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Geschichte einer fantastischen Kreatur 5/6 Jahre Lesen 19 min.

Der Teilfaden: Eine Allianz aus Licht und Sternenstaub auf dem Markt der Reliquien

Das kleine Gespenst Lumo will auf dem abendlichen Markt teilen und schließt sich mit einem Mädchen, einer wachsamen Statue und einem Windkobold zusammen, um einen verlorenen Beutel Sternenstaub zu retten und gemeinsam eine Lösung zu finden.

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Ein kleiner Geist namens Lumo, perlmuttfarben und durchsichtig mit leuchtenden Staubflecken, wirkt schüchtern und fröhlich und schwebt über dem Rand eines alten Stebrunnens, hält vorsichtig einen schillernden, mehrfarbigen Faden; Mina, etwa acht Jahre alt mit braunen Zöpfen und einer großen Mütze mit Fuchsstickerei, hockt am Brunnen, lächelt ermutigend und reicht die Hand zum Faden; Brummwacht, eine große schwarze Steinwächterstatue wie ein alter Riese mit schwach glühenden Einlagenaugen, steht überrascht aber sanft hinter dem Brunnen; Flitz, ein kleiner windkobold mit blattförmiger Ohrspitze und blassgrünem, schlankem Körper, schwebt ruhig nahe bunter Stoffbahnen über dem Nachtmarkt; der gepflasterte Markt unter hängenden, wolkenartigen Stoffen (Rot, Blau, Gold) ist belebt von warmen Glaslaternen, Ständen mit Reliquien und leichten Reflexen im Brunnenwasser; die Szene zeigt, wie Lumo den Lichtfaden mit Mina, Brummwacht und Flitz teilt und so ein warmes, verbindendes, pastellfarbenes Leuchtnetz über dem Brunnen bildet. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Unter den schwebenden Tüchern

In der Wunderstadt Flimmerfels gab es einen Markt, der nur am Abend öffnete. Er hieß der Markt der Reliquien. Über den Gassen hingen große Tücher wie bunte Wolken: rot wie Apfelsaft, blau wie tiefer See, golden wie Honig. Sie flatterten leise, als würden sie miteinander flüstern.

Dort schwebte Lumo, ein kleines Gespenst. Er war nicht gruselig. Er war eher wie ein weicher Mondschein mit Sommersprossen aus Staub. Wenn er lachte, klingelte es ein bisschen, als hätte jemand ein Glas vorsichtig angestoßen.

Lumo war schlau. Er konnte durch Schlüssellöcher schauen, ohne sich zu bücken. Und er konnte Dinge finden, die andere übersahen: eine verlorene Feder, eine versteckte Münze, ein stilles Seufzen.

Heute hatte Lumo einen Wunsch, der in ihm glitzerte wie Zucker auf einem Krapfen: Er wollte teilen. Nicht nur ein bisschen. Richtig teilen. Mit allen, die es brauchten.

Er schwebte zwischen den Ständen hindurch. Da standen Laternen, die nach Zimt rochen. Da lagen alte Uhren, die rückwärts tickten. Da stapelten sich Muscheln, in denen man das Lachen von Kindern hörte, wenn man sie ans Ohr hielt.

„Reliquien, Reliquien!“, riefen die Händler, aber ihre Stimmen waren freundlich, wie warme Decken.

Unter einem lilafarbenen Tuch saß eine Frau mit einer Brille, die so rund war wie zwei Kekse. Vor ihr lag eine kleine Kiste, ganz unscheinbar. Auf der Kiste war ein Zeichen: ein Kreis, darin eine Hand, die etwas weitergibt.

Lumo blieb stehen. Sein Bauchgefühl machte einen kleinen Purzelbaum.

Die Frau lächelte, als hätte sie ihn schon erwartet. „Du suchst etwas, das nicht nur dir gehört, stimmt's?“

Lumo nickte. Er konnte zwar sprechen, aber manchmal war Nicken schöner. „Ich möchte teilen“, sagte er leise. „Ich möchte, dass es heller wird. Für alle.“

Die Frau öffnete die Kiste. Darin lag ein Faden. Er sah aus wie Spinnseide, aber er glitzerte in allen Farben gleichzeitig. Wenn er sich bewegte, hörte man ein ganz leises Summen, wie eine Biene im Schlaf.

„Das ist der Teilfaden“, sagte die Frau. „Er webt keine Jacken. Er webt Bündnisse.

„Bündnisse?“ fragte Lumo. Das Wort schmeckte neu.

„Eine Allianz“, erklärte die Frau und zwinkerte. „Freundschaft, die fest wird. Hilfe, die bleibt. Mut, der sich ansteckt.“

Lumo spürte, wie sein Herz — ja, auch ein Gespenst hat so etwas, nur eben aus Licht — schneller schimmerte. „Kann ich ihn haben?“

Die Frau schob die Kiste ein Stück zu ihm. „Wenn du bereit bist, ihn zu benutzen. Und wenn du mutig genug bist, ihn zu teilen.“

Lumo hielt den Faden vorsichtig. Er war kühl und warm zugleich. Er fühlte sich an wie ein Versprechen.

Da kam ein Windstoß. Die großen Tücher über dem Markt blähten sich auf. Ein Schatten huschte darüber, schnell wie eine Katze. Irgendwo klirrte etwas.

„Oh je“, murmelte die Frau. „Heute Nacht ist der Markt unruhig.“

Lumo schaute nach oben. Zwischen den flatternden Stoffen fehlte plötzlich ein Stück Licht, als hätte jemand ein Loch in den Abend geschnitten.

Und dann sah Lumo es: Ein kleiner Beutel mit Sternenstaub war vom Stand eines Händlers gerutscht. Er rollte, rollte, rollte — direkt Richtung Marktbrunnen. Wenn der Sternenstaub ins Wasser fiel, würde er verklumpen. Dann gäbe es keine glitzernden Laternen mehr. Und der Markt würde grau.

Lumo wusste: Jetzt brauchte es Mut. Nicht später.

Er atmete ein — so gut es ein Gespenst eben kann — und schwebte los.

Der Teilfaden und der kleine Mut

Lumo jagte dem Beutel nach. Er war schnell, aber der Beutel war schneller, weil er immer wieder über Steine hüpfte. Vor dem Brunnen stand eine schwere Statue aus schwarzem Stein. Sie sah aus wie ein Riese mit verschränkten Armen.

Lumo schwebte knapp über dem Boden. „Stopp, stopp!“, flüsterte er dem Beutel zu, als könnte der hören.

Der Beutel rollte weiter. Da passierte das erste kleine Unglück: Ein Kind stolperte. Es war ein Mädchen mit einer Mütze, auf der ein kleiner Fuchs saß. Der Fuchs war nur aufgenäht, aber er sah sehr frech aus.

Das Mädchen fing sich gerade noch am Brunnenrand. Der Beutel mit Sternenstaub wackelte gefährlich. Ein Plopp fehlte nicht mehr.

Lumo wollte ihn packen, doch seine Geisterfinger glitten durch Stoff. „Oh!“ machte Lumo. Das war doof. Gespensthände sind toll für Türen, aber nicht für Beutel.

Er dachte schnell. Schlau sein war sein Talent. Teilen war sein Wunsch. Und Mut… Mut musste man manchmal einfach anschubsen.

Lumo zog den Teilfaden aus der Kiste, die er noch in sich trug wie eine Tasche aus Licht. Der Faden kringelte sich in der Luft. Er leuchtete, als hätte er eigene kleine Sterne.

„Faden“, flüsterte Lumo, „hilf mir.“

Der Faden wurde länger, ganz von selbst. Lumo warf ihn wie eine weiche Schleife über den rollenden Beutel. Diesmal glitt er nicht durch. Der Faden hielt! Er wickelte sich sanft darum, ohne fest zu drücken.

Der Beutel stoppte. Genau am Brunnenrand. Ganz knapp.

Das Mädchen drehte sich um. Ihre Augen wurden groß. „Wer… wer hat das gemacht?“

Lumo schwankte kurz. Sollte er sich zeigen? Manche Kinder erschrecken, wenn sie „Gespenst“ hören. Aber Lumo war ja nur Licht, und sein Lachen klang nach Glasglocke.

Er sammelte Mut wie warme Suppe. „Ich“, sagte er und schwebte langsam hoch, damit er nicht plötzlich vor ihr auftauchte.

Das Mädchen starrte. Dann runzelte sie die Stirn, als würde sie nachdenken. „Du bist… durchsichtig.“

„Ja“, sagte Lumo. „Aber ich bin freundlich.“

Der aufgenähte Fuchs auf ihrer Mütze sah noch frecher aus als vorher. Das Mädchen kicherte. „Ich heiße Mina. Und ich habe keine Angst. Na gut… nur ein bisschen.“

„Ein bisschen ist okay“, sagte Lumo. „Mut ist nicht, keine Angst zu haben. Mut ist, trotzdem da zu bleiben.“

Mina nickte langsam. „Schön gesagt.“

Da dröhnte die Statue aus schwarzem Stein plötzlich: „Kein Sternenstaub! Ordnung muss sein!“

Lumo zuckte zusammen. Die Statue hatte gesprochen. Ihre steinernen Augen glimmten dunkel. „Reliquien gehören denen, die sie besitzen! Teilen macht Chaos!“

Mina machte einen Schritt zurück. „Äh… kann die Statue immer reden?“

„Nur wenn sie schlecht gelaunt ist“, flüsterte Lumo. „Das ist Brummwacht. Er bewacht den Brunnen.“

Brummwacht stampfte. Der Boden vibrierte. „Gebt her! Ich sperre das Glitzern weg, damit keiner streitet.“

Lumo hielt den Beutel mit dem Teilfaden fest. Der Faden summte. Lumo spürte, dass er noch mehr konnte. Er war nicht nur zum Festhalten da. Er war zum Verbinden da.

Lumo dachte an seinen Wunsch. Teilen. Für alle. Nicht verstecken.

„Brummwacht“, sagte Lumo so freundlich wie möglich, „wenn du alles wegsperrst, wird es nur dunkel. Dann streiten die Herzen erst recht.“

„Pah!“ machte Brummwacht. „Dunkel ist ruhig.“

„Aber auch traurig“, sagte Mina leise. Das Wort „traurig“ fiel wie ein kleiner Stein ins Wasser.

Brummwacht schwieg. Nur kurz. Dann grummelte er: „Ich kenne Traurigkeit nicht.“

Lumo spürte einen mini-kleinen Twist in der Luft, wie ein überraschender Windhauch: Brummwacht war nicht böse, er war einfach… allein.

Und allein sein machte manchmal hart wie Stein.

Lumo schluckte. Mut, dachte er. Und dann tat er etwas, das sogar für ein Gespenst mutig war: Er schwebte direkt vor Brummwachts Brust, so nah, dass er den kalten Stein spürte.

„Dann lass es mich dir zeigen“, sagte Lumo. „Und lass uns eine Allianz weben. Eine, die den Markt schützt und trotzdem teilt.“

Brummwacht knurrte. „Ich brauche niemanden.“

„Ich schon“, sagte Lumo ehrlich. „Und Mina vielleicht auch. Und der Markt.“

Mina hob die Hand. „Ich kann auch helfen.“

Der Teilfaden zitterte, als hätte er sich gefreut.

Die Allianz aus Licht und Lachen

Lumo ließ den Teilfaden zwischen sich, Mina und Brummwacht schweben. Er war wie ein Regenbogen, der nicht nass macht. Der Faden teilte sich in drei dünne Stränge, ganz von selbst, und berührte jeden von ihnen sanft.

Als der Faden Brummwacht berührte, passierte etwas Seltsames: Ein kleines, warmes Glimmen breitete sich in seinem schwarzen Stein aus, wie das erste Feuer in einem Ofen.

Brummwacht blinzelte. „Was ist das?“

„Ein Bündnis“, sagte Lumo. „Eine Allianz. Wir versprechen, aufeinander aufzupassen.“

Mina schaute den Faden an. „Und das hilft dem Sternenstaub?“

„Ja“, sagte Lumo. „Denn wenn wir zusammenhalten, müssen wir nichts wegnehmen. Dann können wir teilen, ohne dass es verloren geht.“

Brummwacht brummte: „Und wenn jemand zu gierig ist?“

Lumo überlegte. „Dann erinnern wir ihn. Freundlich. Und wenn das nicht reicht… dann stehen wir zusammen.“

Mina nickte sehr ernst, als wäre sie eine kleine Bürgermeisterin. „Ich kann gut erinnern.“

Brummwacht schnaubte, aber diesmal klang es weniger wütend. „Ich… kann gut stehen.“

Das war fast ein Witz. Mina kicherte. Lumo kicherte mit, und sein Kichern klang wie kleine Glöckchen. Sogar der Wind unter den Tüchern schien mitzuschwingen.

Doch dann kam der zweite kleine Schreck: Der Schatten, der vorhin über die Tücher gehuscht war, tauchte wieder auf. Er sprang von Tuch zu Tuch, riss an Knoten, zog Schnüre locker. Ein großes grünes Tuch begann zu rutschen.

„Achtung!“ rief Mina.

Das Tuch glitt herunter wie eine riesige Decke. Wenn es auf die Laternen fiel, würden sie ausgehen. Und wenn es auf die Reliquien fiel, würden sie durcheinanderrollen.

Lumo schaute zum Schatten hoch. Es war kein Monster. Es war ein frecher kleiner Windkobold, kaum größer als eine Katze, mit Ohren wie Blätter. Er lachte leise und wirbelte.

„Der spielt“, flüsterte Mina. „Aber das ist kein gutes Spiel!“

Lumo spürte, wie sein Mut wieder kitzelte. Der Teilfaden war da. Die Allianz war da. Jetzt musste er sie nutzen.

„Brummwacht!“ rief Lumo. „Kannst du den Brunnenrand halten? Wenn das Tuch fällt, darf es nicht ins Wasser rutschen!“

Brummwacht stellte sich breitbeinig hin. „Ich halte. Das kann ich.“

„Mina“, sagte Lumo, „kannst du die Leute warnen? Ganz ruhig, ja?“

Mina lief los, winkte und rief: „Bitte zur Seite! Ganz langsam! Es kommt ein Tuch!“

Die Händler hörten auf sie. Vielleicht, weil ihre Stimme so klar war. Vielleicht auch, weil sie mutig klang.

Lumo selbst schwebte nach oben, direkt zum rutschenden Tuch. Der Windkobold sah ihn und machte ein freches Gesicht, als wollte er sagen: Fang mich doch!

„Ich will dich nicht fangen“, sagte Lumo. „Ich will dich verstehen.“

Der Kobold hielt kurz inne. Das war der dritte mini-Rebound: Er war überrascht, dass jemand freundlich blieb.

„Verstehen?“ zischte der Kobold. „Alle hier haben Regeln! Ich mag keine Regeln!“

„Regeln können weich sein“, sagte Lumo. „Wie Tücher. Und Tücher kann man knoten, ohne zu ziehen.“

Der Kobold wackelte mit den Blattohren. „Ich wollte nur, dass etwas passiert. Der Markt ist immer so ordentlich.“

„Dann hilf uns, etwas Gutes passieren zu lassen“, sagte Lumo. „Wir teilen Sternenstaub. Damit alles leuchtet. Auch für dich.“

Der Kobold schaute hinunter. Er sah Mina, die Menschen ruhig führte. Er sah Brummwacht, der den Brunnen schützte. Er sah den Teilfaden, der in der Luft schimmerte wie ein Lied.

„Teilen?“ murmelte er.

Lumo streckte den Teilfaden aus. Ein dünner Strang berührte den Kobold. Sofort wurde sein Wirbelwind etwas langsamer, wie eine Drehung, die in einen Tanz übergeht.

Der Kobold schluckte. „Ich… ich habe noch nie geteilt“, flüsterte er.

„Dann probieren wir es zusammen“, sagte Lumo.

Gemeinsam knoteten sie das grüne Tuch wieder fest. Nicht mit harter Hand, sondern mit sanften Schleifen. Der Kobold war flink, Lumo war schlau. Sie arbeiteten wie zwei Seiten einer Schere: zack, zack, fertig.

Unten atmeten die Händler auf. Die Laternen brannten weiter. Kein Chaos. Nur ein bisschen mehr Herzklopfen, das jetzt wieder leiser wurde.

Mina klatschte. „Geschafft!“

Brummwacht brummte zufrieden. „Hm. Nicht schlecht.“

Der Kobold schwebte neben Lumo, jetzt viel ruhiger. „Ich heiße Flitz“, sagte er kleinlaut. „Ich dachte, wenn alles durcheinander ist, dann sieht mich jemand.“

Lumo sah ihn warm an. „Ich sehe dich auch, wenn es ruhig ist.“

Flitz rieb sich am Ohr. „Echt?“

„Echt“, sagte Lumo.

Dann nahm Lumo den Beutel mit Sternenstaub. Er öffnete ihn vorsichtig. Ein feiner Glanz stieg auf und tanzte unter den Tüchern. Lumo teilte eine Prise in Minna… nein, Mina's Hände, eine Prise auf Brummwachts Steinhand, und eine Prise auf Flitz' Blattohren.

Der Sternenstaub blieb nicht kleben. Er setzte sich wie winzige Sterne auf sie, als wären sie ein kleines Team am Himmel.

„Das kitzelt!“, lachte Mina.

Brummwacht schaute auf seine Hand. „Es ist… warm.“

Flitz drehte sich einmal, ganz vorsichtig. „Ich glitzere“, flüsterte er, als wäre es ein Geheimnis.

Ein Markt, der heller wird

Als der Abend weiterging, wurde der Markt der Reliquien noch schöner. Unter den bunten Tüchern schwebten nun kleine Lichtpunkte, weil der Sternenstaub überall ein bisschen geteilt wurde. Nicht zu viel auf einmal, nur so, dass es für alle reichte.

Lumo, Mina, Brummwacht und Flitz gingen zusammen durch die Gassen. Lumo schwebte, Mina lief, Brummwacht stapfte langsam, Flitz hüpfte auf Luftblasen, die er selbst machte. Es sah aus wie eine kleine Parade.

Ein alter Händler mit einem Bart wie Zuckerwatte winkte ihnen. „Für euch“, sagte er und gab Mina eine Muschel, in der ein Lachen wohnte. „Wenn es mal schwer wird, hört hinein.“

Eine Frau mit einem Korb voll Federkissen gab Lumo ein winziges Glöckchen. „Damit dein Mut klingen kann, wenn du ihn brauchst.“

Brummwacht bekam von einem Uhrmacher eine kleine Uhr, die nicht rückwärts tickte, sondern im Takt eines ruhigen Herzens. „Für Geduld“, sagte der Uhrmacher.

Und Flitz bekam von der Brillenfrau aus der Kiste ein Band, das man an Tücher knoten konnte, ohne dass sie rutschten. „Für dein Spiel“, sagte sie. „Damit es sicher bleibt.“

Später standen sie wieder am Brunnen. Das Wasser spiegelte die Tücher, die Lichter, die Sterne. Es war, als hätte jemand einen Regenbogen in eine Schüssel gelegt.

Mina setzte sich auf den Rand. „Lumo“, fragte sie, „warst du heute mutig?“

Lumo dachte nach. „Ich hatte Angst“, sagte er ehrlich. „Vor Brummwacht. Vor dem Tuch. Vor dem Fallen.“

Mina nickte. „Und trotzdem hast du geholfen.“

„Ja“, sagte Lumo. „Weil ich teilen wollte. Und weil ich nicht allein war.“

Brummwacht räusperte sich, was bei einer Statue wie ein Steinrutschen klang. „Ich… war auch mutig“, sagte er. „Ich habe nicht alles weggesperrt.“

Flitz nickte eifrig. „Und ich war mutig, weil ich aufgehört habe, alles durcheinander zu wirbeln.“

Das klang so lustig, dass Mina lachte. Lumo lachte auch. Sogar Brummwacht ließ ein kleines „Hm!“ hören, das fast wie ein Lachen war, nur viel schwerer.

Die Brillenfrau kam dazu und legte den Kopf schief. „Seht ihr“, sagte sie leise, „eine Allianz ist wie ein Faden. Er hält nicht, weil er hart ist. Er hält, weil er verbindet.“

Lumo schaute auf den Teilfaden. Er war jetzt nicht mehr nur ein Faden. Er war ein Muster geworden, wie ein kleines Netz aus Licht, das sie alle umgab, ohne einzuengen. Es fühlte sich an wie: Du darfst du sein, und ich bin da.

In der Ferne schlug eine Glocke. Der Markt würde bald schließen. Die Tücher würden sich beruhigen, die Reliquien würden schlafen gehen.

Mina stand auf und strich ihre Fuchsmütze glatt. „Ich muss nach Hause“, sagte sie. „Aber morgen komme ich wieder. Wenn der Markt offen ist.“

„Ich auch“, sagte Flitz schnell. „Ich… ich kann dann Tücher richtig knoten.“

Brummwacht nickte langsam. „Ich werde wachen. Aber… freundlicher.“

Lumo spürte ein warmes Glühen in sich. Sein Wunsch war nicht einfach verschwunden. Er war größer geworden. Teilen war jetzt nicht nur sein Wunsch. Es war ihr gemeinsames Ding.

Als Mina ging, winkte sie in die Luft, genau dahin, wo Lumo schwebte. Sie tat so, als wäre es das Normalste der Welt, einem Gespenst gute Nacht zu sagen.

„Gute Nacht, Lumo“, rief sie.

„Gute Nacht, Mina“, sagte Lumo. „Du warst sehr mutig.“

Mina strahlte. Sie ging leichter, als hätte sie kleine Sterne in den Schuhen.

Lumo blieb noch einen Moment am Brunnen. Flitz drehte eine letzte kleine, ruhige Runde. Brummwacht stand da wie ein Berg, aber in seinem Stein war jetzt ein winziges Leuchten, das nicht wegwollte.

Über ihnen flatterten die Tücher. Sie sahen aus wie der Himmel, der sich zum Schlafen zudeckt.

Lumo schloss die Augen. In seinem Inneren summte der Teilfaden wie ein sanftes Lied. Er wusste: Mut kann klein sein. Mut kann leise sein. Mut kann sogar durchsichtig sein.

Und wenn man ihn teilt, wird er heller. Für alle.

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Reliquien
Alte, besondere Gegenstände, die Menschen sammeln oder bewahren.
Schimmerte
Es leuchtet ganz leicht und sieht ein bisschen glanzvoll aus.
Sommersprossen
Kleine braune Punkte im Gesicht, wie Tupfen auf der Haut.
Seufzen
Leises Atmen mit einem traurigen oder müden Ton.
Bündnisse
Versprechen zwischen Menschen, dass sie zusammenhelfen.
Allianz
Eine Gruppe, die sich zusammentut, um gemeinsam etwas zu tun.
Teilfaden
Ein besonderer Faden, der Menschen oder Dinge verbindet.
Sternenstaub
Feiner, glitzernder Staub, der wie kleine Sterne aussieht.
Verklumpen
Wenn viele kleine Teile zusammenkleben und klumpig werden.
Geisterfinger
Die Finger eines Gespenstes, unsichtbar und durchsichtig.
Brummte
Ein tiefer, leiser Ton, den jemand macht, wenn er denkt oder missmutig ist.
Parade
Viele Personen oder Figuren, die zusammen in einer Reihe zeigen.

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