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Geschichte über eine Emotion 11/12 Jahre Lesen 14 min.

Der Ladebildschirm im Kopf: Mika, Lenny und die Langeweile

Zwei Freunde sitzen in ihrer Mezzanine und lernen, die plötzlich auftauchende Langeweile zu beobachten und mit kleinen Ideen wie einem Geräusche-Experiment sanft damit umzugehen.

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Zwei etwa zehnjährige Jungen: Mika, braun zerzaustes Haar, heller Teint, hellblau gestreiftes T‑Shirt, sitzt links auf einem Haufen Sternenkissen und hält ein Handy mit sichtbarer Schallwelle auf dem Bildschirm, konzentrierter, sanfter Blick; Lenny, kurz geschnittenes blondes Haar, Sommersprossen, grüner Hoodie, sitzt rechts im Schneidersitz, hält ein Pinguin‑Badge und einen kleinen Kiesel, lächelt leicht und hört mit Mika über geteilte Kopfhörer. Ort: gemütliche Dachmezzanine mit sichtbaren Holzbohlen und Balken, ein gekippes Dachfenster lässt leichten Wind und ein blau‑violettes Dämmerungshimmelsrechteck herein, zerknitterte Sternendecke als Nest, kleine warme Lampe auf einer Holzkiste, offene Schachtel mit Tickets und Kleinigkeiten. Situation: Die Jungen nehmen Küchenklänge auf und hören sie ab, ruhig und aufmerksam, intime, ruhige Stimmung, Aquarellfarben (Ocker, blau‑grau, zartes Grün), papierartige Texturen, warme Innenbeleuchtung im Kontrast zum kühlen Fensterhimmel. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1

Mika lag bäuchlings auf dem Teppich und starrte auf den Staubkorn-Tanz im Lichtstreifen, der durchs Fenster fiel. Neben ihm saß Lenny und baute aus Legosteinen einen Turm, der ziemlich stolz aussah und trotzdem irgendwie… müde.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Mika und zog das Wort in die Länge, als würde es am Boden kleben.

Lenny setzte einen Stein auf den Turm, nahm ihn wieder ab, setzte ihn wieder drauf. „Keine Ahnung. Alles ist irgendwie schon gemacht.“

Mika rollte sich auf den Rücken. Der Raum war warm, die Uhr tickte wie ein sehr langsamer Käfer. Unten in der Küche klapperte irgendwo Geschirr, aber hier oben war es still. Zu still. Mika spürte ein komisches Ziehen in der Brust, nicht richtig traurig, nicht richtig wütend. Eher wie… ein grauer Nebel, der keinen Grund brauchte.

„Vielleicht liegt's an dem Wetter“, murmelte Mika.

Lenny zuckte die Schultern. „Oder an uns.“

Mika musste kurz lachen. „Stell dir vor, wir sind kaputt. So wie ein Controller ohne Batterien.“

„Dann brauchen wir neue Batterien“, sagte Lenny und tippte sich an die Stirn.

Mika setzte sich auf. Sein Blick fiel auf die Leiter zur Schlafgalerie – die kleine, gemütliche Mezzanine in seinem Zimmer. Oben waren Kissen, eine Decke mit Sternen drauf, und ein Regal mit alten Comics. Das war eigentlich der beste Platz der Welt. Und trotzdem fühlte es sich gerade an, als hätte sogar der beste Platz Pause.

„Komm“, sagte Mika. „Wir gehen hoch. Vielleicht ist dort oben die Luft anders.“

Lenny nahm zwei Legosteine mit, als wären es Glücksbringer, und folgte Mika zur Leiter.

Kapitel 2

Oben in der Mezzanine roch es nach Holz und nach der Vanillekerze, die Mika nur manchmal anzündete – heute war sie aus, aber der Geruch hing noch in der Decke. Mika schob das Dachfenster einen Spalt auf. Kühler Abendwind strich rein, leise wie ein Flüstern.

Lenny ließ sich in ein Kissen fallen. „Hier ist's immerhin gemütlich.“

Mika nickte. Er knüllte die Sternendecke zusammen und baute daraus eine Art Nest. Dann saßen sie nebeneinander, Knie an Knie, und starrten auf das Regal. Comics. Bücher. Alles da. Und doch kam keine Lust.

„Ich glaube, ich weiß, was das ist“, sagte Mika plötzlich.

„Ein Alien?“, fragte Lenny hoffnungsvoll.

„Nein.“ Mika rieb sich die Stirn. „Das ist… Langeweile.“

Das Wort hing einen Moment zwischen ihnen, wie ein Schild, das man noch nie genau gelesen hatte.

Lenny zog die Augenbrauen hoch. „Langeweile ist doch voll peinlich. Das heißt doch, man ist langweilig.“

„Oder dass alles langweilig ist“, warf Mika ein, aber er merkte, wie sich das gleich wieder wie Gemecker anfühlte.

Lenny stupste Mika mit dem Ellbogen. „Du bist nicht langweilig. Du kannst sogar so tun, als wärst du ein Nachrichtensprecher.“

Mika räusperte sich tief. „Guten Abend, hier spricht Mika. Heute: Zwei Jungs sitzen in einer Mezzanine und fühlen sich… äh… wattig.

Lenny prustete los. „Wattig! Genau!“

Mika lachte auch, aber darunter blieb dieses wattige Gefühl. Es war, als würde sein Kopf auf Stand-by stehen.

„Vielleicht müssen wir die Langeweile nicht wegdrücken“, sagte Mika vorsichtig. „Vielleicht… ist sie nur da. Wie ein Besucher, der keinen Termin hat.“

Lenny sah ihn an, als würde er überlegen, ob das schlau oder komisch war. „Und was macht man mit so einem Besucher?“

Mika zuckte die Schultern. „Man fragt ihn, warum er da ist?“

Sie schwiegen. Dann sagte Lenny leise: „Okay. Dann fragen wir.“

Mika schloss die Augen. „Ähm… Hallo, Langeweile. Warum bist du hier?“

Nichts passierte. Nur die Uhr unten tickte weiter.

Lenny flüsterte: „Vielleicht hört sie nur, wenn man leise ist.“

Mika atmete langsam ein und aus. In seinem Bauch kribbelte es, als hätte er zu lange gesessen. In seinem Kopf war es leer, aber nicht unangenehm leer. Eher wie eine unbeschriebene Seite.

„Vielleicht bist du hier“, sagte Mika in Gedanken, „weil ich gerade nichts entscheiden will.“

Lenny schob ein Kissen näher. „Und? Ist das schlimm?“

Mika öffnete die Augen. „Ich weiß es nicht. Aber… vielleicht nicht.“

Kapitel 3

„Wir machen ein Experiment“, sagte Lenny und setzte sich aufrechter hin, als wäre er plötzlich der Lehrer. „Wir beobachten die Langeweile, ohne sie zu beleidigen.“

Mika grinste. „Ohne zu sagen: Du bist doof.“

„Genau.“ Lenny hob einen Finger. „Erstens: Wo im Körper sitzt sie?“

Mika legte eine Hand auf seine Brust. „Bei mir… hier. So ein schweres, aber weiches Ding. Wie ein nasser Pullover.“

Lenny verzog das Gesicht. „Ih. Bei mir ist's eher in den Beinen. Die wollen rennen, aber ich weiß nicht wohin.“

„Zweitens“, sagte Mika und machte mit, „was will sie von uns?“

Lenny starrte auf die Dachschräge. „Vielleicht will sie, dass wir langsamer werden. Sonst rennen wir immer gleich zum nächsten Ding.“

Mika dachte an die letzte Woche: Schule, Hausaufgaben, Fußballtraining, Geburtstagseinladung. Alles war voll. Vielleicht war dieses wattige Gefühl wie ein Stopp-Schild, aber freundlich.

„Drittens“, sagte Mika, „was passiert, wenn wir sie einfach… da sein lassen?“

Lenny zog die Decke über seine Beine. „Dann passiert vielleicht gar nichts.“

„Das ist ja der Witz“, sagte Mika und kicherte. „Gar nichts.“

Sie saßen still. Der Wind bewegte das Dachfenster minimal, ein leises Knacken im Holz. Mika merkte, wie sein Atem ruhiger wurde. Die Langeweile war immer noch da, aber sie war nicht mehr wie ein Gegner. Eher wie ein dicker Kater, der sich mitten in den Weg legt.

„Weißt du, was komisch ist?“, murmelte Lenny.

„Was?“

„Wenn man nicht sofort was macht, hört man plötzlich Sachen.“ Lenny zeigte nach unten. „Da… der Kühlschrank brummt. Und draußen fährt ein Fahrrad.“

Mika lauschte. Tatsächlich. Das Brummen klang wie ein zufriedener Bass. Das Fahrrad wie ein kleines Rauschen.

„Die Langeweile macht die Ohren auf“, flüsterte Mika.

Lenny schnaubte. „Oder sie macht das Internet aus.“

Mika musste wieder lachen. „Stell dir vor, Langeweile ist der Flugmodus fürs Gehirn.“

„Dann lädt man sich innerlich neu auf“, sagte Lenny, und diesmal klang er ernst.

Mika spürte plötzlich Neugier. Nicht groß wie ein Feuerwerk, eher klein wie eine Kerzenflamme. „Wollen wir gucken, ob aus der Langeweile eine Idee wird?“

„Okay“, sagte Lenny. „Aber keine Mega-Idee. Nur eine Mini-Idee.“

Mika nickte. „Mini ist gut.“

Kapitel 4

Mika kroch zum Regal und zog eine kleine Schachtel heraus. „Hier sind alte Sachen: Eintrittskarten, ein kaputter Schlüsselanhänger, Zettel…“

Lenny setzte sich neben ihn, beide schoben den Deckel auf, als würden sie einen Schatz öffnen. Drinnen lagen wirklich viele Kleinigkeiten. Ein glatter Stein vom Strand. Ein Buttons mit einem Pinguin. Ein zusammengefalteter Zettel.

„Lies mal“, sagte Lenny und reichte Mika den Zettel.

Mika faltete ihn auf. Es war eine Liste, die er vor Monaten geschrieben hatte: „Dinge, die ich mal ausprobieren will.“ Darunter stand: „1. Eine Geschichte in einem einzigen Raum. 2. Einen Song mit Küchen-Geräuschen. 3. Jemandem einen Tag lang Komplimente machen.“

Lenny zeigte auf Punkt drei. „Das ist gut. Aber auch gefährlich. Wenn man's übertreibt, klingt's schleimig.“

Mika grinste. „Wir machen's ehrlich.“

„Und Punkt zwei ist genial“, sagte Lenny. „Küchen-Geräusche!“

Mika lauschte wieder nach unten. „Da ist doch gerade schon das Klappern.“

Lenny sprang auf, so leise wie möglich, damit es sich wie eine geheime Mission anfühlte. „Wir nehmen Geräusche auf! Mit dem Handy. Und dann machen wir daraus… irgendwas.“

Mika hob die Hand. „Moment. Wir wollten Mini-Idee.“

Lenny hielt inne, lächelte entschuldigend. „Stimmt. Mini. Dann machen wir nur… drei Geräusche. Und hören sie uns oben an.“

„Deal“, sagte Mika.

Sie schlichen die Leiter hinunter, wie zwei Agenten in Socken. Unten in der Küche war Mikas Mutter gerade dabei, Brotdosen zu spülen. Sie sah kurz hoch. „Na, ihr zwei?“

Mika wollte schon sagen: „Uns ist langweilig“, aber das klang plötzlich nicht mehr wie ein Problem. Eher wie eine Information.

„Wir machen ein kleines Geräusche-Experiment“, sagte Mika. „Dürfen wir drei Sachen aufnehmen?“

Mikas Mutter lächelte. „Solange ihr nicht den Mixer als Rakete benutzt.“

„Versprochen“, sagte Lenny feierlich.

Sie nahmen das Klappern der Löffel auf, das Zischen des Wasserhahns und das dumpfe „Wumm“, als Lenny vorsichtig den Kühlschrank schloss.

Oben in der Mezzanine hörten sie die Aufnahme an. Die Geräusche klangen plötzlich wie eine Mini-Musik: klirr, zisch, wumm.

„Das ist irgendwie… beruhigend“, sagte Mika.

Lenny legte den Kopf schief. „Das ist wie ein Beat für Menschen, die zu müde für Trommeln sind.“

Mika lachte leise. „Oder für Langeweile.“

Und da, mitten in dieser kleinen Geräusche-Musik, spürte Mika, wie sich das wattige Gefühl veränderte. Nicht weg. Eher leichter. Als würde jemand ein Fenster in seinem Kopf kippen.

Kapitel 5

Sie saßen wieder im Nest aus Decke und Kissen. Der Abend wurde dunkler, aber nicht düster. Die Straßenlaterne draußen schaltete sich an und warf ein gelbes Muster an die Wand.

„Weißt du“, sagte Mika, „ich hab immer gedacht, Langeweile ist wie ein Fehler. Wie wenn man in einem Spiel feststeckt.“

Lenny drehte den Pinguin-Button zwischen den Fingern. „Vielleicht ist es eher ein Ladebildschirm. Da passiert nichts Spektakuläres, aber irgendwas lädt.“

Mika nickte langsam. „Und wenn man dann wütend wird, dauert's länger.“

„Oder man merkt gar nicht, was geladen wird“, ergänzte Lenny. „Weil man nur schreit: ‚Das ist blöd!‘“

Mika zog die Knie an. „Heute war's schwer, nicht zu meckern. Ich wollte die Langeweile wegschieben.“

„Ich auch“, gab Lenny zu. „Ich wollte, dass irgendwer uns unterhält. So wie… ein Automat: Knopf drücken, Spaß kommt raus.“

Mika stellte sich das vor und kicherte. „Ein Spaß-Automat. Mit Münzen aus Mathe-Hausaufgaben.“

„Bäh“, sagte Lenny. Dann wurde er wieder nachdenklich. „Aber eigentlich ist es okay, wenn nicht jeder Moment voll ist.“

Mika spürte, wie warm die Decke war. „Vielleicht ist das sogar fair. Für alle. Nicht jeder hat immer die gleichen Ideen. Und nicht jeder hat immer die gleiche Energie.“

Lenny sah ihn an. „Das ist Toleranz, oder? Dass man nicht sagt: ‚Du musst jetzt lustig sein‘, sondern: ‚Du darfst gerade auch leer sein.‘“

Mika war kurz still. Es fühlte sich gut an, das so zu hören, als dürfte man eine Pause haben, ohne sich dafür zu schämen.

„Und man darf auch anderen ihre Pause lassen“, sagte Mika. „Wenn jemand ruhig ist, heißt das nicht, dass er doof ist. Vielleicht lädt er.“

Lenny nickte. „Oder er hört gerade den Kühlschrank.“

Sie mussten beide leise lachen, damit es oben gemütlich blieb.

Dann sagte Lenny: „Sollen wir noch was machen? Oder lassen wir's einfach… fertig sein?“

Mika horchte in sich hinein. Das Ziehen in der Brust war jetzt wie eine weiche Wolke. Nicht schwer. Eher… ruhig.

„Ich glaube“, sagte Mika, „wir lassen es fertig sein.“

Kapitel 6

Später lagen sie in der Mezzanine nebeneinander, jeder mit einem Kissen unter dem Kopf. Mika hatte eine kleine Lampe angemacht, deren Licht wie Honig aussah. Lenny starrte an die Decke, wo die Sterne der Decke Muster warfen.

„Was nehmen wir mit?“, fragte Lenny schläfrig.

Mika überlegte. „Dass Langeweile nicht immer weg muss. Man kann sie bemerken. Und dann… freundlich zu ihr sein.“

„So wie zu einem Besucher ohne Termin“, murmelte Lenny.

„Genau.“ Mika spürte eine ruhige Zufriedenheit. Nicht, weil sie etwas Großes geschafft hatten, sondern weil sie sich nicht gegen sich selbst gestellt hatten.

Unten wurde es still in der Wohnung. Nur der Wind am Dachfenster. Mika stellte sich vor, wie die Langeweile jetzt leiser wurde, als hätte sie ihren Auftrag erfüllt: kurz anhalten, zuhören, Platz machen.

„Mika?“, flüsterte Lenny.

„Hm?“

„Wenn ich morgen wieder dieses wattige Gefühl habe… erinnerst du mich an den Ladebildschirm?“

Mika lächelte in die Dunkelheit. „Mach ich. Und du erinnerst mich an den Kühlschrank-Beat.“

„Deal“, sagte Lenny.

Sie atmeten eine Weile synchron, ohne es zu planen. Das Licht der Lampe blieb warm, der Abend blieb freundlich. Und in diesem stillen, hellen Frieden fühlte sich Mika innen drin aufgeräumt an – als hätte jemand die Schubladen nicht perfekt sortiert, aber sanft geschlossen.

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Bäuchlings
Mit dem Bauch nach unten auf dem Boden liegen.
Schlafgalerie
Ein hoher Bereich im Zimmer, wo man schlafen oder liegen kann.
Mezzanine
Eine kleine Zwischenetage im Zimmer, halb offen und oben gelegen.
Wattig
Weich und leicht, fast wie ein Stück Watte oder ein Kissengefühl.
Ellbogen
Das Gelenk in der Mitte des Arms zwischen Oberarm und Unterarm.
Vanillekerze
Eine Kerze, die nach Vanille riecht und Licht und Duft bringt.
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