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Pirategeschichte 7/8 Jahre Lesen 24 min.

Die Sternschnuppe und das Nebelfeld von Flüstergrund

Kapitän Jannis Kamm und seine bunte Mannschaft müssen das geheimnisvolle Nebelfeld von Flüstergrund durchqueren; mit klugen Regeln, gemeinsamen Aufgaben und gegenseitigem Vertrauen trotzen sie den verwirrenden Prüfungen des Nebels.

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Mann, Kapitän Jannis, kurzer Bart, zerzauste braune Haare, konzentrierter aber beruhigender Ausdruck, hält ein großes poliertes Steuerrad, marineblaue zerknitterte Jacke, abgenutzter Kompass an der Tasche, steht mittig auf dem Deck; Frau, Milla die Köchin, braune Haare im Dutt, mehlbestäubte Schürze, sanftes wachsames Lächeln, schlägt mit einem kleinen Metalldeckel neben dem Mast einen Ton an, backbord beim Kapitän; Junge, Leif, ca. 14, blonde Haare, Sommersprossen, staunender Blick, hält am Heck ein langes Seil; Junge, Fenn, ca. 10, kurze braune Haare, zeichnet mit weißer Kreide Pfeile an der rechten Reling; Mädchen, Fia, ca. 10, Pferdeschwanz, etwas besorgt aber mutig, blickt vorn neben ihrem Bruder; Mann, Taro der Bootsmann, kräftig, sonnengebräunt, sondiert mit langer Stange am Bug; älterer Mann, Onkel Riek, ~65, abgenutzte Fischerjacke, nasser Hut, taucht im Nebel hinter einem kleinen Kahn mit einer klingelnden silbernen Glocke auf und hebt die Hand zum Gruß; Ort: verwittertes Holzdeck der »Sternschnuppe«, dicke Taue, hohe Masten, Wassertropfen auf den Planken, Kreide an der Reling, perlgrauer Nebelhimmel, Szene: großes Segelschiff fährt langsam durch dichten Nebel, Begegnung mit einem verlassenen Kahn mit klingelnder Glocke, feuchte Stimmung, sanfte Spannung, diffuse Lichtstimmung, pastellige Farben, runde Formen, klare kindgerechte Komposition. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1

Kapitän Jannis Kamm fuhr sich mit der Hand durch den Bart, als wolle er prüfen, ob er noch da war. Dann grinste er. Sein Bart roch nach Salz und Zitronenseife, denn auf seinem Schiff, der „Sternschnuppe“, gab es eine wichtige Regel: Ein Pirat darf wild sein, aber nicht gemein. Und wer mit anderen segelt, soll ihnen nicht die Nase beleidigen.

Die „Sternschnuppe“ schaukelte sanft auf dem Meer. Die Sonne glänzte wie eine goldene Münze auf den Wellen. Möwen zogen Kreise, und irgendwo klapperte ein Tau gegen einen Mast, tack-tack, als würde das Schiff mit der Welt sprechen.

Jannis stand am Steuerrad. Er liebte dieses große Rad, glatt poliert von vielen Händen. Wenn er daran drehte, fühlte er sich nicht wie ein Herrscher über das Meer, sondern wie ein Gast, der höflich anklopft und fragt: „Darf ich vorbei?“

Unter Deck roch es nach Brot, das Milla, die Köchin, gerade aus dem Ofen zog. Sie war keine Piratin mit Säbel, aber sie konnte mit einem Kochlöffel so streng schauen, dass selbst ein Sturm kurz überlegte, ob er wirklich kommen will.

„Kapitän!“, rief Leif vom Ausguck. Leif war groß, hatte Sommersprossen und Augen wie zwei helle Knöpfe. „Da vorn… da ist…“

„Ein Schatz?“, rief jemand hoffnungsvoll.

„Ein Riese?“, rief jemand anders, der immer an Riesen dachte, obwohl er noch nie einen gesehen hatte.

Leif schluckte. „Nebel. Ein ganzes Feld Nebel.“

Jannis' Lächeln blieb, aber es wurde leiser. Nebel war nicht gefährlich wie ein Felsen oder ein Unwetter. Nebel war gefährlich, weil er so freundlich tat. Er tat, als wäre er nur weiche Watte, und dann nahm er einem die Sicht.

Die Mannschaft kam an Deck: Milla wischte sich Mehl von den Händen, Taro der Bootsmann trug eine Spule Seil wie einen schlafenden Hund auf dem Arm, und die Zwillinge Fenn und Fia stritten wie immer darüber, wer von beiden zuerst „Nebel!“ gedacht hatte.

Vor ihnen lag er: ein grauer Teppich, der auf dem Meer ausgerollt war. Die Kante sah aus wie ein Schnurrbart aus Wolken. Dahinter: nichts. Kein Horizont, keine Insel, kein Himmel. Nur Grau.

„Ach du meine Kartoffelschale“, murmelte Milla.

Jannis nickte langsam. „Das ist das Nebelfeld von Flüstergrund.“

„Flüstergrund?“, fragte Fia, und obwohl sie mutig war, klang ihre Stimme ein bisschen dünn.

Taro kratzte sich am Kopf. „Da sind schon Schiffe drin verschwunden. Nicht kaputt, nicht untergegangen… einfach nur… verloren.“

„Und dann findet man sie wieder“, sagte Jannis ruhig, „aber sie sind durcheinander. Sie wissen nicht mehr, wo vorne und hinten ist. Manchmal drehen sie im Kreis, bis ihnen schwindlig wird.“

Leif schluckte. „Wir müssen da durch, oder?“

Jannis schaute nicht wie ein Held in einem Bild. Er schaute wie ein Mann, der nachdenkt. „Wir könnten außen herum. Das dauert Tage. Und unser Wasser ist knapp. Außerdem warten die Fischer von Kormoranhafen auf die Medizin, die wir bringen.“

Die Mannschaft wurde still. Man hörte nur das Plätschern am Bug und das leise Knistern der Segel.

„Dann…“, sagte Jannis, „dann gehen wir hinein. Aber nicht wie dickköpfige Piraten. Sondern wie kluge.“

Er hob die Hand, als würde er ein unsichtbares Seil ziehen. „Erste Regel: Niemand tut so, als hätte er keine Angst. Angst ist wie Wind. Man kann sie nicht wegschimpfen. Man nutzt sie, um aufmerksam zu sein.“

„Ich habe nur ein bisschen Angst“, sagte Fenn sofort. „So klein wie ein Krümel.“

„Meine ist eher wie ein Brötchen“, brummte Milla.

Jannis lachte kurz. „Dann sind wir heute eine Bäckerei.“

Er wurde wieder ernst. „Zweite Regel: Wir bleiben freundlich. Der Nebel hört vielleicht nicht zu, aber wir schon. Und wenn wir nett zueinander sind, finden wir leichter zurück.“

Er ging zum Mast und klopfte dagegen. „Dritte Regel: Wir verlassen uns nicht nur auf Augen. Wir benutzen Ohren, Hände und Kopf.“

Taro nickte. „Seile auslegen?“

„Ja“, sagte Jannis. „Und eine Glocke. Und…“ Er griff in seine Jackentasche und holte einen kleinen, runden Kompass hervor. Das Glas war zerkratzt, aber die Nadel zitterte lebendig.

„Der Kompass zeigt doch immer nach Norden“, sagte Leif.

„Meistens“, meinte Jannis. „Aber im Nebelfeld dreht er gern Pirouetten, wie ein Tänzer nach zu viel Limonade. Wir brauchen mehr als das.“

Er schaute zur Mannschaft, und seine Augen wurden warm. „Wir schaffen das zusammen. Und denkt dran: Mut ist nicht laut. Mut ist, wenn man trotzdem den nächsten Schritt macht.“

Dann gab er ein Zeichen. Die Segel wurden etwas gerefft. Das Schiff wurde langsamer, vorsichtiger. Die „Sternschnuppe“ glitt auf die graue Kante zu, als würde sie in eine riesige Wolke hineinfahren.

Als der Bug den Nebel berührte, wurde die Welt leiser, als hätte jemand eine Decke über die Geräusche gelegt. Das Licht wurde milchig. Man roch plötzlich feuchte Luft, kühl wie ein Keller, und Jannis spürte, wie kleine Wasserperlen sich auf seine Wimpern setzten.

„Willkommen in Flüstergrund“, murmelte er. Und obwohl er lächelte, hielt er das Steuerrad fester.

Kapitel 2

Im Nebel sah das Deck anders aus. Nicht gefährlich, nur seltsam. Die Planken glänzten feucht, als wären sie frisch geputzt. Die Taue wirkten wie graue Schlangen, die still dalagen. Und jeder Schritt machte ein leises schlapf-schlapf.

Jannis ließ Taro ein langes Seil am Bug befestigen. An dem Seil hingen in festen Abständen kleine Holzstücke, die wie Finger gegen den Rumpf tippten, tip-tip-tip. Das half, die Geschwindigkeit zu fühlen.

„Wie geht's, Kapitän?“, fragte Leif leise, ohne Witze.

Jannis atmete durch. „Wie einem Mann, der einen Kuchen tragen muss und dabei über eine Pfütze springt.“

Leif kicherte kurz, und das Kichern war wie eine Lampe im Grau.

Die Zwillinge bekamen eine Aufgabe: Sie sollten mit Kreide Zeichen auf die Geländer machen, kleine Pfeile und Punkte, damit man wusste, wo man schon gewesen war. Milla stellte eine Blechschüssel auf, in die sie mit einem Löffel klopfen konnte: klong, klong. Der Klang war hell und freundlich, wie ein Ruf: „Hier sind wir!“

„Wenn wir uns verlieren“, sagte Milla, „dann findet ihr mich über mein Küchenorchester.“

„Und über den Brotgeruch“, murmelte Fenn.

Jannis ging ein paar Schritte nach vorn. Die Sicht war kurz, vielleicht fünf Schritte, dann verschluckte der Nebel alles. Er war nicht böse. Eher neugierig. Manchmal wirbelte er, als würde er kitzeln wollen.

Plötzlich hörten sie etwas. Nicht laut, eher wie ein Rascheln. Als würde jemand mit Papier spielen.

„Was war das?“, flüsterte Fia.

„Vielleicht Seegras“, sagte Taro. Doch seine Hand lag schon am Seil.

Dann kam ein zweites Geräusch. Ein leises „psssst“, als würde jemand bitten, leise zu sein.

Leif bekam große Augen. „Der Nebel flüstert!“

Jannis hob beruhigend die Hand. „Nebel macht Geräusche. Wind, Wasser, unsere Segel. Wir geben dem Ganzen nur einen Namen, und dann klingt es wie eine Geschichte.“

„Ich mag Geschichten“, sagte Fenn, „aber ich mag auch Richtung.“

Jannis nickte. „Dann geben wir dem Nebel eine Aufgabe: Er soll uns testen. Und wir sollen klug bleiben.“

Er holte ein kleines Notizbuch hervor, das an einer Schnur an seiner Weste hing. Darin waren Zeichnungen: Küstenlinien, Inseln, und ein paar sehr schlechte Bilder von Fischen, die aussahen wie Kartoffeln mit Flossen.

„Flüstergrund“, murmelte er. „Hier drin gibt es Strömungen, die das Schiff drehen. Wir müssen das merken, bevor wir im Kreis tanzen.“

„Wie?“, fragte Leif.

Jannis zeigte auf die Holzstücke am Seil, die gegen den Rumpf tippten. „Wenn das Tippen schneller wird, werden wir zu schnell. Dann bremsen wir. Wenn es langsamer wird, treiben wir. Dann setzen wir ein kleines bisschen mehr Segel. Und…“ Er deutete auf die Kreidezeichen. „Wenn wir wieder an einem Pfeil vorbeikommen, dann wissen wir: Wir drehen Kreise.“

Die „Sternschnuppe“ glitt weiter. Nebelperlen rannen an den Seilen herunter wie winzige Glasperlen. Die Mannschaft war wach, aber nicht panisch. Jeder hatte Hände, die etwas taten: Seil halten, lauschen, Zeichen malen, klopfen.

Dann passierte es: Der Kompass machte tatsächlich eine Pirouette. Die Nadel zitterte, drehte sich, blieb kurz stehen, drehte wieder.

„Na toll“, sagte Milla. „Er hat wohl zu viel Limonade bekommen.“

Jannis schnaubte. „Dann lassen wir ihn tanzen. Wir tanzen nicht mit.“

Er schloss kurz die Augen und hörte. Da war das tip-tip-tip des Seils. Da war Millas klong. Da war das leise Schäumen am Bug. Und da war noch etwas: ein kaum spürbares Ziehen in der Luft, als würde das Schiff nach rechts gedrückt.

„Ruder zwei Finger nach links“, sagte Jannis.

Taro wiederholte den Befehl, und das Schiff reagierte langsam, brav wie ein großer Hund.

Doch der Nebel hatte noch einen Trick. Die Geräusche veränderten sich. Millas Klopfen klang plötzlich weiter weg, als stünde sie am anderen Ende des Decks, obwohl sie direkt neben dem Mast stand.

„Hä?“, sagte Fia. „Ich hör dich von hinten!“

Milla hob den Löffel. „Ich steh doch hier!“

„Der Nebel spielt Echo“, sagte Jannis. „Er wirft den Klang herum. So kann man sich täuschen.“

Leif wurde blass, aber er sagte tapfer: „Dann vertrau ich meinen Füßen. Und den Kreidepfeilen.“

Jannis sah ihn an, und es wurde ihm warm ums Herz. „Das ist klug.“

Eine Weile ging alles gut. Dann rief Fenn: „Kapitän! Ein Pfeil!“

Jannis trat näher. Auf dem Geländer war ein Kreidepfeil. Und er war frisch.

„Wir waren schon hier“, sagte Fenn. „Wir drehen uns!“

Ein kurzer Schreck huschte über die Gesichter. Wie ein kalter Finger im Nacken. Aber Jannis ließ ihn nicht sitzen. Er klopfte einmal kräftig mit der Faust auf das Holz.

„Gut, dass wir es merken“, sagte er. „Nicht schlimm. Wir lernen gerade, wie der Nebel denkt.“

„Der Nebel denkt?“, fragte Fia.

„Wie ein verwirrter Oktopus“, sagte Milla. „Mit vielen Armen und ohne Karte.“

Die Mannschaft lachte, und das Lachen hielt den Schreck klein.

Jannis hob den Arm. „Wir ändern den Plan. Wir fahren nicht mehr nach Gefühl. Wir fahren nach Muster. Erst zehn Herzschläge geradeaus, dann leicht links, dann wieder geradeaus. Und wir zählen zusammen.“

„Wie ein Spiel!“, sagte Leif.

„Genau“, sagte Jannis. „Ein Spiel gegen den Kreis.“

Sie zählten. „Eins, zwei, drei…“ Die Stimmen waren ruhig, gleichmäßig. Und bei jedem Richtungswechsel machte Jannis eine kleine Kerbe in sein Notizbuch, damit er nicht durcheinanderkam.

Der Nebel blieb. Aber jetzt fühlte er sich weniger groß, weil sie ihn in Schritte und Kerben teilten.

Und doch, tief drinnen, spürte Jannis etwas: Nicht nur Sorge um das Schiff. Auch eine kleine Stimme, die sagte: „Du bist Kapitän. Du musst alles wissen.“

Er schaute zu Milla, wie sie klopfte und dabei lächelte. Zu Leif, der zählte und dabei fast stolz wirkte. Zu den Zwillingen, die Pfeile malten, als wären sie Künstler.

Da wurde Jannis' innere Stimme leiser. Er musste nicht alles wissen. Er musste nur gut fragen und gut zuhören.

„Danke“, sagte er leise, mehr zu seiner Mannschaft als zu sich selbst.

„Wofür?“, fragte Taro.

„Dafür, dass ihr so wach seid“, antwortete Jannis. „Und dass ihr mich nicht allein denken lasst.“

Taro nickte nur. Das war seine Art zu sagen: Natürlich.

Kapitel 3

Der Nebel wurde dichter, als hätten sie nun den Bauch des Nebelfeldes erreicht. Das Licht war nicht mehr milchig, sondern wie dünnes Papier. Man konnte kaum noch den Bug sehen.

Jannis ließ die Segel noch etwas herunter. „Langsam“, sagte er. „Wir lassen uns nicht hetzen.“

In der Ferne, irgendwo im Grau, klang plötzlich ein Glöckchen. Ding-ding. Es war zart, wie ein Löffel an einer Tasse.

Alle hielten still.

„Wir haben doch nur Millas Schüssel“, flüsterte Fia.

„Und die macht eher Klong als Ding“, sagte Fenn.

Milla hob die Augenbrauen. „Ich kann auch Ding, wenn ich will, aber das war ich nicht.“

Jannis' Herz machte einen kleinen Sprung, aber er zwang es, ordentlich zu laufen. „Ein anderes Schiff?“

Leif starrte ins Nichts. „Oder eine Insel mit einem… Teeladen?“

„Piraten und Tee“, brummte Taro. „Das wär mal was Neues.“

Das Ding-ding kam wieder, ein bisschen näher. Und dann hörten sie etwas, das wie ein Seufzer klang. Nicht traurig. Eher müde.

Jannis griff nach dem Seil am Bug. „Wir gehen dem nicht einfach nach. Erst prüfen.“

Er ließ Taro und Leif mit einer langen Stange vorsichtig nach vorn tasten. Die Stange glitt in den Nebel, verschwand, kam wieder. Nichts Hartes. Nur Luft.

Dann tauchte aus dem Grau ein kleines Boot auf. Es war nicht groß, eher wie ein Fischernachen. Es trieb langsam, als hätte es verschlafen. An seinem Bug hing tatsächlich ein kleines Glöckchen, das bei jeder Welle klingelte.

Im Boot saß niemand. Aber ein Korb stand darin, und in dem Korb lag ein zusammengerolltes Netz. Und auf dem Netz lag… ein Hut. Ein alter, krummer Hut mit einer Feder, die nass am Rand klebte.

„Ein Geisterboot?“, flüsterte Fia, und gleich danach biss sie sich auf die Lippe, als hätte sie das Wort zu groß gemacht.

Jannis schüttelte den Kopf. „Kein Geist. Nur ein Boot, das weggedriftet ist.“

„Trotzdem“, sagte Milla, „es sieht aus, als hätte es jemand vergessen. Wie eine Socke hinterm Bett.“

Das Bild war so komisch, dass sogar Fia kurz lächelte.

Jannis ließ ein kleines Beiboot zu Wasser. Nicht, weil er mutig sein wollte, sondern weil er verantwortlich war. „Taro, komm mit. Leif, du hältst die Leine. Niemand löst die Leine. Niemals im Nebel.“

„Jawohl“, sagte Leif, sehr ernst.

Jannis und Taro ruderten vorsichtig hinüber. Das Wasser war glatt, fast ölig. Der Nebel machte alles nah und fern zugleich.

Als Jannis den Hut berührte, spürte er, dass er schwer war vor Nässe. Unter dem Hut lag ein kleines Holzschild, auf dem mit krakeligen Buchstaben stand: „FINDER BITTE MELDEN. ICH BIN NICHT WEIT.“

„Also doch jemand“, murmelte Taro.

Jannis schaute in den Nebel. „Dann ist es unsere Pflicht, zu helfen. Aber klug.“

Sie fanden im Korb eine Pfeife, einen Apfel, der sehr traurig aussah, und ein Stück Kreide. Jannis nahm die Kreide. Auf die Seitenwand des kleinen Bootes schrieb er groß: „WIR SIND HIER. FOLGE DEM KLANG.“

Dann nahm er Millas Idee und machte sie noch besser. Er befestigte das Glöckchen des Bootes an einer langen Leine und zog es langsam, sodass es regelmäßig ding-ding machte, nicht hektisch, sondern wie ein Herzschlag.

Zurück auf der „Sternschnuppe“ erklärte er seinen Plan. „Wenn der Besitzer in der Nähe ist, hört er das Glöckchen. Wir bleiben stehen. Wir machen Lärm, aber freundlich. Kein Geschrei.“

Milla nickte. „Ich kann auch mit dem Löffel ein Lied klopfen.“

„Bitte kein Lied über schrecklichen Eintopf“, sagte Fenn.

„Das war ein sehr guter Eintopf“, sagte Milla streng, doch ihre Augen lachten.

Sie warteten. Nicht lange. Der Nebel raschelte, als würde jemand vorsichtig durch Vorhänge gehen. Dann tauchte eine Gestalt auf, erst nur ein Schatten, dann ein Mensch: ein älterer Fischer mit einer Jacke, die so viele Taschen hatte, dass sie wie ein kleines Haus aussah. Er hielt sich an einem Tau fest und blinzelte.

„Hallo?“, rief er heiser.

Jannis trat nach vorn, damit seine Stimme ruhig klang. „Hier ist Kapitän Jannis Kamm von der ‚Sternschnuppe‘. Sie sind in Sicherheit.“

Der Fischer atmete aus, als hätte er die Luft lange festgehalten. „Mein Boot… mein Nebel… ich…“

„Ihr Boot ist da“, sagte Jannis. „Und Sie sind hier. Kommen Sie an Bord. Langsam.“

Der Mann stolperte fast, aber Taro packte ihn freundlich am Arm. Milla drückte ihm sofort ein Stück Brot in die Hand, als wäre das die wichtigste Medizin der Welt.

„Ich heiße Onkel Riek“, sagte der Fischer mit vollem Mund.

„Onkel?“, fragte Fia neugierig.

Riek grinste. „Alle nennen mich so. Vielleicht, weil ich immer sage: Zieht euch warm an.“

Jannis lächelte. „Guter Rat.“

Riek wurde ernst. „Der Nebel… er hat mich herumgedreht. Ich hörte mein eigenes Boot, aber ich fand es nicht. Ich dachte schon, ich muss hier wohnen.“

„Mit dem Nebel als Mitbewohner?“, fragte Fenn.

„Der schnarcht“, sagte Riek trocken. „Ganz leise. Psssst.“

Die Mannschaft kicherte, und der Nebel wirkte plötzlich weniger wie ein Rätsel und mehr wie ein schüchterner Nachbar.

Riek zeigte auf Jannis' Notizbuch. „Ihr zählt Schritte. Gut. Aber im Bauch vom Nebel gibt es eine Strömung, die euch immer wieder zurückschiebt. Ihr müsst nicht stärker sein. Ihr müsst seitlich raus.“

„Seitlich?“, fragte Jannis.

Riek nickte. „Wie wenn man aus einem Menschenpulk raus will: nicht dagegen drücken, sondern schräg gehen. Dort drüben…“ Er zeigte in eine Richtung, die im Grau keine Richtung war. „… gibt es eine Stelle, wo der Nebel dünner ist. Ich hab sie einmal gefunden, als ich hinter einem besonders frechen Fisch her war.“

„Ein frecher Fisch“, sagte Milla. „Na, dann.“

Jannis spürte Dankbarkeit. Und er spürte auch etwas anderes: Er hatte Hilfe gebraucht. Und das war kein Fehler. Es war normal.

„Onkel Riek“, sagte er, „ich weiß nicht, ob wir Ihnen auch helfen können. Aber wir bringen Medizin nach Kormoranhafen. Wenn Sie wollen, nehmen wir Sie mit bis zum Rand des Nebels.“

Riek schluckte und nickte. „Ich will nur raus. Dann kann ich wieder selbst… und danke.“

Jannis hob die Hand. „Nicht mir danken. Uns allen. Und auch dem Glöckchen.“

Leif schaute stolz auf das Glöckchen, als hätte er es erfunden.

Sie setzten die Segel wieder, ganz vorsichtig. Jannis steuerte nach Rieks „schräg“. Die Mannschaft zählte wieder Herzschläge. Milla klopfte, diesmal sanfter, wie ein ruhiger Takt.

Der Nebel wurde nicht sofort dünn. Aber die Kreidepfeile tauchten nicht mehr auf. Sie fuhren nicht mehr im Kreis.

„Wir gewinnen“, flüsterte Fia.

„Wir lernen“, korrigierte Jannis leise. „Der Nebel lässt sich nicht besiegen. Man versteht ihn nur.“

Kapitel 4

Nach einer Weile änderte sich die Luft. Sie roch weniger nach kalter Feuchte und mehr nach offenem Meer. Und dann, ganz langsam, bekam das Grau Risse. Erst nur helle Flecken, dann ein Streifen Blau wie ein aufgeschlagenes Buch.

„Da!“, rief Leif, und diesmal war es ein Ruf, der jubeln durfte.

Die „Sternschnuppe“ glitt aus dem Nebelfeld, als würde sie aus einem Bad steigen. Die Sonne traf das Deck, und die Wasserperlen funkelten, als hätten sie winzige Diamanten gestohlen. Die Möwen waren wieder da und schrien empört, weil sie im Nebel nichts zu meckern gehabt hatten.

Alle atmeten auf. Nicht laut, eher gemeinsam. Wie ein großes, zufriedenes Ausatmen.

Onkel Riek setzte sich auf eine Kiste und schaute zurück. Das Nebelfeld lag hinter ihnen wie ein schlafender Teppich. „Da drin“, sagte er, „wird man klein.“

Jannis nickte. „Und draußen merkt man: Wir sind immer schon klein. Das Meer ist groß. Das ist in Ordnung.“

Milla wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Und trotzdem haben wir's geschafft. Das ist auch in Ordnung.“

Die Zwillinge sammelten die Kreide ein. Leif wickelte die Leinen sauber auf. Taro kontrollierte die Knoten, als wären sie kleine Haustiere, die man füttern muss. Jeder tat etwas, und das Schiff fühlte sich wieder wie ein Zuhause an.

Jannis ging zum Bug und schaute nach vorn. In der Ferne lag Kormoranhafen, klein wie ein Spielzeug, aber echt. Er dachte an die Medizin in der Kiste, an die Fischerfamilien, an die Kinder, die vielleicht schon auf dem Steg warteten.

Onkel Riek stand auf. „Mein Boot?“

„Wir schleppen es ein Stück“, sagte Jannis. „Dann bringe ich Sie zu einer Stelle, wo Sie sicher weiterkommen.“

Riek schüttelte den Kopf. „Ihr müsst nicht.“

Jannis sah ihn ernst an. „Doch. Weil wir's können. Und weil Sie uns geholfen haben. So ist das auf See.“

Riek legte die Hand auf die Brust. „Dann… danke ich dem Meer, dass es euch geschickt hat.“

Jannis lächelte. „Das Meer schickt niemanden. Aber es lässt Begegnungen zu.“

Sie schleppten das kleine Boot nebenher. Das Glöckchen klingelte noch einmal, ding-ding, als würde es sich verabschieden. Dann verstummte es, weil es im Sonnenwind nicht mehr wackelte.

Als Kormoranhafen näherkam, wurde alles ruhiger. Nicht langweilig ruhig, sondern satt ruhig, wie nach einem guten Essen. Die Mannschaft sprach wenig. Sie brauchte keine Worte, um zu wissen: Sie waren zusammen durch etwas Seltsames gegangen.

Jannis spürte eine angenehme Müdigkeit in den Armen. Er dachte an seinen Bart, an die Zitronenseife, an die Regeln. Er dachte daran, wie leicht man sich als Kapitän wichtig fühlen kann. Und wie gut es war, heute einfach Teil einer Mannschaft gewesen zu sein.

Sie legten in Kormoranhafen an, übergaben die Medizin, bekamen frisches Wasser, und Milla erhielt als Dank einen Korb mit Äpfeln, die nicht traurig aussahen, sondern frech und rund.

Onkel Riek stieg in sein Boot. „Wenn ihr wieder Nebel seht“, rief er, „geht schräg! Und zählt Herzschläge!“

„Und waschen!“, rief Milla hinterher.

Riek lachte so sehr, dass sein Boot kurz wackelte. „Das auch!“

Als die „Sternschnuppe“ wieder hinausfuhr, lag das Nebelfeld weit hinten. Die Sonne sank langsam, und das Meer glitzerte wie eine Decke aus stillen Münzen.

Jannis ließ das Steuerrad los, nur für einen Moment, um die Hand auf das warme Holz zu legen. Kein Befehl, kein Witz, kein Wort. Die Mannschaft saß oder stand an ihren Plätzen, müde und zufrieden.

Der Wind war sanft. Die Segel atmeten. Und dann kam, ganz natürlich, der Schluss des Tages: ein Schweigen, das nicht leer war, sondern voll.

Ein glückliches Schweigen, in dem jeder wusste: Mut kann leise sein. Klugheit kann freundlich sein. Und Demut fühlt sich manchmal an wie ein ruhiger Hafen im Herzen.

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Kapitän
Der Chef von einem Schiff. Er sagt, wohin das Schiff fährt und passt auf alle auf.
Mannschaft
Die Personen auf einem Schiff, die zusammenarbeiten und Aufgaben haben.
Steuerrad
Ein großes Rad, das man dreht, um das Schiff zu lenken.
Bug
Der vordere Teil eines Schiffes, der zuerst durchs Wasser fährt.
Gerefft
Wenn das Segel kleiner gemacht wird, damit das Schiff nicht zu schnell fährt.
Taue
Starke Seile auf einem Schiff, mit denen man Dinge festbindet oder zieht.
Rumpf
Der Körper des Schiffes unter und um das Deck herum.
Nebelfeld
Ein großes Gebiet mit dichtem Nebel, das die Sicht auf dem Meer schwer macht.
Kreidepfeil
Ein Pfeil, den man mit Kreide malt, um die Richtung zu zeigen.
Strömung
Bewegung des Wassers im Meer, die ein Schiff mitziehen oder schieben kann.
Pirouetten
Drehungen im Kreis, wie wenn etwas sich ganz oft um sich selbst dreht.
Beiboot
Ein kleines Boot, das ein größeres Schiff begleiten oder helfen kann.
Glöckchen
Eine kleine Glocke, die klingelt und so Geräusche macht, um auf etwas aufmerksam zu machen.

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