freude…“, zischte er, als wäre es ein bitteres Wort.

„Kannst du lernen“, sagte Liora leise. „Aber nicht stehlen.“

Der Maestro löste sich auf – nicht in Staub, sondern in ein dunkles Rauschen, das in den Boden sickerte und dort verschwand, als hätte die Kammer es geschluckt und weggeschickt.

Das Portal zeigte wieder Liora. Einfach Liora, mit zerzausten Zöpfen und weit offenen Augen.

Sie ließ die Schultern sinken. „Puh.“

Nox stand still, dann sagte er trocken: „Du warst nicht spät.“

Liora lachte wieder, diesmal echt. „Danke.“

Kapitel 6: Die Antwort, die bleibt

Der Rückweg durch den Gang fühlte sich leichter an. Die Symbole auf dem Boden klangen wieder freundlich, als hätten sie eine Melodie gefunden, die ihnen gehört. Sogar das Dreieck machte nur noch ein vorsichtiges „Bum…“, eher wie ein höfliches Räuspern.

Als sie die Stufen hinaufstieg, spürte Liora, wie der Kristall in der Rotunde oben mit ihr mitklopfte. Einmal. Zweimal. Als würde er sagen: Ich bin noch da. Du bist noch da.

Sie schob die Steinplatte zurück an ihren Platz. Das Summen beruhigte sich. Dann stand sie wieder mitten im Spiegelkreis.

Die Spiegel waren anders. Nicht stiller – eher… ordentlicher. Ihre Bilder wackelten nicht mehr. Der Fisch in Spiegel 18 sah aus, als hätte er ausgeschlafen.

„Da ist sie“, sang der Chor. „Da ist sie.“

Liora drehte sich einmal im Kreis. „Ja, ja. Ich bin wieder da. Und ich habe euch etwas zurückgebracht.“

Die Glühwürmchenlichter aus der Kernkammer waren ihr gefolgt. Sie schwebten nun zwischen den Spiegeln und setzten sich wie kleine Sterne in die Kupferadern. Das Summen der Rotunde wurde klarer, wärmer.

Nox trat aus dem Schacht, blieb aber im Schatten der geöffneten Platte stehen. „Der Chor ist vollständig“, sagte er. „Die Antwort ist wieder ganz.“

Liora setzte sich auf den Boden der Mitte, das Notizbuch auf den Knien. Sie fühlte eine Müdigkeit, die angenehm war, wie nach einem langen Tag draußen, wenn man zwar erschöpft ist, aber innerlich leuchtet.

„Und der Durchgang?“, fragte sie.

Nox' Stimme war ruhig. „Er bleibt verborgen. Aber nicht vergessen. Du hast ihn kartiert. Du bist sein Gedächtnis.“

Liora strich über die Seite mit der Karte. Der Plan hatte sich verändert: Wo vorher nur Linien gewesen waren, glänzten nun kleine Punkte, wie Wegmarken aus Licht. Und am Rand stand ein neues Symbol, das sie nicht gezeichnet hatte: ein Kreis und eine Welle, miteinander verbunden.

„Das habe ich nicht gemacht“, sagte sie.

„Die Rotunde dankt dir“, sagte Nox.

Der Chor flüsterte: „Dank. Dank. Dank.“

Liora verzog das Gesicht, aber sie lächelte dabei. „Schon gut. Ihr müsst mir nicht ständig…“

„Kartoffeln“, sagte Spiegel 18 plötzlich.

Alle Spiegel wiederholten es, als hätten sie es geübt: „Kartoffeln. Kartoffeln. Kartoffeln.“

Liora starrte einen Moment lang, dann brach sie in Gelächter aus, so sehr, dass sie sich den Bauch hielt. „Ihr seid unmöglich!“

„Unmöglich“, antworteten sie begeistert.

Nox stand steif daneben, aber in seinem Linienkörper flackerte etwas, das fast wie ein Lächeln wirkte. „Das ist Freude“, sagte er, als würde er eine wichtige Entdeckung festhalten. „Nicht als Beute, sondern als Klang, der herumgehen darf.“

Liora wischte sich eine Träne aus dem Auge. „Und Gleichgewicht“, ergänzte sie. Sie sah zu den Spiegeln. „Ihr könnt laut sein, aber nicht grausam. Ihr könnt witzig sein, aber nicht verletzend. Ihr könnt vieles zeigen, aber nicht alles durcheinanderwerfen.“

Der Chor wurde leiser, aufmerksamer. „Wir halten. Wir antworten.“

„Genau“, sagte Liora. Sie stand auf, schulterte ihren Rucksack und klopfte auf das Notizbuch. „Und ich kartiere weiter. Nicht um alles zu besitzen, sondern um mich nicht zu verlieren.“

Sie ging zum Ausgang, blieb aber an der Schwelle stehen. Draußen war der Himmel wie eine große, stille Kuppel. Drinnen sang die Rotunde in sich hinein.

„Nox?“, rief sie über die Schulter.

„Ja.“

„Wenn wieder jemand versucht, eure Freude zu klauen…“

„Dann rufen wir dich?“, fragte Nox.

Liora grinste. „Nein. Dann ruft ihr zuerst euch selbst. Und wenn das nicht reicht… dann ruft mich. Ich bin nämlich nicht spät. Ich komme nur… dramatisch.“

Die Spiegel antworteten im Chor, warm und hell: „Dramatisch.“

Liora trat hinaus. Hinter ihr schloss sich die Tür nicht mit einem Knall, sondern mit einem sanften „Ping“, als hätte die Rotunde gelernt, dass ein Ende auch ein Anfang sein kann.

Und irgendwo in einem Spiegel, tief im Kreis, glomm ein kleiner Punkt auf der Karte – nicht als Warnung, sondern als Versprechen: Es gibt immer noch Wege. Und wenn man sie mit Freude und Gleichgewicht geht, antwortet sogar das Glas.

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Rotunde
Ein runder Raum oder Turm, oft mit einer Kuppel oben, innen kreisförmig.
Kupferadern
Dünne Streifen oder Drähte aus Kupfer, die Strom oder Signale leiten können.
Runen
Alte, oft geheimnisvolle Zeichen, die wie Buchstaben aussehen.
Passage
Ein schmaler Weg oder Durchgang, manchmal zwischen Räumen oder Mauern.
Signalperle
Eine kleine Kugel, die ein Zeichen gibt oder Licht sendet, um etwas zu prüfen.
Schacht
Ein enger, meist tiefer Gang oder Tunnel, der nach unten führt.
Resonatoren
Dinge, die Töne oder Schwingungen aufnehmen und wiedergeben können.
Kernkammer
Ein wichtiger Raum im Inneren eines Gebäudes, oft zentral und besonders.
Klangfallen
Spezielle Fallen, die mit Geräuschen oder Tönen funktionieren und reagieren.
Resonanzring
Ein kreisförmiges Feld oder Ring, der Schwingungen lenkt oder schützt.
Karten-Brücke
Eine Brücke aus einer gezeichneten Karte, die als Weg oder Hilfe dient.
Glühwürmchenlichter
Kleine, leuchtende Lichter wie bei Glühwürmchen, die im Raum schweben.

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