Kapitel 1: Der stille Detektiv und das verschwundene Heft
Jonas Kern sprach selten laut. Er tat es nur, wenn ein Satz wirklich sitzen musste. Meistens hörte er zu. In der Stadtbibliothek klang das wie ein Vorteil: leise Schritte, leise Stimmen, leise Geheimnisse.
Als Frau Ehlers, die Bibliothekarin, ihn anrief, klang sie allerdings alles andere als leise. „Herr Kern, es ist weg! Einfach weg!“
Jonas kam zehn Minuten später, Mantelkragen hoch, Notizbuch in der Hand. In der Jugendabteilung stand Frau Ehlers zwischen Regalen, als hätte jemand den Boden weggezogen. Auf dem Tisch lag ein leerer Platz, sauber abgezeichnet im Staub.
„Was fehlt?“, fragte Jonas.
„Das blaue Projekt-Heft. Die sechste Klasse hat darin ihre Recherche gesammelt. Zitate, Fotos, sogar die handschriftlichen Interviews. Morgen ist die Präsentation.“ Frau Ehlers presste die Lippen zusammen. „Ohne das Heft… na ja. Kinder können grausam sein, wenn man vor der Klasse stottert.“
Jonas kniete sich hin, betrachtete den Tisch. „Hat jemand den Platz abgewischt?“
„Ich habe heute Morgen geputzt“, sagte Frau Ehlers. „Aber hier…“ Sie deutete auf eine feine Spur am Rand. „Das war danach.“
Jonas legte den Finger daneben, ohne zu berühren. Eine dünne, glitzernde Linie, als hätte jemand einen Sternenstaubfaden gezogen.
„Glitzer“, murmelte er. „Wer benutzt Glitzer in einer Bibliothek?“
„Bei uns? Eigentlich niemand.“ Frau Ehlers blinzelte. „Außer bei Bastel-AGs. Aber die sind im Nebenraum.“
Jonas richtete sich auf. „Wer war als Letztes hier am Tisch?“
Frau Ehlers zog eine Liste hervor. „Gestern Nachmittag: drei Kinder, die am Projekt gearbeitet haben. Und danach Herr Brandt, unser Hausmeister, hat kurz die Stühle gerückt. Und…“ Sie senkte die Stimme. „Ein Mann mit Kapuze. Er fragte nach einem Buch über Schlösser. Ich habe ihn bedient.“
Jonas notierte. „Die Kinder heißen?“
„Mira, Ali und Tom.“
Jonas nickte. „Dann höre ich mir erst ihre Versionen an. Und Sie“, er sah Frau Ehlers ruhig an, „denken bitte nach: Hat der Mann etwas gesagt, das nicht passte? Irgendein Detail.“
Frau Ehlers atmete aus. „Er hat… er hat sich bedankt. Sehr höflich. Aber seine Hände…“ Sie hob ihre eigenen, als hielte sie eine Erinnerung fest. „Sie waren voller Papierstaub.“
Jonas lächelte kaum sichtbar. „Papierstaub bekommt man nicht vom Lesen. Eher vom Reißen.“
Draußen rumpelte ein Fahrrad über Kopfsteinpflaster. Jonas ging zum Fenster. Auf dem Gehweg glitzerte etwas, winzig, im grauen Licht.
Er wusste: Das Heft war nicht einfach verschwunden. Jemand hatte es bewegt. Und wer etwas bewegt, hinterlässt Spuren.
Wenn du mitermitteln willst, merk dir zwei Dinge: Glitzerstaub am Tisch und Papierstaub an den Händen eines höflichen Mannes. Was könnte das bedeuten?
Kapitel 2: Drei Alibis und eine Lücke
Jonas traf die drei Sechstklässler im Lesecafé. Sie saßen dicht beisammen, als wären sie ein Team, das sich nicht trennen durfte.
Mira trug einen roten Hoodie, ihre Haare waren zu einem festen Knoten gebunden. Ali hatte einen Bleistift hinterm Ohr und eine Stirnfalte, als rechne er im Kopf. Tom, schmal und nervös, tippte mit dem Fuß.
Jonas setzte sich, ohne den Platz zu beanspruchen. „Ihr seid die Letzten, die mit dem blauen Heft gearbeitet haben.“
„Wir haben es in die Schublade gelegt“, sagte Mira sofort. „Wirklich.“
Ali nickte. „In die rechte. Unter den gelben Karteikarten.“
Tom hob die Hände. „Und wir sind direkt danach gegangen. Wir mussten zum Bus.“
Jonas legte sein Notizbuch auf den Tisch. „Sagt mir eure Zeiten. So genau wie möglich.“
Mira zog das Handy raus. „Wir haben um 16:10 aufgehört. Ali hat das Foto vom Inhaltsverzeichnis gemacht. Um 16:12.“ Sie zeigte Jonas das Bild.
Ali ergänzte: „Dann haben wir noch kurz diskutiert, ob wir das Interview mit dem Bäcker in die Einleitung nehmen. Um 16:15 sind wir raus.“
Tom schluckte. „Ich war… kurz auf Toilette. Dann bin ich hinterher.“
Jonas sah ihn an. „Wie lange?“
Tom rieb sich den Nacken. „Zehn Minuten? Vielleicht acht. Ich weiß nicht.“
„Wer hat in der Zeit auf das Heft aufgepasst?“, fragte Jonas.
Mira blinzelte. „Es war ja in der Schublade.“
„Schubladen sind keine Tresore“, sagte Jonas ruhig. „Wer war noch im Raum, als du zurückkamst, Tom?“
Tom runzelte die Stirn. „Da war… dieser Hausmeister. Er hat die Stühle so zusammengeschoben. Und eine Frau, die sehr still war. Sie hatte Kopfhörer. Sie hat niemanden angeschaut.“
„Eine reservierte Person“, wiederholte Jonas leise. „Hast du ihr Gesicht gesehen?“
Tom schüttelte den Kopf. „Nur die Kapuze und die Kopfhörer. Sie hat so getan, als wäre sie unsichtbar.“
Ali beugte sich vor. „Vielleicht hat sie es genommen!“
„Vielleicht“, sagte Jonas. „Oder jemand anders. Wir prüfen alles. Was habt ihr gestern nach der Bibliothek gemacht?“
Mira: „Ich war beim Training, 17:00 bis 18:30. Meine Trainerin kann das bestätigen.“
Ali: „Ich war bei meiner Oma. Sie hat mich abgeholt. Wir haben zusammen gekocht.“
Tom: „Ich… ich war zu Hause. Allein. Meine Eltern arbeiten.“
Jonas hielt kurz inne. Allein zu Hause war kein Alibi, nur eine Aussage.
„Ihr helft mir, ja?“, fragte Jonas. „Ich will die Wahrheit, nicht die bequemste Geschichte. Kooperation ist schneller als Verdächtigungen.“
Mira nickte langsam. „Wir helfen.“
„Gut. Dann eine Frage an euch alle: Wer wusste, dass das Heft in der rechten Schublade liegt?“
Ali zählte an den Fingern. „Wir drei. Frau Ehlers. Vielleicht Herr Brandt, weil er die Stühle gerückt hat.“
Mira ergänzte: „Und jeder, der uns beobachtet hat.“
Jonas notierte das Wort „beobachtet“. Dann schob er sein Notizbuch zu ihnen. „Schreibt mir auf, was im Heft besonders war. Etwas, das jemand unbedingt haben könnte.“
Ali schrieb sofort: „Wir haben ein altes Foto vom Rathaus gefunden. Mit einem geheimen Tunnel eingezeichnet. Aber das ist nur eine Legende.“
Tom schrieb langsamer: „Wir hatten ein Interview mit einem Mann, der meinte, im Keller gäbe es eine verschlossene Tür.“
Mira schrieb: „Und wir hatten einen Zeitungsausschnitt über einen Einbruch vor zehn Jahren.“
Jonas las die Zettel. Ein Heft voller Geschichten über versteckte Wege. Plötzlich klang „blaues Projekt-Heft“ nicht mehr nach Schulstress, sondern nach etwas, das Erwachsene interessieren konnte.
Und jetzt du: Was wirkt am verdächtigsten – der stille Kopfhörer-Mensch, der Hausmeister, oder jemand, der von den alten Tunneln wusste?
Kapitel 3: Hausmeister Brandt und die überprüfte Ausrede
Herr Brandt roch nach Werkzeug und Kaffee. Er stand im Flur der Bibliothek und hielt einen Schlüsselbund, der bei jeder Bewegung leise klirrte.
„Ich soll was gestohlen haben?“, knurrte er, bevor Jonas überhaupt die Frage stellte.
Jonas blieb ruhig. „Ich soll herausfinden, wer das Heft genommen hat. Nicht wer am lautesten beleidigt ist.“
Brandt zog die Augenbrauen hoch. Dann schnaubte er, fast wie ein Lachen. „Na gut. Ich war gestern da, ja. Frau Ehlers hat mich gebeten, die Stühle geradezurücken. Ich hab das gemacht, um… 16:30. Dann bin ich in den Keller, weil die Sicherung im Bastelraum gesponnen hat.“
Jonas blickte auf den Schlüsselbund. „Welche Sicherung?“
„Die für die Steckdosenleiste. Sonst fliegt bei der Heißklebepistole alles raus.“
„Gibt es ein Protokoll?“, fragte Jonas.
Brandt wedelte ab. „Ich schreib doch kein Buch über jede Sicherung.“
Jonas nickte, als würde er das akzeptieren. Dann fragte er: „Wer hat Sie im Keller gesehen?“
Brandt zögerte. „Niemand. Da ist ja keiner.“
„Dann ist es kein Alibi“, sagte Jonas. „Nur eine Geschichte.“
Brandt öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Seine Stirn wurde rot. „Sie glauben mir nicht.“
„Ich glaube an überprüfbare Fakten“, sagte Jonas. „Ich überprüfe Ihre Ausrede. Das ist mein Job.“
Brandt griff in seine Tasche, zog ein zusammengefaltetes Papier raus. „Hier! Ein Lieferschein. Ich hab um 16:42 ein Paket angenommen, vorne am Eingang. Der Fahrer kann's bestätigen.“
Jonas nahm das Papier. 16:42, Unterschrift: Brandt. Paket: Bastelmaterial. Inhalt: „Glitzerkleber, Silber“. Jonas sah hoch.
„Glitzerkleber“, sagte er. „Ist der gestern ausgelaufen?“
Brandt blinzelte. „Wieso?“
„Weil am Projekttisch Glitzerstaub ist.“ Jonas tippte auf den Lieferschein. „Und weil Glitzer nicht von allein wandert.“
Brandt kratzte sich am Kopf. „Der Karton war kaputt. Ein bisschen ist rausgerieselt. Ich hab ihn in den Bastelraum gebracht. Vielleicht hab ich was an den Händen gehabt.“
Jonas fragte: „Haben Sie danach die Stühle gerückt? Oder davor?“
Brandt stoppte, als wäre die Reihenfolge ein Stolperdraht. „Äh… erst Stühle. Dann Paket. Dann Keller.“
Jonas sah in Brandts Gesicht. Wer lügt, muss Reihenfolgen erfinden. Wer die Wahrheit sagt, erinnert sich eher an echte Geräusche, Gerüche, kleine Ärgernisse.
„Zeigen Sie mir den Karton“, sagte Jonas.
Im Bastelraum stand er: ein aufgeplatzter Karton, Silberglitzer überall wie gefrorener Regen. Daneben lagen Handschuhe.
„Benutzen Sie die Handschuhe?“, fragte Jonas.
„Manchmal“, sagte Brandt. „Wenn's klebt.“
Jonas nahm einen Handschuh, drehte ihn um. Innen: feiner, brauner Staub. Nicht Glitzer. Papier.
„Papierstaub“, sagte Jonas.
Brandt wurde still. „Das kommt von alten Kartons.“
„Oder von Papier, das gerissen wurde“, sagte Jonas. „Haben Sie gestern Papier zerrissen?“
Brandt schüttelte den Kopf zu schnell. „Nein.“
Jonas legte den Handschuh zurück. Er drängte nicht. Druck machte Menschen nur stur, und Sturheit machte Spuren unsichtbar.
„Ich komme später noch mal“, sagte Jonas. „Und noch etwas: Wenn Sie etwas wissen, helfen Sie mir lieber jetzt. Kooperation spart Ärger.“
Als Jonas den Raum verließ, hörte er hinter sich ein leises Klirren. Brandts Schlüsselbund. Ein nervöses Geräusch.
Du bist dran: Der Lieferschein erklärt den Glitzer. Aber was ist mit dem Papierstaub im Handschuh? Wo könnte der herkommen?
Kapitel 4: Die Reservierte mit den Kopfhörern
Am nächsten Tag saß Jonas im Lesesaal, als würde er selbst nur ein Buch suchen. Er beobachtete, wie Menschen ihre Sachen trugen: manche vorsichtig, manche hastig, manche so, als wären sie auf der Flucht vor Blicken.
Nach zwanzig Minuten kam sie. Kapuze, große Kopfhörer, ein Rucksack, der zu voll wirkte. Sie setzte sich in die Ecke, wo die Pflanzen die Fensterscheibe halb verdeckten.
Jonas stand langsam auf und ging hin, ohne direkt vor ihr zu stehen. Er stellte sich seitlich, damit sie nicht das Gefühl hatte, eingekesselt zu sein.
„Entschuldigung“, sagte er leise. „Darf ich kurz fragen, ob Sie gestern Nachmittag auch hier waren?“
Die Person zuckte zusammen, als hätte Jonas eine Saite berührt. Sie schob die Kopfhörer langsam vom Ohr. Ein schmales Gesicht kam zum Vorschein, wache Augen, aber ein Blick, der lieber an der Tischkante klebte.
„Vielleicht“, murmelte sie.
„Ich heiße Jonas Kern“, sagte Jonas. „Ich kläre etwas auf. Es fehlt ein Heft. Ich möchte nur wissen, ob Sie etwas gesehen haben.“
Sie presste die Lippen zusammen. Eine lange Sekunde. Dann: „Ich bin Leni. Ich… ich war hier.“
„Wo saßen Sie gestern?“
„Da.“ Sie zeigte auf den Platz neben dem Projekttisch.
Jonas setzte sich nicht. Er blieb stehen. „Haben Sie gesehen, wer an die Schublade ging?“
Leni zog die Schultern hoch. „Ich höre Musik. Dann sehe ich weniger.“
„Musik macht Dinge nicht unsichtbar“, sagte Jonas ruhig. „Aber sie macht es leichter, wegzuschauen.“
Leni atmete hörbar ein. „Ein Mann hat… er hat etwas genommen. Blau. Er hat es in eine Stofftasche gesteckt.“
„Wie sah er aus?“
„Kapuze. Bartstoppeln. Hände…“ Sie stockte. „Seine Hände waren ganz trocken. Als hätte er in Mehl gefasst.“
„Papierstaub“, sagte Jonas.
Leni nickte, kaum sichtbar. „Er hat so getan, als wäre er ein Besucher. Aber er hat nicht gelesen. Er hat geguckt, ob jemand guckt.“
Jonas wartete. Stille kann freundlich sein, wenn man sie lässt.
„Warum haben Sie nichts gesagt?“, fragte er schließlich.
Leni starrte auf ihre Finger. „Weil… ich nicht sicher war. Und weil Leute dann Fragen stellen. Viele Fragen.“
Jonas nickte. „Sie müssen nicht alles allein tragen. Wenn man zusammenarbeitet, wird es leichter.“
Leni hob den Blick, nur kurz. „Der Mann ist Richtung Keller gegangen. Oder… zumindest in die Richtung, wo die Treppe ist.“
Jonas' Gedanken klickten ineinander: Keller, Hausmeister, Schlüssel, Papierstaub.
„Danke, Leni“, sagte er. „Wenn Sie möchten, können Sie mir helfen. Nicht indem Sie laut werden. Sondern indem Sie aufmerksam bleiben.“
Sie zögerte. Dann griff sie in ihren Rucksack und holte etwas hervor: ein kleines, silbrig glitzerndes Körnchen auf einem Stück Klebeband.
„Das lag an meiner Jacke, als ich nach Hause kam“, sagte sie. „Ich hab's aufgehoben. Keine Ahnung warum.“
Jonas nahm das Klebeband vorsichtig. Glitzer. Silber.
„Das ist nicht nichts“, sagte Jonas. „Das ist ein Hinweis.“
Leni setzte die Kopfhörer wieder auf, aber sie wirkte weniger unsichtbar als vorher.
Jetzt kombinier: Jemand mit papierstaubigen Händen nimmt das Heft, geht Richtung Keller, und es gibt Silberglitzer. Wer hat Zugang zum Keller und zu Silberglitzer?
Kapitel 5: Die Geschichte kippt – mit einer zitternden Hand
Jonas stand im Kellerflur der Bibliothek. Neonlicht summte, Rohre liefen an der Decke entlang wie graue Adern. Es roch nach Beton und alten Kartons.
Herr Brandt kam ihm entgegen, als hätte er ihn erwartet. „Sie schon wieder.“
„Ich habe eine Frage“, sagte Jonas. „Gibt es hier unten einen Raum, in dem alte Zeitungen oder Akten lagern?“
Brandt zögerte einen Moment zu lange. „Da hinten. Archiv. Aber da darf keiner rein.“
„Sie dürfen rein“, sagte Jonas.
Brandt schnaubte. „Ich muss.“
Jonas zeigte auf Brandts Hand. Sie hielt den Schlüsselbund – und zitterte. Nicht viel. Aber genug, dass das Metall leise klapperte.
Jonas spürte, wie die Geschichte kippte. Bis jetzt war Brandt nur ein möglicher Verdächtiger gewesen. Jetzt war er ein Mann mit einer zitternden Hand. Zittern konnte Angst sein. Oder Wut. Oder Schuld.
Jonas ging nicht näher. „Herr Brandt“, sagte er. „Ich will nicht, dass jemand wegen eines Missverständnisses Ärger bekommt. Aber ich werde das Heft finden. Helfen Sie mir lieber, bevor die Polizei es tut.“
Brandt schluckte. Seine Augen wanderten zur Archiv-Tür.
„Ich hab's nicht…“ begann er, brach ab, begann neu. „Ich wollte nur… ich wollte nur Ordnung.“
„Ordnung wovor?“, fragte Jonas.
Brandt rieb sich über die Stirn. Glitzer funkelte dort wie ein schlechter Witz. „Vor Blödsinn. Vor Gerede. Diese Tunnelgeschichten. Die Kinder schreiben so was auf, und dann kommen wieder welche und wollen rein. Und wenn dann was passiert… raten Sie mal, wer schuld ist.“
Jonas dachte an die Zettel der Kinder: Tunnel, verschlossene Tür, alter Einbruch.
„Sie haben das Heft genommen, um es zu verstecken?“, fragte Jonas.
Brandt schüttelte den Kopf, aber das Zittern wurde stärker. „Nein! Ich… ich hab's gesehen. Ich hab ihn gesehen. Den Mann mit der Kapuze. Er war gestern schon mal hier. Er hat sich am Archiv zu schaffen gemacht.“
„Und Sie haben nichts gesagt“, stellte Jonas fest.
Brandt presste die Lippen zusammen. „Weil… weil ich dachte, ich krieg das allein hin. Ich wollte keinen Stress.“
Jonas' Stimme blieb ruhig. „Kooperation ist kein Stress. Kooperation ist Sicherheit.“
Brandt starrte auf seinen Schlüsselbund. Dann holte er tief Luft. „Er hat mir gedroht.“
„Wie?“
„Nicht mit einer Waffe“, sagte Brandt schnell. „Nur… mit Worten. Er meinte, er kenne Geschichten über mich. Blöde Geschichten. Dass ich früher mal Mist gebaut hätte.“ Brandt kniff die Augen zusammen. „War auch so. Vor Jahren. Nichts Großes. Aber es reicht, damit Leute gucken.“
Jonas nickte. Menschen wurden erpressbar, wenn sie allein blieben.
„Wo ist das Heft jetzt?“, fragte Jonas.
Brandt hob die zitternde Hand, zeigte auf die Archiv-Tür. „Da drin. Er hat's reingeschmissen, als ich ihn überrascht hab. Dann ist er weg. Ich hab die Tür abgeschlossen. Ich… ich wusste nicht, was ich tun soll.“
Jonas streckte die Hand aus, langsam. „Geben Sie mir den Schlüssel. Wir machen das zusammen.“
Brandt zögerte, dann legte er den Schlüssel in Jonas' Hand. Das Zittern hörte nicht sofort auf, aber es wurde kleiner, als hätte jemand eine Last etwas verschoben.
Im Archiv stapelten sich Kartons, Mappen, alte Plakate. Jonas fand nach kurzer Suche das blaue Heft, halb unter einem Stapel alter Stadtpläne. Auf dem Umschlag klebte Silberglitzer, als hätte jemand es mit einer glitzernden Hand angefasst.
„Er war's wirklich“, flüsterte Brandt.
„Wer?“, fragte Jonas.
Brandt rieb sich die Handflächen. „Der Mann heißt… ich kenne ihn nur vom Sehen. Er hängt manchmal am alten Rathaus rum. Alle nennen ihn ‚Falk‘.“
Jonas klappte das Heft nicht auf. Er steckte es in eine Plastikhülle, die er immer dabeihatte.
„Dann finden wir Falk“, sagte Jonas. „Aber diesmal nicht allein.“
Überleg mit: Brandt war nicht der Dieb, aber er hat geschwiegen. Warum? Und was verrät das Glitzer am Heft über den Weg des Diebs?
Kapitel 6: Die letzte Spur und ein ruhiger Wunsch
Jonas brachte zuerst das Heft zu Frau Ehlers. Mira, Ali und Tom waren auch da. Ihre Gesichter wechselten von Angst zu Erleichterung, als Jonas das blaue Heft auf den Tisch legte.
„Es ist da!“, rief Tom, und seine Stimme quietschte kurz, bevor er sich räusperte.
Jonas hob die Hand. „Nicht anfassen. Erst kurz prüfen.“
Er zeigte ihnen den Silberglitzer am Umschlag. „Das ist wichtig. Es bedeutet: Der Täter war in der Nähe von Glitzerkleber. Und wir wissen, wo es gestern Glitzerkleber gab.“
Ali blickte zu Frau Ehlers. „Bastelraum.“
„Genau“, sagte Jonas. „Und wir wissen noch etwas: Der Täter kannte den Kellerbereich oder hat ihn schnell gefunden.“
Mira verschränkte die Arme. „Also jemand, der oft hier ist.“
Jonas nickte. „Oder jemand, der nach Plänen sucht. Ihr habt im Heft über Tunnel geschrieben. Manche Erwachsene mögen solche Geschichten zu ernst nehmen.“
Frau Ehlers zog scharf die Luft ein. „Der Mann mit der Kapuze… der nach Schlössern fragte.“
Jonas drehte sich zu ihr. „Was hat er genau gefragt?“
„Nach einem Buch über alte Schlossmechanismen“, sagte sie. „Er meinte, er sammle historische Schlösser.“
„Und seine Hände waren voller Papierstaub“, erinnerte Jonas.
„Ja.“
Jonas schrieb zwei Worte in sein Notizbuch: „Falk – Schlösser“.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Tom, der nervös an seiner Jacke zupfte.
„Wir arbeiten zusammen“, sagte Jonas. „Ihr drei bleibt bei Frau Ehlers. Leni, wenn du da bist: Danke. Und Herr Brandt…“
Brandt stand in der Tür, als hätte er sich nicht getraut, reinzukommen. Jonas winkte ihn heran.
„Sie kommen mit mir“, sagte Jonas. „Nicht als Verdächtiger. Als Zeuge.“
Brandt schluckte. Dann nickte er.
Sie gingen zum alten Rathausplatz. Neben der Statue eines vergessenen Bürgermeisters stand ein Mann und drehte etwas Kleines zwischen den Fingern, als wäre es eine Münze. Kapuze, Bartstoppeln. Sein Blick sprang, suchte Fluchtwege.
Jonas blieb in einigem Abstand stehen. Er sprach nicht laut, aber klar. „Falk.“
Der Mann erstarrte. Dann lachte er kurz, zu kurz. „Kennen wir uns?“
„Sie waren in der Bibliothek“, sagte Jonas. „Sie haben ein Schulheft genommen und im Archiv versteckt. Auf dem Heft ist Silberglitzer vom Bastelmaterial. Und Ihre Hände hatten Papierstaub, weil Sie Seiten durchgeblättert und vielleicht etwas herausgerissen haben.“
Falk hob beide Hände, als wäre das ein Theaterstück. „Beweise?“
Jonas zeigte auf Brandt. „Ein Zeuge.“
Brandt atmete schwer, aber er blieb stehen. Seine Hand zitterte noch ein wenig, doch seine Stimme war fest genug. „Ich hab dich gesehen. Und ich hab dich nicht mehr allein im Dunkeln. Nicht diesmal.“
Falks Blick huschte. Dann sank seine Schulter ein Stück, als würde Luft entweichen. „Ich wollte nur wissen, wo dieser Tunnel sein soll“, murmelte er. „Ich dachte, da liegt was. Etwas Wertvolles.“
„In einem Schulheft?“, fragte Jonas.
Falk verzog den Mund. „Manchmal steht das Wichtigste da, wo niemand sucht.“
Jonas nickte langsam. „Und manchmal zerstört man dabei das Wichtigste: Vertrauen.“
Falk sah weg. Jonas griff nicht nach ihm. Er brauchte keine dramatische Szene. Er zog sein Telefon heraus, rief die Polizei, erklärte ruhig die Lage. Falk blieb stehen. Vielleicht, weil Brandt da war. Vielleicht, weil Jonas' Ruhe wie eine Wand war.
Später, als die Sache aufgenommen war und das Heft wieder bei den Kindern lag, saßen Jonas, Frau Ehlers, Brandt und die drei Schüler im Lesecafé. Leni stand ein paar Schritte entfernt, Kopfhörer um den Hals, als wäre sie bereit, notfalls wieder unsichtbar zu werden.
Mira schob Brandt einen Kakao hin. „Danke“, sagte sie, etwas steif, aber ehrlich.
Brandt räusperte sich. „Tut mir leid, dass ich… nicht gleich was gesagt hab.“
Ali nickte. „Ist besser, wenn man's zusammen macht.“
Tom grinste. „Zusammen ist sogar weniger gruselig.“
Jonas sah zu Leni. „Du auch. Danke.“
Leni zuckte, aber ihre Augen wurden weich. „Gern.“
Draußen begann es zu schneien, ganz fein. Kein Glitzer, echter Schnee. Jonas hielt sein Notizbuch geschlossen, als wäre der Fall darin sicher verstaut.
Frau Ehlers fragte: „Und was wünschen Sie sich jetzt, Herr Kern? Nach all dem?“
Jonas dachte einen Moment nach. Dann sagte er, ganz ruhig: „Dass die, die sich verstecken, jemanden finden, dem sie vertrauen können. Und dass niemand mehr glaubt, er müsse allein mutig sein.“
Der Wunsch hing still in der warmen Luft, wie eine Seite, die nicht umgeblättert werden muss, weil man sie verstanden hat.