Heute wird Linas Bauch ganz kitzelig, noch bevor sie die Augen aufmacht. Vier Jahre! Das ist groß. Sie streckt die Arme wie ein Stern. „Guten Morgen, Geburtstag!“, flüstert sie.
In der Küche riecht es nach warmen Brötchen. Mama hat eine Papierkrone auf dem Kopf, schief wie ein lustiger Turm. Papa trägt eine Schürze mit einem aufgemalten Bären. Der Bär zwinkert, fast.
„Happy… äh… alles Gute!“, sagt Papa und tut so, als würde er eine Trompete spielen. Pffft-pffft!
Lina lacht. „Ich bin vier!“, sagt sie und zeigt vier Finger. Dann noch einen Daumen. „Ups. Das ist fünf.“
„Der Daumen feiert nur mit“, sagt Mama.
Auf dem Tisch steht ein kleiner Kuchen. Daneben liegen bunte Karten. Lina liebt Karten. Karten kann man öffnen, lesen, wieder schließen. Wie kleine Türen.
„Heute kommen Freunde“, sagt Mama. „Wollen wir vorbereiten?“
Lina nickt. Sie holt ihren kleinen Rucksack. Darin: ihre Sammelkarten mit Tieren. Eine Karte zeigt einen Pinguin mit Schal. Eine zeigt ein Krokodil mit Zahnbürste. Lina findet: Tiere mit Sachen sind besonders nett.
„Ich mache einen Kartentausch“, sagt Lina stolz. „Damit alle was Schönes haben.“
„Gute Idee“, sagt Papa. „Aber wie tauscht man respektvoll?“
Lina denkt. Sie tippt sich an die Nase. „Man fragt. Man sagt bitte. Und man sagt danke.“
„Genau“, sagt Mama. „Und wenn jemand nicht tauschen will, ist das auch okay.“
Lina nickt ganz ernst. Dann kichert sie. „Und niemand beißt die Karten an.“
„Sehr wichtig“, sagt Papa. „Sonst schmecken sie nach Pappe.“
Sie pusten Luftballons auf. Lina zählt laut: „Eins, zwei, drei, vier!“ Der vierte Ballon fliegt weg wie ein kleiner Mond und landet auf Papas Kopf. Plopp.
„Ich bin jetzt ein Ballon-Papa“, sagt Papa feierlich.
Lina klebt Sterne aus Papier an die Wand. Jeder Stern bekommt einen Namen: „Glitzer“, „Funkel“, „Piep“. Der kleinste Stern heißt „Keks“, weil Lina dabei an Kekse denken muss.
Dann packen sie kleine Teller. Mama stellt Erdbeeren hin, rot wie Linas Haargummi. Papa stellt Saft hin, der wie Sonnenlicht aussieht.
„Jetzt fehlt nur noch…“, sagt Lina.
Da klingelt es.
Vor der Tür stehen Mila und Ben aus dem Kindergarten. Mila hält eine Tüte. Ben trägt eine Mütze mit Punkten. Hinter ihnen kommt auch Sami, der neu in der Gruppe ist. Er schaut ein bisschen schüchtern, aber seine Augen sind neugierig.
„Hallo!“, ruft Lina. „Kommt rein! Ich bin vier! Also… wirklich vier!“
„Wir wissen“, sagt Mila und lacht. „Du hast es gestern schon dreimal gesagt.“
„Und heute sage ich es noch zehnmal“, sagt Lina. „Weil Geburtstag ist!“
Alle ziehen Schuhe aus. Lina zeigt auf den Tisch mit den Karten. „Ich mache Kartentausch. Wer will?“
Mila nimmt vorsichtig eine Karte mit einer Katze im Regenmantel. „Die ist süß. Darf ich tauschen?“
„Ja“, sagt Lina. „Welche gibst du mir?“
Mila gibt Lina eine Karte mit einem Hasen, der einen Ball hält. Lina strahlt. „Danke!“
Ben will die Pinguin-Karte. „Bitte“, sagt er und hält eine Karte mit einem Elefanten hoch.
Lina schaut auf ihren Pinguin. Sie mag ihn sehr. Sie atmet einmal. „Ich muss überlegen“, sagt sie.
Ben wartet. Er wackelt mit den Zehen. „Okay.“
Lina lächelt. „Ich tausche. Der Elefant ist auch toll. Und der Pinguin bekommt bei dir bestimmt warme Socken.“
„Versprochen“, sagt Ben.
Sami steht noch still. Lina geht zu ihm. „Möchtest du auch? Du musst nicht.“
Sami nickt langsam. „Ich… habe nur zwei Karten“, sagt er leise.
„Zwei ist super“, sagt Lina. „Vier ist auch nur eine Zahl. Zwei ist eine prima Zahl.“
Sami lächelt ein bisschen. Er zeigt eine Karte mit einem Fuchs, der einen kleinen Kuchen trägt.
„Oh!“, sagt Lina. „Der Fuchs hat Geburtstag wie ich!“
Sami hält die Karte fest. „Die mag ich.“
„Dann behältst du sie“, sagt Lina sofort. „Du kannst trotzdem mitspielen.“
Sami schaut überrascht. „Echt?“
„Echt“, sagt Lina. „Respekt heißt: Deine Karte ist deine Karte.“
Sami nickt. Dann kramt er und zeigt die zweite Karte: eine Schnecke mit einem bunten Hut. „Die könnte ich tauschen.“
Lina findet in ihrem Stapel eine Karte mit einem Hund, der winkt. „Willst du den Hund?“
Sami lacht. „Der winkt wie du.“
„Dann passt er zu dir“, sagt Lina.
Sie tauschen. Sami sagt „Danke“. Lina sagt „Danke“. Es klingt wie zwei kleine Glöckchen.
Dann spielen sie Topfschlagen. Lina setzt einen Kochtopf auf ihren Kopf wie einen Helm. „Ich bin Küchen-Ritterin!“, ruft sie. Alle lachen. Ben ruft: „Links! Rechts! Stopp!“
Mila klatscht. Sami sagt leise: „Du bist nah.“ Lina findet den Topf. „Ta-daa!“ Darunter liegt ein kleiner Schokokeks. Lina teilt ihn. „Ein Stück für dich, ein Stück für dich…“, sagt sie. Auch für Sami.
Als es Zeit für den Kuchen ist, zünden Mama und Papa vier Kerzen an. Die Flammen tanzen wie kleine goldene Punkte.
„Wünsch dir was“, flüstert Mama.
Lina denkt an Karten, an Freunde, an warmes Lachen. Sie pustet. Pffff! Alle Kerzen gehen aus. Alle klatschen.
„Ich wünsche mir, dass wir oft zusammen spielen“, sagt Lina.
„Das ist ein guter Wunsch“, sagt Papa.
Am Ende sitzen alle auf dem Teppich. Die Luftballons schaukeln leise. Lina hält ihre neue Hasen-Karte. Sami hält den winkenden Hund. Mila und Ben zeigen ihre Karten und grinsen.
„Geburtstag ist schön“, murmelt Lina und gähnt.
Mama streicht ihr über die Haare. „Und du bist schön müde.“
Lina kuschelt sich an ihr Kissen. Draußen wird der Himmel langsam dunkel, drinnen ist es warm und hell.
„Gute Nacht, vier“, flüstert Lina.
„Gute Nacht, Lina“, sagen die Stimmen ganz sanft. Und in ihrem Kopf winkt ein Hund, ein Fuchs trägt Kuchen, und alle Karten sagen leise: Bitte. Danke. Zusammen.