1. Morgens im Hafen
Jona war sechs Jahre alt. Er war klein, mutig und sehr aufmerksam. Er passte gut auf alles auf. Er passte auf seine Freunde auf. Er passte auf die Tiere auf. Und heute wollte er auf etwas ganz Besonderes aufpassen. Heute wollte er die Luftreserve prüfen.
Der Himmel war hell. Das Wasser glitzerte. Das kleine gelbe Tauchboot wartete. Es hieß Sonnenfisch. Tante Mara stand schon daneben. Sie war Meeresforscherin. Sie trug einen blauen Anzug. Sie lächelte.
„Bist du bereit, Jona?“, fragte sie.
Jona nickte. „Ich habe die Liste. Wir müssen die Luftreserve im Muschelhaus prüfen. Wir müssen schauen, ob genug Luft da ist.“
„Sehr gut“, sagte Tante Mara. „Du denkst an alle. Das ist wichtig.“
Jona hielt seine Liste fest. Seine Finger waren warm. Sein Herz klopfte ruhig. Er war aufgeregt, aber auch sicher. Er dachte an Punkti, den kleinen gepunkteten Oktopus. Punkti war sein Freund. Er lebte beim Muschelhaus, tief im Meer. Jona wollte, dass es ihm gut ging. Er wollte, dass allen gut ging.
„Wir fahren langsam“, sagte Tante Mara. „Wir sind ruhig. Wir bewegen uns sanft. Wir bewundern das Meer.“
„Und ich schaue auf die Anzeigen“, sagte Jona. „Ich schaue immer wieder. Ich bin der Lufthüter.“
Tante Mara lachte leise. „Du bist unser kleiner Beschützer.“
Sie stiegen in den Sonnenfisch. Es roch nach Salz und Metall. Die Lichter glühten. Die Anzeigen summten. Jona setzte sich auf seinen Sitz. Er legte die Liste auf den Schoß. Er atmete tief ein. Er atmete tief aus. Dann fiel das Boot sanft ins Wasser.
„Bereit, Kapitän“, sagte Jona.
„Tauchgang beginnt“, sagte Tante Mara. „Zum Muschelhaus.“
Das Wasser wurde kühler. Es wurde blauer. Über ihnen tanzte das Licht. Unter ihnen war ein ruhiges Dunkel. Jona schaute aus dem Fenster. Seine Augen wurden groß. „Ich sehe Fische“, flüsterte er. „Sie haben Streifen. Sie sind wie kleine Flaggen.“
„Hallo, Fische“, sagte Jona sehr leise. „Wir sind freundlich. Wir sind ehrlich. Wir tun euch nichts.“
Er drückte seine Liste. Er fühlte Mut. Er fühlte Freude.
2. Unterwegs ins Blau
Der Sonnenfisch glitt durch das Wasser. Es klang wie ein Lied. Blub, blub, blub. Sanft und ruhig. Kleine Quallen schwebten vorbei. Sie sahen aus wie Lampions. Rosa, blau und weiss. Ein Seestern winkte mit einem Arm. Eine Seegurke rollte träge über den Sand.
„Sie sind alle so besonders“, sagte Jona. „Ich will sie schützen.“
„Das tust du schon“, sagte Tante Mara. „Du fährst vorsichtig. Du bist aufmerksam.“
Sie kamen an einem Wald aus Tang vorbei. Die Blätter schaukelten wie Fahnen. Es gab einen kleinen Wirbel. Er schob das Boot sanft zur Seite.
„Oh“, sagte Jona. „Die Strömung spielt.“
„Wir antworten mit Ruhe“, sagte Tante Mara. „Ein bisschen links. Ein bisschen rechts.“
Jona legte eine Hand auf das Glas. „Ganz ruhig, Sonnenfisch“, flüsterte er. „Wir sind Freunde von dir.“
Da huschte etwas Grünes vorbei. Es war ein Fisch mit einem Gesicht wie ein Mond. Er hatte zwei runde Augen und eine kleine Schnute. „Er sieht seltsam aus“, sagte Jona und kicherte. „Er ist schön.“
„Das ist ein Kofferfisch“, sagte Tante Mara. „Er ist neugierig.“
Aus einer Felsritze lugte ein anderer Gast. Er hatte leuchtende Punkte. Er blinzelte wie ein kleiner Stern. „Laternenfisch!“, rief Jona leise. „So tief sind wir schon?“
„Nur ein bisschen“, sagte Tante Mara. „Wir bleiben vorsichtig.“
Vor dem Boot erschien ein glitzernder Schleier. Es waren winzige Garnelen. Sie tanzten wie Funken. Der Sonnenfisch glitt hindurch. Es kitzelte an der Scheibe.
„Ich sehe Punkti!“, rief Jona plötzlich. Ein kleiner Oktopus schwamm heran. Er hatte blaue Punkte. Er klebte sich an die Scheibe, als wolle er sagen: Hallo!
Jona hob die Hand. „Hallo, Punkti. Alles gut? Wir prüfen heute die Luftreserve. Dann ist es für alle sicher.“
Punkti blubberte und machte eine kleine Wolke. Dann zeigte er mit einem Arm nach rechts, als wollte er einen Weg zeigen.
„Er kennt eine Abkürzung“, sagte Jona.
„Dann folge ihm“, sagte Tante Mara. „Aber langsam.“
Sie bogen ab. Der Weg führte durch eine Felsgasse. Die Wände waren bunt. Orange Schwämme, gelbe Röhrenwürmer, violette Algen. Ein Seepferdchen-Paar schwebte Hand in Hand. Jona lächelte. „Sie halten sich fest. So wie wir zusammenhalten.“
Die Gasse war eng. Plötzlich rutschte ein kleiner Stein. Das Boot wackelte leicht. Jona spürte, wie sein Herz schneller ging. Er atmete. Eins, zwei, drei. Ruhig.
„Alles gut“, sagte er sich. „Wir bleiben klug. Wir bleiben stark.“ Er fasste das Steuerrad sanft. Er lenkte ums Eck. Der Stein rollte vorbei und blieb liegen. Der Weg war frei.
„Gut gemacht“, sagte Tante Mara. „Sanfte Hände sind starke Hände.“
Jona schaute auf die Anzeige. Die Zahlen leuchteten. Er nickte. „Alles im grünen Bereich. Wir kommen näher.“
3. Das Muschelhaus
Das Muschelhaus lag wie eine große, schimmernde Schale im Sand. Es war rund und hell. Kleine Fische spielten in den Fenstern. Auf dem Dach klebten Seesterne. Eine Krabbe hob ihre Scheren. Punkti drehte sich im Kreis und plumpste weich auf das Dach. Er wartete.
„Wir sind da“, sagte Tante Mara.
Jona klappte seine Liste auf. „Luftreserve prüfen“, las er. „Gehäuse checken. Ventile prüfen.“
Sie dockten an. Es machte plopp. Drinnen war alles ruhig. Röhren summten. Eine Uhr tickte. Jona ging zu der großen Anzeige. Die Nadel zeigte eine Zahl. Er schluckte. Er spürte etwas im Bauch.
„Tante Mara“, flüsterte er. „Ich muss dir etwas sagen.“
„Ja?“, fragte sie freundlich.
Jona hielt die Liste fest. „Ich habe gestern vergessen, den Timer zu stellen. Ich wollte es tun. Aber dann kam der Regen. Ich habe getrödelt. Ich habe es nicht gemacht. Ich wollte gerade sagen, es sei alles in Ordnung. Aber das wäre nicht ehrlich. Es tut mir leid.“
Es war still. Jona schaute auf seine Schuhe. Er fühlte Wärme in seinen Augen. Er wollte mutig sein. Er war mutig.
Tante Mara legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Danke, Jona. Danke, dass du ehrlich bist. Ehrlichkeit hilft uns. Ehrlichkeit macht alles sicherer. Wir lösen es jetzt zusammen.“
Jona atmete aus. „Zusammen“, sagte er.
„Wir haben noch ein Ersatzmessgerät“, sagte Tante Mara. „Und wir können die Luft mit der Außenflasche prüfen. Möchtest du helfen?“
„Ja“, sagte Jona. „Ich will helfen.“
Sie gingen zum Ventilkasten. Davor saß die Krabbe. Sie kniff und kniff. Sie mochte das Rad. Es war rot und rund.
„Oh“, sagte Jona. „Sie denkt, es ist ein Ball.“
Er kniete sich hin. Er hob langsam eine kleine Muschel auf. „Hallo, Krabbe“, sagte er sanft. „Das ist dein Ball. Dieser rote Ball gehört heute mir. Ich muss die Luft prüfen. Es ist wichtig. Es ist für alle.“
Die Krabbe blickte. Sie schnupperte mit den Fühlern. Jona legte die Muschel hin. Sie war gestreift und glänzte. Die Krabbe griff nach der Muschel. Dann ließ sie das Rad los und tippelte zur Seite.
„Danke“, sagte Jona. „Gute Krabbe.“
Er drehte das Rad langsam. Er hörte ein leises Zischen. Luft strömte. Er las die Zahlen. „Die Luft ist etwas knapp“, sagte er ruhig. „Wir müssen nachfüllen. Ich bin froh, dass wir ehrlich sind.“
„Genau“, sagte Tante Mara. „Jetzt wird es sicher.“
Punkti klopfte an die Scheibe. Als wären es kleine Applaus-Hände. Jona lächelte und winkte.
Sie steckten das Ersatzmessgerät an. Die Zahlen sprangen. Jona notierte sie. Er sprach sie laut. „Vierzig. Fünfzig. Fünfundsechzig. Gut. Noch ein bisschen. Siebzig. Achtzig. Perfekt.“
Plötzlich zupfte etwas am Versorgungsschlauch. Ein junger Seehund schwamm vorbei. Er spielte. Er dachte, der Schlauch sei eine Schnur.
„Hallo, du“, sagte Jona. „Bitte nicht daran ziehen. Der Schlauch ist wichtig.“
Der Seehund schaute mit großen Augen. Jona nahm einen kleinen Ball aus der Kiste. Er war für Notfälle. Er war bunt. „Hier ist dein Spielzeug“, sagte Jona. Er war freundlich. Er war klar. Der Seehund schnappte den Ball und drehte ab. Der Schlauch war frei.
„Gut gelöst“, sagte Tante Mara. „Du bleibst ruhig. Du bleibst klug.“
Jona nickte stolz. „Ich bleibe dran, bis es klappt.“
4. Heimweg und Handschlag
Die Luftreserve war voll. Die Anzeigen leuchteten grün. Das Muschelhaus war sicher. Punkti tanzte vor Freude. Er machte eine kleine Tintenwolke, die wie ein Herz aussah.
„Auf Wiedersehen, Punkti“, sagte Jona. „Wir kommen bald wieder. Und wir prüfen wieder. Versprochen.“
Punkti berührte sanft die Scheibe. Dann tauchte er in eine Felsspalte.
Der Sonnenfisch löste sich vom Muschelhaus. Er glitt erneut durch den Tangwald. Das Wasser war ruhig. Es sang wieder: blub, blub, blub.
Auf dem Rückweg sah Jona ein Netz. Es hing an einem Felsen. Es war alt und grau. Ein kleiner Fisch zappelte darin. Er hatte gelbe Punkte. Er sah ängstlich aus.
„Tante Mara, stopp bitte“, sagte Jona sofort. „Da ist ein Fisch im Netz. Wir müssen helfen.“
Sie hielten an. Jona zog die Handschuhe an. Er öffnete vorsichtig das Seitenfenster. Er streckte die Hand ins Wasser. Seine Finger waren langsam. Wie Seegras im Wind. „Schon gut“, flüsterte er. „Ich bin da.“
Er holte eine kleine Schere. Er schnitt das Netz Stück für Stück. Er achtete auf den Fisch. Er achtete auf seine Finger. Der Fisch wurde still. Er vertraute. Ein letzter Schnitt. Das Netz löste sich. Der Fisch war frei.
„Du bist mutig“, sagte Tante Mara leise.
„Ich möchte aufpassen“, sagte Jona. „Auf alle. Und ich bin ehrlich. Ich sage es, wenn ich Hilfe brauche.“
Sie fuhren weiter. Die Quallen schwebten wie kleine Monde. Ein alter Fels sah aus wie ein schlafender Wal. Ein Schwarm silberner Sardinen glitzerte wie Sternenstaub. Jona sah jedem zu. Er spürte Freude. Er spürte Frieden.
Dann stieg das Boot. Das Wasser wurde heller. Die Luft wurde wärmer. Die Oberfläche war wie eine glatte Haut. Der Sonnenfisch brach hindurch. Plitsch! Gischt spritzte. Möwen riefen.
Am Steg wartete schon eine Frau mit einem Korb. Es war Frau Linde. Sie brachte immer warmen Tee. Und kleine Brote mit Käse.
„Da seid ihr ja“, rief sie. „Wie war es?“
„Wunderschön“, sagte Jona. „Wir haben die Luftreserve geprüft. Erst war sie knapp. Dann haben wir nachgefüllt. Ich habe fast gesagt, alles sei in Ordnung. Aber ich war ehrlich. Und dann war es wirklich in Ordnung.“
Frau Linde nickte. „Ehrlich sein ist mutig.“
„Und schlau“, sagte Tante Mara. „Weil es Probleme löst.“
Jona trank einen Schluck Tee. Er schmeckte nach Honig. Er wärmte ihn. Er fühlte sich leicht.
„Weißt du, was ich mag?“, fragte Jona.
„Was denn?“, fragte Tante Mara.
„Dass das Meer uns zuhört, wenn wir leise sind“, sagte Jona. „Und dass die Tiere freundlich sind, wenn wir freundlich sind.“
„So ist es“, sagte Tante Mara. „Und wenn wir aufpassen, passt das Meer auch auf uns auf.“
Sie räumten auf. Sie hingen die Handschuhe zum Trocknen auf. Sie spülten die Schere ab. Jona legte die Liste neben das Lenkrad. Er schrieb unten mit großer, fester Schrift: Timer stellen. Luft prüfen. Ehrlich sein.
Die Sonne stand tief. Das Wasser war golden. Ein kleiner Wind wehte. Es roch nach Salz und Abend.
„Jona“, sagte Tante Mara, „ich bin stolz auf dich. Du warst mutig. Du warst klug. Du warst ehrlich. Das macht dich stark. Das macht alle sicher.“
Jona lächelte. Sein Herz war warm. Er streckte seine Hand aus. Tante Mara streckte ihre Hand aus. Sie sahen sich an. Sie nickten. Sie gaben sich die Hand.
„Bis zum nächsten Tauchgang“, sagte Jona.
„Bis zum nächsten Tauchgang“, sagte Tante Mara.
Und irgendwo, tief unter den Wellen, schwebte Punkti und winkte mit einem Arm. Das Meer summte leise. Alles war gut. Alles war sicher. Jona atmete tief ein. Er atmete tief aus. Der Abend war still. Die Welt war freundlich. Und der kleine Beschützer träumte schon vom nächsten blauen Tag.