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Fantastische Geschichte der Zauberei 9/10 Jahre Lesen 24 min.

Lina und der rote Faden zur Wahrheit

Lina, ein junges Mädchen mit der Fähigkeit, mit Magie zu kommunizieren, übernimmt die Verantwortung in der Buchbinderei ihres Meisters, während er auf dem Markt ist, und entdeckt ein mysteriöses Versprechen, das in den Seiten eines alten Buches verborgen ist. Mit Hilfe von Frau Moos, der Kräuterfrau, und dem roten Faden der Wahrheit begibt sie sich auf eine Reise, um das Geheimnis zu lüften und das Versprechen zu erfüllen.

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Eine junge Hexenschülerin, Lina, ein neunjähriges Mädchen, steht in einem alten, mit Efeu überwucherten Turm. Sie hat zerzaustes braunes Haar, trägt ein nachtblaues Hexenkleid und einen leicht schiefen spitzen Hut. Sie ist konzentriert, mit weit geöffneten Augen, und hält einen magischen Spiegel, der einen sanften goldenen Schimmer ausstrahlt. Neben ihr beobachtet eine etwa siebzigjährige Frau, Madame Moos, mit grauem, unordentlichem Haar und runden Brillen, mit einem wohlwollenden Lächeln. Sie sitzt auf einem Holzschemel, umgeben von alten Büchern und Gläsern mit getrockneten Pflanzen. In einer Ecke des Raums sitzt ein kleiner Uhu, Tinte, auf einem Regal und beobachtet die Szene neugierig mit runden Augen. Der Turm ist gefüllt mit alten Pergamenten, schimmernden Fläschchen und halb geschmolzenen Kerzen, was eine geheimnisvolle und verzauberte Atmosphäre schafft. Die Hauptsituation zeigt Lina, die ein Geheimnis im Spiegel entdeckt, während goldenes Licht ihr Gesicht erleuchtet und tanzende Schatten auf die steinernen Wände des Turms wirft. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Erster Morgen im Leimraum

Lina stand auf der kleinen Trittleiter und roch den warmen Geruch von frischem Leim und altem Papier. Die Buchbinderei von Meister Hummel war ein Labyrinth aus Regalen, dazwischen lagen Stoffbahnen, Federn, Musterkartons und ein verbeultes Messinglineal, das überallhin wanderte. Lina war neun Jahre alt, trug eine schmutzige Schürze und hatte die Finger immer ein bisschen klebrig — eine Art Ehrenzeichen in der Werkstatt. Sie konnte mit Dingen sprechen. Nicht mit Worten, wie Menschen es tun, sondern mit einem leisen Knistern im Kopf, einem Flüstern, das sie verstand. Die Seiten von Büchern seufzten, die Nadeln wünschten sich eine Pause, und die Kleiderbänder erzählten von Reisen.

„Also gut, Lina,“ sagte Meister Hummel, ohne sich umzudrehen. Sein Hut war schief, und auf seiner Schulter ruhte eine kleine Eule namens Tinte, die ein Auge halb geöffnet hatte. „Heute geh' ich auf den Markt. Du passt auf. Keine Experimente mit verzauberten Ledereinbänden, ja? Die rote Seide ist für die Aufträge.“

Lina nickte. „Versprochen, Meister.“ In ihrem Kopf zupfte der rote Faden an ihr — nicht sichtbar, nur ein Gefühl, als würde etwas leise an ihrem Ärmel ziehen. Sie wusste nicht, ob es Einbildung war. Vielleicht war es auch nur der Morgenkaffee, der fehlte.

Meister Hummel packte seinen Korb. Er war verschwunden, ehe die Uhr im Laden zwölf schlug. Tinte schlug ein letztes Mal mit den Flügeln und setzte sich auf den Rand des Arbeitstisches, als wolle sie wachen.

Wenn Meister Hummel auf dem Markt war, hieß das für Lina Verantwortung. Die Klingel über der Tür summte bei jedem Kunden, und Lina begrüßte jeden mit einem Lächeln. Sie reparierte Notizbücher, sammelte lose Seiten zusammen, heftete Einbände. Die Werkstatt fühlte sich an wie ein lebendes Wesen: Die Bücher murmelten alte Geschichten, die Stempelkissen schnarchten und die Scheren kicherten manchmal, wenn sie ihr eigenes Spiegelbild sahen.

Am Nachmittag kam Frau Moos herein, wie immer mit einem Strauß trockener Kräuter und einem Mantel voller Taschenuhren, die leise tickten. Sie war die Kräuterfrau des Viertels, mit Augen, die zu allem zugleich freundlich und wissend blickten.

„Guten Tag, Lina.“ Frau Moos setzte ihren Korb ab und schnupperte. „Bist du allein? Meister Hummel ist auf dem Markt, nicht wahr?“

„Ja. Ich passe auf,“ antwortete Lina stolz. „Willst du etwas lassen?“

Frau Moos lächelte. „Ich suche ein altes Notizbuch. Nicht groß, mit Fadenheftung. Du wirst wissen, welches ich meine.“ Ihre Stimme senkte sich. „Nicht alles, was alt aussieht, zeigt seine Geschichten freiwillig.“

Lina ging zum Regal. Zwischen einem Wälzer über Sternbilder und einem dünnen Band über Kartoffelpüree, fand sie ein Buch, das aussah, als hätte es viele Winter gesehen. Sein Leder war rissig, und eine Ecke der Einbanddecke war mit einem kleinen Kupferstift geflickt. Als ihre Hand das Buch berührte, spürte sie ein kleines Ziehen — wie ein Herzschlag.

„Das ist es,“ sagte Frau Moos leise. „Behalt es bei dir, bis ich zurückkomme. Es gehört jemandem, der es dringend braucht.“

Lina nahm das Buch. Es war schwerer, als es aussah. Auf dem ersten Blatt war eine handschriftliche Notiz, die aussah, als sei sie mit Eile geschrieben worden: Verspreche, was du nicht nehmen kannst. der rote Faden zeigt den Weg. Mit dir oder gegen dich. — Lina runzelte die Stirn. Worte, die nicht vollständig waren, fühlten sich an wie ein Knoten, der noch gebunden werden musste.

„Ich passe auf,“ sagte sie noch einmal. Frau Moos blickte sie an, als würde sie in ihren Kopf sehen. „Das ist gut, Lina. Manchmal sind Versprechen wie Pflanzen: wenn man sie ignoriert, welken sie. Wenn man sie pflegt, wachsen sie in die Richtung, die sie wollen.“

Nachdem Frau Moos gegangen war, legte Lina das Buch auf einen freien Tisch, öffnete es und blätterte vorsichtig. Zwischen den Seiten hing ein dünner, roter Faden — gerade so, dass er ein bisschen aus dem Buch herausschaute. Er war nicht mehr als ein Haar. Doch er vibrierte leicht, als ob er atmete.

„Na, du bist also der Rote Faden,“ flüsterte Lina. Der Faden antwortete nicht mit Worten, sondern mit einem warmen Kitzeln in ihrer Hand. Sie zog behutsam. Er glitt leicht und zog dann plötzlich an — nicht schmerzhaft, eher ein Ruf. Lina folgte dem Ziehen, als wäre es ein Pfad durch den Laden.

Die Glocke klingelte. Ein kleiner Junge mit schmutzigen Knien stand in der Tür. Seine Mutter stand hinter ihm, die Augen besorgt.

„Unser Lieblingsbuch hat eine Seite verloren,“ sagte sie. „Es war ein Geschenk. Können Sie…?“

Lina hielt das Buch fest, den roten Faden zwischen den Fingern. „Wir reparieren das.“ Sie legte die Seite an ihren Platz. Während sie nähte, fühlte sie, wie der Faden leicht vibriert — zufrieden, dass ein Versprechen eingelöst wurde, auch wenn es nur ein kleiner Dienst an einem verlorenen Buch war. Der Junge lächelte, und die Welt schien ein kleines Stück ordentlicher zu werden.

Als die Dämmerung nahte, schloss Lina die Werkstatt ab. Sie legte das alte Buch unter den Ladentisch, den roten Faden sichtbar, wie ein Herz, das im Dunkeln leuchtet. „Morgen,“ flüsterte sie, und die Fäden im Raum murmelten gute Nacht.

Die erste Fährte

In der Nacht konnte Lina kaum schlafen. Der rote Faden zog an ihren Träumen und entzündete Bilder: eine Brücke, die aus Knöpfen bestand; ein Fluss, der Geschichten schwamm; und ein kleines Mädchen, das ein Versprechen flüsterte. Morgens schlüpfte sie in ihre Stiefel und ging zur Buchbinderei. Die Tür war noch warm von gestern, und Tinte, die Eule, schüttelte den Schlaf aus den Federn.

„Du hast wahrscheinlich gestern wieder an etwas gedacht,“ krächzte Tinte. „Ich hab's im Traum gerochen. Alte Notizen.“

Lina setzte sich an den Tisch und zog den roten Faden heraus. Er war länger als gestern, als hätte er über Nacht gewachsen. Er führte zur Rückseite des Buches, wo eine geheime Falte war. Lina öffnete die Falte und fand eine winzige Mappe. Darin lag eine versiegelte Bleistiftzeichnung: eine Brücke mit Zifferblättern als Planken, und auf der Rückseite eine neue Notiz: Erinnere dich an das Versprechen. Folge dem Faden, wenn du bereit bist.

„Ich bin bereit,“ murmelte Lina. Sie wickelte den Faden um ihren Finger wie einen Mutzeiger und folgte ihm aus der Buchbinderei. Auf dem Markt war reges Treiben. Händler boten Gewürze, geschnitzte Holztiere glotzten mit leeren Augen und auf einer Ecke spielte ein Mann Melodien auf einem Instrument, das eine Mischung aus Laute und Regenklang war.

Der rote Faden zog Lina durch die Menschenmenge wie eine unsichtbare Leine. Er führte sie an Ständen vorbei, unter bunten Stoffdächern durch, über einen Platz mit einem Brunnen aus Glas, in dessen Wasser kleine Schriftzeichen tanzten. Er zog sie sanft, ohne Hast, bis sie an der Krämerbrücke stehen blieb — der Brücke auf der Zeichnung.

Die Krämerbrücke war alt und schief. An jeder Planke hing eine Taschenuhr, und wenn Besucher darüber liefen, tickten Millionen von Uhren in einem chaotischen Rhythmus. Lina trat an den Rand und sah, wie der rote Faden zwischen den Uhren hindurchglitt, als wäre er ein Fisch im Strom. Unter der Brücke floss ein Fluss, aber das Wasser war kein Wasser: es war Tinte, tief schwarz und glänzend, und Worte schwammen auf seiner Oberfläche wie Blätter.

„Man sagt, jede Uhr hier birgt eine Erinnerung,“ murmelte Tinte neben ihr. „Manche Menschen kaufen sie, um die Zeit zu behalten. Andere, um die Zeit zu verleugnen.“

Lina beugte sich über das Geländer. Der Faden tauchte ins Tintenfließen und leuchtete wie ein kleiner Stern. Er spannte sich in die Tiefe, als würde er nach etwas suchen. „Was suchst du?“ fragte Lina leise.

Aus dem Fluss stieg ein leises Flüstern auf, als hätten die Wörter Stimmen. Lina spürte die Worte wie kleine Küsse am Ohr: Versprechen. Erinnerung. Wahrheit. Sie folgte dem Flüstern und kroch unter die Brücke. Dort, zwischen Schatten und dem Geruch von Ozon, lag ein kleines Buch, halb unter Algen aus Papier. Es war dasselbe Buch wie in der Werkstatt — oder doch ein anderes Exemplar, ganz gleich wie die Zeitspielereien waren.

Der rote Faden führte zu einer kleinen Öffnung im Buch. Als Lina ihn verfolgte, spürte sie, wie ihr Herz schneller schlug. Der Faden zog und zog, bis er straff wurde — dann plötzlich stoppte er. Ein winziges, leises Kichern erfüllte die Luft.

„Wer ist da?“ rief Lina.

„Nur die Wahrheit,“ antwortete eine Stimme, wie ein Blatt, das sich im Wind dreht. Es war freundlich, aber neugierig. „Manchmal bin ich verborgen. Manchmal bin ich bunt. Manchmal bin ich… stur.“

„Warum versteckst du dich?“ fragte Lina.

„Weil Menschen manchmal Angst vor mir haben,“ sagte die Stimme. „Du suchst mich, Lina mit dem zipfeligen Hut der Zuversicht, weil du etwas versprochen hast — oder weil jemand anderes ein Versprechen abgab, das nicht gehalten wurde.“

Lina erinnerte sich an die Notiz aus dem Buch: das Versprechen. Eine Pflicht wuchs in ihr, nicht wie ein schwerer Fels, sondern wie eine Laterne, die den Weg beleuchtete. „Ich werde helfen,“ sagte sie.

„Gut.“ Die Stimme lachte leise. „Die Wahrheit mag rote Fäden, aber sie ist kein einfacher Freund. Sie braucht Mut. Folge dem Faden, und pass auf, dass du nicht nur nach draußen folgst, sondern auch nach innen.“

Lina atmete tief durch. Sie zog den Faden heraus, und er glänzte wie frisch gespannte Seide. Er führte sie aus dem Fluss heraus, hoch über die Brücke bis zu einem verwitterten Haus mit einer Tür in Form eines Herzens. Auf der Tür hing ein Schild: Vergessenes Gelände. Betreten auf eigene Erinnerung.

„Also,“ flüsterte Tinte. „Das klingt nach einem Ort, an dem man Dinge findet, die andere verloren. Oder Dinge, die sie nie hatten.“

Lina klopfte. Die Tür öffnete sich von selbst, als hätte sie auf ein Versprechen gewartet.

Die Hüterin der alten Versprechen

Drinnen war es wie in einem Bienenstock aus Geschichten: Regale reichten bis zur Decke, überall hingen Zettel, und aus einer Ecke kam der Duft von frisch gebackenen Seiten. In der Mitte des Raumes saß eine Frau mit Haaren wie trockenes Moos — es war Frau Moos. Ihre Augen funkelten, als sei sie viel jünger, als ihr Aussehen vermuten ließ.

„Ich wusste, du würdest kommen,“ sagte Frau Moos und stand auf. „Der Faden hat mir gestern geflüstert, dass er sich in gute Hände wagt.“

Lina trat näher. „Frau Moos, wem gehört das Buch?“

Frau Moos schüttelte den Kopf. „Viele Bücher gehören vielen Leuten. Manche haben Namen. Manche tragen Versprechen. Dieses Buch trägt ein besonderes Versprechen. Es gehörte einst einer Geschichtensammlerin namens Alia. Sie schrieb nicht nur Geschichten auf — sie verbriefte Versprechen. Sie setzte rote Fäden in ihre Bände, damit verlorene Versprechen wiedergefunden werden konnten. Aber eines Tages verschwand sie, und ihre Fäden lockerten sich.“

„Und jetzt?“ fragte Lina.

„Jetzt zeigt der Faden dir den Weg. Aber pass auf: Nicht jeder Faden führt zur Wahrheit. Manche führen in Erinnerungen, die besser ungestört bleiben. Du musst unterscheiden.“ Frau Moos reichte Lina eine kleine Schachtel mit getrockneten Lavendelblüten. „Wenn du unsicher bist, reib einen Lavendelblütenkranz zwischen den Handflächen. Er hilft, das Herz zu klären.“

Mit Frau Moos an ihrer Seite nahm Lina das Buch wieder in die Hände. Der rote Faden kribbelte wie ein lebendiges Tier. Zusammen entzifferten sie die Hinweise: eine Karte, die nur sichtbar war, wenn man sie im Schein einer Taschenlampe betrachtete; ein Gedicht, das nur zu singen war, wenn eine Uhr im Takt schlug. Die Hinweise führten zu einem alten Turm, der am Rand der Stadt stand, überwuchert von Efeu und Wurzeln.

„Alia hat dort oft geschrieben,“ sagte Frau Moos. „Wer weiß, ob etwas von ihr noch da ist.“ Sie setzte sich auf einen Hocker und blickte Lina ernst an. „Wenn du das Versprechen findest, musst du es erfüllen. Versprechen brauchen Hände, die sie halten.“

Lina fühlte eine Wärme in der Brust. Nicht nur Verantwortung, sondern Freude. Es war, als würde ein verlorenes Stück ihres eigenen Herzens wiederfinden, wonach es suchte. Sie band den roten Faden um ihren Arm wie ein Armband und machte sich mit Tinte und Frau Moos auf den Weg.

Der Turm war größer, als Lina erwartet hatte. Seine Steine hatten Geschichten eingeritzt, und oben, in einem Fenster, leuchtete ein einsames Licht. Als sie eintraten, wehte ein Hauch von Pergament und Zimt um sie herum. Die Treppen knarrten, als müssten sie überrascht werden, dass Besucher kamen.

Auf der obersten Etage fanden sie ein Arbeitszimmer, das schien, als sei die Schreibtischecke gerade erst verlassen worden. Ein Stuhl stand schief, die Feder lag halbgetrocknet im Tintenfass, und auf dem Tisch lag ein halbfertiges Mandala aus roten Fäden. In seiner Mitte ruhte ein arkanes Kästchen, das mit Symbolen verziert war.

„Da ist etwas in dem Kästchen,“ murmelte Lina. Sie trat näher. Als sie den roten Faden in das Schloss führte, öffnete sich das Kästchen wie von Geisterhand. Innen lag ein kleiner Spiegel, der nicht klar spiegelte, sondern Bilder zeigte: Eine Straße bei Nacht, ein Mädchen, das weinte, eine Laterne, die ausging.

„Das ist ein Erinnerungs-Spiegel,“ flüsterte Frau Moos. „Er zeigt, was ein Versprechen zu erzählen hat. Manchmal ist es schön, manchmal ist es traurig. Aber immer wichtig.“

Lina beugte sich vor. Im Spiegel sah sie eine Szene: eine Frau, die einer kleinen Gestalt ein Bündel reichte, eine Umarmung, und dann — Stille. Die Frau war Alia. Das kleine Wesen war winzig, wie eine Puppe aus Papier. Es hatte Augen aus Knöpfen und trug einen Aufnäher in Form eines Herzens.

„Alia gab jemandem etwas, das er nie zurückgab,“ sagte Frau Moos. „Oder sie gab ein Versprechen, das niemand annahm. Das Versprechen flüsterte ‚Rette mich‘, aber die Stadt war laut.“

Plötzlich zog der rote Faden hart. Lina ließ den Spiegel los. Er führte sie zu einer verborgenen Schublade. Darin lag ein Papier, auf dem in hastiger Schrift stand: Dafür, wenn die Nacht zu dunkel wird — nimm diesen Faden. Find den Ort. Gib ihm Licht.

Lina wusste plötzlich, was zu tun war. Dieses Versprechen war nicht nur Papier. Es war ein Versprechen, das Licht bringen sollte, wenn jemand es am dringendsten brauchte. Sie band den roten Faden an das Kästchen, legte den Spiegel und die Notiz hinein, und verschloss es. „Wir bringen das Versprechen zurück,“ sagte sie fest. „Wir finden den Ort, wo die Nacht am dunkelsten ist.“

Der Weg durch die Schatten

Der Faden führte sie aus dem Turm, vorbei an der Stadtmauer und hinein in das Viertel der verlassenen Gassen. Dort waren die Laternen schwach, und die Häuser schienen den Atem anzuhalten. Kinder spielten hier nicht oft. Man sagte, die Schatten hätten dort Wurzeln geschlagen. Lina spürte, wie ihr Herz schneller schlug, aber der Lavendel in ihrer Tasche roch beruhigend.

„Versprechen sind manchmal Angstfänger,“ erklärte Frau Moos. „Wenn die Menschen sich nicht um ihre Versprechen kümmern, wachsen daraus Sorgen, die sich wie Ranken ausbreiten.“

Sie folgten dem Faden, der leise im Dunkel glühte. Unterwegs kamen sie an einer kleinen Tür vorbei, auf der in schiefen Buchstaben stand: Hier wohnen verlorene Mutproben. Lina klopfte, und eine winzige Stimme rief: „Wer klopft?“

„Lina,“ antwortete sie. „Wir suchen ein Versprechen.“

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Ein Knäuel von Socken und Papiersternen lugte heraus. Die Bewohnerin, ein Mädchen nicht viel älter als Lina, sah sie mit großen Augen an. „Ich habe mein Mutprobe-Versprechen verlegt,“ sagte sie. „Ich muss nachts zur Brücke, aber ich fürchte mich.“

Lina lächelte. „Dann bringen wir das Licht zur Brücke.“ Zusammen wickelten sie einen kleinen Faden um das Handgelenk des Mädchens, eine Miniaturversion des roten Bandes. „Wenn du den Faden fühlst, weißt du, du bist nicht allein.“

Das Mädchen lächelte so breit, dass Lina dachte, die Welt würde einen Moment heller. Solche kleinen Taten waren wie Pflaster auf den Ritzen der Stadt. Der rote Faden zog weiter, und sie folgten. Je näher sie kamen, desto dichter wurden die Schatten, aber Lina entdeckte etwas Seltsames: Wo der Faden verlief, flackerte die Dunkelheit sanft, als würde sie sich verneigen vor einem Licht, das noch kommen sollte.

An der ältesten Brücke der Stadt stand ein Laternenkind — eine Figur halb Mensch, halb Lampe, deren Glasauge schimmercap. Das Laternenkind weinte, und aus seinem Glasauge tropften winzige Funken. Seine Laterne war verloschen.

„Meine Flamme ist ausgegangen,“ flüsterte es. „Niemand zündet mich mehr. Ohne Licht vergessen die Wege ihre Namen.“

Lina kniete sich hin. Der rote Faden zog und legte sich um die Basis der Laterne. „Ich habe etwas,“ sagte sie und öffnete das Kästchen mit dem Spiegel. Aus dem Inneren kam ein warmes Leuchten. Sie hielt den Spiegel an die Laterne, und das Licht flutete heraus, nicht grell, sondern wie ein Morgenrot. Die Laterne atmete auf, und ein leises Lied begann, das die Namen der Wege flüsterte. Die Schatten wichen ein wenig. Das Laternenkind lächelte zum ersten Mal, seit Lina es kennen gelernt hatte.

„Du hast das Versprechen erfüllt,“ sagte Frau Moos leise. „Es ist erstaunlich, wie viel eine kleine Flamme ausrichten kann.“

Doch gerade als Lina dachte, die Welt würde sich beruhigen, zupfte der rote Faden heftig. Er rannte davon, schneller als zuvor. Lina sprang auf und rannte hinterher, mit Frau Moos dicht hinter ihr. Der Faden führte sie in ein verlassenes Dachzimmer, in dem ein kleines Häufchen Stoff lag — eine Gestalt zusammengerollt, die wie ein Mündel aussah. Als Lina näherkam, erkannte sie das Herzaugen-Aufnäherchen, das sie im Spiegel gesehen hatte.

„Alia's Papierkind,“ flüsterte Frau Moos. Es rührte sich kaum. Sein Papier war staubig, seine Falten gebrochen. Als Lina das Kästchen öffnete, leuchtete der Spiegel auf und zeigte eine Erinnerung: Alia, lachend, übergab dem Papierkind ein Bündel. Darin war ein Versprechen — ein Versprechen, das Wärme brachte.

„Wir müssen ihm das Versprechen zurückgeben,“ sagte Lina. Sie legte den Spiegel vor das Papierkind. Langsam, wie wenn ein Sonnenstrahl zuerst ein Samenkorn trifft, öffnete sich das Papierkind. Seine Knopfaugen blinzelten, und es zog den roten Faden zu sich heran, der sich um es legte wie eine Decke.

„Ich habe mich allein gefühlt,“ flüsterte das Papierkind. „Ich wartete, dass jemand kommt.“

Lina nahm seine Hand. „Wir sind da.“ Das Versprechen setzte sich wie ein kleiner Leuchtturm in seinem Inneren fest. Es sagte nicht viel, nur ein sanftes: Danke. Und das war genug. Langsam stand das Papierkind auf. Die Brüche in seinen Falten glätteten sich. Es hielt den Faden hoch, und ein Gefühl von Ruhe breitete sich aus.

Das Band wird ganz

Mit dem Papierkind an ihrer Seite führte Lina der rote Faden zurück zum Turm. Alia's Arbeitszimmer empfing sie mit dem Duft von Tinte. Frau Moos setzte sich auf den Stuhl, lächelte müde und glücklich.

„Manchmal,“ sagte sie, „sind Versprechen wie Pflanzen: man muss sie anhäufeln, gießen und schützen. Dann erinnern sie daran, wer wir sind.“ Sie sah Lina an. „Du hast gut gearbeitet.“

Lina legte das Kästchen auf den Tisch. Im Spiegel spiegelte sich nun eine andere Szene: Alia, die das Papierkind hielt, jetzt mit einem Lächeln, das wie ein Sonnenbogen war. Der rote Faden glühte sanft um das Kästchen, als wolle er sagen, dass die Verbindung wiederhergestellt war.

„Was passiert mit dem Faden jetzt?“ fragte Lina.

Frau Moos betrachtete die Spule. „Er wird weiterziehen, wenn ein neues Versprechen ruft. Aber manchmal bleibt ein Faden bei uns, warm und freundlich.“ Sie reichte Lina ein kleines Bündel: ein Stück des roten Fadens, zu einem Armband geflochten. „Für den Fall, dass du dein Licht einmal suchst.“

Lina band es sich um den Arm. Es fühlte sich an wie ein Puls, eine Bestätigung. Tinte scharrte neugierig. „Ich hatte einen Traum,“ krächzte die Eule. „Er war von Papierschiffen und Geschichten. Ich denke, Alia würde lächeln.“

Als sie den Turm verließen, war die Stadt wärmer. Die Laterne an der Brücke flackerte nicht mehr, sondern brannte ruhig. Kinder lachten in den Gassen, und die verlorenen Mutproben wurden wiedergefunden. Lina spürte, wie der rote Faden unter ihrer Haut leicht vibrierte, als hätten die Versprechen etwas in ihr aktiviert, etwas, das wachsam war.

An einem Abend, als die Sonne schon halb hinter den Ziegeldächern schlief, kam Meister Hummel zurück. „Na, meine kleine Buchbinderin,“ sagte er und setzte sich auf eine Kiste. „Wie war der Markt? Hast du mich gut vertreten?“

Lina erzählte ihm von der Brücke, vom Papierkind, von der Laterne. Meister Hummel hörte zu, seine Augen glänzten wie Tinte in der Sonne. „Du hast gezeigt, was es bedeutet, ein Versprechen zu halten,“ sagte er. „Es ist nicht immer groß. Manchmal reicht ein Licht, das du einer erschreckten Seele gibst.“

Frau Moos nickte und fügte hinzu: „Und vergiss nicht: Wenn du hörst, dass ein Faden zieht, dann folge ihm. Aber vergiss nicht, dein Herz mitzunehmen.“

Lina legte ihre Hände auf den Tisch. Der rote Faden lag sichtbar da, wie ein kleines, stilles Band, das bereit war, bei Bedarf zu leuchten. Sie lächelte. Nicht weil die Arbeit beendet war, sondern weil sie wusste, dass dies erst der Anfang war. Es gab noch viele Versprechen in der Welt — manche verlegt, manche verkannt, manche schlicht vergesssen. Und ihnen allen würde Lina zuhören. Mit ihren Händen, ihrem Mut und dem kleinen, lebendigen Faden an ihrem Arm würde sie die Lichter tragen, wenn die Nacht ein wenig zu sehr drückte.

Die Stadt schlief ein. In der Buchbinderei summten die Seiten wie beruhigte Bienen. Lina legte sich mit dem Bild von Alia und dem Papierkind in ihrem Kopf schlafen. Der rote Faden kringelte sich wie ein Zufriedenheitsschmetterling um ihr Armgelenk und flüsterte: Bis zum nächsten Versprechen.

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Buchbinderei
Werkstatt, in der Bücher hergestellt oder repariert werden.
Trittleiter
Kleine Leinleiter, auf die man steigt, um höher zu kommen.
Fadenheftung
Art, Seiten mit Faden zusammenzunähen, damit das Buch hält.
Einbanddecke
äußere Hülle eines Buches, die Schutz und Form gibt.
Versiegelte
Zugeklebt oder verschlossen, damit niemand hineinschauen kann.
Falte
Stelle, wo Papier oder Stoff umgeschlagen wurde und eine Kante bildet.
Vibrierte
Zitterte ganz leicht, wie wenn etwas sehr fein bebt.
Tintenfließen
Bewegtes Tintenwasser, das wie ein Fluss aussieht.
Zifferblättern
Runde Teile von Uhren, auf denen die Zahlen und Zeiger sind.
Taschenuhren
Kleine Uhren, die man in die Tasche steckt und mit einer Kette trägt.

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