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Fantastische Geschichte der Zauberei 11/12 Jahre Lesen 20 min.

Der Grenzfaden und der Spiegel der Auswege

Der neugierige Milo löst durch das Schütteln einer verbotenen Phiole einen Grenzfaden aus und wird ins stille Kloster geführt, wo er lernen muss, seine Magie durch Atempausen und klare Grenzen zu zügeln.

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Ein etwa 12-jähriger Zauberlehrling mit rundem, sommersprossigem Gesicht und zerzausten braunen Haaren, konzentriert und leicht besorgt, stützt eine Hand mit einem fein silbernen, sanft schimmernden Drahtarmband auf den Rand eines alten Steinebrunnens; ein etwa 50-jähriger Wächter namens Ravel, wetterhafte Haut, salt-and-pepper zurückgekämmtes Haar, langer dunkler Mantel, steht rechts im Hintergrund mit einem großen, schimmernden Schlüsselbund bereit; links auf dem Brunnenrand hockt ein massiver Steingargoyle mit leicht gebrochenem Nasenrücken, zusammengefalteten Flügeln und grünlich-grauer Moosstruktur, wachsam und schützend; Ort: Innenhof eines alten Klosters mit schlanken Säulenarkaden, nassem Kopfsteinpflaster, warmem Kerzenlicht und in die Mauern geritzten magischen Kreisen; Situation: gedämpfte magische Spannung — der Junge stabilisiert einen in den Brunnen geritzten Kreis mit blasser Lichtenergie aus dem Armband, der Gargoyle hält die Linie, Ravel verriegelt Schlüssel in Wandschlitzen; dämmernde, melancholisch-hoffnungsvolle Atmosphäre. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Der falsche Griff

Milo wusste ganz genau, dass man in Meisterin Sorellas Werkstatt die linke Schublade niemals vor der rechten öffnen sollte. An der linken klebte ein Zettel: „Erst atmen, dann zaubern.“ An der rechten: „Finger weg, Milo.“

Er öffnete trotzdem die rechte.

„Nur kurz“, murmelte er, als wäre die Werkstatt ein strenger Onkel, den man mit Höflichkeit besänftigen konnte. Die Schublade knarrte, als würde sie protestieren, und ein Hauch von Pfefferminze und altem Papier stieg ihm in die Nase. Darin lag eine kleine Glasphiole, die in einem Nest aus Samt steckte. Auf dem Etikett stand: GRENZFADEN – NICHT SCHÜTTELN.

Milo schüttelte sie. Natürlich.

Das Glas vibrierte, als würde darin eine winzige Gewitterwolke gegen die Wände trommeln. Milo zuckte zusammen, wollte sie zurücklegen – da glitt die Phiole ihm aus den Fingern, tippte an die Schubladenkante und fiel. Sie zerschellte nicht. Stattdessen sprang der Stopfen auf, und ein dünner, silbriger Faden schoss heraus, wie ein lebendiger Blitz, und wickelte sich um Milos Handgelenk.

„Oh nein“, flüsterte Milo.

Der Faden fühlte sich kühl an, aber nicht unangenehm – eher wie der erste Schnee, der auf warmer Haut schmilzt. Er zog leicht, als wollte er Milo irgendwohin führen.

„Milo!“ Meisterin Sorellas Stimme kam aus dem Nebenraum, dazu das Klappern von Tassen. „Wenn ich gleich zurückkomme und du wieder…“

Milo riss die Schublade zu, steckte seine Hand unter den Ärmel und setzte sein unschuldigstes Gesicht auf. Meisterin Sorella trat ein, die Haare hochgesteckt, die Augen wie zwei wache Krähen.

„Du riechst nach Pfefferminze“, sagte sie.

„Ich… habe an Kräutern geschnuppert. Zum Lernen“, log Milo, nicht besonders überzeugend.

Sie hob eine Augenbraue. „Kräuter schnupfen ist kein Lernplan.“

Der silbrige Faden zog stärker. Milo stolperte einen Schritt zur Tür, als hätte ihn ein unsichtbarer Hund an der Leine.

„Alles gut?“ Meisterin Sorella musterte ihn.

„Ja! Nur… äh… ich glaube, meine Schuhe wollen spazieren gehen.“

„Deine Schuhe“, wiederholte sie trocken. „Nun gut. Dann geh. Aber geh nicht weit.“

Milo nickte eifrig und schlich hinaus. Kaum war er auf dem Hof, fühlte er das Ziehen deutlicher. Es führte nicht in die Stadt, nicht zu den Marktständen, nicht zu seinen Freunden – sondern zum alten Kloster am Rand des Waldes, das die Leute „den Stillen Bogen“ nannten.

Dort, sagte man, könnten sogar Krähen flüstern, ohne dass es jemand hörte.

Milo schluckte. Und folgte dem Faden.

Kapitel 2: Der stille Bogen und die steinernen Wächter

Der Weg zum Kloster führte über einen schmalen Pfad, der mit feuchten Blättern gepflastert war. Die Luft roch nach Moos und kalter Erde. Als Milo die hohen Mauern erreichte, schien die Welt plötzlich leiser zu werden, als hätte jemand den Ton heruntergedreht.

Über dem Torbogen hockten Gargoyles: steinerne Wesen mit Flügeln, Zähnen und Gesichtern, die aussahen, als hätten sie gerade einen schlechten Witz gehört und könnten sich nicht entscheiden, ob sie lachen oder beißen sollten. Einer hatte eine schiefe Nase, als wäre sie im Streit mit einer Taube verbogen worden.

„Na toll“, murmelte Milo. „Wahrscheinlich seid ihr hier, um Kinder zu erschrecken, die Fehler machen.“

Der Gargoyle mit der schiefen Nase blinzelte.

Milo blieb stehen. „Du… hast geblinzelt.“

„Und du hast geschüttelt“, krächzte eine Stimme. Sie klang, als käme sie aus einem Kamin voller Ruß.

Milo drehte sich. Niemand da. Dann blickte er wieder hoch. Der Gargoyle hatte den Kopf ein Stück geneigt.

„Du kannst sprechen?“

„Nur wenn jemand es verdient“, sagte der Gargoyle. „Oder wenn jemand Ärger hat. Bei dir ist beides der Fall.“

Milo zog den Ärmel hoch. Der silbrige Faden schimmerte um sein Handgelenk und zog Richtung Tor.

„Ich wollte nicht…“, begann Milo.

„Natürlich wolltest du nicht“, unterbrach ihn der Gargoyle. „Niemand will, wenn er es schon getan hat.“

Milo musste trotz allem kurz grinsen. „Kannst du mir helfen?“

Der Gargoyle schnaufte, und ein wenig Staub rieselte. „Ich bin Stein. Helfen ist nicht meine Hauptbeschäftigung. Aber ich kann dich reinlassen.“

Das Tor knarrte von selbst auf. Dahinter lag ein Innenhof, still wie ein angehaltener Atem. Ein Brunnen plätscherte leise. Rundherum zogen sich Arkaden, und auf den Simsen hockten weitere Gargoyles, als würden sie eine sehr ruhige Versammlung abhalten.

Der Faden zog Milo über den Hof, direkt auf eine schwere Holztür zu, die mit einem Symbol versehen war: ein Kreis, der von zwei Linien begrenzt wurde, wie ein Zauber, der sich selbst festhält.

Milo legte die Hand auf die Klinke. Das Holz fühlte sich warm an.

„Begrenzung“, flüsterte er, ohne zu wissen, warum. Das Wort schmeckte nach Verantwortung – und ein bisschen nach Angst.

Die Tür öffnete sich.

Kapitel 3: Der Hüter der Reliquien

Drinnen roch es nach Wachs, Stein und etwas Metallischem, wie ein Gewitter in weiter Ferne. Der Gang war von Kerzen erhellt, die nicht flackerten, obwohl Milo sicher war, dass irgendwo ein Windzug sein musste.

Am Ende des Ganges stand ein Mann, oder vielleicht war er etwas anderes: Er trug einen Mantel aus dunklem Stoff, der aussah, als sei er aus Schatten genäht, und an seiner Brust hing ein Schlüsselbund mit winzigen, glitzernden Schlüsseln.

„Milo Tannengrün“, sagte er, als hätte er Milos Namen schon seit Jahren in einer Schublade aufbewahrt.

Milo stolperte. „Woher kennen Sie mich?“

„Ich kenne viele Namen“, antwortete der Mann ruhig. „Ich bin Ravel, Hüter der Reliquien. Ich bewahre Dinge auf, die zu gefährlich, zu kostbar oder zu… hungrig sind, um frei herumzuliegen.“

Milo schluckte. „Ich habe nur—“

„Geschüttelt“, sagte Ravel und sah auf Milos Handgelenk. „Grenzfaden. Eine seltene Verbindung. Ein Fehler, der manchmal eine Chance ist.“

„Chance worauf? Dass ich Ärger bekomme?“

Ravel lächelte leicht. „Auch. Aber vor allem: dass du lernst, wo deine Macht endet. Nicht jeder Zauberer fragt das. Die meisten fragen: Wie weit kann ich gehen?“

Milo spürte, wie ihm heiß wurde. „Ich will niemandem schaden. Ich möchte… helfen.“

„Altruismus“, murmelte Ravel, als wäre es ein Gewürz, das er prüfte. „Gut. Dann hör zu. Der Grenzfaden bindet dich an einen Ort, an dem Grenzen alt und stark sind. Dieses Kloster ist ein Knotenpunkt zwischen dem gewöhnlichen und dem außergewöhnlichen. Unsichtbare Fäden laufen hier zusammen.“

Milo betrachtete den Gang. „Und wieso bin ich hier?“

Ravel hob einen Schlüssel, der wie ein kleiner Mond glänzte. „Weil du zu viel Kraft in dir trägst, Milo. Nicht böse Kraft. Aber ungebremste Kraft ist wie ein Pferd ohne Zügel. Es rennt, auch wenn vor ihm eine Klippe ist.“

Milo sah auf seine Hand. Der Faden zog nicht mehr – er vibrierte, als warte er auf eine Entscheidung.

„Was muss ich tun?“ fragte Milo leise.

Ravel deutete auf eine Tür zur Seite. „Eine Reliquie wurde unruhig. Sie spürt deinen Faden. Und sie wird versuchen, dich zu benutzen, um sich zu lösen. Du wirst sie nicht besiegen, indem du stärker wirst. Du wirst sie besiegen, indem du dich begrenzt.“

Milo blinzelte. „Das klingt… unpraktisch.“

„Verantwortung ist oft unpraktisch“, sagte Ravel trocken. „Komm.“

Kapitel 4: Die Kammer, die zuhört

Die Tür führte in eine runde Kammer. Die Wände waren mit eingravierten Kreisen bedeckt, und in der Mitte stand ein Podest. Darauf lag ein schmaler Spiegel, kaum größer als ein Buch, eingerahmt von schwarzem Metall. Sein Glas war nicht glatt. Es wirkte, als hätte es Tiefe, wie stilles Wasser.

„Das ist der Spiegel der Auswege“, erklärte Ravel. „Er zeigt dir den schnellsten Weg, eine Situation zu lösen. Schnell ist nicht immer gut.“

Milo trat näher. Im Spiegel sah er nicht sein Gesicht, sondern eine Szene: Meisterin Sorella, wie sie in der Werkstatt einen Kessel rührte. Neben ihr stand Milo – aber ein Milo mit glänzenden Augen, der seine Hand ausstreckte, und eine Welle aus Magie schoss los, riss Flaschen um, ließ Bücher fliegen, und Meisterin Sorella stolperte.

Milo wich zurück. „Das würde ich nie tun!“

„Nicht absichtlich“, sagte Ravel. „Doch wenn du dich erschreckst, wenn du dich schämst, wenn du dich beweisen willst… dann kann Magie aus dir herausbrechen. Der Spiegel bietet dir einen Ausweg: Mehr Kraft, schnellerer Zauber, härtere Kontrolle. Und er flüstert dabei: Du hast es verdient.“

„Ich will nicht, dass jemand wegen mir fällt“, sagte Milo heftig.

Der Spiegel schimmerte. Eine Stimme, ganz leise, kroch an Milos Ohren entlang wie eine Idee, die sich wichtig macht: Mehr. Nur ein bisschen mehr. Dann bist du sicher.

Milo presste die Lippen zusammen. „Hör auf.“

Ravel blieb am Rand der Kammer stehen, die Hände verschränkt. „Du kannst ihn nicht einfach verbieten. Du musst ihm Grenzen geben.“

Milo schaute auf sein Handgelenk. Der Grenzfaden glühte, als würde er die Spiegelstimme trinken. Milo atmete tief ein. Er erinnerte sich an den Zettel in der linken Schublade: Erst atmen, dann zaubern.

„Okay“, sagte Milo. „Ich setze eine Grenze.“

„Welche?“ fragte Ravel.

Milo dachte an all die Momente, in denen er unbedingt zeigen wollte, dass er etwas konnte. An das Kribbeln, wenn Magie durch ihn schoss, wie Limonade, die zu stark geschüttelt wurde.

„Ich zaubere nur“, sagte Milo langsam, „wenn ich vorher dreimal geatmet habe. Und wenn ich wütend oder panisch bin, zaubere ich gar nicht. Dann hole ich Hilfe.“

Der Spiegel flackerte, als hätte ihn jemand beleidigt. Die Stimme wurde schärfer: Feigling. Ohne Kraft bist du nichts.

Milo spürte, wie sich etwas in ihm sträubte. Es war nicht Wut. Es war… Stolz? Oder eher Trotz.

„Vielleicht bin ich ohne Kraft weniger beeindruckend“, sagte Milo. „Aber ich bin auch weniger gefährlich.“

Ravel nickte. „Gut. Jetzt binde die Grenze an den Faden.“

Milo hob die Hand. Der silbrige Faden fühlte sich plötzlich schwerer an, wie eine echte Schnur. Er legte zwei Finger darauf und flüsterte: „Drei Atemzüge. Keine Magie in Panik. Hilfe holen.“

Der Faden leuchtete auf, zog sich fest und wurde zu einem dünnen Armband aus Silberlicht.

Der Spiegel bebte. Im Glas tauchte ein dunkler Riss auf, als würde etwas von innen dagegen drücken.

„Jetzt wird es ernst“, murmelte Ravel.

Kapitel 5: Die Gargoyles werden wach

Ein dumpfes Klopfen hallte durch das Kloster, als würde jemand mit einem riesigen Löffel gegen eine Suppenschüssel schlagen. Staub rieselte von der Decke.

„Der Spiegel versucht, das Kloster zu öffnen“, sagte Ravel. „Er will einen Ausgang. Und er wird deine Magie als Schlüssel benutzen, wenn du ihn lässt.“

„Ich lasse ihn nicht“, sagte Milo, obwohl sein Magen sich anfühlte wie ein nasser Handschuh.

Sie liefen zurück in den Gang. Das Licht der Kerzen wurde blasser. Draußen im Innenhof hörte Milo Kratzen und Schaben – Stein, der sich bewegt.

„Bitte sag mir, das sind nur Tauben“, flüsterte Milo.

„Tauben mit Krallen und Zähnen“, antwortete Ravel.

Als sie durch die Tür traten, standen die Gargoyles nicht mehr still. Der mit der schiefen Nase hatte sich vom Sims gelöst und kauerte auf dem Brunnenrand. Seine Flügel knirschten wie Kies.

„Na endlich“, knurrte er, als Milo näherkam. „Action. Ich war kurz davor, Moos anzusetzen.“

„Der Spiegel macht Ärger“, sagte Milo.

„Spiegel machen immer Ärger“, sagte der Gargoyle. „Sie zeigen dir Dinge, die du sehen willst, und nennen es Wahrheit.“

Weitere Gargoyles sprangen herunter. Sie bildeten einen Kreis um Milo und Ravel, nicht bedrohlich, eher… wachsam. Als wären sie die Wachhunde des Klosters, die endlich bellen durften.

Ravel hob sein Schlüsselbund. „Wir müssen die Kreise erneuern. Der Schutz des Klosters basiert auf Begrenzungen. Jeder Gargoyle trägt einen Teil davon.“

„Und ich?“ fragte Milo.

„Du bist der Mensch in der Mitte“, sagte der Gargoyle mit der schiefen Nase. „Das ist immer die unangenehmste Position. Tut mir leid.“

Milo wollte lachen, aber seine Kehle war trocken. „Was soll ich tun?“

Ravel zeigte auf den Brunnen. „Siehst du die Linie am Rand? Ein Kreis. Der Spiegel versucht, Kreise zu brechen. Du musst den Kreis halten – aber mit wenig Magie. Nur so viel, dass er nicht reißt.“

Milo starrte auf den Brunnenrand. Tatsächlich: eine feine, eingravierte Linie, fast unsichtbar. Der Spiegel klopfte wieder, und der Kreis flimmerte, als würde er ausradiert.

Milo spürte das alte Kribbeln in seinen Fingern: die Versuchung, einfach einen großen Zauber rauszuschleudern, alles zu stoppen, alles auf einmal. Die Spiegelstimme war wieder da, irgendwo tief: Mehr. Mach es groß.

Er schloss die Augen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.

Drei Atemzüge.

Dann legte er die Hand auf den Brunnenrand. „Nur halten“, flüsterte er. „Nicht drücken.“

Ein sanfter Lichtschimmer floss aus seinem Armband in die Kreislinie. Nicht wie ein Feuerwerk, eher wie eine Taschenlampe in der Dämmerung. Der Kreis stabilisierte sich.

„Nicht schlecht“, brummte der Gargoyle. „Für einen Menschen, der Sachen schüttelt.“

Ravel rannte an den Arkaden entlang und steckte kleine Schlüssel in schmale Schlitze zwischen den Steinen. Mit jedem Klick wurde der Innenhof klarer, als würde die Luft wieder atmen.

Das Klopfen aus dem Inneren wurde wütender. Milo spürte, wie der Kreis unter seiner Hand zitterte.

„Ich kann mehr geben!“ rief Milo, weil die Anstrengung an ihm zerrte.

„Nicht mehr!“ rief Ravel zurück. „Genauso! Du setzt die Grenze, Milo. Du bist der Zaun, nicht der Sturm.“

Milo presste die Zähne zusammen. Er hielt. Er ließ das Licht nicht wachsen, auch wenn es in ihm drängte. Er dachte an Meisterin Sorella, an ihre Tassen, an ihre scharfen Augen. An Menschen, die ihm vertrauten.

„Ich halte“, keuchte Milo.

Der Gargoyle mit der schiefen Nase stellte sich direkt neben ihn und breitete knirschend die Flügel aus, als würde er Milo vor einem unsichtbaren Regen schützen. „Wenn du fällst“, sagte er, „fällst du nicht allein. Das ist der Deal mit Klöstern und Gargoyles.“

Milo blinzelte. „Ihr seid… nett. Auf eure steinige Art.“

„Sag das nicht zu laut“, knurrte der Gargoyle. „Mein Ruf.“

Ein letzter harter Schlag aus der Kammer – dann ein Geräusch, als würde etwas zurück in eine Kiste gezwungen. Der Kreis unter Milos Hand leuchtete einmal auf und wurde wieder still.

Stille. Echte, tiefe Stille.

Milo ließ die Hand sinken. Seine Finger zitterten, aber er fühlte sich… größer. Nicht mächtiger. Eher klarer.

Kapitel 6: Ein Armband aus Verantwortung

Ravel trat zu Milo und betrachtete das silbrige Armband. „Du hast den Spiegel nicht mit Stärke besiegt“, sagte er. „Du hast ihn mit Maß besiegt.“

„Ich hatte Angst, dass ich zu wenig tue“, gab Milo zu.

„Zu wenig ist manchmal genau richtig“, sagte Ravel. Er zog einen kleinen Gegenstand aus seinem Mantel: eine winzige Schachtel aus Holz, auf der derselbe Kreis eingraviert war. „Das ist eine Reliquie – nicht gefährlich. Eher… erinnernd.“

Milo nahm die Schachtel. Sie war überraschend schwer für ihre Größe.

„Was ist drin?“ fragte Milo.

„Ein Stück Kreide“, sagte Ravel.

Milo starrte ihn an. „Kreide? Das soll… magisch sein?“

Ravel lächelte. „Mit dieser Kreide kannst du Kreise zeichnen, die eine Stunde halten. Nicht um jemanden einzusperren. Sondern um dir selbst eine Pause zu geben. Ein Kreis ist eine Grenze. Eine Grenze ist eine Entscheidung.“

Milo strich über den Deckel. „Also… wenn ich merke, ich werde zu aufgeregt, zeichne ich einen Kreis und—“

„Und du atmest“, ergänzte Ravel. „Du wartest. Du holst Hilfe. Du erinnerst dich daran, dass Magie dir nicht gehört wie ein Spielzeug. Sie ist eher wie ein Fluss. Du kannst ihn nutzen, aber du musst auch Dämme bauen.“

Der Gargoyle mit der schiefen Nase räusperte sich. „Und du schüttelst keine Phiole mehr, auf der ‘nicht schütteln' steht.“

„Deal“, sagte Milo schnell.

Ravel sah zum Tor. „Der Grenzfaden hat sich gesetzt. Du kannst gehen. Aber das Kloster bleibt ein Knoten. Wenn du dich wieder verläufst—“

„—dann zieht es mich zurück?“ fragte Milo.

„Vielleicht“, sagte Ravel. „Oder es zieht dich zu dem, was du brauchst. Fehler sind manchmal Wegweiser.“

Milo drehte die Schachtel in den Händen. „Danke. Dass Sie mich nicht angeschrien haben.“

Ravel hob eine Schulter. „Ich schreie selten. Dinge, die schreien, verlieren oft ihre Grenzen.“

Der Gargoyle beugte sich zu Milo. „Und wenn du mal wieder einen Fehler machst“, flüsterte er, „bring Pfefferminze mit. Ich mag den Geruch. Er erinnert mich an… na ja. An lebendige Leute.“

Milo lachte leise. „Ich dachte, ihr mögt keine Nettigkeiten.“

„Ich mag keine Nettigkeiten“, knurrte der Gargoyle. „Ich mag Pfefferminze. Das ist was anderes.“

Milo steckte die Kreideschachtel ein, zog den Ärmel über das Armband und ging durch den Torbogen hinaus. Die Welt wurde wieder lauter: ein Vogel rief, Blätter raschelten, irgendwo bellte ein Hund.

Auf dem Rückweg fühlte sich jeder Schritt leichter an. Nicht, weil er keine Macht mehr hatte – sondern weil er wusste, dass er sie nicht ständig beweisen musste.

Als er die Werkstatt erreichte, stand Meisterin Sorella in der Tür, die Hände in die Hüften gestemmt. „Deine Schuhe waren lange spazieren.“

Milo hielt kurz inne. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.

„Ja“, sagte er. „Und ich auch. Ich habe… etwas gelernt.“

Meisterin Sorella sah ihn an, lange. Dann fiel ihr Blick auf seinen Ärmel, als könnte sie das Silberlicht dahinter ahnen. „Gut“, sagte sie schließlich. „Dann fangen wir heute mit etwas ganz Verrücktem an.“

Milo schluckte. „Was denn?“

Sie lächelte, und in ihren Augen blitzte Wärme. „Wir öffnen zuerst die linke Schublade.“

Milo grinste. „Erst atmen, dann zaubern“, sagte er.

„Genau“, antwortete Meisterin Sorella. „Und wenn du wieder etwas schüttelst, was nicht geschüttelt werden soll—“

„—hole ich Hilfe“, sagte Milo schnell.

„Sehr gut.“ Sie trat zur Seite. „Komm rein. Die Welt ist groß genug für Magie. Aber nur, wenn wir ihr Grenzen geben.“

Milo ging hinein, und diesmal fühlte sich die Werkstatt nicht wie ein Ort voller Verbote an, sondern wie ein Ort voller Möglichkeiten – ordentlich eingerahmt, damit sie niemanden umwerfen konnten. Wie ein heller Kreis, in dem man sicher staunen durfte.

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Glasphiole
Ein kleines Glasgefäß, oft rund, in dem Flüssigkeiten oder Zauber aufbewahrt werden.
Grenzfaden
Ein dünner Faden, der jemanden an einen Ort oder eine Regel bindet.
Gargoyle
Eine steinerne Gestalt an alten Gebäuden, die oft wie ein Tier oder Dämon aussieht.
Reliquie
Ein alter, wichtiger Gegenstand, den Menschen vorsichtig aufbewahren.
Arkaden
Reihen von Bögen an einem Gebäude, oft mit einem überdachten Weg darunter.
Podest
Ein kleiner erhöhter Platz, auf dem etwas gezeigt oder gelegt wird.
Knotenpunkt
Ein Ort, an dem viele Wege oder Verbindungen zusammenkommen.
Begrenzung
Eine Grenze oder Regel, die zeigt, wo etwas endet oder nicht erlaubt ist.
Altruismus
Wenn jemand anderen hilft, ohne etwas dafür zurückzuwollen.
Kreide
Ein weiches, weißes Stück zum Malen auf Boden oder Tafeln, kurz haltbar.

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