Kapitel 1: Das dunkle Zimmer
Lina schlich auf Zehenspitzen durch den Flur. Der Tag war lang gewesen, voller Hausaufgaben, Spielen und Lachen. Doch nun war es Abend und Mama hatte schon das Licht im Wohnzimmer gelöscht. Das bedeutete, es war Zeit für das Bett. Lina war zehn Jahre alt und eigentlich schon richtig groß. Aber etwas gab es, das sie nachts immer wieder kribbelig werden ließ: das Dunkel in ihrem Zimmer.
Sie stand an der Tür zu ihrem Zimmer und schaute hinein. Alles war anders, wenn das Licht aus war. Die Schatten an der Wand waren plötzlich riesig und fremd. Das Plüsch-Einhorn auf dem Stuhl sah aus, als hätte es Hörner aus Licht und Schatten. Sie wusste natürlich, dass das nur ihr Einhorn war, aber ihr Herz klopfte trotzdem wie wild.
Mit einem tiefen Atemzug schlüpfte sie schnell ins Zimmer und schaltete die kleine Lampe neben dem Bett an. Warmes, gelbes Licht füllte den Raum, und die Schatten wurden viel kleiner. Lina setzte sich aufs Bett und streichelte das Einhorn.
"Mama, kannst du mir noch was vorlesen?" rief sie leise.
Mama kam herein, lächelte und setzte sich zu ihr. "Natürlich, mein Schatz. Aber weißt du, heute liest du vor! Das schaffst du doch locker!"
Lina nickte zaghaft und holte ihr Lieblingsbuch. Sie las laut und sicher, und währenddessen vergaß sie das Dunkel ein bisschen. Nach dem letzten Satz klappte sie das Buch zu. "Danke, Mama", sagte sie leise.
Mama gab ihr einen Kuss auf die Stirn. "Du bist mutig, Lina. Das Dunkel kann uns nichts tun. Wenn du Angst hast, denk an deinen schönsten Tag!"
Lina kuschelte sich ins Bett und hörte Mama noch im Flur. Sie hielt das Einhorn fest und schloss die Augen. Doch kaum war das Licht aus, flackerte die Angst wieder auf. Sie atmete tief durch und versuchte an ihren letzten Geburtstag zu denken – an die Torte, die Kerzen und das Lachen. Ein kleiner Trost war das.
Kapitel 2: Die Nachtgeräusche
In der Nacht wurde Lina plötzlich wach. Es war stockdunkel im Zimmer. Die Lampe war aus, alles war still. Doch dann hörte sie es: ein leises Knistern, ein Rascheln, als würde jemand mit Papier spielen. Ihr Herz begann zu klopfen, als wäre es ein Trommler in einer Band.
Sie zog die Decke bis zur Nase und wagte kaum zu atmen. "Was ist das?" flüsterte sie. War jemand im Zimmer? War es vielleicht ein Monster? Doch dann erinnerte sie sich: Mama hatte mal gesagt, dass die Heizung manchmal Geräusche macht und dass der Wind draußen an den Fenstern knattern kann. Vorsichtig lauschte Lina genauer. Das Knistern kam aus der Ecke, in der ihre Schultasche stand.
Mit zitternden Fingern griff sie zum Einhorn und flüsterte: "Du bist doch mutig, oder? Dann bin ich heute auch mutig." Sie stand langsam auf, schaltete die kleine Taschenlampe auf ihrem Nachttisch ein und leuchtete in die Ecke.
Da sah sie es: Ihre Schultasche war umgekippt, ein Blatt Papier ragte heraus und bewegte sich im Luftzug aus dem gekippten Fenster. Plötzlich musste Lina lachen. Es war nur ihr Matheheft, das auf dem Boden lag.
Sie hob das Heft auf, stellte die Tasche wieder ordentlich hin und ging dann wieder ins Bett. "Gar nicht so schlimm", murmelte sie und fühlte sich ein kleines bisschen größer.
Kapitel 3: Der Schatten an der Wand
Am nächsten Abend war Lina wieder etwas nervös, als sie ins Bett ging. Doch diesmal hatte sie eine Idee. Sie stellte sich vor den Spiegel und sagte ganz laut: "Ich habe manchmal Angst im Dunkeln. Aber das ist okay! Jeder hat mal Angst. Aber ich kann was dagegen tun!"
Sie nahm eine Taschenlampe und leuchtete an die Wand. Plötzlich waren da lustige Schatten: Ein Hase, zwei Ohren, eine große Nase – Lina lachte. Dann versuchte sie, mit ihren Händen ein Krokodil zu formen. Es sah eher wie ein komischer Fisch aus, aber das war egal.
Sie drehte das Licht aus und versuchte sich zu merken, dass die Schatten nur von ihren Sachen kamen. Die Jacke am Stuhl? Die sah im Dunkeln aus wie ein Riese mit Hut. Aber am Tag wusste Lina genau, dass es nur ihre blaue Jacke war.
Als Mama ins Zimmer kam, zeigte Lina ihr die Schattenfiguren. Mama klatschte begeistert in die Hände. "Das machst du toll, Lina! Schau, alles ist im Dunkeln ein bisschen anders – aber nichts ist wirklich gefährlich."
Gemeinsam überlegten sie sich, was man machen kann, wenn man Angst hat: sich unter die Decke kuscheln, sich an etwas Schönes erinnern oder die Taschenlampe nehmen und sich alles genau anschauen. Lina malte sogar eine kleine "Mut-Liste", die sie an die Wand klebte.
Kapitel 4: Der mutige Schritt
Einige Tage später sollte Lina zum ersten Mal bei ihrer Freundin Clara übernachten. Der Gedanke daran machte ihr Bauchkribbeln – denn sie wusste, dass sie abends das Licht ausmachen würden. Und Claras Zimmer war noch dunkler, fand Lina.
Als sie am Abend zu Clara kam, lachten und spielten die beiden und vergaßen völlig die Zeit. Doch dann war Schlafenszeit. Claras Mutter machte das Licht aus und beide lagen im Stockbett.
Plötzlich war es wieder da, das Herzklopfen und das komische Gefühl in Linas Magen. Sie blickte in die Dunkelheit und hörte Claras leises Atmen. Da griff Lina zu ihrer kleinen Taschenlampe, die sie im Rucksack versteckt hatte, und leuchtete an die Wand. Sie zeigte Clara, wie man Schattenfiguren macht.
Clara fand das super und machte gleich mit. Bald gab es Hasen, Elefanten und sogar ein Einhorn an der Wand. Sie kicherten so laut, dass Claras Mutter hereinschaute und die beiden beruhigte.
Als das Licht wieder aus war, fühlten sich die Schatten nicht mehr gruselig an. Lina spürte, dass sie stolz war – sie hatte nicht nur sich selbst, sondern auch Clara gezeigt, wie man sich im Dunkeln Mut machen kann.
Kapitel 5: Der besondere Mut
Ein paar Wochen später war Lina abends wieder allein in ihrem Zimmer. Draußen rauschte das Herbstlaub, und ein Ast klopfte an die Fensterscheibe. Früher hätte Lina sich sofort unter die Decke verkrochen. Heute aber setzte sie sich auf ihr Bett, atmete tief durch und erinnerte sich an alle mutigen Momente, die sie schon erlebt hatte.
Sie wusste: Es ist in Ordnung, Angst zu haben. Jeder hat mal Angst. Aber es ist auch mutig, trotzdem etwas zu tun, was einem Angst macht. Mutig sein heißt nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz der Angst kleine Schritte zu machen.
Lina schrieb in ihr Tagebuch: "Heute habe ich mich getraut, das Fenster im Dunkeln zu öffnen. Es war nur ein Ast. Ich war mutig."
Sie lächelte. Die Angst war noch da, aber sie war kleiner geworden. Und Lina war gewachsen. Sie wusste jetzt, dass sie nicht allein ist mit ihrer Angst – und dass ein kleines Licht, eine gute Idee oder ein lieber Mensch helfen kann.
So schlief Lina mit einem Lächeln ein, das Einhorn ganz fest im Arm und die Mut-Liste an der Wand. Draußen rauschte der Wind, aber Lina war bereit für viele weitere mutige Schritte – Tag für Tag, Nacht für Nacht.