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Märchen aus Japan 11/12 Jahre Lesen 21 min.

Die wandernde Maske und die Nacht der versöhnten Geschichten

Der junge Gärtner Haru findet eine geheimnisvolle Maske, die verborgene Wahrheiten offenbart, und versucht behutsam, die zerstrittenen Erzähler seines Dorfes durch eine gemeinsame Nacht der Geschichten wieder zusammenzubringen.

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Ein junger Mann (Haru) mit sanftem, konzentriertem Gesicht, leicht besorgten aber entschlossenen Augen, kurzen geflochtenen schwarzen Haaren und einfachem indigo Kimono sitzt auf einer Decke neben einigen Laternen und hält behutsam eine polierte Holzmaske mit schmalen Augen und feinem Lächeln, als ob er sie anbietet oder schützt; links sitzt ein etwa 65‑jähriger Mann (Meister Jiro) mit faltiger Haut, zurückgekämmtem grauen Haar und abgenutztem braunem Kimono auf einer Holzbank, mit nostalgisch-zurückhaltendem Blick auf Haru; rechts sitzt ein etwa 68‑jähriger Mann (Meister Sato) mit müdem, aber entschiedenem Gesicht und leichter Bartstoppel in dunkelgrünem Kimono, leicht zu Jiro gewandt, die Hände auf den Knien, bereit zu sprechen; im Vordergrund dösen einige Kinder (Jungen und Mädchen, 6–10 Jahre) auf bunten Decken in einem Halbkreis; Schauplatz: Flussufer bei Dämmerung mit einer großen dunkelnadeligen Kiefer, einem hölzernen Torii im Hintergrund und hängenden Papierlaternen, die warmes, flackerndes Licht und orangefarbene Reflexe im Wasser werfen; Szene: eine versöhnliche Nachtwache unter Laternen, ruhig und zärtlich, Haru zeigt die Maske als geheimnisvollen, kostbaren Gegenstand, die beiden Meister beginnen, ihre Klage zu besänftigen; Komposition mittig auf Haru und der Maske, sanfte Kontraste zwischen feiner Tusche und warmen Aquarellwaschungen. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Garten aus geduldigen Bäumen

Als der Abend wie ein weicher, dunkler Schal über das Dorf am Fuß der Berge glitt, saß Haru zwischen seinen Bonsai. Die kleinen Bäume standen auf niedrigen Holzbänken, jeder in einer Schale, als trüge er sein eigenes stilles Universum. Haru war ein junger Mann, weder Samurai noch Mönch, nur ein Gärtner mit ruhigen Händen und einem Herzen, das manchmal lauter schlug als eine Trommel.

Er strich mit dem Finger über die Rinde einer winzigen Kiefer. „Langsam“, murmelte er, als spräche er mit einem Kind. „Du musst nicht wachsen wie ein Sturm. Wachs wie ein Atemzug.“

Das war seine Welt: Geduld, sorgfältige Schnitte, Wasser in kleinen Schlucken. Und doch trug Haru einen Wunsch, der größer war als alle Schalen zusammen. In seinem Dorf lebten zwei alte Geschichtenerzähler, die seit Jahren nicht mehr miteinander sprachen. Wenn sie über den Markt gingen, war die Luft zwischen ihnen so hart wie gefrorener Reis. Früher hatten sie gemeinsam an Winterabenden erzählt, bis die Kinder mit glänzenden Augen einschliefen. Jetzt erzählte jeder allein, und die Geschichten klangen, als fehlte ihnen ein Flügel.

Haru stellte sich vor, wie alle Erzähler des Dorfes wieder in einem Kreis sitzen würden, eine Versöhnungswache, eine Nacht, in der Worte wie warme Laternen leuchten. Er wollte sie zusammenbringen, nicht mit Druck, sondern mit Geduld — wie bei einem Bonsai.

Da raschelte es im Bambuszaun. Nicht Wind, eher ein leises Flüstern, als würden unsichtbare Finger Papier streicheln. Haru hob den Kopf. Auf dem Pfad lag etwas, das vorher nicht dort gewesen war: eine Maske aus hellem Holz, mit schmalen Augen und einem feinen Lächeln, wie man es von kitsune-Masken bei Festen kennt.

„Hat jemand…?“ Haru stand auf. Seine Sandalen scharrten über Kies, der im Mondlicht glitzerte wie verstreute Fischschuppen. Er bückte sich, und als seine Hand die Maske berührte, fühlte sie sich überraschend warm an — als hätte sie gerade erst geatmet.

In seinem Inneren regte sich ein Gedanke, der zugleich Warnung und Einladung war: Manche Dinge findet man nicht zufällig. Manche Dinge finden dich.

Kapitel 2: Die Maske, die nicht still sein wollte

Haru trug die Maske in sein kleines Haus, stellte sie aber nicht neben die Teekanne. Er legte sie auf ein Tuch, als wäre sie ein schlafendes Tier. Draußen sangen die Grillen, und der Mond hing rund und ruhig über den Dächern.

„Du gehörst bestimmt zum Schrein oben am Hügel“, sagte Haru leise. „Morgen bringe ich dich zurück.“

Die Maske antwortete nicht — natürlich nicht. Und doch, als Haru das Licht ausblies, hörte er ein ganz feines Knacken. Er öffnete die Augen. In der Dunkelheit zeichnete sich die Maske nur als heller Fleck ab, aber… hatte sie sich gedreht?

Haru setzte sich auf. Er war kein Mensch, der sich schnell erschrecken ließ. Beim Drahten eines Bonsai lernt man, dass zu viel Hast mehr bricht als repariert. Also atmete er langsam, zählte in Gedanken bis fünf, so wie er es tat, wenn er eine besonders empfindliche Knospe berührte.

Wieder dieses Knacken, diesmal näher an der Wand. Haru zündete die kleine Öllampe an. Die Maske lag nicht mehr auf dem Tuch. Sie stand — so gut eine Maske eben stehen kann — an die Wand gelehnt, als hätte sie sich selbst dorthin geschoben.

„Das ist unmöglich“, flüsterte Haru, aber seine Stimme klang nicht spöttisch, eher respektvoll. Er erinnerte sich an Geschichten über tsukumogami, Dinge, die nach langer Zeit einen Geist bekommen. Oder an kami, die in allem wohnen, sogar in Holz und Lack.

Die Maske schien im Lampenlicht zu lächeln, ein Lächeln, das weder böse noch freundlich war. Eher wie ein Rätsel.

Haru hob sie vorsichtig auf. „Wenn du ein Zeichen bist“, sagte er, „dann hilf mir, aber ohne Unheil. Ich will niemanden verletzen.“

Da war es, ganz kurz: ein Zucken. Nicht stark, nur wie das Zittern eines Blattes vor Regen.

Haru schluckte. In seinem Kopf stellte sich ein Bild auf: Die zwei zerstrittenen Erzähler, ihre Worte wie spitze Nadeln. Und dazwischen diese Maske, die sich bewegte. Vielleicht konnte sie Geschichten in Bewegung bringen. Vielleicht konnte sie auch Streit wecken wie Feuer im trockenen Gras.

„Prudenz“, murmelte Haru und nahm die Maske mit beiden Händen, als trüge er eine Schale mit kochender Suppe. „Ich werde vorsichtig sein.“

Er wickelte sie in das Tuch und stellte sie hoch oben auf ein Regal. Doch in der Nacht, zwischen einem Traum und dem nächsten, hörte er erneut ein leises Schaben — wie ein Fuß, der einen Schritt ausprobiert.

Kapitel 3: Der Hügel-Schrein und der Fuchs im Schatten

Am nächsten Morgen roch die Luft nach feuchter Erde. Haru nahm die Maske, eingewickelt wie ein Geheimnis, und stieg den Weg zum Schrein hinauf. Kirschbäume standen dort, noch ohne Blüten, aber ihre Zweige trugen bereits das Versprechen des Frühlings wie unsichtbare Perlen.

Vor dem Torii blieb Haru stehen und verbeugte sich. Er klatschte zweimal in die Hände, so wie man es tut, um die Aufmerksamkeit der kami zu wecken. „Ich bringe zurück, was nicht mir gehört“, sagte er.

Als er die Maske auf den Stein vor dem Schrein legen wollte, zog etwas in seinen Fingern — nicht wie ein Ruck, eher wie ein sanfter Widerstand, als würde das Holz nicht loslassen wollen.

„Du willst nicht hier bleiben?“ Haru runzelte die Stirn.

Da knisterte es im Gebüsch. Ein Fuchs trat hervor, rot wie Herbstlaub, die Schwanzspitze weiß wie ein Tupfer Reis. Seine Augen glänzten, als trüge er zwei winzige Monde darin.

„Du bist früh unterwegs, Haru“, sagte der Fuchs. Und weil dies ein Märchen ist, ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Fuchs sprechen kann. Ungewöhnlich ist nur, wie selbstverständlich seine Stimme klang, als wäre er schon immer ein Dorfbewohner gewesen.

Haru erstarrte. Dann verbeugte er sich langsam. „Du… bist ein kitsune?“

Der Fuchs neigte den Kopf. „Vielleicht. Vielleicht auch nur ein Gedanke, der Form angenommen hat. Die Maske gehört nicht dem Schrein. Sie gehört der Nacht, in der Worte wieder zueinander finden sollen.“

Haru hielt die Maske fest. „Ich will eine Versöhnungswache. Aber ich fürchte, sie könnte alles schlimmer machen.“

„Furcht ist wie Nebel“, sagte der Fuchs. „Sie zeigt dir, dass es Klippen gibt. Aber Nebel darf nicht bestimmen, wohin du gehst. Du brauchst Vorsicht. Nicht Feigheit.“

Haru spürte, wie seine Schultern etwas entspannter wurden. „Und was soll ich tun?“

Der Fuchs schnupperte, als rieche er an einer unsichtbaren Spur. „Die Erzähler sind wie zwei Kiefern, die zu dicht nebeneinander wachsen. Ihre Äste reiben sich wund. Du kannst sie nicht mit Gewalt auseinanderziehen. Du musst ihnen Raum geben, und du musst sie an ihre Wurzeln erinnern.“

„Ihre Wurzeln sind Geschichten“, sagte Haru.

„Genau.“ Der Fuchs trat näher, und Haru bemerkte, dass auf seinem Fell ein Blatt klebte, als hätte der Wald ihn selbst geschmückt. „Die Maske bewegt sich, wenn jemand etwas versteckt. Sie liebt das, was nicht gesagt wird. Wenn du sie benutzt, dann nur, um die Wahrheit sanft ans Licht zu bringen — wie man eine Knospe öffnet, ohne sie zu zerreißen.“

Haru nickte. „Ich werde vorsichtig sein.“

Der Fuchs lächelte, ein echtes, schiefes Fuchslächeln. „Dann sammle die Erzähler. Nicht als Richter. Als Gärtner.“

Als Haru blinzelte, war der Fuchs verschwunden. Nur das Blatt lag noch im Staub, als Beweis, dass Worte manchmal Spuren hinterlassen.

Haru nahm die Maske wieder an sich. Der Weg zurück ins Dorf fühlte sich plötzlich länger an, als hätte jeder Schritt eine Entscheidung in sich.

Kapitel 4: Ein Kreis aus Laternen und Stille

Haru lud die Geschichtenerzähler ein, alle, die noch Stimmen für Märchen hatten: die alte Dame Fumiko mit ihrer rauen, warmen Stimme; den Fischer Riku, der immer nach Salz roch; und natürlich die beiden, die sich mieden wie zwei Pole desselben Magneten: Meister Jiro und Meister Sato.

„Eine Nacht der Geschichten“, sagte Haru am Markttag, als er sie nacheinander ansprach. „Unter der großen Kiefer am Fluss. Keine Preise, kein Wettkampf. Nur Wärme.“

Meister Jiro kniff die Augen zusammen. „Sato wird auch dort sein?“

„Ja“, antwortete Haru, „aber ich bitte euch beide: Kommt, ohne Messer in den Worten.“

Meister Sato schnaubte, als Haru später zu ihm ging. „Ich erzähle auch allein.“

„Allein klingt eine Geschichte manchmal wie eine Hand, die nur halb klatschen kann“, sagte Haru. „Ich will den ganzen Klang hören. Bitte.“

Vielleicht war es die Art, wie Haru es sagte — ruhig, ohne zu drängen — oder vielleicht war es schon die Vorfreude auf eine Zuhörerschar. Jedenfalls nickten beide am Ende, jeder mit einem Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

Am Abend stellte Haru Laternen auf. Ihr Licht schwamm wie goldene Fische im Dunkeln. Die Dorfbewohner kamen mit Decken, Kinder mit runden Augen, Erwachsene mit müden Schultern, die sich nach Ruhe sehnten. Der Fluss murmelte dazu, als erzähle er seine eigene Geschichte.

Haru saß ein wenig abseits, die Maske in einem Tuch auf seinem Schoß. Sein Herz schlug schneller als sonst. „Nur vorsichtig“, erinnerte er sich. „Wie beim Schneiden: Ein Millimeter zu viel, und der Ast stirbt.“

Die Geschichten begannen. Fumiko erzählte von einem Tanuki, der eine Teekanne stahl und am Ende lernte, zu teilen. Die Kinder kicherten. Riku erzählte von einer Welle, die einen verlorenen Kamm zurückbrachte, und seine Stimme klang wie Wasser über Steine.

Dann war Meister Jiro an der Reihe. Er räusperte sich. „Ich erzähle von der Kiefer, die den Sturm nicht bekämpfte, sondern ihn durch sich hindurchließ.“

Meister Sato schnaubte leise. Haru bemerkte es. Und da — fast wie ein eigenes Ohr — hörte Haru ein kleines Schaben im Tuch. Die Maske bewegte sich.

Haru hielt den Atem an. Die Maske wollte etwas. Aber was?

Als Meister Jiro eine Pause machte, glitt die Maske in Harus Händen ein Stück aus dem Tuch, als würde sie hinausblicken. Ihre Augen schienen auf Meister Sato gerichtet.

Meister Sato verzog das Gesicht. „Immer diese Kiefern. Als gäbe es keine anderen Bäume.“

Ein paar Leute lachten nervös. Der Kreis wurde enger, die Luft kühler.

Haru spürte, wie die Maske in seinen Händen zitterte. Wie eine Katze, die gleich losspringt. Er presste sie sanft zurück ins Tuch. „Nicht jetzt“, flüsterte er. „Nicht mit Krallen.“

Die Vorsicht war wie eine Laterne in ihm: klein, aber hell. Er wusste: Wenn er die Maske einfach wirken ließ, würde sie vielleicht das Versteckte herausreißen — und dabei Herzen zerkratzen.

Er wartete. Und lauschte — nicht nur auf Worte, sondern auf das, was zwischen ihnen hing.

Kapitel 5: Der Tanz des Maskenlächelns

Später, als die Nacht tiefer wurde und die Kinder schon halb in Decken verschwanden, sollte Meister Sato erzählen. Er stand auf, strich sein Gewand glatt, als könnte er damit seine Gedanken glätten.

„Meine Geschichte“, begann er, „handelt von einem Bambus, der zu schnell wachsen wollte und darum im ersten Schnee brach.“

Meister Jiro murmelte etwas, kaum hörbar. Doch Haru sah es: Sein Mundwinkel zuckte, spitz wie eine Schere.

In Harus Schoß begann die Maske erneut zu rutschen. Diesmal war es stärker. Das Tuch spannte sich, als wolle etwas heraus. Haru hielt sie fest, aber da erklang ein leises, trockenes Kichern — als würde das Holz selbst lachen.

Ein Kind drehte den Kopf. „Hast du das gehört?“

Haru wusste: Wenn die Maske jetzt „tanzen“ durfte, würde sie den Kicherlaut in den Kreis werfen wie einen Stein ins stille Wasser. Die Ringe würden größer werden, bis sie die Erzähler trafen.

Also tat Haru etwas, das er sonst nur bei seinen Bonsai tat: Er lenkte die Kraft um, statt sie zu bekämpfen.

Er stand auf, trat in den Kreis und hob die Maske, aber nicht vor sein Gesicht. Er hielt sie wie eine Schale nach oben, als biete er sie dem Mond an.

„Bevor Meister Sato weiterspricht“, sagte Haru, „möchte ich eine kleine Sache zeigen. Diese Maske fand ich gestern. Sie bewegt sich, wenn ein Geheimnis im Raum ist.“

Ein Raunen ging durch die Leute. Meister Sato hielt inne. Meister Jiro starrte auf die Maske, als hätte er einen alten Feind erkannt.

Haru sprach weiter, langsam, wie man eine heiße Kartoffel weiterreicht, ohne sich zu verbrennen. „Ich bin kein Priester. Ich will niemanden beschämen. Aber vielleicht können wir heute Nacht Dinge aussprechen, die sonst im Dunkeln bleiben. Vorsichtig. Ohne zu stoßen.“

Die Maske zitterte, und dann — ganz sanft — drehte sie sich in Harus Händen, bis sie nicht mehr auf die Erzähler zeigte, sondern auf Haru selbst. Als wollte sie sagen: Fang bei dir an.

Haru schluckte. Das war unerwartet. Doch er verstand: Vorsicht bedeutet auch, den eigenen Anteil zu prüfen.

„Ich gestehe“, sagte Haru, „dass ich euch eingeladen habe, weil ich euch vermisse. Eure gemeinsamen Geschichten waren wie zwei Flüsse, die sich treffen. Ich wollte diese Mündung wieder sehen. Vielleicht habe ich zu sehr gezogen.“

Die Maske wurde still. Das Kichern verklang. Der Kreis atmete aus, als hätte jemand ein Fenster geöffnet.

Meister Sato räusperte sich. „Du bist jung“, sagte er. „Aber du sprichst nicht töricht.“

Meister Jiro blickte auf seine Hände. „Erinnert ihr euch“, murmelte er, „an die Nacht, als wir beide zum ersten Mal zusammen erzählten?“

Ein leiser Wind ging durch die Kiefer über ihnen. Die Nadeln flüsterten, als wollten sie zuhören.

Die Maske lag nun ruhig in Harus Händen. Wie ein Tier, das sich hinlegt, weil es merkt, dass hier niemand mit Steinen wirft.

Kapitel 6: Zwei Stimmen, ein Feuer

Meister Sato setzte sich nicht. Er blieb stehen, als bräuchte er den Boden unter den Füßen, um nicht in die Vergangenheit zu fallen. „Ich erinnere mich“, sagte er knapp. „Und ich erinnere mich auch an den Streit.“

Alle wurden still. Sogar der Fluss schien langsamer zu murmeln.

Meister Jiro nickte. „Ich sagte damals, deine Geschichte sei zu ausgeschmückt. Du sagtest, meine sei zu trocken. Wir wollten beide recht haben, statt die Kinder lachen zu sehen.“

Meister Sato presste die Lippen zusammen. „Du hast meine Worte vor allen lächerlich gemacht.“

„Und du hast meine Laterne ausgetreten“, antwortete Meister Jiro. Seine Stimme war nicht wütend, eher müde, wie ein langer Weg.

Haru hielt die Maske zwischen ihnen, nicht als Waffe, sondern als Spiegel. „Wenn ihr euch entschuldigt“, sagte er leise, „dann nicht, weil ihr verlieren müsst. Sondern weil ihr beide die Geschichten gewinnen lasst.“

Die Maske zuckte, als wäre sie mit dem Gedanken einverstanden. Ein kleines, kaum sichtbares Nicken aus Holz.

Meister Sato atmete tief ein. „Ich habe die Laterne ausgetreten, weil ich neidisch war“, sagte er plötzlich. „Die Kinder hingen an deinen Lippen, und ich fühlte mich… klein.“

Ein Murmeln ging durch den Kreis. Neid war ein Wort, das schwerer wog als eine Teeschale.

Meister Jiro hob den Blick. „Und ich habe dich lächerlich gemacht, weil ich Angst hatte, dass du besser bist“, sagte er. „Also tat ich so, als wärst du schlechter.“

Die Laternen flackerten, als klatschten sie stumm. Haru spürte, wie die Nacht selbst aufmerksamer wurde. Vielleicht standen irgendwo im Dunkeln freundliche kami und nickten, unsichtbar wie der Duft von Pflaumenblüten.

Meister Sato sah Meister Jiro an. „Ich… bedaure es.“

Meister Jiro schluckte. „Ich auch.“

Es war keine große, dramatische Verbeugung, kein lautes Versprechen. Nur zwei Sätze, die wie kleine Steine eine Brücke bildeten.

Haru lächelte, aber nur mit den Augen. Er wusste: Versöhnung ist wie ein Bonsai. Sie wird nicht in einer Nacht perfekt. Man muss sie weiter pflegen.

„Erzählt zusammen“, sagte ein Kind plötzlich, verschlafen, aber mutig. „Bitte.“

Meister Sato und Meister Jiro sahen sich an. Dann, ganz langsam, setzte sich Meister Jiro. Meister Sato setzte sich neben ihn, nicht zu nah, aber nah genug, dass ihre Ärmel sich fast berührten.

„Dann erzählen wir“, sagte Meister Sato, „eine Geschichte, die zwei Wege hat.“

„Und ein Ziel“, ergänzte Meister Jiro.

Sie begannen. Ihre Stimmen waren verschieden: die eine wie trockener Bambus, die andere wie Kiefernharz. Doch zusammen klangen sie wie ein Feuer, das nicht brennt, sondern wärmt.

Haru hielt die Maske auf seinem Schoß. Sie bewegte sich nicht mehr. Ihr Lächeln wirkte nun weniger rätselhaft, eher zufrieden — wie eine Tür, die endlich wieder ins Schloss fällt.

Kapitel 7: Die Rückkehr ins Regal und die Lehre der Knospe

Als die Nacht endete, waren viele im Kreis eingeschlafen. Die Laternen wurden blasser, der Himmel heller. Meister Jiro und Meister Sato verabschiedeten sich ohne große Worte, aber sie gingen nicht in entgegengesetzte Richtungen. Sie blieben noch einen Moment am Fluss stehen, als würden sie prüfen, ob das Wasser auch morgen noch fließt.

Haru trug die Maske nach Hause. Der Morgen roch nach neuem Anfang, nach Reis und kalter Asche. Er setzte sich zwischen seine Bonsai. Die kleinen Bäume standen da, als hätten sie die ganze Nacht zugehört.

Haru wickelte die Maske aus und betrachtete sie. „Du hast geholfen“, sagte er. „Aber du bist gefährlich, wenn man dich unvorsichtig lässt.“

Die Maske gab natürlich keine Antwort. Doch als Haru sie auf das Regal stellte, geschah etwas Merkwürdiges: Sie rutschte nicht, sie zappelte nicht. Sie lag still, als hätte sie endlich ihren Platz gefunden.

Haru nahm seine kleine Schere und trat zu einer Ahornminiatur. Ein Zweig wuchs in eine Richtung, die das Gleichgewicht störte. Haru hob die Schere — und hielt inne. Er erinnerte sich an die Nacht: an Worte, die schneiden können, und an Worte, die heilen.

Er schnitt erst, nachdem er dreimal tief geatmet hatte. Ein sauberer Schnitt, nicht zu viel, nicht zu wenig.

„Vorsicht“, sagte Haru zu dem Ahorn, „ist keine Bremse. Sie ist ein Lenkrad.“

Draußen wehte ein leichter Wind. In ihm war ein Hauch von Lachen, vielleicht vom Fuchs am Schrein, vielleicht nur von der Welt selbst. Haru sah zu der Maske hinauf. Ihr Lächeln schien im Tageslicht ganz gewöhnlich, fast harmlos.

Aber Haru wusste: In jedem gewöhnlichen Ding kann ein Geheimnis wohnen. Und in jeder Nacht kann eine Versöhnung wachsen — wenn man sie mit geduldigen Händen behandelt.

So wurde im Dorf wieder gemeinsam erzählt. Nicht jeden Tag, nicht ohne kleine Reibereien. Doch Haru hatte gelernt, rechtzeitig innezuhalten, bevor ein Wort wie ein Messer wird. Und die Kinder schliefen wieder ein, während Geschichten wie sanfte Boote über den Fluss ihrer Träume glitten.

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Bonsai
Ein sehr kleiner Baum, den Menschen in einer Schale formen und pflegen.
Rinde
Die harte Außenhaut eines Baumes, die den Baum schützt.
Schale
Ein flaches Gefäß, in dem Pflanzen oder Essen stehen können.
Torii
Ein großes Tor am Eingang eines Shinto-Schreins in Japan.
Kitsune-Masken
Masken, die Füchsen nachempfunden sind und bei Festen getragen werden.
Tsukumogami
In alten Geschichten: Dinge, die nach langer Zeit lebendig werden.
Öllampe
Eine kleine Lampe, die mit Öl brennt und Licht gibt.
Kami
Spirituelle Wesen oder Kräfte in der japanischen Religion Shinto.
Knacken
Ein kurzes, trockenes Geräusch, wie bei brechendem Holz.
Versöhnungswache
Eine Nacht oder Zeit, in der Menschen sich wieder vertragen wollen.
Knospe
Der kleine Anfang einer Blume oder eines Blattes am Zweig.
Verbeugte
Sich mit dem Oberkörper leicht nach vorn neigen, um Respekt zu zeigen.
Laternen
Behälter mit Licht, die oft draußen für Helligkeit sorgen.

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