Kapitel 1: Die lange Staubstraße
Die Sonne stand hoch über den weiten Prärien des Wilden Westens, als June Jenkins langsam mit ihrem Pferd namens Blitz die staubige Straße entlangritt. June war eine echte Cowgirl – tapfer, freundlich und niemals um eine Antwort verlegen. Ihr braunes Haar hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten, die unter ihrem Cowboyhut hervorhingen, und um ihren Hals baumelte ihr Glücksanhänger: ein kleiner silberner Stern.
„Na, Blitz, heute ist ein besonderer Tag“, flüsterte June und klopfte dem Pferd sanft auf den Hals. „Heute muss ich im Gerichtssaal die Wahrheit sagen. Für alle hier in Dusty Creek.“
Blitz schnaubte leise und warf den Kopf zurück, als ob er verstanden hätte. Denn in Dusty Creek, dem kleinen Westernstädtchen, hatte es Ärger gegeben. Im Saloon war eine wertvolle Statue verschwunden. Viele Menschen flüsterten, dass Bill, der alte Saloon-Besitzer, sie genommen hatte. Aber June hatte etwas anderes gesehen. Sie wusste, wer es wirklich getan hatte und wollte unbedingt verhindern, dass jemand zu Unrecht verurteilt wurde.
Plötzlich galoppierte eine kleine Staubwolke auf sie zu. Es war Sam, der Hund von June, mit seinen langen, schlaksigen Beinen und den lustigen Schlappohren. „Wuff, wuff!“ bellte er, sprang vor Freude um sie herum und versuchte, ihr Stiefelband zu erwischen.
„Sam, du bist ja ganz schön aufgeregt“, lachte June. „Aber heute müssen wir beide mutig sein!“
Sie ritt weiter Richtung Stadt. Die Sonne brannte, der Wind wehte heiße Luft und in der Ferne hörte June das Bimmeln der Kirchenglocken. Sie wusste, es war Zeit, sich zu beeilen. Heute war der Tag der Wahrheit.
Kapitel 2: Ein kniffliges Problem
Als June durch das große Stadttor ritt, blickte sie sich um. Überall standen Menschen. Die Jungs von der Rinderfarm grinsten, die Ladenbesitzerinnen winkten ihr zu, und Sheriff Cooper, der große Mann mit dem gewaltigen Bart, wartete schon auf sie.
„June Jenkins! Du bist genau rechtzeitig!“, rief er. „Der Prozess beginnt jeden Moment.“
June nickte tapfer. Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Es war nicht einfach, vor so vielen Leuten die Wahrheit zu sagen – aber gerecht zu sein war das Wichtigste. Sie stieg ab und band Blitz an einen Pfosten. Sam folgte ihr auf Schritt und Tritt.
Im Gerichtsgebäude war es angenehm kühl. Die Holzbänke waren besetzt, überall tuschelten die Leute. In der Mitte stand der Richter mit der roten Fliege. Bill, der beschuldigte Saloon-Besitzer, saß mit hängendem Kopf auf der Anklagebank.
„Der Prozess ist eröffnet!“, rief der Richter. „Wer kann uns sagen, was wirklich geschah?“
June hob die Hand. „Ich war da, Herr Richter!“
Alle schauten zu ihr.
„Komm nach vorne, Cowgirl“, sagte der Richter mit freundlicher Stimme.
June trat mutig vor, während Sam sich brav zu ihren Füßen setzte. Ihre Hände zitterten ein wenig, aber sie wusste, was zu tun war.
„Am Abend, als die Statue verschwand, habe ich gesehen, wie jemand mit einem roten Halstuch durchs Fenster geklettert ist. Bill war zu der Zeit hinter der Theke und hat Gläser gespült. Er kann es nicht gewesen sein! Es war der Fremde, der einen Tag vorher nach Dusty Creek gekommen war!“
Im Raum wurde es ganz still.
„Und wie kannst du dir so sicher sein?“, fragte der Richter.
„Weil Sam den Fremden angebellt hat, und ich hab's genau gesehen. Außerdem hat er einen Schuhabdruck im Matsch hinterlassen – mit einer abgenutzten Sohle. Ich habe den Abdruck draußen vor dem Fenster gesehen.“
Der Richter nickte. „Mutig, dass du das erzählst, June. Aber der Fremde ist verschwunden. Wo könnte er sein?“
June überlegte. Nun war ihre Geduld und Klugheit gefragt. Sie erinnerte sich, dass der Fremde im Laden von Mrs. Thompson nach einer Landkarte gefragt hatte.
„Ich glaube, er wollte in die Felsen im Westen reiten!“
Kapitel 3: Die Spur im Canyon
Im Handumdrehen war June wieder draußen. Sheriff Cooper, blitzschnell wie ein Luchs, schwang sich ebenfalls aufs Pferd. „June, du führst uns an!“
Sam bellte begeistert. Gemeinsam galoppierten sie Richtung Westen, dorthin, wo schroffe Felsen und geheimnisvolle Canyons die Landschaft prägten. Die Prärie war voller Geräusche – das Zirpen der Grillen, das Rauschen des Windes im hohen Gras und das Stampfen der Hufe auf dem harten Boden.
Plötzlich hielt June an. „Seht mal, da sind frische Hufspuren! Und hier – ein rotes Halstuch am Strauch!“
Sheriff Cooper nickte anerkennend. „Gut beobachtet!“
Sie folgten den Spuren. Der Canyon war kühl und schattig, das Echo ihrer Stimmen hallte von den Felswänden wider. Sam schnüffelte eifrig und bellte schließlich vor einem großen Felsen.
„Wuff! Wuff!“
„Da ist er!“, rief June. Hinter dem Felsen saß der Fremde, die Statue fest im Arm. Er sah erschrocken aus, als June näherkam.
„Lasst mich in Ruhe!“, rief er. „Ich wollte die Statue nur ausleihen…“
Sheriff Cooper lachte leise. „Eine Statue leiht man nicht einfach aus dem Saloon, Freundchen.“
June trat ruhig näher. „Wir wollen dir nichts tun. Aber du musst dich entschuldigen und die Statue zurückbringen.“
Der Fremde wurde rot. „Es tut mir leid. Ich habe einen Fehler gemacht.“
June lächelte aufmunternd. „Jeder macht Fehler. Wichtig ist, dass du sie wiedergutmachen willst.“
Gemeinsam ritten sie mit dem Fremden zurück nach Dusty Creek.
Kapitel 4: Die Wahrheit im Saloon
Zurück in Dusty Creek warteten schon alle gespannt. Bill, der Saloon-Besitzer, wirkte erleichtert, als er June, Sheriff Cooper und den Fremden mit der Statue sah.
„Da ist sie ja wieder!“ rief Bill. „Meine schöne Statue!“
Der Richter klopfte mit seinem Stock. „Was hast du dazu zu sagen, junger Mann?“
„Es tut mir leid“, sagte der Fremde leise. „Ich wollte niemandem schaden. Ich habe die Statue genommen, weil sie mich an meine Mutter erinnert hat. Ich gebe sie zurück.“
Die Menschen im Gerichtssaal nickten und tuschelten. June stand neben dem Fremden. „Es ist wichtig, die Wahrheit zu sagen“, erklärte sie laut. „Nur wenn wir ehrlich sind, können wir uns gegenseitig vertrauen.“
Der Richter lächelte. „Sehr weise, June. Und Bill ist unschuldig.“
Alle atmeten erleichtert auf. Bill bedankte sich bei June. „Du bist das mutigste Cowgirl, das ich kenne!“
Sam sprang an June hoch und bellte fröhlich.
Kapitel 5: Ein Bravo für June
Nach dem aufregenden Tag saßen June, Sam und Blitz auf der Veranda des kleinen Hauses am Rande der Stadt. Die Sonne tauchte alles in goldenes Licht. Opa Jenkins kam mit zwei Gläsern Limonade heraus.
„Du hast heute wirklich Größe gezeigt, June“, sagte Opa stolz.
June lächelte zufrieden. „Es war gar nicht so leicht. Ich hatte ziemlich Angst, die Wahrheit zu sagen, vor all den Leuten! Aber ich wusste, dass es richtig ist.“
Sam legte seinen Kopf auf Junes Knie und schnaufte zufrieden. Blitz stand neben ihr und ließ sich die Mähne kraulen.
Opa Jenkins sah June freundlich an. „Weißt du, Respekt ist etwas, das man sich verdient, wenn man ehrlich und mutig ist. Und heute hast du allen bewiesen, dass es sich lohnt, für das Richtige einzustehen.“
Als es dunkel wurde und die Grillen wieder zu zirpen begannen, hörte June plötzlich ein leises „Bravo“ aus der Ecke. Es war Bill, der mit verschmitztem Grinsen noch einmal am Haus vorbeikam.
„Bravo, June Jenkins“, flüsterte er.
June strahlte. Sie wusste, dass sie mit Mut, Geduld und ihrer Liebe zur Wahrheit das Richtige getan hatte. Und tief im Herzen fühlte sie sich stark.
Der weite Westen war voller Abenteuer – doch für heute war June das glücklichste Cowgirl von Dusty Creek.