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Historische Fantasie 9/10 Jahre Lesen 12 min.

Lian und das Lied der Zikaden

Das Mädchen Lian begibt sich auf eine Reise, um das Geheimnis der Stille zu lüften und das Vertrauen zu lernen, das verloren gegangen ist. Begleitet von einem Kranich entdeckt sie die Bedeutung von Worten, Versprechen und der Kraft des Herzens.

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Ein junges Mädchen namens Lian mit braunen, welligen Haaren und neugierigen Augen steht entschlossen am Rand eines alten Steinbrunnens. Sie trägt einen blauen Umhang, der leicht im Wind weht. Ein großer Vogel, ein Kranich mit silbernen Federn, steht an ihrer Seite, seine leuchtenden Augen auf Lian gerichtet, bereit, sie zu begleiten. Um sie herum erstreckt sich die verfallene Stadt Koriem mit ihren bröckelnden Steintürmen und von Vegetation überwucherten gepflasterten Straßen. Lian streckt die Hand nach einem über dem Brunnen hängenden Kristall aus, von dem ein sanftes, goldenes Leuchten ausgeht. Der Himmel ist tiefblau, durchsetzt mit rosa Wolken, während die untergehende Sonne lange, geheimnisvolle Schatten auf die Szene wirft. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Die Silberquelle

Lian stand am Rand des Flusses, wo das Wasser wie zerknittertes Licht über Steine floss. Ihre Finger spielten mit einer alten, leisen Melodie, die ihr Großvater ihr gesungen hatte, bevor er verschwunden war. In seinem Abschiedsbrief hatte nur ein einziges Wort gestanden: Stille. Seitdem war etwas in Lian leer geworden. Worte schienen sich in ihrem Hals zu verfangen wie unsichtbare Fäden.

Am Horizont hoben sich die Ruinen der alten Stadt Koriem, deren Türme wie Knochen in den Abendhimmel ragten. Dort, so erzählte man, ruhte die Erinnerung der Welt. Dort sollte auch das Geheimnis der Stille liegen. Lian zog den Mantel enger und trat den Weg an, den niemand mehr wirklich ging.

Auf dem ersten Hügel traf sie ihn: einen Kranich mit Federn, die wie Silberpapier schimmerten. Er stand reglos, ein Auge geschlossen, als lausche er einem fernen Schlag eines Trommelschlags. Lian kniete nieder. "Bist du verletzt?" flüsterte sie. Der Kranich neigte den Kopf, und aus seinem Schnabel fiel ein kleiner, weißer Federnfaden. Lian hob ihn auf; als ihre Finger die Feder berührten, klang eine zarte Note in der Luft — so klar, dass sie Herz und Luft zugleich berührte.

"Wenn du mich nimmst, nimmst du den Weg mit mir," sagte eine Stimme, die weder Mensch noch Tier war, sondern wie Wind durch Weizen. Lian sah auf. Der Kranich hatte das andere Auge geöffnet, und als er schlug, spannte sich vor ihren Augen eine Karte aus Licht, auf der silberne Linien zu einer weit entfernten Höhle führten — der Höhle der Stille.

Sie lauschte dem Hauch der Erinnerung. "Ich will das Vertrauen finden, das wir verloren haben," sagte Lian leise. Der Kranich schritt ein paar Schritte vor, drehte den Kopf und schien zu sagen: Dann folge mir. So begann ihre Reise.

Die Straße aus Echos

Die Welt außerhalb der Felder war anders. Alte Säulen ragten wie Riesen aus dem Gras, mit Runen überzogen, die einmal Leben versprochen hatten. Auf der Straße, die nach Koriem führte, sammelten sich Stimmen, die nicht mehr gebraucht wurden. Worte lagen auf dem Stein wie verlorene Münzen. Manche halfen Lian weiter: ein "Bitte" leuchtete wie ein kleines Feuer, ein "Danke" färbte den Weg warm. Andere aber waren wie Steine, schwer und trüb, und zogen an ihren Schuhen.

Der Kranich flog vor, und mit jedem Flügelschlag fielen winzige Federn. Wenn eine Feder den Boden berührte, wurde ein Wort lebendig. Ein altes "Versprechen" erhob sich und umkreiste Lian in sanften Bögen. Sie streckte die Hand aus. Das Versprechen erinnerte sie an Großvaters Stimme: "Versprich mir, du wirst nicht aufgeben." Lian nickte, und ein Funken sprang in ihr Herz.

Doch die Straße war nicht nur Erinnerung. Aus einem Hohlweg stiegen Schatten mit Stimmen, die Zögern und Zweifel flüsterten. Sie wirkten wie Nebel und wollten Lian in sich saugen. Der Kranich rief, und seine Stimme war jetzt ein klingender Ton, der den Nebel durchschneidet. Lian blieb stehen. Sie atmete. Sie sprach das erste klare Wort seit langer Zeit — "Weiter". Das Wort war wie ein Stein in einem Fluss: es spaltete das Wasser und schuf Platz.

Auf einer Lichtung fanden sie ein Dorf, in dem die Menschen ihre Worte an Hüter banden. Ein kleines Mädchen hatte sein Lächeln verkauft, um Essen zu kaufen. Lian sah das und fühlte Zorn, aber auch Mitgefühl. Sie legte die Feder, die sie vom Kranich hatte, auf den Tisch des Mädchens. Die Feder sang, und das Lächeln tauchte wie Sonnenschein wieder auf. Die Dorfbewohner dankten mit Namen; ihr Dank war echt, nicht nur ein Wort. Lian fühlte Wärme. Vertrauen wuchs ein kleines Stück in ihr wie eine Pflanze aus einem Samen.

Die Stadt der Schatten

Koriem lag nun vor ihnen wie eine Erinnerung in Stein. Die Türme waren mit Zeit überzogen, doch in den Fenstern flackerte etwas wie Herzschlag. Die Straßen waren ein Labyrinth von Gassen, in denen die Luft schwer war von unausgesprochenen Geschichten. Hier lebten die Stummen — jene, denen Worte geraubt worden waren. Manche hielten ihre Hände vor den Mündern, andere sprachen mit Augen, die zu Fesseln geworden waren.

In der Mitte der Stadt stand ein Brunnen, aus dessen Tiefe kein Wasser, sondern Klang strömte. Alte Lieder waren eingefroren in Kristallen, die wie Tränen an der Mauer hingen. Lian trat näher und legte ihre Hand auf einen der Kristalle. Bilder stiegen in ihr auf: ein Krieg, der Worte verbrannt hatte; ein Schwur, der gebrochen wurde; eine Königin, die ein Lied sang und damit die Welt heilte. Ein Gefühl von Schuld wog schwer. "Warum?" flüsterte Lian.

Eine Stimme erwiderte, so alt wie der Brunnen selbst. "Weil Worte Macht haben. Weil Versprechen gebrochen wurden. Weil Menschen zu oft weggingen, bevor sie blieben." Der Kranich senkte den Hals. "Die Stille wuchs, als Menschen einander nicht mehr glaubten," sagte er. "Sie sammelte sich wie Regen in der Erde."

Lian spürte, dass das Herz der Stille tiefer lag als die Stadt. Im Brunnen glitzerte ein Pfad nur mit dem Licht der Federn sichtbar. Sie stieg hinab, die Wände sangen unter ihren Füßen. Weiter unten war es kühl, und die Luft schmeckte nach alten Bäumen. In einer Halle aus vergessenen Schatten stand eine Gestalt: eine Frau aus Marmor, deren Lippen geschlossen waren. Um ihren Hals hing ein kleines Fläschchen, in dem ein winziger Ton gefangen war. Dies musste das Lied der Zikaden sein, von dem ihr Großvater sagte — ein Klang, der Vertrauen webt.

Die Marmorfrau sprach ohne Ton: Bilder flossen in Lians Kopf — die Königin, die sang, und Menschen, die sich hielten; ein Versprechen, das wie ein Netz über Felder gelegt wurde. Lian verstand, dass das Lied der Zikaden die Gabe gab, zu hören, was nicht gesagt wurde, und zu glauben, was man nicht sah. Doch es war zerbrochen worden, und seine Splitter hatten die Stille gesät.

Der Kranich pickte behutsam das Fläschchen aus dem Halfter der Statue. Es war leichter, als Lian gedacht hatte. Ein kleiner Ton entwich, kaum mehr als ein Flüstern, und sogleich wurden die Kristalle am Brunnen heller. Doch mit dem Ton kam auch die Erinnerung an Traurigkeit — ein Schmerz, der aus zerbrochenen Versprechen entstand. Lian spürte, wie ihr Vertrauen zitterte. Sie würde etwas opfern müssen, um das Lied ganz zu heilen.

Das Opfer der Worte

Die letzte Prüfung war nicht weit: ein Garten, in dessen Mitte ein alter Baum stand. Seine Äste waren voller Schnüre, an denen Worte hingen wie Früchte. Manche waren süß: "Treue", "Mut", "Reue". Andere waren bitter: "Lüge", "Verrat", "Furcht". Der Kranich führte sie zum Stamm. Auf einer der Schnüre hing ein Wort in einer Handschrift, die Lian sofort erkannte — "Versprechen". Ihr Großvater hatte es geschrieben, als er sie noch auf den Schaukelbalken legte und sagte: "Versprich, dass du hörst."

Lian griff nach dem Versprechen. Es zog wie Magnet. Doch dort, wo sie es losriss, begann ein leises Knacken. Der Garten schüttelte sich, und plötzlich standen Menschen um sie herum — Gesichter, die sie liebte und verlor, alle in einem Kreis. Ihre Augen baten, baten um eines: Nicht nur das Lied zu heilen, sondern auch ein neues Versprechen zu machen.

Sie dachte an die Stimmen auf der Straße, an das Mädchen mit dem verlorenen Lächeln, an die Stummen in Koriem. Vertrauen ist nicht nur ein Wort, dachte sie. Es ist eine Tat, die man immer wieder tut. Lian ließ das Fläschchen mit dem Ton an den Lippen des Kranichs. "Ich werde ein Versprechen geben," sagte sie. Sie sprach nicht nur mit Stimme, sondern mit der ganzen Tiefe ihres Herzens: "Ich verspreche, zu bleiben, wenn andere gehen. Ich verspreche, meine Worte zu halten, auch wenn niemand sie hört. Ich werde zuhören, bevor ich urteilen."

Als die Worte aus ihrem Mund floßen, breitete sich ein warmes Licht aus. Die Schnüre am Baum begannen zu leuchten, und die bitteren Früchte verwandelten sich. Die Lügen schrien noch einmal auf, doch dann wurden sie still, ersetzt vom Klang ehrlicher Mühe. Das Fläschchen vibrierte, und der Ton, der darin lebte, dehnte sich aus — wie Wurzeln, die Wasser finden. Die Marmorstatue lächelte, als wäre sie aus Eis aufgetaut. Der Brunnen begann zu singen. Es war kein lautstarker Chor, sondern ein Netz aus Tönen, die sich untereinander vertrauten.

Der Kranich schlug seine Flügel und das Lied der Zikaden stieg in kleinen Wellen empor. Es kroch in alle Ritzen der Stadt, durch die Gassen und Häuser. Menschen hörten plötzlich, was die Augen nicht sagten: ein Atemzug, ein Zittern, das um Hilfe bat, eine Hand, die gehalten werden wollte. Die Stummen fanden Worte, und jene, die bereit waren zu hören, fanden Gehör.

Als der Klang sich senkte, sagte Lian, fast erschöpft, "Habe ich... alles richtig gemacht?" Eine der Gestalten — ihr Großvater — trat hervor, nicht als Geist, sondern als Erinnerung, warm und weich. "Du hast ein Versprechen gehalten, das größer ist als unsere Angst," sagte er. "Vertrauen wächst nicht über Nacht, aber du hast den Boden gegossen."

Der Kranich legte seinen Kopf an Lians Schulter, und sie spürte, wie etwas in ihr nicht mehr so leer war. Es war kein Ende wie ein Abschluss, sondern wie ein Anfang mit einer Türe, die offenstand.

Am Morgen verließ Lian Koriem. Die Stadt war nicht völlig geheilt — keine Stadt ist das sofort — aber Menschen lachten wieder, leise zuerst, dann lauter. Das Lied der Zikaden war zurück, nicht als einzelne Melodie, sondern als Fähigkeit, die Welt zusammenzubinden. Lian und der Kranich gingen den Weg zurück, und überall, wo sie vorbeigingen, blühten kleine Pflanzen auf, dort, wo zuvor nur Staub war.

Sie wusste nun: Vertrauern ist ein Tun. Versprechen sind Samen. Worte sind Werkzeuge. Und am wichtigsten: Man muss den Mut haben, zu sprechen und zuzuhören. Das Geheimnis der Stille war nicht, alle Wörter zu verbannen, sondern das zuzuhören zu lehren, was zwischen den Worten liegt.

Als die Sonne hinter den Hügeln sank, legte Lian die Hand gegen ihr Herz. Dort, wo einst Leere war, wuchs jetzt etwas Festes, warmes und ganz ihr eigen. Der Kranich schlug ein letztes Mal die Flügel, und dann hob er ab — nicht als Abschied, sondern als Versprechen, immer wieder zurückzukehren, wenn das Lied jemanden brauchte.

Lian lächelte und setzte einen Schritt vor den anderen. Die Welt war alt, voller Geschichten, und sie hatte gerade erst begonnen, eines ihrer Lieder zu singen.

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Zerknittertes Licht
Licht, das ungleichmäßig und gebrochen erscheint.
Reglos
Ohne Bewegung, ganz still.
Labyrinth
Ein komplizierter Weg mit vielen Richtungen, ein Rätsel.
Unausgesprochenen Geschichten
Geschichten, die nicht erzählt wurden, aber gefühlt werden.
Kristallen
Feste, klare, glitzernde Strukturen, wie Eis oder Glas.
Zikaden
Insekten, die im Sommer laute Geräusche machen.
Labyrinth von Gassen
Ein Netz von vielen kleinen Straßen, schwer zu durchschauen.
Marmorfrau
Eine Frau aus Stein, speziell Marmor, ein harter, glänzender Stein.
Schaukelbalken
Ein Brett zum Schaukeln, oft auf Spielplätzen.
Herzschlag
Das Geräusch, wenn das Herz Blut pumpt.
Brunnen
Eine Quelle oder ein Ort, wo Wasser gesammelt wird.
Gestalt
Die Form oder Figur von etwas oder jemandem, oft schwer zu erkennen.

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