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Märchen aus Japan 11/12 Jahre Lesen 19 min.

Der Fuchs, der seine Erinnerung wiederfand

Ein schüchterner Junge findet einen geheimnisvollen Kamm und begleitet einen verletzten Fuchs auf einem Weg voller Wälder, Geister und Feste, wobei er durch kleine Akte der Großzügigkeit mehr über Erinnerung und Mut lernt.

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Ein etwa 20-jähriger junger Mann mit schwarzem kurz geschnittenem Haar, leicht zerknittertem blau-grauem Kimono und schüchtern-entschlossenem Gesicht kniet auf einem Moosteppich und reicht sanft einen kleinen Holzkamm auf einem flachen, moosbedeckten Stein, im Hintergrund eine etwa 70-jährige Großmutter mit geflochtenem grauem Haar und cremefarbenem Kimono am Wegesrand mit gefalteten Händen und wohlwollendem Blick; rechts sitzt ein rotbrauner Fuchs mit weißer Gesichtsmaske nahe dem Kamm, aufmerksamer, ruhiger Blick und buschiger Schwanz um die Pfoten geschlungen; nahe dem Stein schwebt ein blau-grün durchscheinender Weggeist mit wallendem Haar und einer kleinen goldenen Glocke, aus dem Kamm steigen feine silberne Rauchschwaden, die Erinnerungsbilder (ein lachendes Kind, Spuren im Schnee) andeuten; Ort: japanische Waldlichtung mit smaragdgrün bedeckten Steinen, Farnen, schmalen Bambusstämmchen und einer heiligen Quelle, aus einem mit Shimenawa geschmückten Felsen sprudelt klares Wasser; Szene: zärtlicher, stiller Moment, zentral komponiert, weiche Farben mit warmem Kontrast für Fuchs und Kamm, texturiertes aber schlicht gehaltenes Hintergrunddesign für gute Lesbarkeit im Flat-Design. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Glocken, die innen läuten

Wenn im Tal von Hoshimori die Tempelglocke erklang, war das nicht nur ein Ton. Es war, als würde jemand mit einem silbernen Finger an die Tür des Herzens klopfen. Manchmal klang sie wie ein rundes „Du bist da“, manchmal wie ein längeres „Warte noch“.

Ren, ein junger Mann mit schmalen Schultern und einem Blick, der lieber am Boden entlangwanderte als in Gesichter, lebte am Rand des Zedernwaldes. Er sprach leise, nicht weil er nichts zu sagen hatte, sondern weil seine Worte wie scheue Vögel waren: Sie flogen nur auf, wenn man still genug wartete.

An diesem Abend, als die Luft nach Regen und Reisstroh roch, fegte Ren den Vorplatz des kleinen Schreins seiner Großmutter. Zwischen den Steinen lag etwas, das dort nicht hingehörte: ein Kamm aus hellem Holz, glatt wie ein Bachstein, mit winzigen Kerben, die wie Schriftzeichen aussahen. Er hob ihn auf. Der Kamm war warm, als hätte jemand ihn gerade in der Hand gehalten.

„Ein Kamm?“, murmelte Ren und steckte ihn vorsichtig in die Ärmelöffnung seines Kimonos, als wäre es ein verletzlicher Schmetterling.

Die Glocke läutete. Ein tiefer Klang, der in ihm eine seltsame Unruhe weckte, so als hätte er etwas versprochen, ohne sich zu erinnern.

Als Ren später die Schiebetür schloss, sah er am Rand des Gartens zwei gelbe Augen. Zwischen Bambusblättern stand ein Fuchs. Sein Fell war rot wie Herbstlaub, aber um seine Schnauze lag ein Streifen Weiß, als trüge er eine kleine Maske.

Der Fuchs sagte nichts. Doch sein Blick war so deutlich wie eine Bitte.

Ren senkte die Augen. „Ich… ich habe nichts“, flüsterte er, obwohl der Kamm in seinem Ärmel lag und ihn wie ein Herzschlag daran erinnerte, dass er doch etwas hatte.

Der Fuchs neigte den Kopf, und für einen Moment schien die Welt stiller als sonst. Dann verschwand er lautlos im Wald, als wäre er nur ein Gedanke gewesen.

Ren blieb zurück, und die Glocke im Tempel – weit oben am Hang – schwang noch in der Luft nach, wie ein Kreis im Wasser.

Kapitel 2: Der Kamm, der Erinnerungen trägt

In der Nacht träumte Ren, er gehe durch einen Bambushain, der so dicht war, dass das Mondlicht nur in dünnen Streifen durchkam. Überall hingen kleine Papierstreifen, omikuji, und sie flüsterten wie trockene Blätter. Ein Fuchs lief vor ihm her und ließ etwas Unsichtbares fallen, das Ren immer wieder aufheben wollte – doch seine Hände griffen ins Leere.

Am Morgen nahm Ren den Kamm heraus und legte ihn auf die Handfläche. Je länger er ihn ansah, desto mehr schien sich ein Bild darin zu spiegeln: eine flackernde Laterne, ein Bach, eine Pfote, die im Schnee Spuren zeichnete. Es war keine richtige Erinnerung, eher ein Duft von etwas Verlorenem.

Seine Großmutter, die mit ihren faltigen Händen Tee einschenkte, betrachtete den Kamm nur kurz. „Das ist kein gewöhnlicher Kamm“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig wie ein Teich. „Man sagt, manche Tiere tragen ihre Geschichte nicht im Kopf, sondern in Dingen. Ein Kamm kann Zöpfe ordnen – und manchmal ordnet er auch das, was im Inneren durcheinandergeraten ist.“

Ren schluckte. „Der Fuchs gestern…“

„Kitsune“, sagte die Großmutter und stellte die Tasse ab. „Nicht alle sind listig. Manche sind Wächter. Manche… brauchen Hilfe.“

Ren spürte, wie ihm warm wurde, als hätte ihn jemand beim heimlichen Gedanken erwischt. Helfen klang groß. Ren fühlte sich selten groß. Er war eher wie ein Kieselstein: nützlich, aber leicht zu übersehen.

Draußen rauschte der Wind durch die Zedern. Die Tempelglocke schlug erneut, und Ren dachte: Der Klang ist wie ein Wegweiser, der nicht nach außen zeigt, sondern nach innen.

Er nahm den Kamm und wickelte ihn in ein Stück Stoff, sorgfältig, als könnte eine zu schnelle Bewegung ihn verletzen. „Ich bringe ihn zurück“, sagte er leise. Es klang nicht wie Mut. Eher wie ein Samen, der noch nicht weiß, ob er wirklich wachsen kann.

Die Großmutter nickte. „Gib nicht nur den Kamm zurück“, fügte sie hinzu. „Gib auch Zeit. Aufmerksamkeit. Ein offenes Herz ist die größte Gabe.“

Ren schaute aus dem Fenster zum Wald. Die Bambusspitzen bewegten sich wie grünes Wasser. Irgendwo da drin wartete der Fuchs – und vielleicht seine Erinnerung, die wie ein Papierboot im Regen trieb.

Kapitel 3: Pfade aus Moos und leisen Worten

Ren machte sich auf den Weg, als die Sonne noch tief stand und die Schatten lang waren wie Geschichten. Der Pfad führte am Reisfeld entlang, wo Wasser spiegelglatt lag und den Himmel stahl, um ihn auf der Erde zu zeigen. Libellen schwirrten darüber wie kleine, blaue Gedanken.

Je weiter Ren ging, desto deutlicher hörte er die Glocken. Nicht nur die große am Tempel. Auch kleine: eine Windglocke am Tor eines verlassenen Hauses, ein metallisches Klirren, als ob ein Geist mit dem Fingernagel an eine Schale tippte. Es war, als hätte die Welt beschlossen, ihm zu antworten, sobald er endlich fragte.

Im Wald wurde es kühler. Moos polsterte die Steine wie grüne Kissen. Ren ging vorsichtig, als wolle er niemanden wecken. Er war pudisch, sogar mit seinen Schritten.

„Kitsune?“, rief er schließlich, und seine Stimme stolperte über den Namen.

Ein Rascheln. Dann trat der Fuchs zwischen den Farnen hervor. Diesmal war er näher. Seine Augen glänzten, aber nicht hart. Eher wie zwei Laternen, die den Weg zeigen möchten.

Ren zog das Stoffbündel aus dem Ärmel. „Ich habe etwas gefunden“, sagte er, und sein Blick fiel wieder auf den Boden. „Ich glaube… es gehört dir.“

Der Fuchs kam nicht sofort näher. Er setzte sich, Schwanz ordentlich um die Pfoten gelegt, wie ein höflicher Besucher. Dann senkte er den Kopf, als würde er sich verbeugen.

Ren legte den Kamm auf einen flachen Stein. Die Kerben im Holz schimmerten, als wären sie mit Mondlicht gefüllt.

Der Fuchs schnupperte daran, doch berührte ihn nicht. Stattdessen stieß er einen leisen Laut aus, fast wie ein Seufzen, und blickte Ren an, als wollte er sagen: Nicht so einfach.

„Warum nimmst du ihn nicht?“, flüsterte Ren.

Da geschah etwas Merkwürdiges: Aus dem Schatten des Waldes löste sich eine Gestalt, kaum mehr als ein Schimmer. Sie war wie Nebel, der beschlossen hatte, kurz Mensch zu spielen. In ihren Haaren steckte ein kleines Glöckchen, das bei jeder Bewegung „ting“ machte.

„Er kann nicht“, sagte die Gestalt. Ihre Stimme war wie Wasser über Kies. „Seine Erinnerung ist gebunden. Und gebundene Dinge lösen sich nicht, wenn man nur zugreift.“

Ren schluckte. „Wer… bist du?“

„Nur ein freundlicher Geist der Wege“, antwortete sie, und der Wald schien zustimmend zu atmen. „Du hast den Kamm gefunden. Du kannst ihn auch öffnen. Aber dafür brauchst du mehr als Hände.“

Ren starrte auf den Kamm. „Was brauche ich?“

Die Gestalt deutete auf Rens Brust. „Großzügigkeit. Nicht die, die Münzen klirren lässt. Die, die Wärme teilt.“

Ren wurde still. Er hatte gehofft, es sei eine einfache Aufgabe: finden, zurückgeben, fertig. Doch nun fühlte es sich an, als hätte er eine Tür entdeckt, die nur mit einem Gefühl aufgeschlossen werden konnte.

Der Fuchs legte die Ohren an, als schäme er sich für seine Hilflosigkeit.

Ren hob den Kamm wieder auf. „Dann… komme ich wieder“, sagte er, und obwohl es leise war, war es klar.

Die Gestalt nickte. „Wenn der Tambur schlägt, wird sich der Pfad ändern“, flüsterte sie, und ehe Ren nachfragen konnte, war sie wieder Nebel.

Ren ging zurück, den Kamm am Herzen, und die Glocken schienen ihn zu zählen wie Schritte in einem Gedicht.

Kapitel 4: Der Tambur, der den Wind weckt

Am nächsten Tag war im Dorf Matsuri. Bunte Fahnen flatterten, und der Duft von gegrilltem Mochi und süßem Bohnenmus lag in der Luft. Kinder liefen mit Papiermasken herum, und selbst die Erwachsenen hatten Augen, die heller waren als sonst.

Ren wollte eigentlich nicht mitten hinein. Feste waren laut, und Lautstärke fühlte sich für ihn an wie ein zu grelles Licht. Doch er erinnerte sich an die Worte des Weggeistes: Wenn der Tambur schlägt…

Auf dem Platz stand ein großer taiko. Das Trommelfell war gespannt wie der Bauch einer Wolke kurz vor dem Regen. Ein alter Mann hob die Schlegel, und als er schlug, bebte der Boden.

BUMM.

Es war nicht nur ein Geräusch. Es war, als würde das Dorf für einen Moment ein gemeinsames Herz bekommen.

BUMM.

Mit jedem Schlag schien sich die Luft zu drehen. Die Laternen schwankten, obwohl kein Wind ging. Rens Stoffbündel wurde warm, heiß fast, als hätte der Kamm plötzlich Feuer gefangen – aber ohne zu brennen.

Ren trat zur Seite, suchte einen ruhigeren Rand. Doch der Tambur folgte ihm, nicht als Klang, sondern als Gefühl, das ihn von innen drängte: Geh. Jetzt.

Zwischen den Buden stand ein Mädchen, das einen Korb mit Reisbällchen trug. Ein kleiner Junge rannte dagegen, der Korb kippte, und weiße Bällchen rollten wie Monde über den Boden. Der Junge erschrak, wollte weglaufen.

Das Mädchen biss sich auf die Lippe. „Meine Mutter…“, begann sie, und ihre Stimme wurde dünn.

Ren sah die Reisbällchen. Er hatte selbst welche in der Tasche, sorgsam eingewickelt, sein Mittagessen. Er dachte an den Weg, an den Fuchs, an den Kamm, der sich nicht öffnen ließ. Und plötzlich verstand er etwas Einfaches: Großzügigkeit ist kein großes Wort. Sie beginnt bei kleinen Händen.

Er kniete sich hin. „Warte“, sagte er zum Jungen, nicht streng, eher wie eine Glocke, die zur Ruhe ruft. Dann sammelte er die Reisbällchen ein, wischte den Staub ab, so gut es ging, und legte seine eigenen dazu, als wären sie schon immer Teil des Korbes gewesen.

Das Mädchen schaute ihn an. „Aber… das ist dein Essen.“

Ren spürte, wie seine Wangen heiß wurden. „Ich… ich finde später etwas“, murmelte er. Er zwang sich, aufzusehen. „Nimm es. Bitte.“

Das Mädchen lächelte, klein und ehrlich. „Danke.“

In diesem Moment schlug der taiko wieder.

BUMM.

Rens Stoffbündel leuchtete kurz auf, nur ein Hauch von hellem Schimmer, als hätte der Kamm gelächelt.

Der alte Trommler sah zu Ren herüber, als wüsste er mehr, als sein Gesicht verriet. „Der Tambur weckt, was schläft“, rief er über den Lärm. „Auch in denen, die sich verstecken.“

Ren schluckte, aber diesmal fühlte sich das Verstecken weniger nötig an. Als das Fest endete und die Laternen nacheinander erloschen wie müde Glühwürmchen, ging Ren zurück in den Wald. Der Tamburklang blieb in ihm, wie ein neuer Takt.

Kapitel 5: Die Kammzähne und das verlorene Bild

Der Wald empfing Ren mit feuchter Stille. Farn wedelte ihm zu, als wäre er ein alter Bekannter. Wieder hörte er das leise „ting“ eines Glöckchens, und der Weggeist erschien am selben flachen Stein, als wäre er nie fort gewesen.

„Du riechst nach Fest“, sagte der Geist, und das klang fast wie Lachen.

Ren hielt den Kamm hoch. „Ich habe… geteilt“, sagte er unsicher, als wäre das eine seltsame Nachricht.

Der Fuchs trat aus dem Schatten. Er wirkte aufmerksamer, als hätte er auf genau diesen Satz gewartet.

Der Geist nickte. „Großzügigkeit ist wie Wasser“, flüsterte er. „Sie findet Risse und füllt sie, auch wenn sie klein sind.“

Ren kniete sich hin und legte den Kamm wieder auf den Stein. „Was soll ich tun?“

„Gib, ohne zu rechnen“, sagte der Geist. „Nicht nur Essen. Auch Mut. Worte. Zeit.“

Ren dachte an sich selbst: wie er oft schwieg, um nicht aufzufallen. Vielleicht war sein Schweigen manchmal kein Frieden, sondern eine geschlossene Tür.

Er atmete tief ein, und der Duft von Moos und Zedern füllte ihn. Dann nahm er den Kamm in beide Hände, als würde er eine Schale tragen, und sagte zum Fuchs: „Ich weiß nicht, was du verloren hast. Aber ich möchte es dir zurückbringen. Ich bleibe, bis es wieder ganz ist.“

Der Fuchs blinzelte. Seine Ohren zuckten. Dann legte er vorsichtig eine Pfote auf den Kamm.

Ein Zittern ging durch das Holz. Die Kerben begannen zu schimmern. Aus den Kammzähnen stieg ein dünner Nebel auf, der sich vor ihnen in Bilder formte, als male jemand mit Rauch.

Ren sah eine Schneeebene. Er sah den Fuchs, jünger, schneller, der neben einem Kind herlief. Das Kind lachte, und der Klang war wie Windspiele. Dann sah Ren Männer mit Fackeln, hörte Hunde bellen. Der Fuchs rannte, der Kamm fiel in den Schnee, und mit ihm fiel etwas Unsichtbares: ein Teil seiner Geschichte.

Das Bild wankte, als wollte es verschwinden.

Ren spürte plötzlich Tränen in den Augen, ohne genau zu wissen warum. Vielleicht, weil es weh tat, wenn jemand seine Erinnerung verlor, so wie ein Baum weh tat, wenn man ihm einen Ast abriss.

„Das Kind…“, flüsterte Ren.

Der Fuchs stieß einen leisen Ton aus. Er klang wie ein Name, der nicht ausgesprochen werden konnte.

Ren legte eine Hand auf den Stein, die andere hielt den Kamm fest. „Du musst nicht allein daran denken“, sagte er, und diesmal schaute er den Fuchs direkt an. „Ich denke mit.“

Das war sein Geschenk: nicht etwas, das man essen konnte, sondern etwas, das man teilen konnte, ohne dass es weniger wurde.

Der Geist hob das Glöckchen in den Haaren. „Jetzt“, sagte er.

Aus der Ferne, vom Dorf her, kam ein letzter Nachklang des taiko, als hätte die Nacht selbst noch einmal auf die Trommel getippt.

BUMM.

Der Nebel zog sich zusammen und floss zurück in den Kamm, als kehre ein Vogel in sein Nest zurück. Der Kamm wurde still. Der Fuchs schloss die Augen, und sein Atem wurde ruhig.

Als er sie wieder öffnete, wirkte sein Blick anders: voller, als hätte er ein fehlendes Stück Himmel zurückbekommen.

Kapitel 6: Eine Gabe, die nicht weniger wird

Der Fuchs nahm den Kamm endlich zwischen die Zähne, vorsichtig, als trüge er eine Kerze. Dann legte er ihn vor Ren ab, schob ihn wieder hin, als würde er sagen: Nicht nur meins.

Ren schüttelte den Kopf. „Er gehört dir“, flüsterte er.

Der Fuchs schnaubte leise, fast wie ein Lachen, und stieß den Kamm erneut an. Dann drehte er sich um und ging ein paar Schritte, blieb stehen und blickte zurück. In seinen Augen lag eine klare Bitte: Komm.

Ren folgte ihm tiefer in den Wald, bis sie an eine kleine Quelle kamen. Das Wasser sprang aus dem Stein, frisch und hell, und über der Quelle hing ein shimenawa-Seil mit Papierstreifen – ein Zeichen, dass hier ein Kami wohnte.

Der Weggeist stand dort schon, als wäre er aus dem Wasser aufgestiegen. „Der Fuchs will dir danken“, sagte er.

Ren rieb sich nervös die Hände. „Ich… ich habe doch nur—“

„Nur“, wiederholte der Geist, und in dem Wort lag ein ganzer Garten. „Du hast geteilt, obwohl du selbst wenig wolltest. Du hast hingesehen, obwohl du gern wegschauen würdest. Du hast gesprochen, obwohl du dich am liebsten versteckst.“

Der Fuchs legte den Kamm neben die Quelle. Dann senkte er den Kopf, und für einen Herzschlag flackerte um ihn ein Schimmer, als hätte das Mondlicht sich in Feuer verwandelt. Ren sah nicht einen anderen Körper, sondern eine andere Würde: Der Fuchs war nicht weniger Tier, nur mehr Geheimnis.

Der Fuchs stupste mit der Schnauze gegen eine kleine, glatte Muschel am Rand des Wassers. In der Muschel lag ein Tropfen, der nicht weglief. Er glänzte wie ein winziger Stern.

Der Geist erklärte: „Das ist ein Erinnerungstropfen. Er gehört nicht dem Fuchs. Er gehört dem, der großzügig war. Wenn du ihn ansiehst, wirst du dich an heute erinnern, selbst wenn du alt bist und die Tage sich vermischen.“

Ren nahm die Muschel. Der Tropfen war kühl und klar. Er sah hinein und sah nicht nur den Fuchs, nicht nur den Kamm, sondern auch das Mädchen mit dem Korb, den Jungen, die rollenden Reisbällchen, den Tambur, der alles in Bewegung brachte. Er sah sich selbst, wie er zum ersten Mal nicht kleiner werden wollte.

„Danke“, sagte Ren, und das Wort war nicht zu laut, nicht zu leise. Es passte.

Der Fuchs nahm den Kamm wieder an sich. Bevor er ging, berührte er mit der Stirn kurz Rens Hand – eine Geste so leicht wie ein fallendes Blatt. Dann verschwand er zwischen den Zedern, und sein rotes Fell war noch einen Moment lang ein wandernder Herbstfleck im Grün.

Ren blieb an der Quelle sitzen. Die Nacht war weich geworden. Von fern läutete die Tempelglocke, langsam, wie ein Atemzug.

Er verstand: Zeit kann man nicht festhalten. Erinnerungen können verloren gehen. Aber Großzügigkeit ist wie eine Laterne – wenn man ihr Licht teilt, wird es nicht dunkler. Es wird nur weiter.

Und als Ren nach Hause ging, trug er keine schwere Aufgabe mehr, sondern eine stille Wärme, die in ihm weiterklang, im Takt der Glocken, die nicht nur die Stunden, sondern auch das Herz zählen.

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Tempelglocke
Große Glocke in einem Tempel, die laut schlägt und oft ruft.
Kimonos
Traditionelle japanische Kleider mit breiten Ärmeln und Gürtel.
Kitsune
Japanisches Wort für Fuchs; oft in Geschichten als Geist dargestellt.
Omikuji
Papierstreifen mit Orakelsprüchen, die man an Schreinen bindet.
Shimenawa-Seil
Heiliges Seil mit Papierstreifen, das einen heiligen Ort markiert.
Taiko
Große japanische Trommel, die laut und tief geschlagen wird.
Tambur
Ein Trommelschlag oder die Trommel selbst, die den Rhythmus gibt.
Matsuri
Japansches Fest mit Musik, Essen und bunten Dekorationen.
Wächter
Jemand oder etwas, das aufpasst und schützt.
Erinnerungstropfen
Symbolischer Tropfen, der eine Erinnerung bewahren soll.
Kami
Geist oder Gottheit in der japanischen Natur- und Glaubenswelt.
Kammzähne
Die einzelnen Zinken eines Kamms, mit denen man Haare ordnet.
Großzügigkeit
Andere teilen oder helfen, ohne etwas zurück zu erwarten.

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