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Historische Fantasie 9/10 Jahre Lesen 13 min.

Ix K’abel und die Splitter der Erinnerung

Ix K’abel macht sich mit dem Schreiberlehrling Ahau auf die Suche nach zerbrochenen Erinnerungsfragmenten in einer alten Welt voller Cenoten, Steinen und Sternen-Jaguaren und muss sich dabei dunklen Schatten stellen, die das Vergessen nähren.

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Hauptfigur: eine entschlossene, ruhige junge Frau mit bronzener Haut und geflochtenen schwarzen Haaren mit Jadaperlen, die zwei leuchtende Steinsplitter zusammenhält; Nebenfigur: ein etwa 12-jähriger Junge mit strubbeligen Haaren und ockerfarbener Tunika, kniend rechts, staunend; nichtmenschliche Figur: ein großer Jaguar aus Sternenstaub mit fließender Silhouette wie leuchtende Flecken, schützend hinter der Frau; Ort: Gipfel eines steinernen Tempels mit glatten Stufen und goldenem Altar, dämmriger Sternenhimmel, gravierte Stelen und grüne Vegetation; Szene: die drei Erinnerungssplitter verbinden sich zu einem warmen, bunten Strahl in den Händen der Frau, eine dunkle, unscharfe Schattenform zieht nach links zurück, magische, siegreiche Stimmung mit warmem Licht und tiefem Himmel, zentrierte, kindgerechte Komposition. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Treppe aus Jade

Der Morgen lag wie goldener Staub über den Steinen von Yax-Kan. Zwischen hohen Tempeln und bunten Märkten roch es nach Kakao, Rauch und frischen Tortillas. Über allem kreisten Vögel, als hätten sie ein Geheimnis zu bewachen.

Ix K'abel, eine mutige Frau mit wachem Blick, stand am Fuß der großen Pyramide. In ihrer Tasche klapperten kleine Dinge: eine Muschel, ein geschnitzter Knochen, ein Stück roter Ton. Alles Erinnerungen, die sich nicht wie Erinnerungen anfühlten. Eher wie Türen, die nicht aufgingen.

Sie legte die Hand auf einen Stein, der kühler war als die Luft. Ein feiner Riss zog sich hindurch – und darin glomm etwas, als hätte der Stein einen Stern verschluckt.

„Da bist du ja“, murmelte sie.

Neben ihr hüpfte Ahau, ein junger Schreiberlehrling, von einem Fuß auf den anderen. Seine Haare standen wie ein kleiner Busch, und seine Nase war immer voller Fragen. „Du starrst schon wieder Steine an. Hoffst du, dass sie zurückstarren?“

„Manchmal tun sie das“, sagte Ix K'abel trocken.

Ahau grinste. „Dann hoffe ich, dass sie höflich sind.“

Ix K'abel zog einen dünnen Obsidian-Splitter hervor. Er war schwarz wie eine mondlose Nacht. „Der Priester sagt, die alten Gedächtnisse sind zerbrochen. Fragmente, überall im Land. Wenn ich sie finde…“

„… dann erinnerst du dich, was du vergessen hast.“ Ahau versuchte ernst zu klingen, schaffte es aber nicht ganz. „Und was hast du vergessen? Deinen Lieblingswitz?“

Ix K'abels Mundwinkel zuckten. „Vielleicht. Oder etwas Wichtigeres.“

Sie setzte den Obsidian an den Riss. Der Stein summte leise, wie eine Biene im Traum. Plötzlich glitt eine schmale Platte zur Seite, als hätte der Tempel tief ausgeatmet.

Aus dem Dunkel stieg kühle Luft. Und ein Flüstern, das nach Wasser klang: „Such… die Splitter…“

Ahau schluckte. „Okay. Der Stein war nicht nur höflich. Er war… sehr überzeugt.“

Ix K'abel trat in den Gang. „Dann kommen wir ihm entgegen.“

Kapitel 2: Der Spiegel im Cenote

Der geheime Gang führte hinaus aus der Stadt, vorbei an Ceiba-Bäumen, deren Wurzeln sich wie große Finger in die Erde krallten. Die Sonne wanderte höher, und die Luft wurde schwer wie ein warmes Tuch.

„Wohin gehen wir?“, keuchte Ahau, als sie durch dichtes Grün stapften.

„Zu einem Cenote“, antwortete Ix K'abel. „Ein Brunnen der Alten. Dort soll ein Spiegel warten.“

„Ich mag Spiegel“, sagte Ahau. „Sie zeigen mir, dass ich noch da bin.“

„Manchmal zeigen sie mehr“, meinte Ix K'abel.

Der Cenote lag verborgen, ein rundes Loch im Kalkstein. Über dem Wasser schwebte feiner Nebel, als hätte der Ort eine leise Stimme. Ix K'abel kniete am Rand. Das Wasser war so klar, dass es wie ein Stück Himmel aussah, das jemand verkehrt herum eingelegt hatte.

„Siehst du etwas?“, fragte Ahau und beugte sich vor.

„Ja“, sagte Ix K'abel. „Mich. Aber… nicht nur.“

Im Wasser spiegelte sich ihr Gesicht – und dahinter eine Szene: Ein Feuer, tanzende Schatten, eine Hand, die einen kleinen Stein in zwei Teile brach. Dann ein kurzer Schmerz im Herzen, als würde eine Saite reißen.

Ix K'abels Atem stockte. „Ich war dabei“, flüsterte sie. „Als es zerbrach.“

Ein leises Platschen. Aus der Tiefe stieg ein Stein empor, rund und grünlich wie Jade. Er schwebte an die Oberfläche, als würde ihn eine unsichtbare Hand tragen. Darin steckte ein winziger Splitter, der pulsierte wie ein ruhiger Herzschlag.

Ahau starrte. „Das Wasser… hat uns ein Geschenk gemacht.“

Ix K'abel nahm den Splitter. Kaum berührte sie ihn, hörte sie ein Lachen – ihr eigenes, ganz jung – und die Worte: „Hab keine Angst vor dem, was du weißt.“

Sie presste den Splitter an die Brust. „Ein Erinnerungsfragment“, sagte sie. „Das erste.“

„Und?“, fragte Ahau. „Fühlst du dich… anders?“

Ix K'abel nickte langsam. „Ein Teil von mir ist zurück. Wie eine Lampe, die wieder glimmt.“

In den Bäumen raschelte es. Etwas bewegte sich, nicht wie ein Tier, eher wie ein Schatten, der zu spät gemerkt hatte, dass es gesehen wurde.

Ahau packte ihr Handgelenk. „Da ist jemand!“

Ix K'abel richtete sich auf. „Dann müssen wir schneller sein.“

Kapitel 3: Der Jaguar aus Sternenstaub

In der Dämmerung erreichten sie einen alten Steinweg. Über ihnen begann der Himmel zu funkeln, als würden die Sterne neugierig werden. Die Schatten zwischen den Bäumen wurden länger – und einer von ihnen löste sich ab.

Er glitt über den Boden, formte sich zu einer Gestalt, dunkel und flach wie Rauch. Zwei Augen leuchteten darin, kalt und hungrig.

Ahau quiekte. „Das ist kein normaler Schatten. Der hat… Gesicht!“

Der Schatten sprach ohne Mund: „Gebt den Splitter. Er gehört nicht euch.“

Ix K'abel stellte sich vor Ahau. Ihr Herz klopfte, aber ihre Stimme blieb fest. „Er gehört zu meinem Gedächtnis. Und ich hole mir zurück, was mir genommen wurde.“

Der Schatten zischte. Er streckte eine Hand aus, die wie ein langer Fleck Nacht aussah.

Ix K'abel griff in ihre Tasche und zog die Muschel heraus. Sie setzte sie an die Lippen und blies – kein Ton, der in Ohren ging, sondern einer, der in Steine und Wurzeln kroch. Der Boden vibrierte. Die Luft flimmerte.

Aus dem Dunkel trat ein Jaguar hervor, groß und geschmeidig. Sein Fell war nicht aus Fell, sondern aus sternigem Staub. Auf seiner Stirn glomm ein Zeichen wie eine kleine Sonne.

Ahau machte große Augen. „Du… hast einen Sternen-Jaguar gerufen?!“

Ix K'abel hob das Kinn. „Die Alten hören noch zu.“

Der Jaguar knurrte, ein tiefes, warmes Donnern. Der Schatten wich zurück, als würde er plötzlich an etwas Schmerzhaftes erinnert. Doch er war zäh, wie Kaugummi aus Finsternis. Er sprang nach vorn.

„Hoch!“, rief Ix K'abel.

Ahau kletterte auf einen Stein, viel zu hektisch, und rutschte fast wieder runter. „Ich bin Schreiber, kein Bergziege!“

Ix K'abel lachte kurz, obwohl ihr mulmig war. Mut schmeckte manchmal wie Lachen, das sich tapfer anfühlt.

Der Jaguar stieß sich ab und schnitt dem Schatten den Weg ab. Sternenstaub wirbelte. Das Dunkle fauchte. Dann trafen Stern und Nacht aufeinander – und das Licht gewann keinen Krieg, aber es schuf Raum.

„Lauf!“, befahl Ix K'abel.

Sie rannten den Steinweg entlang, während hinter ihnen das Knurren und Zischen verklang wie ein Lied, das man nur halb verstanden hat.

Kapitel 4: Das Archiv der flüsternden Stelen

Am nächsten Tag standen sie vor einem verlassenen Platz. Hohe Stelen ragten auf, mit Zeichen und Bildern bedeckt. Manche waren umgestürzt, andere standen noch stolz, als könnten Jahrhunderte ihnen nichts anhaben.

„Hier“, sagte Ix K'abel. „Die Steine erinnern sich.“

Ahau strich mit den Fingern über eine Gravur. „Sie fühlen sich an wie… Worte, die fest geworden sind.“

Ix K'abel trat zwischen die Stelen. Der erste Splitter in ihrer Tasche pochte leise, als würde er antworten. Sie schloss die Augen, atmete den Duft von Moos und warmem Stein ein und flüsterte: „Zeigt mir, was ich suche.“

Die Zeichen begannen zu schimmern. Die Bilder bewegten sich, ganz langsam. Ein König mit Federkrone. Eine Priesterin mit bemaltem Gesicht. Und eine Frau – sie selbst – die einen Kreis aus Obsidian hob. In der Mitte des Kreises lag ein leuchtendes Gedächtnis, groß wie ein Herz. Dann kam eine Welle aus Dunkelheit, ein Bruch, ein Splittern.

Ix K'abel öffnete die Augen. „Ich habe es nicht verloren“, sagte sie heiser. „Ich… habe es geteilt.“

Ahau blinzelte. „Du hast dein eigenes Gedächtnis zerbrochen? Warum sollte jemand so etwas tun?“

„Weil es sonst gestohlen worden wäre“, antwortete sie. Die Erkenntnis traf sie wie ein kühler Regen. „Ich habe es versteckt… in mir selbst und im Land.“

Eine der Stelen gab ein helles Klingen von sich. Am Fuß lag ein weiterer Splitter, diesmal bernsteinfarben. Ix K'abel hob ihn auf. Sofort sah sie ein Bild: Sie stand vor einem dunklen Wesen und sagte: „Nicht heute.“ Und ihre Stimme war so sicher, dass sogar die Angst einen Schritt zurücktrat.

Ahau grinste breit. „Das klingt nach dir.“

Ix K'abel spürte Wärme in der Brust. Zwei Fragmente. Zwei Lichter. Doch auch ein Schatten am Rand der Gedanken, der lauerte und zählte.

„Er wird wiederkommen“, sagte sie.

„Der Schatten?“ Ahau schluckte. „Ich stimme zu, ohne dass ich zustimmen will.“

Ix K'abel legte ihm die Hand auf die Schulter. „Dann gehen wir dorthin, wo das letzte Fragment wartet. Bevor er es tut.“

Kapitel 5: Der Tempel der vergangenen Sonnen

Der Tempel lag auf einer Anhöhe. Seine Stufen waren von der Zeit glatt getreten, als hätten viele Füße dort Hoffnungen hinaufgetragen. Über dem Eingang hing ein Steinrelief: eine Sonne, die zugleich unterging und aufging.

Als sie die oberste Plattform erreichten, war der Wind kühl. Der Himmel wirkte näher, und die Welt darunter klein. In der Mitte stand ein Altar, darauf eine Schale aus Goldstein. Darin: ein Splitter, klar wie Wasser, der das Licht in kleinen Regenbögen brach.

Ahau flüsterte: „Das ist der letzte.“

Ix K'abel trat vor, doch der Schatten war schon da. Er kroch aus einer Säule, als hätte er die ganze Zeit darin gewartet. Seine Augen glühten stärker als zuvor.

„Du bist hartnäckig“, sagte er.

„Ich bin ich“, antwortete Ix K'abel.

Der Schatten breitete sich aus. Die Luft wurde schwer, als würde sie vergessen wollen, wie man atmet. Ahau wankte. „Mir wird… komisch.“

Ix K'abel spürte die alte Angst, die sie so gut kannte: die, die einem zuflüstert, man sei zu klein. Doch in ihrer Tasche pulsierten die Splitter, wie Freunde, die an die Tür klopfen.

Sie nahm die zwei Fragmente heraus. Sie hielt sie in die Höhe. „Erinnerung ist kein Schatz, den man stehlen kann“, sagte sie laut. „Sie ist ein Weg, den man gehen muss.“

Der Sternen-Jaguar trat aus dem Wind, als wäre er schon immer dort gewesen. Sein Blick traf den Schatten. Und Ix K'abel griff nach dem letzten Splitter auf dem Altar.

In dem Moment, als sie ihn berührte, fügten sich alle drei Fragmente zusammen. Kein lauter Knall, eher ein leises Einrasten, wie wenn man endlich das richtige Wort findet. Ein warmes Licht floss in sie hinein.

Sie sah alles: wie sie damals den Kreis aus Obsidian hob, wie sie ihre Erinnerungen teilte, um ihre Stadt zu schützen. Wie sie sich selbst versprach, sie eines Tages zurückzuholen. Nicht aus Stolz, sondern um wieder ganz zu sein.

Der Schatten schrie, nicht mit Stimme, sondern mit Stille. Das Licht in Ix K'abels Augen wurde ruhig. Sie hob die Hand, und der Obsidian-Splitter an ihrem Gürtel glänzte.

„Du lebst von dem, was wir vergessen“, sagte sie. „Aber ich entscheide, was ich behalte.“

Der Jaguar sprang. Sternenstaub traf Nacht. Der Schatten zerfiel nicht in Blut, sondern in harmlose Dunkelheit, die vom Wind fortgetragen wurde, dünn und müde, wie Rauch nach einem Feuer.

Ahau sank auf die Knie und lachte atemlos. „Ich… ich glaube, ich habe gerade Mut gesehen.“

Ix K'abel half ihm auf. In ihr war es still, aber keine leere Stille. Eher wie ein Tempel nach einem Fest: ruhig, zufrieden, bereit für Neues.

Sie blickte über die alten Städte, über die grünen Wälder, über die Wege aus Stein. „Ich habe nicht nur Fragmente gesammelt“, sagte sie leise. „Ich habe mich selbst wiedergefunden.“

Ahau klopfte den Staub von seiner Tunika. „Und was jetzt?“

Ix K'abel lächelte. „Jetzt bewahren wir die Erinnerungen. Und wenn die Angst wiederkommt, erinnern wir uns daran, dass wir ihr nicht gehören.“

Der Wind strich über den Tempel und klang wie ein sanftes, uraltes Lied. Und tief in Ix K'abels Brust leuchtete eine Sonne, die nicht unterging.

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Das Quiz: Hast du die Geschichte gut verstanden?

Pyramide
Ein großes steinernes Bauwerk mit vielen Stufen und einer Spitze oben.
Muschel
Eine harte Hülle von Tieren, oft am Strand gefunden und schön geformt.
Obsidian-Splitter
Ein spitzes kleines Stück schwarzes, glasiges Gestein, sehr scharf.
Cenote
Ein tiefer natürlicher Brunnen mit klarem Wasser, oft im Kalkstein.
Gedächtnisse
Erinnerungen oder Bilder, die man in seinem Kopf hat.
Erinnerungsfragment
Ein kleines Stück einer Erinnerung, das an etwas Bestimmtes erinnert.
Stelen
Hohe steinerne Säulen mit Bildern oder Zeichen darauf.
Relief
Ein Bild in Stein, das etwas aus dem Stein herausragt und sichtbar ist.
Altar
Ein hoher Tisch oder Platz, wo früher Opfer oder wichtige Dinge lagen.
Bernsteinfarben
Eine Farbe wie warmes Gelb bis Orange, ähnlich wie Bernstein.
Flüstern
Leise sprechen, so dass nur wenige oder man selbst es hört.

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