Kapitel 1: Die Stadt der leuchtenden Rinnen
Mira drückte ihre Nase gegen die Scheibe der Schwebebahn, so nah, dass ihr Atem einen kleinen Nebelkreis malte. Unter ihr glitt die Stadt dahin wie ein Modell, das jemand mit sehr ruhiger Hand gebaut hatte: Dächer voller Gärten, Windräder, die leise wie Katzenpfoten drehten, und breite Wege, auf denen Menschen auf Rollbändern standen oder auf schlanken Rädern fuhren, die fast lautlos surrten.
Aber am schönsten waren die Rinnen.
Sie liefen am Rand der Wege entlang, flache Kanäle aus durchsichtigem Material. Darin strömte Wasser, das nicht einfach nur nass war, sondern sanft leuchtete – mal türkis, mal gold, mal wie flüssiger Mondschein. Wenn die Sonne hinter den hohen Häusern verschwand, wurden die Rinnen zu Lichtlinien, die der Stadt ein eigenes Sternbild gaben.
„Mama, guck! Da! Die Rinne singt fast“, sagte Mira.
„Das ist nur das Blubbern“, lachte ihre Mutter. „Und die Lichtalgen. Willkommen in Lumenstadt.“
Mira rollte das Wort über die Zunge: Lu-men-stadt. Als hätte jemand Licht und Heimat zusammengemischt.
Sie waren hergezogen, weil Mamas Arbeit sie rief. Mira hatte das alte Viertel vermisst, den knarzenden Holztreppenaufgang und den Bäcker, der immer zu viele Mohnbrötchen machte. Aber jetzt, als die Schwebebahn lautlos an einem Platz vorbeischwebte, auf dem Kinder zwischen Bäumen aus Metall spielten, spürte Mira etwas anderes: dieses Kribbeln, das sie bekam, wenn sie ein Rätsel witterte.
Am Ausgang der Bahn stand ein runder Bildschirm. Darauf erschien ein freundliches Gesicht mit Sommersprossen aus Lichtpunkten.
„Guten Tag, Mira Wiegand“, sagte es. „Ich bin Nomi, eure Hausassistenz. Eure Wohnung ist bereit. Ich freue mich auf viele Fragen.“
Mira blinzelte. „Du… kennst meinen Namen?“
„Dein Ticket hat ihn verraten“, erklärte Nomi ganz unaufgeregt. „Und ich mag Namen. Sie sind wie kleine Geschichten.“
Mira grinste. Geschichten mochte sie auch.
Auf dem Weg zur neuen Wohnung gingen sie über einen Holzsteg, der auf leisen Federn wippte. Links rauschte ein Fahrradstrom, rechts glitten kleine Kapseln an Seilen entlang, wie schimmernde Tropfen. Niemand hupte. Niemand schrie. Die Stadt war voll – und trotzdem fühlte sie sich nicht an wie Gedränge, sondern wie ein gut eingespieltes Orchester.
Mira blieb stehen, als sie ein Schild sah: „KINDERHÖHE – Projekt im Aufbau“.
Darunter war nur ein leerer Kreis im Boden, umgeben von Werkzeugmarkierungen.
„Was soll da hin?“, fragte sie.
Ihre Mutter zuckte die Schultern. „Vielleicht ein Trinkbrunnen. Oder eine Ladestation für Spielzeuge. In Lumenstadt bauen sie ständig um.“
Mira kniete sich hin und legte die Hand auf den Boden. Er war warm, als würde darunter etwas atmen.
„Ein Brunnen wäre cool“, murmelte sie. „Aber einer, den Kinder wirklich erreichen.“
In der Rinne neben dem Steg flackerte das Wasser kurz auf, als hätte es zugehört.
Kapitel 2: Ein Auftrag aus Wasser und Licht
Am nächsten Morgen war Mira früh wach. Nicht, weil sie musste, sondern weil die Vorhänge von selbst ein Stück zur Seite glitten und die Sonne in genau der richtigen Stärke ins Zimmer ließ – so, als hätte jemand den Tag auf „angenehm“ eingestellt.
„Nomi?“, rief Mira.
Ein kleiner Projektor auf dem Regal blinkte. „Hier.“
„Wie finde ich raus, was dieses Kinderhöhe-Projekt ist?“
„Du könntest zur Werkstatt am Rinnenplatz gehen“, sagte Nomi. „Dort sitzt der Stadtwart. Oder du fragst einfach die Rinne.“
Mira setzte sich auf. „Die Rinne?“
„Die Rinnen sind Teil des Stadt-Systems. Sie messen, leiten, kühlen, versorgen und… reagieren. Manche nennen sie die Adern der Stadt.“
Mira zog sich so schnell an, dass ihr T-Shirt kurz verkehrt herum war. „Dann geh ich zur Werkstatt. Und vielleicht… frag ich wirklich die Rinne.“
Draußen roch die Luft nach feuchten Blättern und sauberem Stein. Mira lief den Weg entlang, immer neben der leuchtenden Rinne her. Sie bückte sich.
„Ähm… guten Morgen“, sagte sie leise. „Weißt du, was bei Kinderhöhe passieren soll?“
Das Wasser glitt weiter. Dann wurde es an einer Stelle heller, als würde jemand eine Taschenlampe darunter halten. Ein einzelner Lichtpunkt löste sich und schwamm langsam in Richtung Rinnenplatz.
Miras Augen wurden groß. „Das ist ja wie… ein Wegweiser!“
Sie folgte dem Lichtpunkt. Er wartete, wenn sie zu langsam war, und huschte vor, wenn sie schneller wurde. Über ihnen zogen Drohnen mit breiten Flügeln, die eher wie Vögel aussahen. Sie trugen keine Pakete, sondern kleine Netze voller Blütenstaub für die Dachgärten.
Am Rinnenplatz stand eine runde Werkstatt aus Holz und Glas. Drinnen klapperte etwas, und es roch nach Metall, das gerade geschnitten wurde.
Ein Mann mit grauem Zopf und Schutzbrille schaute auf, als Mira vorsichtig eintrat. „Na, wen haben wir denn da?“
„Ich bin Mira. Ich… ich wollte fragen, was das Projekt ‚Kinderhöhe‘ ist.“
Sein Gesicht wurde weich. „Ah. Endlich fragt mal jemand. Das ist eigentlich ein Trinkbrunnen – ein echter, nicht nur ein Spender. Aber wir haben ein Problem.“
„Welches?“
Er zeigte auf einen Bauplan, der auf dem Tisch lag. „Die meisten Brunnen sind auf Erwachsenenhöhe. Für Kinder sind sie zu hoch, und wenn man sie tiefer baut, kommen manche mit Rollstuhl oder Gehhilfe schlechter dran. Wir wollten einen Brunnen, der für alle passt. Und dazu noch…“
„…schön?“, ergänzte Mira.
Er lachte kurz. „Und dazu noch schön. Ja. Und außerdem soll er sich aus der Rinne speisen, ohne das System zu stören. Wir haben's angefangen, aber dann hat das Material gefehlt.“
Mira beugte sich über den Plan. Da waren Linien, Kreise, ein geschwungener Arm wie ein Schwanenhals und daneben eine kleine Plattform.
„Was ist das für eine Platte?“
„Ein Druckfeld“, erklärte der Stadtwart. „Kinder drücken drauf, dann kommt Wasser. Erwachsene können den Hebel nehmen. Und für Menschen, die nicht drücken können, gibt's einen Sensor. Aber die Sensoren sind empfindlich.“
Mira dachte an ihre kleine Cousine, die oft zu schüchtern war, um irgendwo herumzufummeln, und an Herrn Bekk, den Nachbarn aus dem alten Haus, der mit seinem Stock langsam ging. Ein Brunnen, der alle einlädt, wäre wie ein freundliches Hallo auf dem Platz.
„Kann ich helfen?“, fragte Mira, bevor sie es sich ausreden konnte.
Der Stadtwart hob eine Augenbraue. „Du bist elf.“
„Und neugierig“, sagte Mira. „Und ich kann gut beobachten. Und ich hab… Kontakt zur Rinne.“
Er sah sie einen Moment lang an, dann deutete er auf den leuchtenden Lichtpunkt, der inzwischen am Werkstattfenster klebte wie ein Glühwürmchen.
„Das also. Na gut. Ich heiße Oskar. Wenn du helfen willst, brauchen wir zuerst eine Lösung fürs Material.“
„Was fehlt?“
„Ein Stück Resonanzglas. Das ist ein spezielles Glas, das Schwingungen weiterleitet. Wir wollten, dass der Brunnen später… na ja, klingt komisch… ein bisschen musikalisch ist. Nicht laut. Nur… lebendig.“
Mira spürte wieder dieses Kribbeln. Ein Brunnen, der lebendig klingt. Und eine Rinne, die zuhört.
„Wo bekommt man Resonanzglas?“, fragte sie.
Oskar seufzte. „Normalerweise aus dem Recycling-Turm. Aber dort gibt's gerade eine Sperrung. Irgendeine Störung im Sortiersystem.“
Mira lächelte langsam. „Dann weiß ich, wohin ich als Nächstes gehe.“
Kapitel 3: Der Recycling-Turm und der höfliche Roboter
Der Recycling-Turm war so hoch, dass Mira den Kopf in den Nacken legen musste, bis es ein bisschen im Hals zog. Er sah nicht aus wie eine Fabrik, eher wie ein riesiger Baum aus Stahl, mit Plattformen, die wie Äste in den Himmel ragten. Zwischen ihnen fuhren kleine Kabinen hoch und runter, und durch transparente Röhren flossen bunte Dinge: Metallstücke, Plastikflocken, Glasscherben – alles ordentlich, alles sortiert.
Am Eingang stand ein Roboter, der eine Weste trug, auf der „Sicherheitsdienst“ stand. Seine Augen waren zwei freundliche Kreise.
„Zutritt nur für Personal“, sagte er in einem Ton, der klang, als würde er sich dafür entschuldigen.
Mira stellte sich auf die Zehenspitzen. „Ich brauche Resonanzglas. Für einen Kinderbrunnen.“
Der Roboter neigte den Kopf. „Kinderbrunnen sind wichtig. Aber Regeln sind auch wichtig.“
„Und wenn ich nur… nachgucke? Ich kann helfen, wenn's eine Störung gibt.“
„Hast du eine Zulassung?“
Mira holte tief Luft. „Nein. Aber ich habe Neugier. Und eine Rinne, die mich hergeführt hat.“
Als wäre das ein Stichwort, glitt draußen am Rand des Gehwegs ein Lichtpunkt entlang, genau bis zum Eingang, und ließ das Wasser kurz in einem hellen Bogen aufflackern.
Der Roboter folgte dem Leuchten mit den Augen. „Interessant. Die Rinne markiert dich als… relevant.“
„Relevant klingt besser als ‚Kind ohne Zulassung‘“, sagte Mira.
Der Roboter machte ein Geräusch, das fast wie ein Kichern klang. „Ich kann dir keinen Zugang geben. Aber ich kann eine Begleitung anfordern.“
„Wie lange dauert das?“
„Zwölf Minuten und dreißig Sekunden.“
Mira verschränkte die Arme. „Und wenn die Störung in der Zeit schlimmer wird?“
Der Roboter zögerte. Seine Augen pulsierten. Dann sagte er leiser: „Es gibt eine Besucherroute. Sie führt an einem Sichtfenster vorbei. Du könntest… beobachten. Beobachten ist erlaubt.“
„Beobachten kann ich sehr gut“, sagte Mira.
Er öffnete eine Seitentür. „Dann bitte. Und nicht anfassen.“
Drinnen war es kühl, und die Luft summte von Motoren. Mira ging einen Gang entlang, bis sie vor einem großen Fenster stand. Dahinter sah sie ein Sortierfeld: Greifarme, die blitzschnell Dinge auf Förderbänder warfen. Glas auf das blaue Band, Metall auf das graue, Kunststoffe auf das grüne.
Doch in der Mitte lag etwas, das nicht passte: ein großer, runder Gegenstand, der aussah wie ein Spiegel. Er blockierte zwei Bänder gleichzeitig. Die Greifarme zögerten, als hätten sie Angst, sich zu schneiden.
„Aha“, murmelte Mira. „Du bist das Problem.“
Sie drückte die Stirn ans Glas. Der Spiegel dort drüben schimmerte, als wäre er aus Wasser und trotzdem fest. Resonanzglas? Vielleicht. Aber warum lag es hier?
Neben Mira flackerte ein kleines Display an der Wand auf: „Fehler: Unbekanntes Material. Sortierung angehalten.“
Mira dachte an Oskar und den Brunnen. „Unbekannt… heißt nicht unmöglich.“
Sie drehte sich um und sah eine Wartungsklappe im Boden, halb offen. Wahrscheinlich hatte jemand sie vergessen. Aus der Klappe stieg warme Luft, wie aus einem versteckten Ofen.
Mira beugte sich runter. „Nur gucken“, flüsterte sie. „Nicht anfassen.“
Unten verlief ein schmaler Tunnel. Und dort – ganz leise – hörte sie ein Geräusch. Nicht Motoren. Eher… ein Singen, ganz tief, wie wenn man über den Rand eines Glases streicht.
Mira bekam eine Gänsehaut. Resonanzglas. Es sang.
Sie nahm ihren Mut zusammen und rief in den Tunnel: „Hallo?“
Das Singen stoppte abrupt. Dann rollte etwas. Ein kleiner, kugelrunder Reinigungsbot kam aus der Dunkelheit, mit Bürsten wie Schnurrhaaren.
„Nicht erschrecken“, sagte Mira. „Ich bin nur… relevant.“
Der Bot piepste beleidigt.
„Okay, okay. Wie heißt du?“
Auf seiner Seite blinkte „MOP-7“.
„Mop. Hör zu: Da oben steckt ein singendes Glas fest und stoppt alles. Kannst du mir zeigen, wie man es bewegt, ohne dass es kaputtgeht?“
MOP-7 piepste zweimal, dann rollte er zurück in den Tunnel. Mira folgte ihm, diesmal nicht nur guckend, sondern vorsichtig kriechend. Der Tunnel führte zu einer kleinen Nische unter dem Sortierfeld. Hier sah sie die Unterseite des blockierenden Objekts: Es war in einem Rahmen aus altem Metall eingeklemmt, wahrscheinlich Teil einer Lieferung, die falsch zerlegt worden war.
MOP-7 ließ eine kleine Greifkralle ausfahren und zeigte auf eine Schraube, die halb locker war.
„Du willst mir sagen: Schraube lösen, Rahmen weg, Glas frei?“, flüsterte Mira.
MOP-7 piepste zustimmend und reichte ihr – zu ihrer Überraschung – einen kleinen Multischlüssel.
Mira grinste. „Das ist jetzt aber schon fast anfassen.“
Sie löste die Schraube mit zitternden Fingern. Der Rahmen gab nach, das Glasobjekt rutschte ein Stück und vibrierte. Ein klarer Ton schwebte durch den Tunnel, so schön, dass Mira kurz vergaß zu atmen.
Dann war es frei.
Oben begannen die Förderbänder wieder zu laufen. Die Greifarme packten den Rahmen und warfen ihn aufs Metallband. Das Resonanzglas glitt aufs blaue Band – und wurde zur Glasabteilung transportiert.
Mira kroch zurück zum Sichtfenster, gerade als der Sicherheitsroboter wiederkam, begleitet von einer Frau in Arbeitskleidung.
„Da bist du ja“, sagte die Frau. „Ich bin Sila vom Turm-Team. Der Sicherheitsdienst meinte, du hättest etwas beobachtet.“
Mira zeigte unschuldig auf das Fenster. „Ich hab beobachtet, dass es jetzt wieder läuft.“
Der Roboter sah sie an. Seine Augen leuchteten kurz heller. „Beobachten kann sie wirklich sehr gut.“
Sila musterte den Bildschirm, auf dem „Fehler behoben“ stand. Dann schnaubte sie. „Na schön. Wenn du schon hier bist: Wir haben Resonanzglas im Lager. Aber es ist reserviert.“
„Für einen Kinderbrunnen“, sagte Mira schnell. „Kinderhöhe. Oskar am Rinnenplatz.“
Sila hob den Kopf. „Oskar? Der mit dem grauen Zopf?“
„Ja.“
Sila lächelte. „Der schuldet mir noch drei Tees. Sag ihm: Er bekommt ein Stück Resonanzglas. Und du bekommst…“ Sie beugte sich zu Mira. „…eine offizielle Beobachterplakette. Damit du beim nächsten Mal nicht durch Wartungsklappen kriechen musst.“
Mira lachte. „Deal.“
Kapitel 4: Schrauben, Rinnen und ein bisschen Mut
Als Mira mit dem Resonanzglas am Rinnenplatz ankam, trug sie eine schmale, gepolsterte Box wie einen Schatz. Oskar stand schon draußen und schraubte an einem Metallgestell. Seine Schutzbrille saß auf der Stirn.
„Du bist zurück!“, rief er. „Und du siehst aus, als hättest du ein Abenteuer gefrühstückt.“
„Mehr so… ein Abenteuer getrunken“, sagte Mira und hielt die Box hoch. „Resonanzglas. Von Sila. Und sie will drei Tees.“
Oskar lachte so laut, dass ein paar Tauben-Drohnen erschrocken aufflogen. „Natürlich will sie das. Gib her, bevor ich vor Freude umkippe.“
Er öffnete die Box. Das Resonanzglas war ein halbkreisförmiges Stück, klar wie gefrorenes Wasser. Als Oskar es anhob, vibrierte es ganz leicht und machte einen Ton, der an einen Wassertropfen erinnerte, der in eine Höhle fällt.
„Hörst du das?“, flüsterte Mira.
Oskar nickte ehrfürchtig. „Genau das. Das ist der Klang, den wir brauchen.“
Sie gingen zusammen zum Platz, wo der Kreis im Boden war. Oskar zeigte Mira die Baugrube. Darin lagen Leitungen, die wie farbige Schlangen in geordneten Bahnen verliefen.
„Hier kommt das Wasser aus der Rinne rein“, erklärte er. „Nicht einfach abgezapft – die Rinne teilt, wenn es sinnvoll ist. Aber wir müssen sie fragen.“
„Ich kann fragen“, sagte Mira.
Sie kniete sich an den Rand und legte die Hand auf die Rinne. Das Wasser leuchtete heute besonders ruhig, als hätte es gute Laune.
„Wir möchten einen Brunnen bauen“, sagte Mira. „Auf Kinderhöhe. Für alle. Kannst du ein bisschen Wasser abgeben? Ohne dass dir was fehlt?“
Das Wasser wirbelte, und ein helles Muster lief wie eine Welle den Kanal entlang. Dann stieg an einer Stelle ein kleiner Strahl hoch, nur einen Finger breit, und tippte Mira auf die Hand – kalt und kitzelig.
„Das ist ein Ja“, sagte Mira triumphierend.
Oskar pfiff leise. „Wenn ich das meinen Kollegen erzähle, sagen sie, ich spinne.“
„Dann sollen sie auch mal mit der Rinne reden“, meinte Mira.
Sie arbeiteten den ganzen Nachmittag. Mira hielt Schrauben, reichte Werkzeuge, und Oskar erklärte, ohne sie zu überreden, irgendwas Gefährliches zu tun. Sie bauten eine niedrige Plattform, auf die man sich mit einem Rollstuhl schieben konnte, und daneben eine kleine, runde Stufe, auf die Kinder steigen konnten, ohne zu wackeln. Der Auslauf war wie ein kleiner Bogen, glatt und freundlich.
„Und hier kommt das Druckfeld hin“, sagte Oskar und zeigte auf eine Platte, die aussah wie ein Stein, aber warm war, wenn man ihn berührte. „Leichtes Drücken reicht.“
Mira probierte es. Die Platte gab ein winziges Stück nach, wie eine Matratze für eine Ameise.
„Gut“, sagte Oskar. „Jetzt das Resonanzglas. Das wird der Kern.“
Sie setzten das Glas in eine Halterung, die es nicht fest klemmte, sondern sanft hielt, wie Hände, die einen Vogel tragen. Oskar verband es mit einem dünnen Ring aus Metallfasern.
„Das ist ein Schwingungsleiter“, erklärte er. „Wenn Wasser fließt, bewegt es das Glas minimal. Und das Glas gibt einen Ton ab. Nicht immer gleich. Je nachdem, wie stark und wie lange.“
Mira stellte sich vor, wie der Brunnen später auf dem Platz stehen würde, umgeben von Kindern, die durstig vom Spielen ankamen. Ein kleiner Klang, der sagt: Hier bist du richtig.
Gerade als sie die letzte Schraube festzogen, flackerte das Licht der Rinnen plötzlich. Nicht gefährlich, eher wie ein Husten.
Oskar runzelte die Stirn. „Das ist neu. Vielleicht mag die Rinne die Verbindung nicht.“
Mira legte das Ohr näher ans Wasser. Sie hörte ein unruhiges Gluckern, als hätte jemand zu schnell umgerührt.
„Sie ist nicht böse“, sagte Mira langsam. „Sie ist… überfordert. Vielleicht kommt zu viel auf einmal.“
Oskar schaute auf die Leitung. „Wir haben den Zufluss auf Standard gestellt.“
„Standard ist für Erwachsene“, sagte Mira. „Kinder drücken vielleicht öfter. Und schneller. Vielleicht braucht sie eine Art… Puffer.“
Oskar rieb sich das Kinn. „Ein Ausgleichsbehälter. Eine kleine Kammer, die den Druck schluckt.“
Mira schnippte mit den Fingern. „Wie wenn man beim Fahrrad den Stoßdämpfer hat!“
„Genau so.“ Oskar griff nach einem Stück flexiblem Material. „Wir bauen einen Mini-Wasserbalg.“
Sie setzten den Puffer ein. Mira durfte den letzten Clip schließen. Die Rinne beruhigte sich. Das Leuchten wurde wieder gleichmäßig, und das Gluckern klang zufrieden.
„Siehst du“, sagte Mira. „Wenn man zuhört, findet man Lösungen.“
Oskar nickte. „Du hast Talent, Mira.“
„Ich hab Neugier“, korrigierte sie. „Talent kommt vielleicht später.“
Kapitel 5: Die kleine Panne mit dem großen Spritzer
Am nächsten Tag sollte der Brunnen zum ersten Mal getestet werden. Oskar hatte ein kleines Schild mitgebracht: „Bitte probieren – vorsichtig!“
Mira stand daneben und fühlte sich, als würde sie gleich ein Raumschiff starten. Nur dass es ein Brunnen war. Ein sehr wichtiger Brunnen.
Ein paar Kinder kamen neugierig näher. Zwei Mädchen mit bunten Helmen, ein Junge, der seinen Scooter wie ein Haustier an der Leine hielt, und ein kleiner Knirps, der kaum größer war als der Brunnen selbst.
„Darf man?“, fragte eines der Mädchen.
„Ja“, sagte Mira. „Aber erst mal nur kurz drücken.“
Der Knirps drückte sofort. Das Druckfeld leuchtete. Ein dünner Wasserstrahl sprang aus dem Auslauf – und machte „PLOPP“ in der Auffangschale.
Alle lachten. Der Brunnen klang, als hätte er einen Witz erzählt.
„Nochmal!“, rief der Junge mit dem Scooter.
Er drückte länger. Der Strahl wurde kräftiger, das Resonanzglas vibrierte, und ein klarer Ton stieg auf – wie ein kleines „Ding“, das im Bauch angenehm kitzelte.
Mira strahlte Oskar an. Oskar hob den Daumen.
Dann kam die Panne.
Der Knirps stellte beide Hände auf das Druckfeld und hängte sich mit vollem Körpergewicht dran, als wäre es ein Klettergriff. Der Brunnen antwortete begeistert: Der Wasserstrahl schoss nach oben, viel höher als gedacht, und traf den Jungen mit dem Scooter mitten auf die Stirn.
Für einen Moment war es still. Dann tropfte das Wasser ihm über die Nase. Er blinzelte, sah Mira an und sagte trocken: „Ich wurde gerade von einem Brunnen angegriffen.“
Mira prustete los. Selbst Oskar lachte. Der Junge wischte sich das Gesicht ab und grinste dann auch.
„Okay“, sagte Oskar, als er wieder Luft bekam. „Wir brauchen eine Begrenzung. Ein Maximum.“
„Damit niemand geduscht wird“, ergänzte Mira.
Der Knirps sah schuldbewusst aus. Mira kniete sich zu ihm. „Alles gut. Du hast uns nur gezeigt, was noch fehlt. Das ist sogar hilfreich.“
Der Knirps nickte ernst, als hätte er gerade einen wichtigen Job erledigt.
Oskar stellte den Sensor neu ein, diesmal so, dass der Strahl nicht höher als ein Becher steigen konnte. Mira testete es, indem sie drückte und gleichzeitig ein leeres Glas drunter hielt. Perfekt.
Doch etwas anderes fiel Mira auf: Jedes Mal, wenn jemand trank, änderte sich der Ton des Resonanzglases. Manchmal klang er wie eine helle Note, manchmal wie zwei Töne, die sich kurz berührten.
„Oskar“, flüsterte Mira, „hörst du? Das ist… fast eine Melodie.“
Oskar lauschte. „Das Resonanzglas reagiert auf den Fluss. Und der Fluss reagiert auf…“
„…auf die Leute“, beendete Mira den Satz. „Auf ihre Art zu drücken. Auf ihr Tempo. Auf ihr Lachen.“
Der Brunnen wurde zu einem Instrument, das niemand alleine spielte, sondern alle zusammen.
Als die Kinder weiterzogen, blieb Mira noch kurz stehen und legte die Hand an das Glas. Es war kühl, aber nicht kalt. Es fühlte sich an wie etwas, das wach ist.
„Wenn wir das noch ein bisschen abstimmen“, sagte Mira, „kann er wirklich singen.“
Oskar sah sie an, als hätte sie gerade ein Fenster in die Zukunft aufgestoßen. „Dann stimmen wir ihn.“
Kapitel 6: Der Brunnen, der am Ende sang
Eine Woche später war der Platz fertig. Nicht nur der Brunnen: Es gab auch eine Bank aus recyceltem Holz, eine kleine Schattenkuppel aus Solarfolie und ein Bodenmuster aus hellen Steinen, das wie Wellen aussah. Abends leuchteten die Rinnen darum herum besonders freundlich, als würden sie den Brunnen in ihre Lichtfamilie aufnehmen.
Oskar hatte Mira erlaubt, beim letzten Feinschliff dabei zu sein. Sie hatten den Schwingungsleiter so eingestellt, dass bestimmte Flussmuster bestimmte Töne ergaben. Nichts Schwieriges. Eher wie ein Baukasten: kurz drücken – heller Ton. Länger drücken – tiefer Ton. Zwei kurze hintereinander – ein kleiner Sprung, der wie Lachen klang.
„Aber das Wichtigste“, sagte Oskar, „ist, dass es nicht geschniegelt wirkt. Es soll natürlich bleiben.“
Mira nickte. „Wie Windspiele. Die spielen auch nicht auf Kommando, aber sie spielen trotzdem.“
Am Eröffnungstag kamen viele Leute. Nicht nur Erwachsene. Auch Kinder, Jugendliche, ältere Menschen mit Gehstöcken, Leute mit Rollstuhl, Menschen, die einfach spazieren gingen. In Lumenstadt konnte man eben auch einen Brunnen eröffnen, als wäre er ein kleines Fest.
Sila vom Recycling-Turm war da und trug tatsächlich drei Tees in einem Träger. Sie stellte sie Oskar hin. „Schuld beglichen.“
Oskar salutierte mit seinem Becher. „Und das hier ist Mira. Unsere offizielle Beobachterin.“
Sila zwinkerte. „Ich hab gehört, du bist durch eine Wartungsklappe gekrochen.“
Mira hob das Kinn. „Ich hab beobachtet. Sehr nah.“
Ein paar Kinder drängten sich vor. Mira trat zur Seite, damit sie zuerst durften. Der Brunnen war ja für sie – und für alle.
Das erste Kind drückte vorsichtig. „Plopp.“
Das zweite drückte zweimal schnell. „Ding-ding.“
Jemand lachte. Jemand rief: „Mach mal wie ein Lied!“
Mira spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie trat nach vorne und stellte sich neben den Brunnen.
„Okay“, sagte sie. „Wir probieren was. Ihr drückt, wenn ich nicke. Kurz oder lang, wie ich zeige.“
Die Kinder waren sofort dabei. Mira hob die Hand, nickte einem Mädchen zu – kurz. „Ding.“ Dann einem Jungen – lang. „Dooong.“ Dann zwei kurze hintereinander – „ding-ding“. Ein tiefer Ton antwortete, als hätte der Brunnen die Reihenfolge verstanden.
Und plötzlich passierte etwas, womit Mira nicht gerechnet hatte.
Die Rinnen um den Platz leuchteten auf. Nicht grell, sondern wie ein sanftes Aufatmen. Das Wasser darin schickte kleine Lichtwellen zum Brunnen, als würden sie mitsingen wollen. Der Brunnen antwortete, sein Resonanzglas vibrierte, und die Töne wurden runder, voller – als hätte jemand einen unsichtbaren Chor dazugeschaltet.
Die Leute verstummten. Man hörte nur Wasser, das floss, und dieses helle, freundliche Singen.
Es war keine perfekte Melodie wie aus dem Musikunterricht. Es war eine Melodie wie aus dem echten Leben: mit kleinen Sprüngen, mit Überraschungen, mit Pausen, in denen jemand kicherte oder staunte. Und trotzdem passte alles zusammen.
Mira sah zu Oskar. Er hatte feuchte Augen, tat aber so, als hätte er nur Staub in der Brille.
„Er singt“, flüsterte Mira.
Oskar nickte. „Weil ihr ihn spielt.“
Mira trat näher an die Rinne und legte die Hand auf den Rand. Das Wasser war ruhig und warm. In seinem Leuchten lag etwas, das Mira fast wie Zufriedenheit vorkam.
„Danke“, sagte sie leise. „Dass du uns Wasser gibst.“
Ein kleiner Strahl stieg auf und tippte sie wieder auf die Fingerspitzen, als wäre das die Antwort.
Später, als der Platz sich langsam leerte, blieb Mira noch einmal allein beim Brunnen stehen. Der Abend war mild, und die Stadt summte leise vor sich hin: Schwebebahnen, die glitten, Räder, die surrten, Blätter, die auf Dachgärten raschelten.
Mira drückte das Druckfeld ganz leicht. Ein dünner Strahl kam, und das Resonanzglas gab einen einzelnen, klaren Ton von sich – so sauber, dass Mira lächeln musste.
Sie stellte sich vor, wie Kinder morgen hier trinken würden, wie jemand nach einem langen Weg kurz stehen bliebe, wie ein kleines Durstgefühl und ein großer Tag sich in einem Schluck Wasser treffen.
Und jedes Mal würde der Brunnen antworten.
Mit einem Lied.