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Prinzessin- und Prinzenmärchen 11/12 Jahre Lesen 23 min.

Der Sternfaden und die Decke der leisen Freude

Prinz Elian findet ein geheimnisvolles Sternfaden-Siegel und macht sich mit seiner Cousine Mara auf die Suche nach besonderen Stoffen, um eine Decke zu nähen, die Freude und Wärme bringen soll; auf dem Weg lernt er, dass kleine, freundliche Taten viel bewirken können.

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Der Prinz (ca. 12 Jahre) steht im Zentrum, sanftes, konzentriertes Gesicht, hält behutsam eine große gestrickte Decke aus drei Stoffen (Moosgrün, Honiggelb, silberner Rand) und breitet sie auf einer langen Holzbank aus; Mara (ca. 14 Jahre) steht hinter ihm, unordentliche braune Haare, lacht leise, legt die Hand auf seine Schulter; Liora (ältere Frau, ca. 70 Jahre) links, weißer Dutt, hält ein kleines Buch ans Herz und schaut wohlwollend zu. Nebenfiguren: ein müder Bote (ca. 45) sitzt und schlägt die Decke um die Knie, ein Page (ca. 15) richtet die Ecken. Großer Saal des Palastes mit hohen Balkendecken, goldenen Wandteppichen, poliertem Steinboden, großen Fenstern, warmes Nachmittagslicht. Stimmung warm, intim, fürsorglich, Teilen; Aquarellstil mit sanften Lasuren, sichtbaren Stofftexturen, Palette aus Moosgrün, Goldgelb und Silbergrau. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der Prinz und das Flüstern der Teppiche

Im Königreich Lumenwald standen die Türme wie ruhige Kerzen aus hellem Stein, und zwischen ihnen wanderten Wolken wie Schafe aus Milch. Prinz Elian war zwölf und hatte Augen, die lieber beobachteten als prahlten. Er merkte Dinge, die andere übersahen: den winzigen Riss in einer Fensterscheibe, der wie ein Blitz gefroren war; das Zittern eines Vorhangs, obwohl kein Fenster offenstand; den Duft von Apfelblüten, der manchmal mitten im Winter durch die Flure zog.

An diesem Morgen saß Elian im Spiegelsaal, wo goldene Rahmen das Licht in kleine Lachen zerschnitten. Er hielt eine Nadel in der Hand, als wäre sie ein winziges Schwert. Vor ihm lag ein Stück dunkelblauer Stoff, weich wie Abenddämmerung.

„Du willst wirklich eine Decke nähen?“ fragte seine ältere Cousine Mara, die für drei Wochen zu Besuch war und immer so tat, als könne sie mit einem Blick Türen aufschließen.

Elian zog die Augenbrauen hoch. „Nicht irgendeine. Eine, die warm hält, wenn die Welt kalt guckt.“

Mara lachte, aber freundlich. „Die Welt guckt selten kalt. Eher neugierig.“

„Manchmal ist Neugier auch kalt“, murmelte Elian und beobachtete, wie der Faden sich durch den Stoff zog. Er mochte die Ruhe, die ein Stich nach dem anderen hinterließ, wie kleine Fußspuren im Schnee.

Da klopfte es. Kein Mensch trat ein. Stattdessen rollte sich der alte Palastteppich am Eingang ein kleines Stück zusammen, als wolle er nicken. Elian starrte. Der Teppich war sonst so still wie ein schlafender Hund.

Mara beugte sich vor. „Hast du das gesehen?“

„Ich sehe es gerade“, sagte Elian leise.

Der Teppich hob an einer Ecke eine Quaste, und darunter blitzte etwas auf: eine runde Scheibe aus Glas, milchig und klar zugleich. Ein Symbol war hinein geätzt: ein Stern, der von einem Faden umschlungen wurde.

In diesem Moment wehte eine Stimme durch den Saal, als käme sie aus einer Muschel, die man ans Ohr hält: „Wer näht, ohne zu hetzen, findet den Faden des Schicksals.“

Mara bekam eine Gänsehaut. „War das… eine Prophezeiung?“

Elian nahm die Glasscheibe vorsichtig. Sie war kühl, aber nicht unangenehm. „Sie hat mich nicht gedrängt“, sagte er. „Eher… eingeladen.“

Der Teppich rollte sich wieder glatt, als wäre nichts gewesen. Doch Elian spürte, dass etwas begonnen hatte – wie wenn man im Garten einen Samen setzt und plötzlich in der Erde eine Entscheidung wächst.

Kapitel 2: Die Sternenweberin in der Bibliothek

Die königliche Bibliothek von Lumenwald war kein gewöhnlicher Raum. Bücher standen dort nicht nur in Regalen, sie flüsterten manchmal miteinander, und manche Seiten raschelten, obwohl niemand sie umblätterte. Die Fenster waren hoch, und das Licht fiel hinein wie lange, geduldige Finger.

Elian schlich hinein, die Glasscheibe in der Tasche, als trüge er einen geheimen Mond mit sich. Hinter einem Stapel Karten und Chroniken saß die Hofbibliothekarin, Frau Liora. Ihr Haar war weiß wie Mehl, aber ihre Augen funkelten wie frisch geschliffene Kiesel.

„Ah“, sagte sie, ohne aufzuschauen. „Der Prinz, der lieber fragt als befiehlt.“

Elian blieb stehen. „Woher wissen Sie—“

„Weil du so leise gehst, dass die Bücher dich mögen.“ Sie deutete auf den Tisch. „Leg her, was du mitgebracht hast. Nicht in Worten, in Dingen.“

Elian zog die Glasscheibe hervor. Liora nahm sie, als sei sie ein altes Versprechen. Sie hielt sie gegen das Licht, und das Symbol wurde lebendig: Der Stern schien zu atmen, der Faden glitzerte wie Spinnenseide.

„Das ist ein Sternfaden-Siegel“, sagte Liora. „Eine Art Hinweis, kein Befehl. Früher wurden solche Zeichen an Leute gegeben, die etwas Unscheinbares tun wollten, das dennoch wichtig ist.“

Elian schluckte. „Ich will nur eine Decke nähen.“

„Nur?“ Liora hob eine Augenbraue. „Eine Decke ist ein kleines Königreich aus Stoff. Sie kann trösten, schützen, sammeln. Manchmal ist das mutiger als ein Turnier.“

Mara, die ihm heimlich gefolgt war, flüsterte: „Ich wusste es. Magie!“

Liora lächelte. „Magie, ja. Aber nicht die laute. Die leise, die sich in Ecken setzt und wartet, bis jemand freundlich genug ist, sie zu bemerken.“

Sie zog ein Buch hervor, dessen Einband wie Nacht aussah. „Hier steht eine alte Weissagung, die zu deinem Siegel passt. Nicht zum Fürchten. Zum Verstehen.“ Sie las:

„Wenn der Stern im Faden ruht,

und warm wird, was im Kalten tut,

so findet ein Prinz, der still hinsieht,

den Stoff, der aus Freude Frieden zieht.“

Mara stieß Elian an. „Das reimt sich sogar.“

Elian musste grinsen. „Das ist verdächtig poetisch.“

Liora klappte das Buch zu. „Die Symbole zeigen: Du brauchst drei Dinge, um deine Decke zu vollenden. Nicht einfach Stoff. Stoffe, die Freude tragen. Der erste liegt im Garten, wo die Zeit rückwärts duftet. Der zweite in der Marktgasse, wo Lachen verkauft wird. Der dritte…“ Sie tippte auf das Siegel. „…hängt am Rand der Wolken. Aber keine Sorge. Wolken sind weicher, als sie aussehen.“

Elian atmete tief ein. Abenteuer schmeckten nach Pfefferminze und ein bisschen nach Angst, aber nur wie ein Pfefferkorn, das man ausspuckt.

„Und wenn ich es nicht schaffe?“ fragte er.

Liora sah ihn an, als sehe sie nicht seine Krone, sondern seine Hände. „Dann hast du genäht und gesucht. Auch das ist ein Erfolg. Die Prophezeiung drängt nicht. Sie leuchtet.“

Elian nickte. „Dann gehe ich.“

„Nimm dies“, sagte Liora und gab ihm eine kleine Spule silbernen Fadens. „Sternengarn. Es verbindet, ohne zu fesseln.“

Mara verschränkte die Arme. „Und ich komme mit.“

Elian sah sie an. „Du willst doch nur die Wolken anfassen.“

„Vielleicht“, gab Mara zu. „Aber ich kann auch Türen aufschließen. Mit Blicken.“

„Dann schau uns bitte den Weg auf“, sagte Elian, und beide lachten leise, damit die Bücher nicht neidisch wurden.

Kapitel 3: Der Garten, der rückwärts duftet

Hinter dem Palast lag der Garten der Königinmutter. Dort wuchsen Rosen, die sich bei Sonnenuntergang verneigten, und ein Apfelbaum, der manchmal im Frühling schon Herbstfrüchte trug. Die Luft war voller Gerüche, als hätte jemand Gewürze in den Wind gerührt.

„Zeit rückwärts duftet…“ murmelte Elian und blieb vor einem Beet stehen, in dem Lavendel und Minze nebeneinander wuchsen.

Mara schnupperte. „Ich rieche… Kindheit. Und Zahnpasta.“

„Zahnpasta?“ Elian lachte.

„Ja, diese Minze. Wie wenn man morgens noch halb schläft und trotzdem lächelt.“

Sie gingen tiefer hinein, bis sie zu einem Brunnen kamen. Das Wasser darin war so klar, dass es wie Glas wirkte. Über dem Brunnen hing eine kleine Glocke, und daneben stand ein Schild: „Läute nur, wenn du etwas Einfaches suchst.“

Elian sah Mara an. „Eine Decke ist einfach.“

„Und doch nicht“, sagte Mara. „Weil du sie mit Absicht machst.“

Elian nahm allen Mut, der in ihm wie ein kleiner Löwe saß, und läutete die Glocke. Ein sanfter Klang schwebte durch den Garten, rund wie ein Apfel.

Aus dem Brunnen stieg ein Nebel auf, und daraus formte sich eine Gestalt: eine Frau aus Wasserlicht, deren Kleid aus Tropfen bestand. Ihre Stimme klang wie Regen auf Blättern. „Wer ruft?“

Elian verbeugte sich, nicht zu tief, aber ehrlich. „Prinz Elian. Ich suche Stoff, der Freude trägt. Für eine Decke.“

Die Wasserfrau lächelte. „Freude ist oft leise. Zeig mir deine leisen Augen.“

Elian blinzelte. „Meine… was?“

„Deine Beobachtung“, sagte sie. „Sie ist ein Schlüssel. Schau in den Brunnen. Sag mir, was du siehst.“

Elian kniete, schaute hinein und sah nicht nur sein Gesicht. Er sah auch: einen kleinen Riss am Brunnenrand, in dem sich eine Ameise verirrte; ein Blatt, das im Wasser tanzte, als übe es einen Walzer; und am Grund etwas, das wie ein Stoffstück aussah, grün und schimmernd.

„Ich sehe ein Blatt, das mutig ist“, sagte Elian. „Und eine Ameise, die Hilfe braucht. Und… Stoff.“

Mara kicherte. „Das Blatt mutig?“

Elian zuckte die Schultern. „Es tanzt, obwohl es nass wird.“

Die Wasserfrau nickte, als hätte Elian ein wichtiges Gesetz ausgesprochen. „Wer kleine Dinge ehrt, findet große Gaben.“ Sie schnippte, und das Stoffstück stieg aus dem Wasser, ohne nass zu sein. Es war Moosgrün, weich wie ein geheimer Waldpfad.

„Das ist Moosflaum“, sagte sie. „Er wärmt, ohne zu kratzen. Er erinnert an Picknickdecken und an Lachen im Gras.“

Elian nahm den Moosflaum, und er spürte sofort: Das war nicht nur Stoff. Das war ein Stück Sommer, das man zusammenfalten konnte.

„Danke“, sagte Elian.

Die Wasserfrau wurde wieder Nebel. „Suche weiter. Und vergiss nicht: Freude ist kein Feuerwerk. Freude ist eine Kerze, die nicht ausgeht.“

Mara schob Elian an. „Gut. Jetzt zur Marktgasse. Ich will sehen, ob man dort Lachen wirklich verkauft.“

„Wenn ja“, sagte Elian, „kaufen wir ein bisschen Extra.“

Kapitel 4: Die Marktgasse der klingenden Kessel

Die Marktgasse von Lumenwald war ein Fluss aus Stimmen. Stände reihten sich aneinander, und überall hingen Laternen wie eingefangene Glühwürmchen. Ein Bäcker warf Pfannkuchen so hoch, dass sie kurz die Wolken kitzelten, und ein Jongleur balancierte drei Äpfel und eine schlecht gelaunte Katze.

„Hier riecht es nach Abenteuer und Zimt“, sagte Mara.

Elian hielt die Glasscheibe in der Hand. Im Gedränge leuchtete das Sternfaden-Siegel manchmal auf, als blinzele es ihm zu: Da entlang. Nicht schnell. Nur richtig.

Sie blieben vor einem Stand stehen, an dem lauter kleine Gläser standen. Auf jedem Glas klebte ein Etikett: „Kicher“, „Prusten“, „Giggeln“, „Stilles Grinsen“.

Hinter dem Stand saß ein alter Händler mit einem Bart, der aussah wie gesponnener Zucker. „Willkommen, willkommen! Wollt ihr Lachen? Frisch gefangen heute Morgen.“

Mara riss die Augen auf. „Das gibt's wirklich!“

Elian beugte sich vor. „Verkaufen Sie… Lachen?“

„Natürlich“, sagte der Händler. „Aber nicht zum Auslachen. Nur zum Aufhellen. Die Welt hat genug Spott, mein Junge, genug. Aber ein ehrliches Kichern? Das ist wie ein Fenster, das man kurz öffnet.“

Elian dachte an seine Decke. „Ich brauche Stoff, der Freude trägt. Wissen Sie etwas?“

Der Händler hob ein Glas „Stilles Grinsen“ und schüttelte es. Drinnen wirbelten goldene Punkte. „Freude ist nicht immer laut. Stoff, sagst du? Geh zu der Tuchmacherin Lina, zwei Stände weiter. Sie näht mit dem Faden von Geschichten.“

„Danke“, sagte Elian.

Mara zog ihn weiter. „Wenn du Lachen in einem Glas schüttelst, ist das dann ein… Lachmus?“

Elian prustete. „Das war schlecht.“

„Schlecht, aber nützlich“, sagte Mara stolz.

Bei Lina, der Tuchmacherin, hingen Stoffbahnen wie bunte Flaggen. Lina selbst war jung, mit schnellen Händen und einem Maßband um den Hals, als sei es ein Haustier. Sie schaute Elian an, ohne sich zu verbeugen, aber mit Respekt, der nicht kriecht.

„Prinz oder nicht“, sagte sie, „deine Augen suchen etwas. Was?“

Elian zeigte das Siegel. Lina pfiff leise. „Sternfaden. Das sehe ich nicht oft.“

„Ich brauche einen Stoff, der Freude trägt“, sagte Elian. „Für eine Decke.“

Lina griff unter den Tisch und zog ein Tuch hervor, sonnengelb, aber nicht grell. Eher wie Morgenlicht, das durch Honig fällt. Darin waren feine Muster eingewebt: kleine Spiralen, die aussahen wie Schmunzeln.

„Das ist Frohsam-Garnstoff“, sagte Lina. „Gewebt aus Festtagsliedern und Pausenbrotgeruch.“

Mara schnupperte und nickte ernsthaft. „Pausenbrot. Ja.“

Lina lächelte. „Er ist nicht billig. Er kostet… eine kleine Ehrlichkeit.“

Elian blinzelte. „Ehrlichkeit?“

„Sag mir, warum du die Decke nähst“, sagte Lina. „Wirklich.“

Elian spürte, wie seine Wangen warm wurden. Er hätte sagen können: „Weil eine Prophezeiung es will.“ Aber das wäre bequem. Stattdessen sagte er: „Weil ich oft sehe, dass Menschen sich frieren, obwohl sie in einem warmen Schloss stehen. Nicht am Körper. Im Herzen. Und ich will etwas machen, das man anfassen kann. Etwas, das sagt: Du bist nicht allein.“

Lina sah ihn lange an. Dann legte sie den gelben Stoff in seine Hände. „Das ist ein guter Preis. Nimm ihn.“

Elian atmete aus, als hätte er eine schwere Rüstung abgelegt, die er gar nicht tragen wollte.

„Zwei Stoffe“, sagte Mara. „Und der dritte hängt am Rand der Wolken. Wie kommen wir dahin?“

Elian betrachtete die Glasscheibe. Der Stern darin glitzerte, und der Faden zeigte nach oben, als hätte er Heimweh nach dem Himmel.

„Wir finden eine Treppe“, sagte Elian. „Oder eine Idee, die wie eine Treppe ist.“

Kapitel 5: Der Turm der Wolkenkante

Am Rand des Königreichs stand ein alter Turm, den man den Wolkenkanten-Turm nannte. Er war so hoch, dass sein Dach oft in Nebel steckte. Viele mieden ihn, nicht aus Angst, eher aus Respekt, wie vor einer sehr alten Lehrerin.

Die Tür war verschlossen, aber Mara legte den Kopf schief und starrte sie an, als wolle sie sie überreden. „Auf“, sagte Mara streng.

Die Tür knarrte. „Das war's?“ fragte Elian.

Mara zuckte mit den Schultern. „Ich habe eben… überzeugende Augen.“

Innen führte eine Wendeltreppe hinauf. Jede Stufe war aus einem anderen Stein, als hätte der Turm sich seine Vergangenheit zusammengesammelt. Je höher sie stiegen, desto kühler wurde die Luft, und desto stiller. Nicht unangenehm still – eher wie vor einem Konzert, wenn alle den Atem anhalten.

Oben fanden sie eine Plattform, offen zum Himmel. Wolken schoben sich vorbei wie langsam segelnde Schiffe. An einem Geländer hing tatsächlich etwas: ein schmaler, silbrig schimmernder Stoffstreifen, der wie Mondlicht wirkte.

Elian trat näher. Als er die Hand ausstreckte, wehte eine Stimme heran, diesmal klarer, als stünde jemand neben ihm: „Nimm nur, was du tragen kannst. Und trage, was du nimmst, mit Dank.“

Mara flüsterte: „Das ist wieder so eine Prophezeiung, oder?“

Elian nickte. Er berührte den Stoffstreifen, und er fühlte sich weder kalt noch warm an, sondern wie ein Versprechen. Doch als er ihn lösen wollte, rührte sich die Wolke hinter dem Geländer, und daraus entstand eine Gestalt: ein Wolkenwächter, groß und schlank, mit Augen wie blauer Himmel nach Regen.

„Warum willst du den Randstoff?“ fragte der Wächter.

Elian schluckte, aber er blieb stehen. Diplomatie war für ihn wie ein Mantel: Er zog ihn an, wenn es windig wurde. „Ich nähe eine Decke, die Freude trägt“, sagte er. „Ich habe Moosflaum und Frohsam-Garnstoff. Mir fehlt der dritte Teil, der alles verbindet.“

Der Wolkenwächter legte den Kopf schief. „Viele wollen Verbindung, aber sie ziehen dabei zu fest. Dann wird Verbindung zur Kette.“

Elian zog die Spule Sternengarn heraus. „Ich will verbinden, ohne zu fesseln.“

Der Wächter betrachtete das Garn, und seine Miene wurde weicher, als würde Sonne über ihn laufen. „Sternengarn. Ein guter Faden. Doch der Randstoff gehört dem Himmel. Er gibt ihn nicht an Leute, die nur an sich denken.“

Mara hob die Hand. „Er denkt wirklich nicht nur an sich. Er näht sogar freiwillig.“

„Freiwillig?“ Der Wächter klang amüsiert.

Elian musste lachen. „Ja. Und… ich will die Decke im Palast auslegen, im großen Flur. Für alle, die warten müssen: Boten, Küchenjungen, Besucher, sogar für die Wachen in der Nacht. Eine Decke, die sagt: Ruh dich aus. Du musst nicht immer hart sein.“

Der Wolkenwächter schwieg. Eine Wolke zog durch seine Schultern, als atme er. Dann nahm er den silbrigen Stoffstreifen und legte ihn Elian über die Arme. „Das ist Wolkensaum. Er erinnert daran, dass selbst der Himmel manchmal Schatten hat – und trotzdem hell bleibt.“

Elian verbeugte sich tief. „Danke.“

Der Wächter trat zurück und wurde wieder Nebel. Seine Stimme blieb: „Nähe langsam. Die schönste Freude hat Zeit.“

Mara stieß Elian an. „Jetzt hast du Himmelstoff. Das ist… ziemlich königlich.“

Elian sah auf die drei Stoffe. Grün wie Waldruhe, gelb wie Morgenlachen, silbrig wie sanftes Denken. In ihm wuchs ein warmes Ja.

„Komm“, sagte er. „Wir gehen heim. Ich muss eine Decke machen.“

Kapitel 6: Stiche wie kleine Sterne

Im Palast suchten sie einen Ort, der nicht prahlte. Elian wählte den Wintergarten, wo Zitronenbäume in großen Töpfen standen und selbst im Frost dufteten. Das Glasdach war hoch, und das Licht fiel hinein wie leiser Applaus.

Elian breitete die Stoffe aus. Mara setzte sich gegenüber, die Knie angezogen. „Wie näht man Wolkensaum an Moosflaum, ohne dass der Himmel beleidigt ist?“ fragte sie.

„Mit Respekt“, sagte Elian. „Und mit geraden Stichen.“

Er fädelte das Sternengarn ein. Der Faden glitzerte, aber er machte kein Theater daraus. Elian begann zu nähen. Stich für Stich. Jeder Stich war wie ein kleines Sternchen, das sich in den Stoff setzte und sagte: Ich halte.

Während er nähte, erzählte Mara Geschichten aus der Marktgasse: vom Jongleur und der beleidigten Katze, vom Pfannkuchen, der einmal auf einem Hut gelandet war und dort geblieben ist, als wäre er adoptiert worden. Elian lachte, aber seine Hände blieben ruhig.

Zwischendurch kamen Leute vorbei. Eine Küchenmagd brachte Tee. Ein junger Page blieb stehen und starrte auf die Stoffe, als sähe er einen Sonnenaufgang auf einem Tisch.

„Was wird das?“ fragte der Page.

„Eine Decke“, sagte Elian.

„Für wen?“

Elian überlegte kurz. „Für jeden, der sie braucht.“

Der Page nickte, als wäre das eine ganz normale Antwort und zugleich etwas Neues. „Kann ich helfen?“

Elian reichte ihm eine Schere. „Du kannst die Ecken ausrichten. Ganz genau. Das ist wichtig.“

Der Page machte eine ernste Miene, als wäre er zum Ritter geschlagen worden. Mara flüsterte: „Du machst aus Scheren Aufgaben.“

„Jeder will gebraucht werden“, flüsterte Elian zurück.

Als die Sonne sank, kam Liora vorbei. Sie betrachtete die entstehende Decke, deren Farben sich ineinander legten wie drei Stimmen in einem Lied.

„Du hast die Stoffe gefunden“, sagte sie.

Elian nickte, müde und zufrieden. „Und ich habe verstanden, dass eine Prophezeiung nicht zieht, sondern zeigt.“

Liora lächelte. „Und was zeigt sie dir jetzt?“

Elian strich über den Wolkensaum. „Dass Freude einfach sein darf. Ein warmes Stück Stoff. Ein ehrliches Lachen. Ein stilles Grinsen.“

Mara hob den Kopf. „Und dass meine Augen Türen aufmachen.“

„Das auch“, sagte Elian.

In der Nacht nähte Elian den letzten Stich. Er schnitt den Faden ab, und das Sternengarn funkelte kurz, als würde es sich verabschieden. Die Decke war fertig: groß genug, dass mehrere Menschen darunter Platz fanden, und schön genug, dass man sie nicht nur benutzen, sondern auch achten wollte.

Elian faltete sie zusammen. Sie fühlte sich an wie ein kleines, freundliches Geheimnis.

Kapitel 7: Die Decke im Großen Flur und die frische Brise

Am nächsten Tag legte Elian die Decke in den Großen Flur, dort, wo die Schritte der Menschen sich kreuzten wie Wege auf einer Karte. Er breitete sie auf einer Bank aus, die bisher nur hartes Holz gewesen war.

Die erste, die sich traute, war ein alter Bote mit müden Schultern. Er setzte sich, zögerte, dann zog er die Decke über seine Knie. Seine Augen wurden weich, als hätte jemand eine schwere Tür in ihm geöffnet.

„Die ist… gut“, murmelte er.

Eine Wache kam vorbei, sah es, wollte weitergehen, blieb dann stehen. „Ist das erlaubt?“

Elian trat aus dem Schatten. „Ja“, sagte er. „Hier ist es erlaubt, kurz warm zu werden.“

Die Wache setzte sich vorsichtig dazu, als probiere sie eine neue Art Mut aus. Kurz darauf kam eine Küchenjungen-Truppe, kichernd, dann verstummend, als sie die Decke sahen. Einer flüsterte: „Sie sieht aus wie Wald und Sonne und Himmel zusammen.“

Mara stand neben Elian und stieß ihn mit dem Ellbogen an. „Dein Stoffkönigreich funktioniert.“

Elian beobachtete, wie Menschen sich näher rückten, nicht weil man es ihnen befahl, sondern weil Wärme ein stiller Gastgeber ist. Jemand erzählte einen Witz. Jemand anderes teilte ein Stück Apfelkuchen. Das Lachen war nicht laut, aber es klang ehrlich, wie sauberes Wasser.

Da bewegte sich die Luft. Eine frische Brise zog durch den Flur, schob sanft an den Vorhängen, ließ die Laternenflammen kurz tanzen. Sie roch nach Minze aus dem Garten und nach Marktgewürzen und ein wenig nach Wolken.

Elian schloss für einen Moment die Augen. Die Brise strich über sein Gesicht wie eine Hand, die sagt: Gut so. Nicht schneller. Nur weiter.

Er öffnete die Augen und sah, dass die Decke am Rand leicht flatterte, als winke sie jedem zu, der vorbeikam.

Und Elian verstand die Moral, ohne dass sie laut ausgesprochen werden musste: Große Freude beginnt oft mit einer kleinen, freundlichen Tat. Wer Wärme schenkt, macht das eigene Herz nicht leer, sondern heller—wie eine Kerze, die eine andere Kerze anzündet und dabei selbst nicht weniger wird.

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Spiegelsaal
Ein großer Raum voller Spiegel, in dem Licht sich oft spiegelt und vielfach erscheint.
Quaste
Ein kleiner Faden- oder Stoffbüschel, oft an einer Ecke oder einem Band befestigt.
Glasscheibe
Eine dünne Scheibe aus Glas, durchsichtig oder leicht opak, wie ein kleines Fenster.
Sternfaden-Siegel
Ein Zeichen aus Glas mit Stern und Faden, das eine Aufgabe oder einen Hinweis zeigt.
Sternengarn
Ein feines, glänzendes Garn, das in der Geschichte als besonderes Nähgarn dient.
Hofbibliothekarin
Die Frau, die in der königlichen Bibliothek arbeitet und viele Bücher kennt.
Weissagung
Eine alte Vorhersage oder ein Gedicht, das etwas über die Zukunft sagt.
Moosflaum
Ein weicher, moosiger Stoff, der sich warm und kuschelig anfühlt.
Marktgasse
Eine Straße mit vielen Ständen und Händlern, wo Leute Dinge kaufen und verkaufen.
Tuchmacherin
Eine Frau, die Stoffe herstellt oder näht und gute Stoffe auswählt.
Frohsam-Garnstoff
Ein besonderer gelber Stoff mit fröhlichem Muster, der gute Laune macht.
Wolkensaum
Ein silberner Randstoff, der wie Wolken aussieht und sehr zart ist.
Wolkenwächter
Eine Gestalt aus Wolken, die am Rand des Turms aufpasst und entscheidet.

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