Kapitel 1: Die Uhr, die Wann sagte
Leni war acht Jahre alt und sehr sorgfältig. Sie mochte es, wenn alles seinen Platz hatte. In ihrem Zimmer stand ein kleines Album. Darin klebte sie jeden Tag ein Foto. Unter jedes Bild schrieb sie sauber das Datum. Manchmal klebte sie kleine runde Sticker dazu. Einer mit einer Sonne, einer mit einem Stern.
An einem Regentag ging Leni mit ihrem Freund Jonas in Opas Werkstatt. Dort roch es nach Holz und warmem Staub. In einem Kasten lag eine Blechdose. Auf der Dose stand krumm: Wann-Uhr.
Leni öffnete die Dose vorsichtig. Innen lag eine silberne Taschenuhr. Sie hatte eine glatte Scheibe, die wie ein Knopf aussah. Neben der Uhr lag ein Zettel: Nur mit Freund drücken. Zuerst putzen!
Leni strahlte. Putzen konnte sie gut. Sie holte ihr Taschentuch und rieb die Uhr. Sie machte jeden Rand sauber. Dann pustete sie einmal. Die Uhr glänzte. Jonas grinste. "Alles bereit, Chefin?"
"Fast", sagte Leni. Sie nahm Jonas an die Hand. "Wir drücken zusammen. Auf drei. Eins… zwei… drei!"
Die Uhr summte, ganz leise, wie eine Katze im Schlaf. Es wurde nicht dunkel. Es wurde hell und warm. Die Luft fühlte sich an wie Seifenblasen. Leni roch plötzlich frisches Brot.
Dann war es still. Leni blinzelte. Die Werkstatt war da. Doch draußen sah die Straße anders aus. Keine Autos. Ein Bus glitt lautlos vorbei, wie auf einem Kissen. Bäume hatten bunte Bänder, die im Wind flüsterten.
Jonas flüsterte: "Wow. Ist das… morgen?"
Leni hielt die Uhr hoch. Auf der Scheibe stand nun ein kleines Wort: Jetzt. Darunter blinkte ein Punkt. Leni nickte. "Ich glaube, wir sind im Morgen. Oder noch ein bisschen weiter."
Kapitel 2: Morgenland im Stadtviertel
Leni und Jonas traten auf die Straße. Es war freundlich hell, obwohl die Wolken weich waren. Kleine Summ-Helfer flogen von Blüte zu Blüte. Sie sahen aus wie Perlen mit Flügeln. Ein Müllwagen fuhr, aber er sang dabei ein lustiges Lied.
Ein Kind kam ihnen entgegen. Es hatte Locken und ein gelbes Cape. "Ihr seid pünktlich", sagte es und lächelte. "Ich bin Nuri."
"Woher weißt du, dass wir kommen?", fragte Jonas.
"Die Zeitglocke hat es gesagt", erklärte Nuri. "Sie merkt, wenn eine Wann-Uhr in der Nähe summt. Kommt ihr mit? Ich zeige euch das Haus der Guten Fragen. Aber zuerst die Regeln."
Leni stellte sich gerade hin. Regeln mochte sie. "Welche Regeln?"
"Ihr dürft schauen und fragen", sagte Nuri. "Ihr fasst nichts an, was laut Nein sagt. Und ihr kehrt zurück, wenn die Zeitglocke zweimal klingt. Keine Sorge, sie klingt freundlich."
"Das klingt gut", sagte Leni.
Sie gingen die Straße hinunter. Die Häuser hatten kleine Gärten auf den Dächern. Aus einem Fenster kam der Duft von Brot. "Der Ofen spricht mit dem Teig", sagte Nuri. "Er sagt: Ruh dich aus. Und der Teig wächst."
Sie kamen zu einem Gebäude mit einer runden Tür. Darüber stand: Haus der Guten Fragen. Die Tür ging nicht auf. Neben der Klinke war nichts. Kein Schild. Nuri kratzte sich am Kopf. "Komisch. Sonst steht hier Drücken."
Leni holte ihr Album aus der Tasche. Darin steckten auch kleine, leere Sticker. Sie schrieb mit ihrem Bleistift sauber: Drücken. Dann klebte sie den Sticker neben die Klinke.
Die Tür sprang auf. Innen war es hell. In der Mitte war ein Brunnen. Statt Wasser schwebten kleine Seifenblasen. Auf jeder stand eine Antwort.
"Frag was", sagte Nuri.
Leni fragte: "Wie fühlt sich morgen an?"
Eine Blase ploppte. Darin stand: Wie frisches Brot und nasser Asphalt.
Jonas kicherte. "Ich frage: Wo sind meine Socken?" Eine Blase ploppte: In deinem linken Stiefel.
Ein Raum weiter sah Leni an der Wand einen Rahmen. Darin hing ein alter, vergilbter Sticker. Darauf stand krumm: Drücken. Unten stand: Das erste Schild. Leni schnappte leise nach Luft. "Aber… das habe doch gerade ich geklebt."
Nuri grinste. "Manchmal hilft die Zeit sich selbst. Ein kleiner, harmloser Knoten. Die Zeit mag Schleifen."
Kapitel 3: Dienstage und flüsternde Gärten
Im nächsten Raum stand etwas, das aussah wie ein freundlicher Mülleimer mit Augen. Es piepste: "Pipopo. Ich bin Pipo. Ich sammle verlorene Dienstage. Ich habe einen Dienstag mit Wind verloren. Ohne den ist die Woche traurig."
"Ein Dienstag ist weg?", fragte Jonas.
Pipo nickte. "Er war leicht. Er roch nach Drachensteigen."
Leni blätterte in ihrem Album. Sie zeigte ein Foto. Darauf hielt sie einen roten Drachen. Der Wind blähte die Schnur. "Das war an einem Dienstag", sagte sie. "Im Frühling. Hier steht es: Dienstag. Ich habe es aufgeschrieben."
Pipo surrte glücklich. "Da ist er! Dienstage sind da, wo das Lachen querfliegt. Danke." Es machte ein kleines Licht an und blinkte freundlich.
"Kommt", sagte Nuri. "Ich zeige euch den Dachgarten." Sie gingen eine Treppe hinauf. Oben wuchs Gras. Kleine Beete lagen in Reihen. Ein Regenbogennebel sprühte sacht und glitzerte auf den Blättern. Eine Biene landete auf Lenis Arm wie eine hauchleichte Feder.
"Wir pflanzen heute eine Eichel", sagte Nuri. "Sie wird ein großer Baum. Er spendet Schatten im Park."
Leni nahm die Eichel in beide Hände. Sie war glatt und warm. Zusammen mit Jonas drückte sie sie in die Erde. Nuri schaltete den Nebel leiser. "Sei willkommen, kleiner Baum", flüsterte Leni. Sie dachte kurz nach. "Im Park bei uns gibt es einen großen Baum mit einer Astgabel. Dort lese ich oft. Ist das… dieser hier?"
Nuri nickte. "Ja. Morgen und Gestern geben sich hier die Hand."
Jonas legte den Kopf schief. "Das ist ein freundlicher Knoten."
Sie gingen wieder hinunter. An einer Bank am Platz hing eine kleine Platte. Darauf stand: Für zwei, die fragten: Leni & Jonas. Leni starrte. "Aber… wir heißen so."
Nuri lachte. "Ich weiß." Leni fühlte, wie ihr Herz warm wurde. Es war, als ob die Zeit zwinkerte.
Aus einem Laden duftete es stark. Ein Bäcker winkte. "Frisch gebacken! Der Ofen hat gesagt, jetzt ist gut." Leni und Jonas bekamen je ein kleines Brötchen. Es war weich und knusprig zugleich.
"Wie mag ich dieses Morgen", sagte Leni und biss ab. "Es schmeckt nach Mut."
Kapitel 4: Ein Foto für jetzt und später
Da klang die Zeitglocke einmal. Ein heller Ton schwebte über die Dächer. Nuri hob den Finger. "Noch ein Schlag, dann müsst ihr zurück."
"Ich möchte ein Foto machen", sagte Leni. "Für mein Album. Das Foto des Tages."
Nuri nickte. "Gut. Aber nur eins. Damit nichts kippt." Sie holte aus ihrer Tasche ein kleines Gerät. "Es druckt ein Bild. Einmal. Keine Kopie. So bleibt die Schleife klein und brav."
Alle stellten sich hin. Pipo rollte in die Mitte. Der neue Baum war hinten zu sehen, als kleiner Hügel Erde mit einem Schild: Hallo, ich wachse. Der Bus schwebte am Rand durchs Bild. Leni hielt die Wann-Uhr. Jonas grinste breit. Nuri machte das Foto. Das Gerät summte. Ein warmes Bild glitt heraus. Darauf glänzten ihre Gesichter.
Die Zeitglocke klang zum zweiten Mal. "Zeit", sagte Nuri. "Danke für eure Fragen."
"Danke für eure Antworten", sagte Leni. Sie drückte Nuri fest die Hand und strich Pipo über den Rand. Dann nahm sie Jonas' Hand. Sie drückte den glatten Knopf. Wieder fühlte sich die Luft an wie Seifenblasen, die nicht platzen. Wieder roch sie Brot. Dann war es still.
Sie standen in Opas Werkstatt. Draußen regnete es noch. Alles war wie vorher. Und doch war etwas anders. Leni sah auf ihr neues Foto. Es fühlte sich warm an, obwohl ihre Finger kalt waren.
"Gehen wir in den Park?", fragte Jonas.
Sie gingen. Der große Baum war natürlich noch nicht groß. An seiner Stelle stand ein kleines Bäumchen, dünn und tapfer. Neben ihm war die Erde feucht. Leni holte ihre Trinkflasche. "Hier. Ein Schluck für später." Sie goss ganz vorsichtig. Dann schrieb sie einen Sticker: Gießen, bitte! Den klebte sie an einen kleinen Pfahl.
"Regeln gelten auch hier", sagte sie. "Sorgsam sein."
Sie setzten sich auf eine Bank. Sie war einfach und ohne Platte. Doch in der Lehne waren zwei winzige, leere Löcher. Leni lächelte und legte die Hand darauf. Es war, als würde die Bank leise flüstern: Bald.
Zuhause räumte Leni die Wann-Uhr in die Blechdose. Sie legte die Dose ordentlich in den Kasten zurück. Dann setzte sie sich an ihren Tisch. Sie atmete einmal tief ein. Sie öffnete ihr Album. Ganz hinten wartete eine leere Seite. Leni strich sie glatt. Dann nahm sie das warme Bild aus der Zukunft.
Sorgsam, mit ruhigen Fingern, schob sie das Foto des Tages in ihr Album.