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Märchen 11/12 Jahre Lesen 26 min.

Die Monduhr und die Regenbogenbrücke zur Liebe

Mara, eine Uhrmacherin, folgt einer geheimnisvollen Mondtaschenuhr durch magische Wälder und Prüfungen, um zu lernen, sich zu öffnen und wahre Liebe zu finden.

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Die Protagonistin ist eine Frau (Mara), etwa 30 Jahre, mit sanftem, ausdrucksvollem Gesicht, braunen Haaren zu einem Dutt, emotional-ruhigem Blick; sie hält in der linken Hand eine offene silberne Taschenuhr und reicht die andere Hand zur Fontäne; die zweite Person ist eine Frau (Elin), etwa 30 Jahre, blau-grauer, feuchter Mantel, offene kastanienbraune Haare, schüchternes aber lächelndes Gesicht, sie steht nahe bei Mara, leicht zum Beckenrand geneigt, mit einer zerbrochenen Uhr auf dem Schoß; im Hintergrund sitzt eine kleine Eule auf dem steinernen Rand des Brunnens, große leuchtende Augen, aufmerksam beobachtend; Ort: die „Herzquelle“, ein kreisrunder alter Steinschacht mit grüner Moosbedeckung und kleinen Wurzeln, klares Wasser reflektiert blaue und silberne Lichtbänder, einige silberne Blätter des „Silberwalds“ rahmen die Szene; Hauptsituation: zwei Frauen treffen sich am Rand eines magischen Brunnens in der Dämmerung, Mond und Glühwürmchen erzeugen silberne Reflexe auf dem Wasser, warme intime Stimmung, vorherrschende Pastellfarben (Blau-Grau, Silber, Moosgrün), sanfte Linien, leichte Schatten, Atmosphäre von Hoffnung und Beginn einer Beziehung. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Uhr aus Mondlicht

Als der Frühling wie ein grüner Schal über das Land gelegt wurde, lebte in einem Dorf am Rand des Silberwaldes eine Frau namens Mara. Sie war längst erwachsen, doch in ihren Augen wohnte noch immer ein Staunen, als hätten Sterne darin ein kleines Lagerfeuer angezündet.

Mara verdiente ihr Brot mit dem Reparieren von Uhren. Ihre Werkstatt roch nach Holzstaub und warmem Öl, und an den Wänden tickten Zeiten wie zahme Käfer in Kästen. Nur eine Uhr wollte nicht mehr gehen: eine winzige Taschenuhr, deren Deckel aus blassem Metall war, als hätte der Mond selbst daran genagt. Sie gehörte Maras Mutter, und als Mara sie öffnete, sah sie keinen Zeiger, sondern eine schmale, silbrige Feder.

„Wozu bist du da?“ flüsterte Mara.

Da knisterte es im Innern, als würde ein Blatt Papier sich bewegen, und eine Stimme, dünn wie Faden, sagte: „Wenn du mich drehst, zeigt dir die Zeit den Weg, den dein Herz nicht findet.“

Mara erschrak so sehr, dass sie fast die Uhr fallen ließ. „Wer spricht da?“

„Die Uhr“, hauchte es. „Und dein Schicksal.

Schicksal, dachte Mara. Das Wort lag auf ihrer Zunge wie ein Stein, der gleichzeitig schwer und glatt war. Seit Jahren hatte sie sich nach wahrer Liebe gesehnt, nicht nach einem kurzen Flimmern, sondern nach einer Flamme, die auch bei Wind nicht erlischt. Doch jeder Versuch war wie ein Zug am falschen Zahnrad gewesen: Es hakte, es knirschte, und am Ende blieb Stille.

Am Abend, als der Himmel violett wurde, ging Mara zum Dorfbrunnen. Das Wasser darin war klar, aber seit Neuestem schimmerte es manchmal, als läge eine Lampe darunter. Die Alten nannten ihn die Herzquelle, denn wer hineinsah, sah nicht sein Gesicht, sondern seine Sehnsucht.

Mara beugte sich vor. Im Wasser sah sie keinen Spiegel, sondern einen schmalen Weg aus Licht, der zwischen Bäumen verschwand. Darüber wölbte sich ein Regenbogen wie eine Brücke, und am Ende stand eine Gestalt, die sie nicht erkennen konnte.

„Das ist kein Zufall“, murmelte Mara und legte die Monduhr in ihre Handfläche. Sie fühlte sich kühl an, aber nicht kalt—eher wie der Rand eines stillen Sees.

Aus dem Wald heraus rief eine Eule, als wolle sie sagen: Jetzt.

Mara schloss die Werkstatt, band ihr dunkles Haar zusammen, steckte Brot, eine Kerze und ein kleines Nähset ein. Dann nahm sie die Monduhr, drehte die Krone—und die silbrige Feder im Innern begann, leise zu singen. Der Ton war so zart, dass er eher in der Brust zu spüren war als im Ohr.

„Ich gehe“, sagte Mara zu sich selbst, „nicht um etwas zu jagen, sondern um es zu finden.“

Und mit diesem Satz trat sie in den Silberwald, wo die Bäume wie hohe, geduldige Wächter standen und jeder Schatten ein Geheimnis trug.

Kapitel 2: Die Flüsterfontäne

Der Silberwald war kein gewöhnlicher Wald. Die Blätter schimmerten, als hätten sie feine Glassplitter in der Haut, und zwischen den Wurzeln glommen blaue Pilze wie winzige Nachtlichter. Mara ging, und ihre Schritte klangen gedämpft, als laufe sie über Teppiche aus Moos.

Nach einer Weile hörte sie ein Kichern. Es kam von einem Bach, der über Steine hüpfte wie ein Kind, das nicht stillsitzen kann. Am Ufer saß ein kleiner Mann mit einem Hut, der viel zu groß war. Sein Bart war so lang, dass er ihn als Schal benutzen konnte.

„Guten Abend, Uhrmacherin“, sagte er, obwohl Mara sicher war, ihm nie begegnet zu sein.

„Woher kennst du mich?“

Er tippte sich an die Nase. „Der Wald hört alles. Und deine Sehnsucht klappert lauter als deine Werkzeuge.“

Mara musste, trotz der Spannung, lachen. „Und wer bist du?“

„Man nennt mich Knopf. Weil ich Dinge zusammenhalte, die sonst auseinanderfallen.“ Er sprang auf, so leicht wie eine Nuss. „Du suchst wahre Liebe, nicht wahr?“

Mara spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. „Ja. Aber ich weiß nicht, ob sie mich sucht.“

Knopf winkte ab, als verscheuche er eine Fliege. „Liebe ist kein Hund, den man pfeifen kann. Sie ist eher…“ Er hielt inne und schaute in die Luft, als suche er das passende Bild. „…eine Laterne, die angeht, wenn du die richtige Tür öffnest.“

„Und welche Tür ist die richtige?“

„Dafür gibt es hier eine Fontäne.“ Knopf führte sie tiefer in den Wald. Bald standen sie vor einer Quelle, die aus einem Stein heraus sprang. Das Wasser fiel nicht einfach—es tanzte. Es bildete Schleifen, Herzen, manchmal sogar kleine Fische aus Tropfen.

„Die Flüsterfontäne“, erklärte Knopf. „Sie antwortet auf Fragen. Aber Achtung: Sie antwortet nicht immer so, wie man es gern hätte.“

Mara trat näher. „Fontäne“, sagte sie, „wo finde ich wahre Liebe?“

Das Wasser rauschte, und in seinem Rauschen hörte Mara Worte, als würden sie in den Tropfen getragen: „Geh über die Regenbogenbrücke. Doch nimm nicht nur deinen Wunsch mit—nimm auch deine Geduld.“

„Geduld“, wiederholte Mara. Das Wort schmeckte bitterer als Schicksal. Denn Geduld bedeutete warten, und Mara hatte sich oft wie eine Uhr gefühlt, die man aufzieht, und dann steht man da und hofft, dass diesmal alles läuft.

Knopf sah sie an, als könnte er ihre Gedanken lesen. „Geduld heißt nicht, still zu sein“, sagte er. „Geduld ist wie ein Samen. Er tut nichts—und doch arbeitet er.“

Mara nickte langsam. „Dann werde ich arbeiten wie ein Samen.“

Die Monduhr in ihrer Tasche begann zu vibrieren. Knopf spitzte die Ohren. „Ah! Sie ruft dich. Die Brücke ist nicht weit.“

„Kommst du mit?“

Knopf schüttelte den Kopf. „Ich bin nur der Knopf, nicht das Hemd.“ Dann zwinkerte er. „Aber ich gebe dir etwas.“ Er zog aus seinem Hut eine winzige, goldene Nadel. „Wenn du glaubst, alles zerreißt, steck sie hinein. Sie näht Mut an dein Herz.“

Mara nahm die Nadel, vorsichtig wie einen Regentropfen. „Danke.“

„Und vergiss nicht“, rief Knopf, als sie weiterging, „das Schicksal ist kein Käfig. Es ist ein Wegschild. Du darfst trotzdem selbst gehen!“

Kapitel 3: Die Regenbogenbrücke

Die Nacht legte sich über den Wald wie ein weicher Mantel. Zwischen den Bäumen hingen Lichter, als hätten Glühwürmchen kleine Sternsplitter gesammelt. Mara folgte dem Summen der Monduhr, das mal stärker, mal schwächer wurde, wie Atem.

Schließlich öffnete sich der Wald, und vor ihr spannte sich eine Brücke über eine Schlucht. Sie bestand aus Regenbogenfarben—nicht gemalt, sondern aus Licht, das fest geworden war. Jede Farbe war ein Balken, und doch schimmerte alles, als könnte es gleich wieder in den Himmel zurückfließen.

Am Anfang der Brücke stand ein steinerner Torbogen. Darin waren Zeichen eingeritzt: ein Herz, ein Rad, ein Blatt.

Mara setzte den Fuß auf das rote Licht. Es fühlte sich an wie warmer Sand, aber es gab nach, als wäre es lebendig. Der Wind aus der Schlucht war kühl und roch nach Fernweh.

„Wenn ich falle?“ fragte Mara halblaut.

Da antwortete eine Stimme von der Brücke selbst, tief und ruhig: „Dann wirst du nicht fallen, sondern lernen. Doch geh nicht, um zu besitzen. Geh, um zu verstehen.“

Mara schluckte. „Ich will lieben.“

„Dann lerne, dich lieben zu lassen“, sagte die Brücke.

Mit jedem Schritt änderte sich das Licht. Beim Orange sah Mara plötzlich einen Moment aus ihrer Vergangenheit: Sie, als junges Mädchen, wie sie einem Jungen ein selbstgemachtes Uhrband schenkte, und wie er es achtlos wegwarf. Beim Gelb sah sie, wie sie später sich selbst versprach, nie mehr so dumm zu sein. Beim Grün sah sie, wie dieser Schwur ihr Herz wie eine Rüstung umklammerte.

Mara blieb stehen. „War ich zu hart?“

Das Blau unter ihren Füßen pulste. „Du warst verletzt. Das ist kein Fehler“, flüsterte die Brücke. „Doch Narben dürfen nicht zu Mauern werden.“

Mara atmete tief ein. Die Luft schmeckte nach Regen, obwohl kein Regen fiel. Sie zog Knopfs goldene Nadel heraus und hielt sie zwischen den Fingern.

„Ich will nicht mehr aus Angst verzichten“, sagte sie. „Aber ich will auch nicht lügen, nur damit es leichter ist.“

Sie steckte die Nadel behutsam in den Saum ihres Mantels, als würde sie einen unsichtbaren Riss schließen. In diesem Moment fühlte sich ihr Herz tatsächlich etwas fester an—nicht härter, sondern stabiler.

Als sie das violette Ende der Brücke erreichte, stand dort eine Gestalt: ein Hirsch, weiß wie frischer Schnee, mit einem Geweih, das glitzerte, als hingen daran Tropfen von Sternen.

Der Hirsch neigte den Kopf. „Mara Uhrmacherin“, sagte er, und seine Stimme klang wie ein Glockenspiel in weiter Ferne. „Die Brücke hat dich geprüft. Nun führt dein Weg zur Schimmerhöhle. Dort liegt ein Spiegel, der die Wahrheit zeigt.“

„Und dann finde ich die Liebe?“

Der Hirsch blickte sie mit großen, dunklen Augen an. „Vielleicht. Vielleicht findest du zuerst dich selbst. Beides ist näher beieinander, als Menschen denken.“

Mara folgte ihm. Sein Huftritt war lautlos, als gehe er über Schnee, selbst auf Stein. Und während sie gingen, spürte sie eine seltsame Mischung: Hoffnung wie ein frischer Wind, und Melancholie wie ein Schatten am Rand eines hellen Zimmers.

Kapitel 4: Die Schimmerhöhle und der Spiegel

Die Schimmerhöhle lag in einem Hügel, dessen Eingang von Efeu umarmt wurde. Innen war es nicht dunkel, sondern leuchtete von selbst. Kristalle wuchsen aus den Wänden, und jeder Kristall hielt ein Stück Licht gefangen—wie Bonbons, die man nicht essen darf.

Der Hirsch blieb am Eingang stehen. „Hier endet mein Geleit“, sagte er. „Was du siehst, gehört nur dir.“

Mara streichelte kurz seine kalte, glatte Stirn. „Danke.“

Sie trat hinein. Das Echo ihrer Schritte klang wie leises Klatschen, als würde die Höhle ihr Mut zusprechen. Tief im Innern stand ein Spiegel, groß wie eine Tür. Sein Rahmen war aus schwarzem Stein, und darin tanzten silberne Linien wie Wolken.

Mara stellte sich davor. Zuerst sah sie nur ihr Gesicht: müde, entschlossen, mit einem winzigen Schatten in den Augen. Dann begann das Spiegelbild sich zu verändern. Es zeigte sie, wie sie allein in ihrer Werkstatt sitzt, während draußen Menschen lachen. Es zeigte sie, wie sie Briefe schreibt und nie abschickt. Es zeigte sie, wie sie freundlich ist, aber immer ein wenig auf Abstand—wie jemand, der eine Hand reicht, aber den Arm zurückhält.

„Du bist nicht schlecht“, sagte Mara leise. „Du bist nur… vorsichtig.“

Der Spiegel flüsterte, als würde er atmen: „Vorsicht ist ein Schild. Aber Liebe braucht auch eine offene Tür.“

Mara fühlte, wie Tränen aufstiegen. Sie waren nicht heiß, sondern klar, als würden sie sie reinigen. „Und wenn ich die Tür öffne und niemand kommt?“

„Dann hast du trotzdem Licht hineingelassen“, antwortete der Spiegel.

Plötzlich erschien im Spiegel eine weitere Gestalt—nicht genau ein Bild, eher ein Schatten mit Kontur. Jemand stand hinter Mara? Sie drehte sich schnell um. Niemand war da. Als sie wieder in den Spiegel sah, erkannte sie: Die Gestalt war nicht hinter ihr, sondern neben ihr—als Möglichkeit, als Weg, als noch nicht geschriebenes Kapitel.

Eine Stimme, die nicht die des Spiegels war, sprach aus der Tiefe der Höhle: „Warum suchst du Liebe wie einen Schlüssel, Mara?“

Mara fuhr herum. Aus dem Halbdunkel trat eine Frau in einem Mantel aus grauem Samt. Ihr Haar war silbern wie Spinnweben im Morgenlicht, und ihre Augen waren freundlich, aber alt. In ihrer Hand hielt sie eine kleine Laterne, deren Flamme blau brannte.

„Wer bist du?“ fragte Mara.

„Man nennt mich die Hüterin der Wege“, sagte die Frau. „Andere nennen mich Schicksal. Wieder andere nennen mich Zufall, wenn sie sich nicht trauen.“

Mara spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Schicksal… also ist alles festgelegt?“

Die Hüterin lachte leise. „Festgelegt ist nur, dass du Entscheidungen triffst. Der Rest ist wie Ton. Du formst ihn—und doch hat er seine eigene Art, in deinen Händen zu liegen.“

Mara dachte an Knopfs Worte: Wegschild, nicht Käfig.

„Dann sag mir“, bat Mara, „wo ist meine wahre Liebe?“

Die Hüterin hob die Laterne. Ihr blaues Licht fiel auf die Kristalle, und plötzlich war die ganze Höhle ein Meer aus glitzernden Wellen. „Sie ist nicht an einem Ort. Sie ist dort, wo du ehrlich bist—und dort, wo du den Mut hast, dich sehen zu lassen.“

„Das klingt schön“, sagte Mara, ein wenig verzweifelt. „Aber ich bin nicht hierher gekommen, um Rätsel zu sammeln.“

Die Hüterin nickte. „Gut. Dann bekommst du eine Aufgabe, die keine Worte braucht.“ Sie zeigte auf den Spiegel. „Gehe hinein.“

„In den Spiegel?“

„In das, was er zeigt.“

Mara starrte auf die silbernen Linien. Die Monduhr in ihrer Tasche summte so stark, dass es fast weh tat. Sie dachte an ihre Werkstatt, an das Ticken, an die Sicherheit. Und sie dachte an den Regenbogen unter ihren Füßen, der sie nicht fallen ließ.

„Wenn ich es nicht versuche“, sagte Mara, „werde ich mich mein Leben lang fragen, wie es gewesen wäre.“

Sie trat vor, legte die Hand an die kalte Fläche—und sie gab nach wie Wasser.

Kapitel 5: Die Stadt der stillen Fenster

Mara stolperte, und als sie wieder festen Boden spürte, stand sie in einer Stadt. Die Häuser waren hoch und schmal, und jedes Fenster war geschlossen, als hätte die Stadt Angst vor Blicken. Es gab keine Stimmen, nur das Klacken ihrer Schritte auf Kopfsteinpflaster.

Der Himmel war grau wie ungewaschene Wolle. Kein Vogel flog. Trotzdem war es nicht kalt—nur… leer.

„Wo bin ich?“ fragte Mara.

Ein Kind, das plötzlich aus einer Gasse trat, sah sie an. Es war vielleicht zehn, mit einem Hut, der viel zu groß war—für einen Moment dachte Mara an Knopf. Doch dieses Kind hatte keine frechen Augen, sondern vorsichtige.

„In der Stadt der stillen Fenster“, sagte das Kind. „Hier wohnen die, die sich nicht zeigen.“

Mara spürte einen Stich. „Das klingt wie ich.“

Das Kind zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Hier ist es sicher. Niemand wird ausgelacht, weil niemand redet.“

Mara ging an einem Haus vorbei. Hinter dem Glas sah sie einen Mann, der ein Instrument hielt, aber nicht spielte. In einem anderen Fenster saß eine Frau vor einem Brief, doch der Stift rührte sich nicht. Überall standen Menschen wie Figuren in einer Spieluhr, die jemand vergessen hatte aufzuziehen.

„Warum bleiben sie so?“ fragte Mara.

Das Kind scharrte mit dem Schuh. „Weil es weh tun kann, wenn man sich öffnet. Und weil sie glauben, dass Schweigen weniger wehtut.“

Mara erinnerte sich an ihren eigenen Schweigeschwur, an ihre Rüstung aus Vernunft. „Und stimmt das?“

„Ich weiß nicht“, sagte das Kind ehrlich. „Ich bin nur der Bote. Aber ich kann dir zeigen, wo der Ausgang ist.“

„Zeig ihn mir“, sagte Mara, doch dann sah sie, wie traurig das Kind wirkte. „Willst du nicht mitkommen?“

Das Kind lächelte ganz klein. „Ich darf nur gehen, wenn jemand ein Fenster öffnet.“

Mara blieb stehen. Sie sah die Reihe der Häuser, die geschlossenen Läden, die gesenkten Köpfe dahinter. Sie dachte an die wahre Liebe, nach der sie suchte—und daran, dass Liebe nicht in geschlossenen Zimmern lebt.

Sie trat zu einem Fenster, hinter dem eine junge Frau saß, die eine Kerze in der Hand hielt, aber sie war nicht angezündet. Mara klopfte vorsichtig.

Die Frau im Innern zuckte zusammen. Sie hob den Blick, erschrocken, als hätte man ihr einen Traum gestohlen.

Mara legte die Hand an das Glas und sagte, so klar sie konnte: „Ich kenne die Angst. Ich trage sie auch. Aber wenn wir ewig hinter Scheiben stehen, werden wir zu Schatten.“

Die Frau im Innern zögerte. Dann—ganz langsam—legte sie ihre Hand von innen gegen Maras Hand. Zwei Hände, getrennt durch Glas, wie zwei Ufer, die sich sehen.

„Ich kann nicht“, flüsterte die Frau.

Mara spürte die Monduhr in ihrer Tasche. Sie nahm sie heraus, öffnete den Deckel. Die silberne Feder sang leise, und der Ton war wie ein warmer Faden.

„Du musst nicht heute alles ändern“, sagte Mara. „Nur einen Spalt.“

Die Frau atmete zittrig aus. Dann drehte sie den Griff. Das Fenster knarrte—und ein dünner Streifen Luft strömte hinein. Es war, als würde die ganze Straße auf einmal leiser werden, nicht aus Angst, sondern aus Staunen.

Das Kind neben Mara begann zu leuchten, als hätte jemand eine Laterne in seinem Bauch angezündet. „Ein Fenster ist offen“, sagte es, und seine Stimme klang plötzlich älter. „Dann darf ich gehen.“

Mara sah, wie in anderen Häusern Vorhänge sich bewegten. Köpfe hoben sich. Ein paar Fensterläden knackten, erst vorsichtig, dann mutiger. Die Stadt bekam Risse in ihrem Schweigen, und durch diese Risse kam Leben.

Der Himmel wurde heller, als hätte jemand graue Tinte mit Wasser verdünnt.

„Da ist der Ausgang“, sagte das Kind und zeigte auf ein Tor am Ende der Straße. Über dem Tor hing ein Symbol: ein Herz, ein Rad, ein Blatt—wie auf der Regenbogenbrücke.

„Wer bist du wirklich?“ fragte Mara.

Das Kind grinste. „Vielleicht ein Teil von dir. Vielleicht ein Teil von allen. Nenn mich Hoffnung, wenn du willst.“

Mara ging zum Tor. Hinter sich hörte sie das erste echte Lachen, vorsichtig, aber echt, wie ein Vogel, der nach langer Zeit wieder singt.

Kapitel 6: Das Herzrad und die Wahl

Als Mara durch das Tor trat, stand sie wieder in der Schimmerhöhle. Die Kristalle glänzten ruhiger, als wären sie zufrieden. Die Hüterin der Wege wartete neben dem Spiegel, als hätte sie keinen Augenblick gerührt.

„Du hast ein Fenster geöffnet“, sagte die Hüterin.

Mara nickte. „Und dabei habe ich gemerkt: Ich will nicht, dass meine Sehnsucht mich einsperrt. Ich will, dass sie mich führt.“

Die Hüterin hob die blaue Laterne, und aus ihrem Licht formte sich etwas: ein kleines Rad, wie aus hellem Glas. Es drehte sich langsam in der Luft und war in der Mitte herzförmig ausgeschnitten.

„Das Herzrad“, sagte die Hüterin. „Es gehört zu deiner Monduhr. Ohne es zeigt sie nur Wünsche. Mit ihm zeigt sie Wege.“

Mara hielt die Monduhr hin. Die Hüterin setzte das Herzrad ein, und sofort begann die Uhr zu ticken—nicht laut, sondern wie ein beruhigender Pulsschlag. Auf dem Deckel erschien ein feiner Zeiger, der nicht auf Zahlen zeigte, sondern in eine Richtung.

„Wohin führt es?“ fragte Mara.

Die Hüterin schaute sie ernst an. „Dorthin, wo dein Schicksal und deine Entscheidung sich die Hand geben. Doch merk dir: Wahre Liebe ist kein Preis für gutes Benehmen. Sie ist ein Begegnungslicht. Man kann es nicht zwingen—man kann nur bereit sein.“

Mara dachte an das Bild im Spiegel: eine Möglichkeit neben ihr. „Und wenn ich bereit bin und es passiert trotzdem nicht?“

„Dann hast du gelernt, dein Leben nicht aus Mangel zu bauen“, sagte die Hüterin sanft. „Auch das ist Liebe—zu dir selbst, zu den Menschen, zu dem, was kommt.“

Mara spürte, wie etwas in ihr nachgab, wie ein zu straff gespannter Faden, der endlich richtig sitzt. „Ich glaube, ich verstehe.“

„Dann geh“, sagte die Hüterin. „Und nimm dieses Licht.“ Sie reichte Mara die blaue Laterne. „Nicht, um Schatten zu bekämpfen, sondern um nicht in ihnen zu vergessen, dass es Helligkeit gibt.“

Mara nahm die Laterne. Sie war überraschend leicht, als wäre sie aus Mut gemacht.

Der Hirsch erschien wieder am Höhleneingang. „Der Wald wartet“, sagte er.

Mara ging hinaus. Der Morgen hatte begonnen, und die Welt roch nach nasser Erde und Neuanfang. Die Monduhr zeigte nicht nach links oder rechts, sondern geradeaus—zum Dorf zurück.

„Zurück?“ flüsterte Mara. Ein kleiner Teil von ihr hatte gedacht, die Liebe müsse irgendwo fern und gefährlich wohnen. Doch vielleicht, dachte sie, ist das nur eine Ausrede, damit man nicht im eigenen Leben nachsehen muss.

Kapitel 7: Ein Licht im Brunnen

Als Mara das Dorf erreichte, war es, als hätte sich nichts verändert—und doch war alles anders. Die Dächer glitzerten im Sonnenlicht, und sogar der Staub auf dem Weg sah aus wie Goldmehl. Mara ging zur Werkstatt, öffnete die Tür, und die Uhren an den Wänden begrüßten sie mit ihrem vertrauten Ticken. Es klang wie ein Chor, der sagt: Willkommen, du bist wieder da.

Sie stellte die blaue Laterne auf den Tisch. Ihr Licht war still, aber wach.

Kurz darauf klopfte es. Mara erschrak, denn sie hatte kaum ihre Tasche abgestellt. Sie öffnete.

Draußen stand eine Frau, etwa in Maras Alter, mit einem Mantel, der nach Regen roch, und mit Augen, die müde und zugleich mutig waren. In der Hand hielt sie eine Armbanduhr, deren Glas gesprungen war.

„Entschuldige“, sagte die Fremde. „Man hat mir gesagt, du kannst Zeit reparieren.“

Mara lächelte, und in diesem Lächeln war etwas Neues: keine Rüstung, nur Wärme. „Ich kann Uhren reparieren“, antwortete sie. „Zeit… versucht man besser zu verstehen.“

Die Frau lachte leise. „Dann bin ich hier richtig. Ich heiße Elin.“

„Mara“, sagte Mara. Ihre Finger berührten kurz Elins Hand, als sie die Uhr nahm. Eine ganz kleine Berührung—und doch fühlte sie sich an wie ein Anfang.

Elin sah sich um. „Es ist schön hier. Beruhigend.“

„Manchmal zu ruhig“, sagte Mara ehrlich, und sie wunderte sich, wie leicht ihr die Wahrheit über die Lippen ging. „Setz dich. Erzähl mir, was mit deiner Uhr passiert ist.“

Elin setzte sich, und während Mara das gesprungene Glas betrachtete, sprach Elin von einer Reise, von einer kranken Tante, von langen Wegen und davon, wie sie oft dachte, sie müsse alles allein tragen. Mara hörte zu, nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Herzen, als würde sie eine neue Sprache lernen.

Als Elin schwieg, sagte Mara: „Allein tragen macht stark. Aber es macht auch müde.“

Elin nickte langsam. „Ja. Und ich glaube, ich habe mich so sehr an das Müde gewöhnt, dass ich vergessen habe, wie leicht sich Hoffnung anfühlt.“

Mara dachte an die Stadt der stillen Fenster. „Hoffnung ist wie ein Fenster“, sagte sie. „Man kann es einen Spalt öffnen, auch wenn der ganze Raum noch dunkel ist.“

Elin sah Mara an, als hätte jemand eine Kerze in ihren Augen angezündet. „Du sprichst, als hättest du selbst lange im Dunkeln gesessen.“

Mara atmete ein. Die Monduhr tickte. Die blaue Laterne leuchtete. Und in ihrem Innern hörte sie die Stimme der Brücke: Lerne, dich lieben zu lassen.

„Ja“, sagte Mara. „Aber ich lerne gerade, aufzustehen.“

Am Abend ging Mara mit Elin zur Herzquelle. Das Wasser schimmerte wieder, und diesmal sah Mara nicht nur einen Weg aus Licht, sondern zwei Gestalten, die nebeneinander gingen—nicht festgebunden, sondern frei, Hand in Hand, wenn sie wollten.

Elin beugte sich über den Brunnen. „Das Wasser leuchtet“, flüsterte sie.

„Es zeigt Sehnsucht“, sagte Mara. „Und manchmal zeigt es auch, dass Sehnsucht nicht schlimm ist. Sie ist ein Kompass.“

Elin sah Mara an. „Und wohin zeigt deiner?“

Mara hielt die Monduhr hoch. Der Zeiger zeigte nicht mehr in die Ferne, sondern blieb ruhig, als hätte er sein Ziel nicht als Ort, sondern als Nähe gefunden.

„Er zeigt auf diesen Moment“, sagte Mara, und ihre Stimme zitterte ein wenig, aber sie blieb stehen wie ein Baum im Wind. „Ich weiß nicht, was aus uns wird. Aber ich möchte es herausfinden—ohne geschlossene Fenster.“

Elin lächelte, und in diesem Lächeln war ein sanftes Ja, kein Versprechen aus Stein, sondern eines aus lebendigem Holz. „Dann lass uns langsam gehen“, sagte sie. „Mit Geduld. Wie ein Samen.“

Mara nickte. Über ihnen spannte sich ein schwacher Regenbogen, obwohl kein Regen gefallen war—nur Licht, das den Mut hatte, zu erscheinen. Und Mara spürte: Das Schicksal hatte ihr keinen Käfig gebaut, sondern eine Tür gezeigt. Sie hatte sie geöffnet.

So endete ihre Suche nicht mit einem Ende, sondern mit einem Anfang, der Hoffnung atmete.

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Das Quiz: Hast du die Geschichte gut verstanden?

Taschenuhr
Eine kleine Uhr, die man in der Tasche trägt, oft mit Deckel.
Werkstatt
Ein Ort, wo jemand Dinge repariert oder herstellt, zum Beispiel Uhren.
Monduhr
Eine besondere Uhr in der Geschichte mit magischen Eigenschaften.
Herzquelle
Ein Brunnen im Dorf, in dem Wasser die Gefühle oder Wünsche zeigt.
Flüsterfontäne
Ein Springbrunnen im Wald, der leise Antworten oder Bilder gibt.
Regenbogenbrücke
Eine Brücke aus Licht und Farben, die zu einem anderen Ort führt.
Schimmerhöhle
Eine Höhle, die von Licht und glitzernden Steinen erfüllt ist.
Kristalle
Gläserne oder steinige Stücke, die in Höhlen Licht einfangen.
Schicksal
Die Vorstellung, dass bestimmte Dinge im Leben passieren sollen.
Narben
Zeichen auf der Haut oder im Herzen, die nach Verletzungen bleiben.
Rüstung
Schutz aus Metall oder eine Art Schutz, den Menschen gefühlsmäßig tragen.
Sehnsucht
Ein starkes Verlangen nach etwas, das man sich sehr wünscht.
Begegnungslicht
Ein Bild in der Geschichte für Licht, das zwei Menschen zusammenbringt.
Herzrad
Ein kleines, rundes Teil mit Herzform, das einer Uhr den Weg zeigt.

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