Erster Morgen im Kreuzgang
Lina ist sechs Jahre alt. Sie ist klein und leise. Sie hat eine rote Mütze und eine Lupe, die sie überallhin mitnimmt. Heute ist Lina ein Detektiv. Sie trägt ein kleines Notizbuch in der Taschen ihres Mantels. Sie ist höflich. Sie sagt bitte und danke. Sie hält Versprechen.
Der Tag beginnt sonnig. Vögel pfeifen auf dem Dach. Lina geht zum alten Kreuzgang neben dem Spielplatz. Der Kreuzgang gehört einem ruhigen Kloster. Die Bögen sind weiß, die Steine warm. Es riecht nach Kräutern und frischem Brot.
Im Kreuzgang spielen die Kinder oft. Doch heute ist etwas anders. Auf der großen Bank liegt ein Paket. Es ist bunt verpackt. Die Schleife ist abgefallen. Daneben liegt ein Zettel mit einem Herz. Niemand weiß, wem das Paket gehört. Die Nonnen sehen sich fragend an. Die Gärtnerin kratzt sich am Kopf. Die Kinder tuscheln.
Lina kniet hin. Sie schaut mit ihrer Lupe. Sie macht Notizen. Kleine Fußspuren im Sand. Eine Feder, blau wie der Himmel. Ein Krümel von Keks. Lina denkt: Wer kam hierher? Lina spricht leise. Sie verspricht den Nonnen, dass sie niemanden anschreien wird. Sie verspricht, das Paket zu finden und freundlich zu fragen. Dann fängt ihre Untersuchung an.
Spuren und Fragen
Lina folgt zuerst den Fußspuren. Sie sind klein. Nicht so klein wie die der Ameisen. Nicht so groß wie die des Gärtners. Lina zählt: eins, zwei, drei. Die Spur führt unter einem Bogen hindurch. Dort steht ein Spielzeugauto. Es ist grün und hat einen Stern. Lina kennt das Auto. Es gehört Emil, dem Jungen vom Spielplatz. Aber Emil spielt gerade mit seinen Malsachen. Er war nicht vor dem Paket da.
Lina sammelt weitere Hinweise. Auf dem Stein liegt ein Blatt mit Blütenstaub. In der Nähe duftet es nach Orangenmarmelade. Lina steckt einen Finger in den Krümel. Süß. Ein Haarband liegt auf einer Bank. Rosa mit Punkten. Lina lächelt. Sie denkt an ihre Freundin Amira, die oft rosa Haarbänder trägt.
Sie fragt leise die Nonnen: „Wer mag das Paket?“ Die Nonne lächelt warm. Sie sagt nichts Bestimmtes. Sie zeigt nur auf den Garten. Lina geht in den Garten. Dort arbeitet die Gärtnerin. Sie hat Erde an den Händen. Sie winkt. Neben ihr sitzt ein großer Hund. Der Hund schlabbert Wasser. Auf dem Boden liegen Keksbrösel. Der Hund hat von den Keksen genascht.
Lina setzt sich neben den Hund. Sie zieht ihr Notizbuch heraus. Sie zeichnet ein Herz. Sie notiert: Federn, Keks, Haarband, Spielzeugauto. Wer mag Herzen? Wer backt Kekse? Wer spielt mit Federn? Lina denkt nach. Es ist wie ein kleines Puzzle. Jedes Stück zeigt ein bisschen.
Ein Mönch kommt vorbei. Er trägt einen Korb mit Büchern. Er liest leise. Lina fragt: „Haben Sie etwas gesehen?“ Er nickt. Er sagt, er sah eine kleine Gestalt im Morgennebel. Die Gestalt trug etwas Buntes. Sie ging schnell an den Rosen vorbei. „Sie war höflich“, sagt der Mönch. „Sie hat mich gegrüßt.“ Lina lächelt. Höflichsein ist wichtig.
Lina geht zurück zum Kreuzgang. Sie setzt sich nahe am Paket. Sie schaut auf das Herz auf dem Zettel. Sie möchte helfen. Sie fragt sich: Will jemand das Paket zurück? Oder ist es für jemanden, den alle mögen? Lina beschließt, Freunde zu rufen und zusammen zu suchen. Teilen macht die Suche schön.
Kleine Verhöre und ein Lächeln
Am Spielplatz trifft Lina Amira, Emil und Tom. Sie erzählt kurz. Die Kinder nicken. Gemeinsam gehen sie zurück zum Kreuzgang. Lina teilt die Aufgaben. Amira schaut nach Spuren. Emil prüft das Spielzeugauto. Tom sieht nach oben in den Bäumen. Sie arbeiten leise und freundlich.
Amira findet noch eine Feder, eine andere als die erste. Sie ist gelb. „Sie ist von einem Spielzeugvogel“, sagt Amira. Emil sagt: „Das Auto gehörte mir gestern. Ich habe es am Abend auf dem Tisch liegen lassen.“ Tom ruft: „Ich sah ein kleines Mädchen mit einer roten Jacke. Sie sprach mit der Nonne und lachte.“ Lina notiert alles. Sie fragt: „War sie allein?“ Die Kinder schütteln die Köpfe.
Sie fragen die Nonne noch einmal. Die Nonne lächelt und gibt Lina einen kleinen Hinweis: „Manchmal kommen die Paketboten durch den Hinterhof. Sie sind immer still. Sie legen gerne kleine Dinge vor die Tür, damit es eine Überraschung ist.“ Lina denkt: Vielleicht ist es eine Überraschung für jemanden im Kloster.
Die Kinder teilen ein Stück Keks. Dann teilen sie ihre Ideen. Vielleicht ist das Paket für die alte Frau, die am Brunnen sitzt. Vielleicht ist es für den kleinen Mönch, der Geige spielt. Vielleicht ist es für die Bibliothekarin, die Bücher mit bunten Bändern verschnürt. Teilen ist eine gute Idee. Sie teilen ihre Gedanken und teilen die Suche.
Die Spur zum Orangenbaum
Eine neue Spur zeigt zu einem Orangenbaum hinter dem Kreuzgang. Unter dem Baum liegen orangefarbene Blätter. Am Boden sind kleine Fußspuren. Lina folgt vorsichtig. Dort findet sie eine kleine Bank. Auf der Bank liegt ein Blatt Papier. Darauf ist ein Bild gemalt: ein Herz, eine Geige und ein Keks. Lina lächelt. Ein kleiner Mönch spielt Geige. Er liebt Kekse. Wer mag Herzen? Wer mag Kekse und Geige?
Die Kinder hören leise Musik. Es klingt wie eine Geige. Die Melodie ist süß. Sie folgen dem Klang durch einen kleinen Gang. Am Ende sitzen zwei Personen. Eine ist klein. Sie hat eine Kapuze. Sie hält eine kleine Geige. Daneben sitzt eine Dame mit warmen Augen. Sie hält ein Glas Orangenmarmelade. Ihre Hände sind süß vom Duft.
Die kleine Gestalt hebt den Kopf. Es ist ein Mädchen mit roter Jacke. Sie lächelt schüchtern. Sie sagt nichts. Lina geht langsam näher. Sie kniet und zeigt ihr Notizbuch. Das Mädchen zeigt ein kleines Lächeln. Auf ihren Knien liegt ein Zettel mit einem Herz. Sie hat das Paket gebracht. Warum? Lina schaut in ihre Augen.
Das Mädchen ist die Bibliothekarinstochter. Sie wollte jemandem eine Freude machen. Sie hatte Kekse gebacken und eine kleine Geige gemalt, weil die kleine Nonne gern Geige hört. Sie hatte das Paket vor die Bank gelegt. Dann war sie weggegangen, weil sie zu spät zur Schule war. Sie kam zurück und fand die Schleife lose. Jetzt war sie unsicher. Sie wollte nicht stören.
Lina hört zu. Sie bleibt höflich. Sie hatte versprochen, freundlich zu fragen. Sie fragt die Kinder: „Was sollen wir tun?“ Die Kinder schauen sich an. Amira sagt: „Wir bringen das Paket und wir fragen.“ Emil sagt: „Wir teilen den Keks.“ Tom sagt: „Und wir singen eine kleine Musik.“ Lina nickt. Sie klopft dem Mädchen auf die Schulter. Sie fühlt sich froh. Zusammen sind sie stark.
Das Versprechen gehalten
Sie gehen zurück zum Kreuzgang. Gemeinsam tragen sie das Paket behutsam zum kleinen Mönch, der Geige spielt. Er sitzt am Fenster. Seine Augen leuchten, als er die Schleife sieht. Er öffnet das Paket langsam. Drinnen sind Kekse, ein Herzbild und ein kleiner Zettel: „Für deine Musik. Danke.“ Der Mönch lächelt groß.
Lina hält ihr Versprechen. Sie geht zuerst zur Bibliothekarinstochter. Sie sagt leise: „Du hast gut gedacht. Du warst freundlich.“ Das Mädchen errötet. Lina erinnert sie daran, dass man fragen kann, bevor man etwas still vor die Tür legt. Doch Lina sagt auch: „Überraschungen sind schön.“ Die Bibliothekarinstochter lächelt und verspricht, das nächste Mal zu fragen. Lina ist froh. Freundlichkeit und Höflichkeit bleiben.
Die Nonnen, Gärtnerin und Kinder setzen sich um den Mönch. Sie teilen Kekse. Sie teilen Lieder. Die Sonne fällt durch die Bögen. Alle fühlen sich warm. Der Hund bellt leise und legt den Kopf auf Linas Knie. Lina teilt ihr Wasser mit ihm. Teilen macht das Herz groß.
Am Ende macht Lina eine kleine Liste. Sie schreibt: „1. Freundlich fragen. 2. Teilen. 3. Helfen.“ Sie faltet das Blatt und steckt es ins Notizbuch. Sie hat ihr Versprechen gehalten. Sie hat geholfen und niemanden verletzt. Sie hat den Tag heller gemacht.
Ein neuer Treffpunkt
Bevor Lina geht, verabredet sie etwas Wichtiges. Sie setzt einen Treffpunkt. Sie sagt leise: „Morgen um neun am Orangenbaum, wir spielen und teilen Kekse.“ Die Kinder und die Nonnen nicken. Der Mönch bietet an, ein kleines Lied zu spielen. Die Bibliothekarinstochter bringt mehr Kekse. Alle freuen sich.
Lina steht auf. Sie nimmt ihre Lupe. Sie sagt noch einmal danke. Die Sonne wärmt ihr Gesicht. Im Kreuzgang bleibt ein Gefühl von Freundschaft. Die kleine Forscherin geht nach Hause, die rote Mütze auf dem Kopf, das Notizbuch im Arm. Sie fühlt sich glücklich. Sie hat geholfen, geteilt und gelernt.
Am nächsten Morgen treffen sich alle wie verabredet. Es ist hell, die Luft riecht nach Orangen. Sie singen, teilen Kekse und erzählen kleine Geschichten. Lina schaut in die Runde. Jeder hat ein Lächeln. Das Herz vom Zettel bleibt in Linas Notizbuch als Erinnerung. Ein Versprechen, das sie gehalten hat.
So endet der Tag im Kreuzgang. Ein kleines Rätsel wurde gelöst. Eine Überraschung wurde geteilt. Ein neues Treffen wurde geplant. Lina weiß: Höflichkeit und Teilen machen das Leben freundlich. Sie ist bereit für das nächste kleine Geheimnis, das vielleicht morgen wartet.