Heute ist der letzte Tag im Jahr. Der kleine Ben ist vier. Er trägt warme Socken mit Sternen. In der Küche riecht es nach Apfel und Zimt. Mama stellt kleine Teller hin. Papa hängt eine bunte Girlande auf. Ben wippt auf den Zehen. Er mag diesen Tag. Alles fühlt sich glitzerig an.
Auf dem Tisch liegt ein Stapel Papier. Daneben liegen dicke Buntstifte. Gold. Blau. Rot. Und ein Stift, der silbern schimmert. Ben streicht über das Papier. Es ist ganz glatt.
„Was machen wir damit?“, fragt Ben.
Mama lächelt. „Wir schreiben Wünsche. Für die Menschen, die wir lieb haben.“
Ben sagt: „Für Oma auch? Und für Leni?“
„Für alle“, sagt Papa. „Wünsche sind wie kleine Geschenke.“
Ben nickt. Geschenke mag er sehr. Aber Wünsche sind leichter zu tragen.
Mama setzt sich zu Ben. „Du kannst malen oder schreiben. Wie du willst.“
Ben kann schon seinen Namen schreiben. Und ein paar Wörter. Manchmal sind die Buchstaben krumm. Das ist okay.
Er nimmt den blauen Stift. „Ich mache zuerst Oma.“
Auf das Papier malt er ein großes Herz. Dann schreibt er langsam: O-M-A. Er hält kurz an, schaut auf Mama, und Mama zeigt mit dem Finger. Ben schreibt weiter: „GUT“. Dann noch: „LACH“. Es wird: „Oma gut lach“.
Mama liest es leise vor. „Oma, gut lachen.“ Sie gibt Ben einen Kuss auf die Stirn. „Das ist wunderschön.“
Ben fühlt sich warm im Bauch.
Als Nächstes ist Leni dran. Leni ist seine Freundin aus der Kita. Sie baut die höchsten Türme. Manchmal fällt alles um, und dann lachen sie zusammen. Ben nimmt den roten Stift. Er malt zwei Kinder, die sich an den Händen halten. Dann schreibt er: „LENI SPIEL“. Er überlegt. Er will noch mehr sagen.
„Ich will, dass sie immer mit mir spielt“, sagt Ben.
„Dann schreib das“, sagt Papa.
Ben schreibt langsam: „MIT MIR“. Es passt gerade so auf das Blatt. Die Buchstaben sind groß wie kleine Häuser.
Papa nickt zufrieden. „Freundschaft ist ein guter Wunsch.“
Ben sagt leise: „Freundschaft ist wie zusammen schaukeln.“
„Ja“, sagt Mama. „Und wie teilen.“
Ben denkt an sein Auto, das Leni einmal halten durfte. Da war er kurz unsicher. Aber dann war es schön, weil Leni so vorsichtig war. Ben malt noch ein kleines Auto dazu. Nur zur Sicherheit.
Es klopft an der Tür. Oma kommt rein, eingepackt wie ein großes, weiches Paket. Sie riecht nach Winter und Bonbons.
„Hallo, mein Sternchen!“, sagt Oma.
Ben rennt zu ihr. „Oma! Ich mache einen Wunsch für dich! Aber du darfst noch nicht gucken.“
Oma legt den Finger an die Lippen. „Pssst. Ich gucke nicht.“ Sie zwinkert.
Später kommt auch Tante Rina. Und Onkel Timo. Alle bringen gute Laune mit. Im Wohnzimmer steht eine Schale mit Mandarinen. Eine Kerze brennt und flackert freundlich. Ben darf die Kerze nur anschauen, nicht anfassen. Das ist in Ordnung.
Mama sagt: „Ben, möchtest du noch einen Wunsch für Papa und mich schreiben?“
Ben grinst. „Ja!“
Er nimmt den goldenen Stift. Der glitzert wie ein kleiner Sonnenstrahl. Für Mama malt er eine Blume. Dann schreibt er: „MAMA KUS“. Das zweite S fehlt, aber Ben findet es trotzdem richtig. Für Papa malt er einen großen Hut, weil Papa immer so tut, als wäre er ein Kapitän. Dann schreibt Ben: „PAPA LACH“.
Er hält die Blätter hoch. „Guckt!“
Mama und Papa schauen. Mama sagt: „Ich fühle mich jetzt schon geküsst.“
Papa macht eine tiefe Stimme. „Kapitän Papa lacht sehr!“ Und er lacht wirklich.
Ben kichert. Sein Lachen hüpft durchs Zimmer.
Dann kommt ein kleiner Moment, in dem Ben den silbernen Stift sieht. Der silberne Stift schimmert so anders. Fast ein bisschen magisch. Ben nimmt ihn. Als die Spitze das Papier berührt, macht es ein leises Krisseln, wie Schnee unter Schuhen.
Ben sagt: „Oh! Der Stift klingt.“
Oma kommt näher. „Das ist der Silvester-Stift“, sagt sie. „Der kann Wünsche besonders glänzend machen.“
„Kann er wirklich?“, fragt Ben.
„Vielleicht“, sagt Oma sanft. „Manchmal hilft Glanz beim Träumen.“
Ben mag Träume.
Er will noch einen Wunsch schreiben. Einen großen Wunsch für alle. Er malt einen Kreis, wie einen kleinen Mond. In den Kreis malt er viele Punkte. Das sollen Menschen sein. Dann schreibt er langsam: „ALLE FROH“. Er schaut auf das Wort. Es ist kurz. Es ist gut.
Mama holt einen kleinen Karton. „Wir legen die Wünsche hier hinein. Das ist unsere Wunsch-Box.“
Ben legt jedes Blatt vorsichtig hinein, als wären es feine Kekse. Papa schließt den Deckel, aber nicht ganz. „Damit die Wünsche atmen können“, sagt er.
Ben nickt ernst. Wünsche brauchen Luft.
Draußen wird es dunkel. Drinnen ist es hell und warm. Sie essen kleine Häppchen. Ben darf eine Traube nehmen und noch eine. Oma erzählt von einem Silvester, als es so viel Schnee gab, dass sie eine Laterne wie einen Stern tragen musste. Ben stellt sich das vor. Eine Laterne, die mitläuft.
Später sagt Mama: „Jetzt machen wir unser Neujahrs-Ritual.“
Ben spitzt die Ohren. Rituale klingen wichtig.
Papa stellt ein Glas mit Wasser auf den Tisch. Daneben legt er einen kleinen, glatten Stein. „Jeder sagt einen guten Satz fürs neue Jahr“, erklärt er. „Dann darf der Stein kurz ins Wasser plumpsen. Plupp. Und dann ist der Satz unterwegs.“
Ben fragt: „Wohin?“
„In die Zukunft“, sagt Tante Rina.
Ben lacht. „Plupp in die Zukunft!“
Oma sagt: „Ich wünsche mir viele gemeinsame Tage.“ Plupp.
Papa sagt: „Ich wünsche mir, dass wir oft zusammen lachen.“ Plupp.
Mama sagt: „Ich wünsche mir Gesundheit und Ruhe.“ Plupp.
Dann ist Ben dran. Er hält den Stein. Er ist kalt und glatt. Ben denkt an Leni. An Oma. An Mama und Papa. An sein Herz, das so voll ist.
Ben sagt: „Ich wünsche mir Freundschaft. Und dass alle froh sind.“
Plupp.
Der Stein macht einen kleinen Kreis im Wasser. Der Kreis wird größer, dann ist er weg. Aber Ben fühlt ihn noch.
Kurz vor Mitternacht setzen sie sich ans Fenster. Draußen sind viele Lichter. Ben ist nicht müde, aber seine Augen blinzeln langsam. Mama legt eine Decke um ihn. Ben kuschelt sich an sie.
„Wann ist das neue Jahr da?“, murmelt Ben.
„Gleich“, flüstert Mama.
In der Ferne sieht Ben bunte Funken am Himmel. Sie sind weit weg und ganz leise. Nur Licht, wie Blumen aus Glitzer. Ben staunt. Es ist wie ein kurzer Zauber, aber ohne Angst. Nur schön.
„Da!“, sagt Ben.
„Ja“, sagt Papa leise. „Willkommen, neues Jahr.“
Alle stoßen mit Saft an. Ben darf auch. Sein Becher klackt gegen Mamas Glas. „Klick“, macht es. Ben findet, das klingt nach „Hallo“.
Oma nimmt die Wunsch-Box und stellt sie auf ein Regal. „Da bleibt sie. Und wir schauen später mal wieder hinein“, sagt sie.
Ben nickt. Er ist zufrieden. Seine Wünsche sind unterwegs. Zu Oma. Zu Leni. Zu allen.
Mama trägt Ben ins Bett. Ben hält noch kurz Mamas Hand. „Mama“, flüstert er, „Freundschaft bleibt, oder?“
Mama streicht ihm über die Haare. „Ja. Freundschaft bleibt. Und wir helfen ihr, indem wir freundlich sind.“
Ben lächelt im Dunkeln. „Dann bin ich freundlich.“
„Das bist du“, sagt Mama.
Ben schließt die Augen. In seinem Kopf glitzern noch kleine Funken. Er hört im Haus leises Lachen, ganz nah. Das neue Jahr fühlt sich an wie eine warme Decke. Und Ben schläft ruhig ein, mit einem Herzen voller Wünsche.