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Fantastische Geschichte der Zauberei 9/10 Jahre Lesen 18 min.

Der Schlüssel zum vergessenen Hain der Verbindungen

Mila, eine neugierige Junghexe, entdeckt in einer Bibliothek eine versiegelte Tür und macht sich mit einem seltsamen Schlüssel und ungewöhnlichen Gefährten auf, das Rätsel um alte Verbindungen zwischen Menschen und magischen Wesen zu ergründen.

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Mila, etwa 9-jährige Hexe mit rundem Gesicht, Sommersprossen und kurzem braunem Haar, in grünem Kapuzenmantel mit einer Weißdornrinden-Zauberstabhand auf eine leuchtende Steintür legend, wirkt neugierig und entschlossen; neben ihr steht die Wächterin Frau Mooswacht, blass, graue Haare im Dutt, dunkler Flickenmantel, streng aber milde, die ebenfalls die Tür berührt; der gestrubbelte getigerte Kater Wuschel schnurrt an Milas Beinen, während die kleine waldbewohnende Kreatur Tapsi mit weichem Fell, kleinen Geweihstummeln und Pilztasche im Vordergrund fröhlich einen Pilz als Gabe hält; die massive helle Steintür trägt ein großes schwarzes Siegel mit drei Sternen, eine leere runde Öffnung und strahlende Lichtfäden, dahinter ein blau gepflasterter Weg in einen duftenden Wald; magische, warme Stimmung mit phosphoreszierenden Lichtern, zimt- und smaragdgrünen Blättern und lachenden Glühwürmchen, mittlere Bildkomposition, Figuren zentral vor der Tür, klare Linien und weiche Texturen passend für Kinderillustration. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Schlüssel, der keiner sein wollte

Mila Krähenfeder war neun und ein bisschen zu neugierig für ihre eigenen Schuhbänder. In ihrer Jackentasche trug sie einen Gegenstand, der sich anfühlte wie ein kalter Keks: ein kleines Stück Metall, rund wie ein Knopf, mit einer winzigen Gravur darauf.

„Das ist doch nur Schrott“, hatte ihr Bruder morgens gelacht.

„Schrott, der glitzert“, hatte Mila geantwortet und das Ding so fest umklammert, als könnte es sonst weglaufen.

Jetzt stand sie in der alten Stadtbibliothek, zwischen Regalen, die nach Papier und Geheimnissen rochen. Mila war eine Hexe – nicht mit Warzen oder riesigen Hüten, sondern mit einem Zauberstab aus Eberesche, der in ihrem Ärmel kitzelte. Und sie hatte ein Ziel: eine versiegelte Tür öffnen, von der alle Erwachsenen taten, als gäbe es sie gar nicht.

Hinter dem Regal „B“ für „Besonders Langweilige Bücher“ war eine schmale Nische. Dort war sie: eine Tür aus dunklem Holz, ohne Klinke, ohne Schlüsselloch, nur mit einem eingelassenen Kreis in der Mitte – genau so groß wie Milas „Schrott“.

Sie hielt den Atem an. „Also gut. Wenn du kein Knopf bist… dann bist du vielleicht… ein… Türknopf?“

Der Metallkreis in ihrer Hand vibrierte, als hätte er sich über das Wort gefreut. Mila drückte ihn in die Vertiefung. Es passte perfekt, als wäre es schon immer dort gewesen.

Ein leises Summen begann. Die Luft wurde kühler, und ein Duft nach Minze und nassen Steinen schwebte auf.

„Aha“, flüsterte Mila. „Du bist doch ein Schlüssel.“

Die Tür rührte sich keinen Millimeter.

„Bitte?“ versuchte Mila und klopfte höflich. „Ich würde gern rein. Nur kurz. Ich bringe auch nichts durcheinander. Also… fast nichts.“

Das Summen verstummte. Stattdessen knarrte es über ihr, als würden die Schatten im Regal sich räuspern. Und aus der Nische trat eine Frau, die Mila vorher nicht gesehen hatte: groß, in einem Mantel, der aussah wie aus zusammengenähtem Abenddunkel. Ihre Haare waren grau wie Staub, ihre Augen aufmerksam wie ein Kater.

„Du solltest nicht an versiegelten Türen herumdrücken“, sagte sie trocken.

Mila zuckte zusammen. „Ich drücke nicht herum. Ich… forsche.“

„Forschung ist nur Unfug mit besserer Ausrede“, antwortete die Frau. „Ich bin Frau Mooswacht. Und ich bewache diese Tür.“

„Dann sind Sie… eine Türwächterin?“

Frau Mooswacht hob eine Augenbraue. „Beschützerin. Und ja: Wächterin, wenn du es unbedingt so nennen willst.“

Mila straffte sich. „Ich muss da durch.“

„Musst du?“ Frau Mooswacht klang, als würde sie „Muss“ in ein Regal stellen und beschriften: „Überflüssig“.

Mila tippte auf den Metallknopf. „Der hat mich gefunden. Oder ich ihn. So genau weiß ich das nicht. Aber ich glaube, die Tür will auf.“

„Die Tür will gar nichts“, sagte Frau Mooswacht. „Türen sind sehr zufrieden damit, Türen zu sein.“

Mila wollte etwas Schlagfertiges sagen, doch da fiel ihr nur ein: „Ich auch.“

Frau Mooswacht schnaubte. Das klang fast wie ein Lachen, das vergessen hatte, wie es geht. „Geh nach Hause, Mila Krähenfeder.“

Mila erstarrte. „Woher kennen Sie meinen Namen?“

„Ich kenne viele Namen“, sagte Frau Mooswacht. „Und ich kenne diese Tür besser als du.“

Mila war nicht nur neugierig, sie war auch schlau. Sie merkte, dass Frau Mooswacht nicht einfach nur böse war. Eher… schwer. Als trüge sie einen unsichtbaren Rucksack voller Regeln.

„Dann helfen Sie mir“, sagte Mila leise. „Wenn Sie sie so gut kennen.“

Frau Mooswacht sah an Mila vorbei, als lausche sie einem Geräusch, das nur Erwachsene hören konnten. „Nein.“

Aber als Mila ging, spürte sie in der Tasche ein kleines, beleidigtes Pulsieren, als würde der „Schlüssel“ sagen: Noch nicht.

Kapitel 2: Der Pfad hinter der Buchseite

Am nächsten Nachmittag kam Mila zurück – diesmal nicht allein. Neben ihr tappte Wuschel, ein Kater mit einem Ohr, das immer so tat, als wüsste es etwas Wichtiges. Wuschel war kein normaler Kater. Er konnte nicht sprechen, aber er konnte bedeutungsvoll schnaufen. Das reichte oft.

„Du bist mein Unterstützungsteam“, sagte Mila. „Wenn es gefährlich wird, tust du so, als wärst du sehr unschuldig.“

Wuschel schnaufte zustimmend und rieb seinen Kopf an Milas Knie, als wolle er sagen: Unschuld ist mein Lieblingshobby.

Frau Mooswacht stand wieder vor der Nische, als wäre sie dort gewachsen. Sie sagte nichts, aber ihr Blick war ein deutliches „Ach, du schon wieder“.

„Ich habe nur eine Frage“, begann Mila. „Warum ist die Tür versiegelt?“

„Damit niemand hindurchgeht“, sagte Frau Mooswacht.

„Das erklärt nur die Hälfte.“

„Die andere Hälfte geht dich nichts an.“

Mila nahm all ihren Mut zusammen. „Vielleicht geht sie mich doch etwas an. Ich bin Hexe.“

„Das ist keine Eintrittskarte“, erwiderte Frau Mooswacht.

In diesem Moment sprang Wuschel auf das Regal neben der Nische und stupste ein altes Buch an. Es wackelte, kippte und fiel – direkt vor Milas Füße – mit einem dumpfen „Wumm“, als hätte es jahrelang darauf gewartet.

Auf dem Einband stand: VERGESSENE VERBINDUNGEN – BAND III.

Mila blinzelte. „Band drei? Wo sind eins und zwei?“

Frau Mooswacht machte einen Schritt, als wolle sie das Buch sofort wieder einsammeln. Dann hielt sie inne. Für einen winzigen Augenblick wirkte sie… unsicher.

Mila hob das Buch auf. Es war schwer und staubig. Als sie es aufschlug, flatterte eine dünne Karte heraus, vergilbt und mit Tintenflecken. Darauf war ein Symbol: ein Kreis, drei kleine Sterne, und darunter ein Satz:

„Nur wer den Faden findet, darf den Knoten lösen.“

„Aha!“ Mila grinste. „Es gibt also einen Faden.“

„Leg das weg“, sagte Frau Mooswacht, doch ihre Stimme war nicht mehr so hart.

Mila hielt die Karte hoch. „Warum haben Sie das vergessen?“

„Ich habe nichts vergessen“, knurrte Frau Mooswacht.

Wuschel schnaufte. Diesmal klang es wie: Oh doch.

Mila blätterte weiter. Zwischen den Seiten waren Zeichnungen: ein Marktplatz, ein Brunnen… und eine Tür in einer Bibliothek. Daneben standen Worte in krakeliger Schrift: „Siegel aus Schweigen. Öffnung durch gemeinsames Erinnern.“

„Gemeinsames… was?“ Mila sah zu Frau Mooswacht. „Sie wissen mehr.“

Frau Mooswacht presste die Lippen zusammen. Dann sagte sie, als hätte sie sich dazu überreden müssen: „Hinter der Tür liegt ein anderer Teil der Welt. Ein Ort, an dem magische Wesen und Hexen zusammenleben. Früher kamen wir oft hin. Dann gab es Streit. Und ein Versprechen.“

„Und Sie haben das Versprechen bewacht“, sagte Mila.

„Ja.“

„Aber Versprechen können auch… falsch liegen, wenn sie aus Angst gemacht wurden“, meinte Mila vorsichtig.

Frau Mooswacht schaute Mila scharf an. „Du redest wie jemand, der nicht alles verloren hat.“

Mila schluckte. Sie legte die Karte behutsam zurück, als wäre sie zerbrechlich. „Ich will nichts stehlen. Ich will verstehen. Und ich glaube, die Tür ist nicht wütend. Sie ist… traurig.“

Ein langes Schweigen. Dann sagte Frau Mooswacht: „Wenn du den Faden suchst, such ihn nicht allein.“

Mila nickte sofort. „Abgemacht.“

Kapitel 3: Das Land der freundlichen Ungeheuer

Drei Tage später standen Mila, Wuschel und – nach viel Seufzen – Frau Mooswacht wieder vor der Tür. Mila hatte ein Kreidestück dabei, eine Glocke aus Messing und ein belegtes Brot. „Für den Notfall“, erklärte sie.

„Brot löst keine Siegel“, murmelte Frau Mooswacht.

„Aber Hunger“, sagte Mila. „Und Hunger macht schlechte Laune.“

Frau Mooswacht konnte nicht widersprechen. Das war wahrscheinlich gegen ihre Regeln.

Mila setzte den Metallknopf in die Vertiefung. „Also… wie finden wir den Faden?“

Frau Mooswacht holte tief Luft, als würde sie in einen kalten See steigen. „Man spricht die Verbindung. Nicht laut. Ehrlich.“

Mila legte eine Hand auf die Tür. Frau Mooswacht zögerte, dann tat sie dasselbe. Wuschel sprang dazwischen und drückte seinen warmen Kopf gegen das Holz, als wäre er der dritte Handschuh.

„Wir gehören zusammen“, flüsterte Mila. „Auch wenn wir uns streiten. Auch wenn wir vergessen.“

Ein leises Klicken. Kein dramatischer Donner, keine flammenden Runen. Nur ein Geräusch wie ein Knoten, der endlich nachgibt.

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Dahinter war kein weiterer Raum, sondern ein Weg aus blauen Steinen, der in einen Wald führte, der nach Zimt und Regen roch.

Mila trat vorsichtig hindurch. Frau Mooswacht folgte, steif wie ein Lineal. Wuschel ging zuletzt und sah dabei so aus, als hätte er das alles geplant.

Der Wald war voll von leisen Bewegungen. Zwischen Farnen blitzten Augen. Dann trat ein Wesen hervor: ungefähr so groß wie Mila, mit weichem Fell, einem Geweih aus kleinen Ästen und einem Rucksack voller Pilze.

„Besuch!“ piepste es. „Oh, und eine Mooswacht!“

Frau Mooswacht verzog das Gesicht, als hätte jemand ihr „Guten Morgen“ zu fröhlich gesagt.

„Hallo“, sagte Mila. „Ich heiße Mila.“

„Ich bin Tapsi“, sagte das Wesen und verbeugte sich so tief, dass ein Pilz aus dem Rucksack plumpste. „Willkommen im Hain der Harmonischen. Früher wart ihr öfter da. Dann war's still. Sehr still. So still, dass sogar die Steine gähnten.“

Mila konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Steine gähnen?“

„Diese schon“, sagte Tapsi ernst. „Sie sind empfindlich.“

Sie gingen weiter. Über ihnen schwebten kleine Lichter, die wie Glühwürmchen aussahen, aber ab und zu kichernd die Richtung wechselten. Am Bach saß eine Gruppe Wassernymphen und spielte mit schimmernden Murmeln. Ein riesiger, freundlicher Bär mit Blumenkranz winkte, als würde er jeden Tag Hexen begrüßen.

„Hier lebt ihr… zusammen?“, fragte Mila staunend.

„Natürlich“, sagte Tapsi. „Wenn jemand zu viel streitet, wird er zum Teekocher eingeteilt. Das beruhigt.“

„Das ist… genial“, sagte Mila.

Frau Mooswacht sagte nichts, aber ihre Schultern sanken ein kleines Stück, als würde ein unsichtbarer Rucksack leichter.

Dann sah Mila es: am Ende des Pfades stand eine zweite Tür. Diese war aus hellem Stein, mit einem Siegel aus schwarzem Wachs, so dick wie ein Pfannkuchen.

„Da ist sie“, flüsterte Mila. „Die wirkliche versiegelte Tür.“

Tapsi nickte. „Die Tür zur Sternkammer. Sie ist zu, seit… na ja, seit dem großen Vergessen.“

Frau Mooswacht presste die Hand auf ihre Brust, als hätte sie sich an etwas gestoßen, das innen war.

Kapitel 4: Der Hinweis, der im Staub schlief

Vor der Sternkammertür war es stiller als im Wald. Sogar die kichernden Lichter hielten Abstand. Das schwarze Wachs-Siegel zeigte ein Zeichen: Kreis, drei Sterne – genau wie auf der Karte.

Mila zog die Karte heraus. „Nur wer den Faden findet, darf den Knoten lösen“, las sie. „Was ist der Faden? Ein Zauber? Ein Lied? Eine… Schnur?“

Wuschel schnupperte am Siegel und nieste. Ein kleines Stück Staub löste sich und schwebte in der Luft. Mila beobachtete es. Der Staub funkelte, als wären winzige Worte darin.

„Staub kann nicht funkeln“, murmelte Mila. „Außer… er ist verzaubert.“

Frau Mooswacht kniete sich hin, das erste Mal, dass Mila sie etwas tun sah, das nicht nach „Bewachen“ aussah. Sie strich mit zwei Fingern über eine Ritze im Stein.

„Hier“, sagte sie knapp. „Eine Einlassung. Früher steckte dort etwas.“

„Wie bei der ersten Tür!“, rief Mila. Sie zog ihren Metallknopf heraus – doch der war zu klein.

Tapsi tappte aufgeregt. „Oh! Oh! Ich erinnere mich! Da war ein… ein…“

„Ein Sternsplitter“, sagte Frau Mooswacht plötzlich. Ihre Stimme klang fremd, als käme sie aus einem alten Zimmer. „Ein kleiner Kristall. Ich habe ihn…“ Sie stockte.

Mila sah sie an. „Sie haben ihn versteckt.“

Frau Mooswacht schloss kurz die Augen. „Ich dachte, ich tue das Richtige. Nach dem Streit… haben wir beschlossen, die Kammer zu schließen. Damit nichts Schlimmes passiert. Aber ich…“ Sie öffnete die Augen wieder. „Ich habe den Schlüsselteil nicht zurückgebracht. Ich habe ihn in der Bibliothek gelassen. Im Band…“

„Vergessene Verbindungen“, sagte Mila sofort.

Tapsi klatschte in die Hände. „Der Hinweis war im Staub! Im Staub schlief er! Das ist poetisch! Und ein bisschen niesig.“

„Dann müssen wir zurück“, sagte Mila. „Zusammen.“

Frau Mooswacht stand auf. Ihr Blick war fest, aber nicht mehr steinern. „Ja. Zusammen.“

Der Rückweg durch die Bibliothek fühlte sich plötzlich anders an, als würden die Bücher lauschen. Mila, Tapsi (der sich in Milas Mantel versteckte, weil Menschenwelt-Luft „zu gerade“ roch), Wuschel und Frau Mooswacht schlichen zu „Besonders Langweilige Bücher“.

Frau Mooswacht zog Band III heraus. Dahinter, in einer ausgehöhlten Stelle, lag ein kleiner Kristall, so klar wie gefrorenes Mondlicht.

„Da ist er“, flüsterte Mila.

Frau Mooswacht berührte ihn nicht sofort. „Ich habe mich jahrelang an das Bewachen geklammert, weil ich Angst hatte, dass ich sonst… nichts bin.“

Mila hielt den Kristall vorsichtig hoch. „Sie sind mehr als Ihre Angst.“

Wuschel schnaufte zustimmend, als würde er sagen: Und mehr als ein Regal.

Frau Mooswacht nahm den Kristall schließlich mit zitternden Fingern. „Dann bringen wir ihn dorthin, wo er hingehört.“

Kapitel 5: Die Tür öffnet sich – und alle atmen auf

Zurück im Hain der Harmonischen war die Luft warm wie Tee. Die magischen Lichter schwebten näher, neugierig. An der Sternkammertür setzte Frau Mooswacht den Sternsplitter in die Einlassung. Er passte, als hätte er sich nach Jahren endlich wieder eingerenkt.

Doch das Siegel blieb.

„Jetzt du“, sagte Frau Mooswacht zu Mila.

Mila schluckte. „Ich?“

„Du hast den Faden gefunden“, sagte Frau Mooswacht. „Der Faden ist… dass wir es gemeinsam tun. Nicht alleine, nicht gegen einander.“

Tapsi stellte sich auf die Zehenspitzen und legte eine kleine, pilzige Hand an den Stein. Wuschel drückte sich gegen Milas Bein, schnurrte und vibrierte wie ein beruhigender Motor.

Mila legte ihre Hand auf das schwarze Wachs. Es fühlte sich kühl an, aber nicht feindlich.

„Wir kommen in Frieden“, sagte Mila. „Und wir halten zusammen. Hexen, Wächterinnen, Waldwesen… sogar Kater.“

Wuschel machte ein Geräusch, das sehr nach „Endlich sagt's mal jemand“ klang.

Frau Mooswacht räusperte sich und legte ihre Hand ebenfalls auf das Siegel. „Ich lasse los“, sagte sie leise. „Und ich bitte um Verzeihung.“

Das Wachs begann zu schimmern. Es wurde nicht heiß, es schmolz nicht dramatisch – es wurde einfach weich, wie Knetmasse. Dann löste es sich in schwarze Funken auf, die wie winzige Nachtfalter davonflatterten und im Wald zu Sternen wurden.

Die Tür aus hellem Stein öffnete sich.

Dahinter lag die Sternkammer: ein runder Raum, dessen Decke aussah wie ein echter Nachthimmel. Zwischen den Sternbildern hingen Fäden aus Licht, als hätte jemand unsichtbare Verbindungen sichtbar gemacht. In der Mitte stand ein Becken mit Wasser, das leise sang.

Tapsi flüsterte: „Da drin spiegeln sich die Versprechen. Die guten.“

Mila trat näher. Im Wasser sah sie nicht nur ihr Gesicht, sondern auch Szenen: Hexen, die mit Waldwesen Brot teilten; Nymphen, die verletzten Vögeln halfen; Frau Mooswacht, die früher gelacht hatte, während Kinder (vielleicht Mila selbst, kleiner und zotteliger) ihr eine Krone aus Gänseblümchen aufsetzten.

Mila drehte sich zu Frau Mooswacht um. „Sie haben also doch mal gelacht.“

Frau Mooswacht verzog den Mund. „Möglicherweise. Unter Protest.“

Mila grinste. „Dann protestieren Sie ruhig öfter.“

Frau Mooswacht seufzte – und dieses Mal klang es wirklich wie ein kleines Lächeln. „Vielleicht.“

In der Kammer fanden sie ein Buch, das nicht staubig war: VERBINDUNGEN – BAND I. Auf der ersten Seite stand: „Wenn eine Tür zu lange geschlossen bleibt, vergisst man, warum sie überhaupt da ist.“

Mila schloss das Buch vorsichtig. „Wir werden nicht wieder vergessen“, sagte sie.

Tapsi nickte eifrig. „Wir machen Feste! Und Teekocher-Dienst! Und… äh… weniger Streit.“

„Und wenn Streit doch kommt“, sagte Mila, „dann erinnern wir uns an den Faden.“

Frau Mooswacht sah auf die leuchtenden Verbindungen über ihnen. „Solidarität“, sagte sie, als koste sie das Wort. „Nicht nur ein schönes Geräusch. Sondern ein Zauber, der hält.“

Wuschel streckte sich, sprang auf einen Steinblock und setzte sich so, als wäre er der offizielle Hüter der Sternkammer. Sein Blick sagte: Ich passe auf. Und ich erwarte dafür Snacks.

Mila lachte. Draußen im Wald antworteten die Lichter mit einem Kichern, und irgendwo – ganz bestimmt – gähnte ein Stein vor Erleichterung.

Als sie später durch die Bibliothek zurückgingen, wirkte die Welt nicht mehr in zwei Teile getrennt. Mila spürte unsichtbare Fäden um sich herum, warm und sicher, wie eine Decke aus Freundschaft.

„Kommst du wieder?“, fragte Tapsi und lugte aus Milas Mantel.

„Natürlich“, sagte Mila. „Und nächstes Mal bringe ich mehr Brot. Für alle.“

Frau Mooswacht brummte. „Das ist… sinnvoll.“

Mila zwinkerte. „Sehen Sie? Forschung mit guter Ausrede.“

Und diesmal klang Frau Mooswachts Schnauben ganz eindeutig wie ein Lachen.

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Versiegelte Tür
Eine Tür, die mit einem Schutz verschlossen ist, damit niemand einfach hindurchgeht.
Vertiefung
Eine kleine eingelassene Stelle in einer Oberfläche, wo etwas eingesetzt werden kann.
Gravur
Eine sichtbare Zeichnung oder Schrift, die in Metall oder Holz eingeritzt wurde.
Eberesche
Ein Baum, dessen Holz oft für Stäbe oder Werkzeuge verwendet wird.
Nische
Eine enge, kleine Ecke oder Aussparung in einer Wand oder in einem Regal.
Wachs-Siegel
Ein eigenes Stück Wachs, das auf etwas gedrückt wird, um es zu verschließen.
Sternsplitter
Ein kleiner leuchtender Kristall in der Geschichte, wie ein Stück eines Sterns.
Sternkammer
Ein besonderer Raum mit Sternen und Erinnerungen, wie ein geheimnisvoller Saal.
Einlassung
Eine schmale Öffnung oder Vertiefung, wo etwas genau hineinpassen muss.
Solidarität
Wenn Menschen oder Wesen zusammenhalten und einander helfen.
Nymphen
Wesen aus Geschichten, die oft an Wasser leben und sehr leicht und schön sind.
Teekocher
Jemand, der Tee zubereitet; hier eine Aufgabe, die zum Beruhigen dient.

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