1. Das Bett mit Rädern
Lilli und Jonas lagen auf dem Teppich und zählten Wolken an der Decke. "Was, wenn unser Bett Züge macht?" flüsterte Lilli. Jonas setzte eine Socke wie einen Lokführerhut auf. "Dann fahren wir nachts zur Schokoladenfabrik", sagte er ernst. Lilli lachte. "Oder zum Sternenpark!"
Sie bauten ein Bahnhofsschild aus einem Kissen und einen Fahrplan aus einem Blatt Papier. "Zug nach Traumstadt in zwanzig Minuten", las Jonas mit ernster Stimme. Sie hatten fast neun Jahre Erfahrung im Erfinden von Abenteuern. Fast neun Jahre und jede Menge Fantasie.
Das Bett war das Königreich. Die Decke wurde zum Zugdach, die Kuscheltiere zur Besatzung. "Aufwachen, Bahnhof!", rief Lilli und zog an einem unsichtbaren Hebel. Das Bett ruckelte ein bisschen — in Wirklichkeit nur ein kleines Hüpfen, denn ihre Eltern waren im Nebenzimmer. In ihrer Vorstellung aber stampfte die Lok los. Peitsche—puff! Pfeif—pff! Peitsche—puff!
"Fenster auf!", befahl Jonas. Sie warfen ein Kissen zur Seite. Die Kissenfahne wehte. Die Züge rollten durch Zimmerberge und Teppichtäler. Die Uhr tickte leise. Die Uhr konnte nichts stoppen, aber im Bett-Zug war alles möglich.
2. Der Fahrer mit Keksaugen
Mitten auf der Reise stand plötzlich ein Fahrer im Flur: Onkel Fred, der seine Hausschuhe wie Stiefel trug. "Halt!", rief er. "Ich habe einen Keks für den Lokführer." Er kniete sich hin. "Für die besondere Fahrt." Seine Augen funkelten, als wären darin Krümel. Lilli und Jonas kichern leise.
"Der Lokführer braucht Keksenergie", sagte Lilli und verbeugte sich theatralisch. Jonas nahm den Keks und teilte ihn. "Nur eine Hälfte", sagte er. "Die andere Hälfte ist für die Rückfahrt." Sie knabberten und merkten, wie warm und gemütlich die Kekskrumelei war. Keks auf der Zunge, Abenteuer im Kopf. Kekskrümel auf dem Pyjama, und ein leises Kichern.
"Die Landschaft verändert sich", verkündete Jonas. Der Flur war jetzt ein Schokoladenfluss. Die Tür zum Badezimmer wurde zum Tunnel mit Badeente-Laternen. "Achtung, Wasserfall aus Seife!", rief Lilli fröhlich. Die Badeente-Laternen blinkten, blinkten, blinkten. Es war wie ein Traum, aber noch wacher, weil sie zusammen lachten.
3. Der Pfiff, der kitzelte
Plötzlich klang ein Pfiff. Nicht laut, eher ein kleines, kitzelndes Pfiffgeräusch. "Das ist der Schlafpfiff", sagte Lilli. "Er sagt: 'Langsam, langsam, Augen schwer'." Jonas tat so, als würde ein Sandkorn in sein Ohr rieseln. "Pssst", flüsterte er. "Der Pfiff kitzelt."
Der Zug fuhr durch eine Landschaft aus flauschigen Sockenbergen. Jedes Mal, wenn sie an einem Sockenberg vorbeifuhren, kicherte jemand. Der Schlafpfiff kitzelte und die Lichter im Wagendach dimmten ein bisschen. "Möchtest du, dass ich vorlese?", fragte Jonas. Lilli nickte. Jonas räusperte sich und begann mit einer sehr opernhaften Stimme: "Es war einmal ein winziges Kissen..." Er machte eine dramatische Pause. Lilli legte den Kopf auf seine Schulter. Die Stimme war lustig, aber auch warm und rund.
"Die Kissen waren faul und rollten nur noch", sagte Jonas. "Sie rollten und rollten, bis sie einander umarmten." Lilli lachte. "Sie rollten so sehr, dass sie geradeaus in einen Traum fielen." Der Pfiff kicherte. Der Wagen wippte sanft. Pause. Wieder kichern. Ruhig jetzt, ruhig.
4. Der Schaffner mit den vielen Hosentaschen
Im nächsten Wagon erschien ein Schaffner mit einer Jacke voller Hosentaschen. Jede Tasche raschelte. "Tickets bitte!", sagte er ernster als nötig. Jonas zog seine Eintrittskarte aus der Socke: ein Zettel mit einem Stern und einem Keksbild. Lilli winkte mit einem Apfelstück. Der Schaffner bedachte sie mit einer langen, komischen Miene. Dann zog er ein Kartenspiel, eine Murmel, einen Knoten aus Zwirn und eine Schlafmütze hervor.
"Für die Nacht", sagte er und gab ihnen die Schlafmütze. Sie setzte sich wie ein kleiner Berg auf Lillis Kopf. "Sie macht alles gemütlich", flüsterte der Schaffner. "Und sie macht die Gedanken zu Bett." Jonas zog an seiner Mütze. "Sie hat auch eine Geheimtasche", murmelte er. Er steckte die Hand hinein und fand eine Feder. Eine Feder, so weich wie ein Wolkenkissen.
Die Feder kitzelte Jonas an der Nase. Er nieste so laut, dass selbst die Kissen kichern mussten. "Entschuldigung", sagte er. "Segen!" Und sofort verwandelte sich das Niesen in ein kleines Licht, das durch die Fenster schimmerte. "Das sind die Gute-Nacht-Lichter", erklärte der Schaffner. Sie blinkten wie Glühwürmchen. Nicht gruselig. Nur freundlich. Nur beruhigend.
5. Die Haltestelle Traumstadt
Der Zug rollte leise, leise, leise. "Nächster Halt: Traumstadt", sagte eine Stimme, die wie ein Summen klang. Ein Zugtore öffnete sich. Dort war ein Bahnhof, gebaut aus Kissenbergen und Bücherstapeln. Auf dem Bahnsteig wartete ein Chor aus Kuscheltieren, die alle nickten. "Willkommen", murmelte ein Teddybär.
Lilli und Jonas stiegen aus. Ihre Füße berührten Teppichgras. Es roch nach Vanille und Pfannkuchen, aber es war nicht echt, nur die Vorstellung davon. "Hier darf man fliegen", sagte Lilli. Sie rannte und tat einen kleinen Sprung. Sie flog nicht wirklich, aber im Kopf war das schon fast dasselbe. Jonas breitete die Arme aus. "Und hier darf man flüstern zu den Sternen", fügte er hinzu. Sie flüsterten also. "Gute Nacht, Stern." "Wir kommen bald." Sie sagten es nicht laut, nur wie ein Lied.
Die Kuscheltiere führten sie zu einem Zimmer, das extra für sie gebaut war—aus Worten wie "Gemütlich" und "Spaß" und "Küsschen". In der Mitte stand ihr Zugbett, jetzt mit extra Kissen. "Schlaf gut", sagte der Teddybär. "Traumstadt ist freundlich." Lilli gähnte. Jonas gähnte. Das Gähnen glich einem kleinen Flausch. Es breitete sich aus. Langsam, langsam.
6. Der Traum, der geteilt wurde
Sie legten sich ins Zugbett. Die Decke schmiegte sich um sie wie eine warme Umarmung. "Schließ die Augen", flüsterte Jonas. Lilli schloss sie fast schon. "Sag mir, was du träumst", murmelte sie. Jonas dachte nach. "Ich träume, dass beide Züge, dein Bett und meines, zusammenfahren und eine Brücke bauen aus Lachen." Lilli lächelte mit geschlossenen Augen. "Und ich träume, dass die Sterne unsere Lichter sind", flüsterte sie. "Und dass die Kekse nie aufhören zu schmecken."
Der Pfiff spielte eine Melodie, die so leise war wie das Rascheln eines Blattpapiers. Die Stimmen wurden leiser. Die Sätze kürzer. "Alles gut", sagte Jonas. "Sehr gut." "Gemütlich", sagte Lilli. "Sehr gemütlich." Ihre Atemzüge wurden wie kleine Wellen. Ein- und aus. Ein- und aus. Wiederholung, beruhigend, wie ein Wiegenlied, aber lustig, weil sie zuvor noch gelacht hatten.
Im Traum trafen sie sich auf einer Brücke aus Lachen. Sie baute sich selbst, Stein auf Stein, Kichern auf Kichern. Gemeinsam schwenkten sie Laternen, die kleine Sternenstückchen waren. "Siehst du?", flüsterte Lilli. "Unsere Träume passen zusammen." Jonas nickte, während er schlief, und im Traum nickte er noch einmal. Die Sterne nickten zurück.
Die Nacht war freundlich. Der Zugbett-Zug fuhr langsam durch die Träume. Kein Ruck. Kein Rennen. Nur ein sanftes Weitergleiten. Die Wörter wurden kürzer, die Sätze weicher. "Gute Nacht", murmelte der Schaffner mit Hosentaschen aus der Ferne. "Gute Nacht", flüsterte Onkel Fred, der jetzt leise atmete. Die Kuscheltiere legten sich zu ihnen und summten ein kleines Lied ohne Worte.
Am Morgen, wenn die ersten Strahlen kamen, würden sie sich an dieses Lachen erinnern. An die Keksenergie. An die Pfiffe, die kitzelten. An die Brücke aus Lachen. Aber jetzt, jetzt war nur die Stille, die wie ein Kissen war. Eine Stille, die sagt: Alles ist gut. Alles ist freundlich. Alles ist warm.
Und tief im Traum, in dem die Züge wie Betten sind und die Betten wie Züge, saßen Lilli und Jonas nebeneinander. Sie teilten denselben Traum. Sie teilten das Lachen. Sie teilten die Sterne. Sie teilten die Ruhe. Sie atmeten. Langsam. Ruhig. Ruhiger. Bis das Atmen wie ein leises Lied wurde, und das Lied wurde still.