Kapitel 1: Das verschwundene Bild
Jonas war zehn, hatte eine Lupe in der Hosentasche und die feste Meinung, dass jeder Hof ein bisschen wie ein Geheimversteck ist. Der Innenhof seines Mietshauses roch nach nasser Erde und warmem Stein. Zwischen den Mülltonnen standen drei kleine Bäume, und an der Wand hing ein schwarzes Brett mit Zetteln: „Katze gesucht“, „Fahrrad zu verkaufen“, „Bitte keine Kippen“.
An diesem Nachmittag klopfte Frau Krüger aus dem Erdgeschoss an Jonas' Tür. Sie trug ihre gelbe Strickjacke und sah aus, als hätte ihr jemand den Kuchenboden geklaut.
„Jonas“, sagte sie leise, „mein Bild ist weg.“
„Welches Bild?“ Jonas' Augen wurden groß. Ein Fall! Direkt vor seiner Nase!
„Das Porträt von meinem Mann. Ein gezeichnetes. Es hing im Flur neben meinem Schirmständer. Heute Morgen war es noch da. Jetzt… nichts.“
Jonas stellte sich das Bild vor: ein Gesicht, sorgfältig gezeichnet, vielleicht mit freundlichen Augen. Einfach verschwunden. Kein Lärm, keine Scherben. Nur ein leerer Nagel.
„Ich helfe“, sagte Jonas sofort. „Ich bin… na ja, ich übe Detektiv.“
Frau Krüger atmete aus. „Bitte. Aber freundlich bleiben. Ich will keinen Ärger im Haus.“
„Respekt ist mein zweiter Vorname“, sagte Jonas. Das stimmte nicht. Er hieß Jonas Neumann. Aber es klang gut.
Im Flur von Frau Krüger zeigte sie auf die helle Stelle an der Tapete, wo das Bild gehangen hatte. Der Nagel wackelte.
Jonas beugte sich vor. Auf dem Boden lag etwas Winziges, das im Licht glitzerte: ein Krümelchen blauer Kreide.
„Hm“, murmelte Jonas. „Haben Sie hier mit Kreide gemalt?“
„Nein“, sagte Frau Krüger. „Ich male gar nicht. Nur Strickmuster.“
Jonas nickte. In seinem Kopf klickte ein kleines Zahnrad. Kreide passte eher zu Kindern. Oder zu Leuten, die Markierungen machen.
„Wer war heute im Hausflur?“ fragte Jonas.
Frau Krüger zählte an den Fingern ab. „Der Paketbote. Dann Herr Yilmaz mit seinem Hund. Und… die Kinder aus dem zweiten Stock sind am Vormittag raus und rein gerannt.“
„Danke“, sagte Jonas. „Ich schaue zuerst im Hof. Manchmal führt eine Spur nach draußen.“
Als Jonas die Haustür öffnete, blinzelte ihn die Sonne an. Im Hof war es laut: ein Ball sprang, irgendwo klapperte eine Gießkanne. Jonas atmete tief durch. Ein ganz normaler Hof. Und genau das machte ihn so verdächtig.
Kapitel 2: Spuren im Innenhof
Im Hof saß Mila auf der niedrigen Mauer neben dem Fahrradständer. Mila war neun, hatte schnelle Gedanken und eine ruhige Stimme. Sie war Jonas' beste Mit-Ermittlerin, auch wenn sie das Wort „Mit“ unnötig fand.
„Du guckst so, als hättest du eine Idee gefressen“, sagte sie.
„Frau Krügers Porträt ist verschwunden“, flüsterte Jonas. „Und ich habe blaue Kreide gefunden.“
Mila sprang sofort von der Mauer. „Kreide? Hier ist doch überall Kreide. Schau.“ Sie zeigte auf den Asphalt. Dort war ein Hüpfkästchen gemalt, und daneben ein riesiger Smiley, dem ein Auge fehlte.
Jonas kniete sich hin. Zwischen den bunten Linien entdeckte er etwas anderes: eine Reihe kurzer, blauer Striche, wie kleine Pfeile, die Richtung Mülltonnen zeigten.
„Siehst du das?“ fragte Jonas.
Mila beugte sich vor. „Das sieht nicht nach Spielen aus. Eher wie… eine geheime Wegbeschreibung.“
Sie gingen an den Tonnen vorbei. Es roch nach Apfelschalen und Waschmittel. Hinter den Tonnen war eine schmale Ecke, die man vom Hof aus kaum sah. Dort lag ein Stück braunes Packpapier und ein dünnes Band, wie von einem Geschenk.
Jonas hob das Band auf. „Das könnte vom Bilderrahmen sein. Oder vom Aufhängen.“
Mila deutete auf den Zaun zur kleinen Gartenparzelle. „Da ist noch ein Strich. Und da. Wie eine Spur.“
Die Spur führte zu dem Platz, wo oft die Leute ihre Sperrmüll-Sachen kurz hinstellten: ein wackeliger Stuhl, ein Karton, ein alter Teppich. Heute stand dort ein großer Pappkarton mit der Aufschrift „GLAS – VORSICHT“.
„Vielleicht hat jemand das Bild eingepackt“, sagte Jonas.
„Oder versteckt“, ergänzte Mila.
Jonas räusperte sich. „Regel Nummer eins: nichts anfassen, was nicht uns gehört. Wir fragen.“
Gerade kam Herr Yilmaz mit seinem Hund Bubi um die Ecke. Bubi war klein, schnell und tat so, als wäre er ein Löwe.
„Hallo ihr zwei“, sagte Herr Yilmaz. „Warum schleicht ihr so?“
Jonas erklärte kurz den Fall. Ohne Drama, aber spannend genug, dass Mila zufrieden nickte.
Herr Yilmaz kratzte sich am Bart. „Ein Bild? Ich habe heute nur gesehen, dass jemand etwas Großes aus dem Haus getragen hat. So gegen elf. Ich dachte, es ist ein Spiegel.“
„Wer war es?“ fragte Jonas.
„Ich habe nur die Mütze gesehen. Rot. Und eine große Tasche. Der Hund wollte schnuppern, aber ich habe ihn zurückgezogen.“
Mila hob die Augenbrauen. „Eine rote Mütze…“
Jonas dachte an die Kinder aus dem zweiten Stock. Einer von ihnen, Tim, trug oft eine rote Mütze. Aber Jonas wollte nicht einfach rufen: „Der war's!“ Detektive raten nicht. Sie prüfen.
„Danke, Herr Yilmaz“, sagte Jonas höflich. „Wenn Ihnen noch was einfällt, sagen Sie es uns bitte.“
Sie gingen weiter, den blauen Strichen nach. Die Spur endete plötzlich vor dem Kellerfenster. Dort war der Asphalt sauber, als hätte jemand mit dem Ärmel drüber gewischt.
Mila zeigte auf Jonas' Knie. „Du hast Kreide am Hosenbein.“
Jonas schaute hin. Tatsächlich, ein blauer Striemen. „Dann war ich gerade auf der richtigen Spur.“
„Und jemand hat sie wegradiert“, sagte Mila.
Jonas spürte ein Kribbeln. Jemand wollte nicht, dass man den Weg findet. Das machte alles… noch spannender.
Kapitel 3: Verdächtige und ein Porträt
Zurück im Treppenhaus hörten Jonas und Mila Stimmen aus dem zweiten Stock. Kinderlachen, dann ein „Pssst!“. Jonas hob die Hand. „Leise.“
Vor der Wohnungstür stand Tim, der Junge mit der roten Mütze. Neben ihm seine kleine Schwester Alina, die immer zu laut flüsterte.
„Was macht ihr hier?“ fragte Tim, als er Jonas sah. Seine Stimme war ein bisschen zu hoch. Das war entweder Angst… oder er hatte gerade zu viel Apfelschorle getrunken.
„Wir ermitteln“, sagte Mila, als wäre das das Normalste der Welt. „Frau Krügers Porträt ist weg.“
Alina riss die Augen auf. „Das Bild mit dem netten Opa?“
„Das ist ihr Mann“, sagte Jonas schnell. „Und ja. Es ist verschwunden. Habt ihr was gesehen?“
Tim zog die Mütze tiefer. „Ich? Nö.“
Jonas schaute nicht auf Tims Mütze. Er schaute auf Tims Hände. Da war blauer Staub an den Fingerspitzen.
„Tim“, sagte Jonas ruhig, „du hast Kreide an den Händen.“
Tim machte die Hände zu Fäusten. „Ich hab draußen gemalt.“
Mila verschränkte die Arme. „Die Striche im Hof waren keine Hüpfspiele. Das war ein Weg. Warum?“
Alina platzte heraus: „Weil wir das Bild retten wollten!“
Tim stöhnte. „Alina!“
Jonas hob beide Handflächen. „Okay. Langsam. Keiner ist hier böse. Erzählt von vorne. Und bitte respektvoll über Frau Krüger. Sie macht sich Sorgen.“
Tim atmete einmal tief ein. Dann nickte er. „Wir haben gestern gehört, wie zwei ältere Jungs im Hof gesagt haben: ‚Die alte Frau mit dem Bild, das kann man bestimmt verkaufen.‘ Sie haben gelacht. Alina hat Angst bekommen.“
Alina nickte heftig. „Die hatten so schmutzige Turnschuhe. Und die haben auf den Boden gespuckt.“
Mila verzog das Gesicht. „Unhöflich.“
Tim fuhr fort: „Heute Morgen habe ich Frau Krügers Tür kurz offen gesehen. Sie war im Keller, glaube ich. Da dachte ich… wir könnten das Bild kurz wegbringen. In Sicherheit. Nur für heute.“
Jonas' Bauch machte einen kleinen Knoten. „Ihr habt es genommen?“
Tim nickte, plötzlich ganz klein. „Ich wollte es später wieder hinhängen. Aber dann… ist was schiefgelaufen.“
„Was?“ fragte Mila.
Tim zeigte auf den Keller. „Ich hab's in Papier gewickelt und nach unten getragen. Ich hab blaue Kreide benutzt, um mir den Weg zu merken, damit ich nicht aus Versehen in den falschen Kellerraum gehe. Dann kam der Hausmeister. Ich hab mich erschreckt, bin schnell ins Hofeck hinter die Tonnen und hab die Spur weiter gemacht.“
Jonas erinnerte sich an das Packpapier und das Band. Das passte.
„Und dann?“ fragte Jonas.
Tim schluckte. „Im Kellerflur war es dunkel. Ich hab das Paket kurz abgestellt. Nur kurz. Als ich es wieder nehmen wollte, war es weg.“
Mila pfiff leise. „Also hat jemand es dir abgenommen.“
Alina wimmerte: „Wir wollten doch nur helfen.“
Jonas atmete aus. „Ihr hättet Frau Krüger zuerst fragen sollen. Aber… ich glaube euch, dass ihr nichts Gemeines wolltet.“
Tim sah auf. „Kriegen wir Ärger?“
„Das kommt drauf an, ob wir das Bild wiederfinden“, sagte Mila. „Und ob ihr die Wahrheit sagt.“
Tim nickte schnell. „Ich sage alles!“
Jonas dachte nach. Jemand hat im Kellerflur ein eingepacktes Bild gesehen und mitgenommen. Vielleicht, weil er dachte, es ist Sperrmüll. Oder weil er es wirklich verkaufen wollte. Beides war möglich.
„Wir müssen in den Keller“, sagte Jonas. „Und diesmal fragen wir vorher.“
Kapitel 4: Der Keller und die falsche Spur
Frau Krüger kam mit, weil Jonas meinte: „Es ist Ihr Bild. Sie sollen dabei sein.“ Das fand Mila richtig. Respekt, dachte Jonas zufrieden. Sie nahmen auch Tim und Alina mit, damit sie zeigen konnten, wo alles passiert war.
Der Keller roch nach Kartoffeln, Waschpulver und einem Hauch Geheimnis. Neonlicht flackerte, als würde es sich nicht entscheiden können, ob es an sein will.
Tim zeigte auf den Flur. „Hier stand es. Da, neben dem Feuerlöscher.“
Jonas kniete sich hin. Auf dem Boden war ein blauer Kreideschatten. Als hätte jemand mit einem feuchten Lappen darüber gewischt, aber nicht gründlich. Die Spur war… fast weg.
„Hier wurde gewischt“, flüsterte Mila. „Jemand wollte die Kreide wegmachen.“
„Oder der Hausmeister“, sagte Jonas. „Der wischt oft.“
Frau Krüger schob ihre Brille hoch. „Unser Hausmeister, Herr Brandt, mag Ordnung. Aber er ist nicht heimlich.“
Sie hörten Schritte. Herr Brandt kam um die Ecke, mit einem Eimer in der Hand. Auf seinem T-Shirt stand „Sauber ist super“.
„Na, was macht ihr denn hier unten?“ fragte er.
Jonas erklärte es so kurz wie möglich. Herr Brandt runzelte die Stirn.
„Ein Paket mit einem Bild? Ich habe heute Vormittag tatsächlich ein Paket gesehen. Ich dachte, jemand hat Sperrmüll runtergebracht. Ich habe es in den Sperrmüllraum gestellt. Damit es nicht im Weg liegt.“
„Welcher Raum?“ fragte Frau Krüger schnell.
Herr Brandt zeigte auf eine Tür mit dem Schild „Sperrmüll (bitte ordentlich)“. „Da drin. Aber… vorhin hat jemand den Raum ausgeräumt. Die Stadt kommt morgen. Da war ein Mann mit Transporter, der alte Sachen abholt.“
Jonas' Herz machte einen Sprung. „Ein Transporter? Wann?“
„Vor einer Stunde“, sagte Herr Brandt. „Ich dachte, das ist abgesprochen. Er hatte sogar eine Liste.“
Mila verzog das Gesicht. „Eine Liste kann jeder schreiben.“
Tim wurde blass. „Dann ist das Bild weg. Für immer.“
„Noch nicht“, sagte Jonas fest. „Detektive geben nicht auf. Wir brauchen Hinweise: Wie sah der Mann aus?“
Herr Brandt kratzte sich am Kopf. „Mittelgroß. Blaue Jacke. Und er hat ständig geniest. Als hätte er Staub in der Nase.“
Frau Krüger hob die Hand vor den Mund. „Herrn Ziegler! Der aus dem Hinterhaus. Der sammelt alte Möbel. Und er niest immer, weil er gegen Staub allergisch ist.“
„Und hat er einen Transporter?“ fragte Jonas.
„Ja“, sagte Frau Krüger. „Einen grauen.“
Mila nickte. „Das klingt weniger nach Dieb und mehr nach… Missverständnis.“
Jonas schaute zu Tim. „Siehst du? Du bist nicht allein schuld. Aber du musst trotzdem lernen: Fragen ist besser als heimlich retten.“
Tim nickte, die rote Mütze wackelte. „Ich weiß.“
Sie gingen nach draußen in den Hof. Der Himmel war heller geworden, und auf dem Asphalt waren die Kreidespiele noch da. Aber die blauen Striche wirkten jetzt wie eine freche Geheimschrift.
„Wo wohnt Herr Ziegler?“ fragte Jonas.
Frau Krüger zeigte auf das Hinterhaus. „Erdgeschoss. Dort mit den vielen Pflanzen im Fenster. Er ist nett, aber ein bisschen… chaotisch.“
„Chaotisch ist nur ein anderes Wort für ‚hat viele Sachen‘“, murmelte Mila.
Sie gingen hinüber. Tim blieb einen Schritt hinter Jonas, als würde er sich am liebsten unsichtbar machen.
Jonas klingelte. Es dauerte. Dann hörten sie ein Poltern, ein „Aua!“, und schließlich öffnete Herr Ziegler. Seine Haare standen wie ein Besen. Hinter ihm stapelten sich Kisten, Stühle und ein Teppich, der aussah wie ein riesiges Keksstück.
„Ja bitte?“ fragte er und nieste sofort. „Hatschi!“
Jonas blieb höflich. „Guten Tag. Wir suchen ein eingepacktes Porträt. Ein Bild in Papier. Es wurde heute im Keller in den Sperrmüllraum gestellt.“
Herr Ziegler blinzelte. „Oh! Das Paket! Ich habe einiges abgeholt, ja. Ich dachte, das kommt weg. Ich bringe Sachen oft zum Reparieren oder Verschenken. Moment.“
Er verschwand zwischen Kisten. Man hörte Rascheln, noch ein Niesen und ein „Wo bist du denn, du freches Ding?“
Jonas und Mila sahen sich an. Das klang gut. Zu gut?
Dann kam Herr Ziegler zurück. In seinen Händen: das braune Packpapier. Aber es war… leer.
„Tja“, sagte er. „Das Papier habe ich. Aber das Bild… ist nicht mehr drin.“
Frau Krüger wurde ganz still.
Jonas spürte, wie der Fall plötzlich wieder schwer wurde. Ein leeres Papierpaket. Das war wie ein Schokoriegel ohne Schokolade.
„Wann haben Sie es geöffnet?“ fragte Mila.
„Vorhin im Hof“, sagte Herr Ziegler. „Ich wollte schauen, ob es Glas ist. Da kam ein Windstoß. Das Papier flog auf, ich hielt es fest, und… na ja. Wenn da ein Bild drin war, muss es rausgerutscht sein.“
„Im Hof?“ fragte Jonas. „Dann könnte es dort liegen!“
Herr Ziegler hob beide Hände. „Ich habe gesucht. Ich schwöre. Aber ich habe nichts gefunden. Vielleicht hat es jemand gleich aufgehoben.“
Jonas sah den Innenhof vor sich. So viele Ecken. So viele Füße, die etwas wegkicken könnten. Und irgendwo war eine Spur… fast weggewischt.
„Dann gehen wir zurück“, sagte Jonas. „Und diesmal suchen wir, als wären wir Stauballergiker auf der Suche nach einem Taschentuch.“
Herr Ziegler musste lachen und nieste dabei. „Hatschi! Gutes Bild.“
Kapitel 5: Die Spur, die verschwindet
Im Hof kniete Jonas neben dem Hüpfkästchen. Mila schaute unter die Bank. Tim und Alina suchten bei den Bäumen. Frau Krüger stand am Rand und hielt ihre Hände fest ineinander, als würde sie das Bild dadurch herbeizaubern.
Jonas dachte wie ein Detektiv: Wenn das Porträt aus dem Papier gerutscht ist, wohin konnte es gleiten? Der Asphalt war leicht schräg. Jonas legte eine Kastanie auf den Boden. Sie rollte langsam Richtung Kellerfenster-Ecke.
„Da entlang!“ rief Jonas.
Sie gingen zur Ecke, wo die Kreidespur endete. Dort war der Boden sauberer als überall sonst. Fast zu sauber. Als hätte jemand absichtlich gewischt. Jonas beugte sich hin. An der Wand war ein feuchter Streifen.
„Hier war Wasser“, sagte Mila.
„Oder jemand hat mit einem nassen Schwamm… Kreide entfernt“, sagte Jonas. Er erinnerte sich: Die Spur war weggewischt. Nicht nur draußen, auch im Keller.
Tim trat nervös von einem Fuß auf den anderen. „Ich hab's nicht weggewischt.“
„Ich glaube dir“, sagte Jonas. „Aber jemand war hier.“
Alina zeigte auf den Wasserhahn für den Garten. Daneben stand ein Eimer.
„Der Eimer ist von Frau Sommer“, sagte sie. „Die putzt immer alles. Auch Dinge, die schon sauber sind.“
Mila grinste. „Superkraft: Überputzen.“
Jonas ging zum schwarzen Brett. Dort hing ein neuer Zettel, noch ganz frisch: „MAL-CLUB IM HOF – HEUTE 16 UHR – KREIDE UND PAPIER“. Darunter: „Bitte Boden danach abwischen (Respekt für alle). Frau Sommer.“
„Kreide. Papier. Abwischen“, las Jonas laut. „Das passt.“
„Frau Sommer hat vielleicht die Kreidespur weggewischt, weil sie den Hof sauber machen wollte“, sagte Mila. „Und dabei… vielleicht etwas gefunden.“
Frau Krüger fasste sich ein Herz. „Dann fragen wir sie freundlich.“
Frau Sommer wohnte im ersten Stock, Fenster zum Hof. Als Jonas klingelte, öffnete sie sofort. Sie trug Gummihandschuhe, obwohl sie gerade keine Putzsachen in der Hand hatte. Das war beeindruckend.
„Ja?“ fragte sie streng.
Jonas lächelte so nett, dass seine Wangen weh taten. „Guten Tag, Frau Sommer. Wir suchen ein Porträt, das vielleicht im Hof aus einem Papierpaket gerutscht ist. Haben Sie zufällig etwas gesehen oder aufgehoben?“
Frau Sommer hob eine Augenbraue. „Ein Porträt? Hm. Ich habe vorhin tatsächlich etwas Papieriges vom Boden aufgehoben. Es lag fast in einer Pfütze. Ich dachte, ein Kind hat sein Zeichenblatt verloren.“
Frau Krügers Gesicht hellte sich auf. „War es… ein Bild von einem Mann? Gezeichnet?“
Frau Sommer nickte langsam. „Ja. Ein freundliches Gesicht. Ich habe es schnell trocken gewischt und…“ Sie zögerte. „…ich habe es in den Flur gelegt, an den Tisch beim Briefkasten. Damit jemand es abholt.“
Jonas sah Mila an. Der Tisch beim Briefkasten! Da lief jeder vorbei.
„Sind Sie sicher, es liegt noch da?“ fragte Jonas.
Frau Sommer schüttelte den Kopf. „Ich war danach nicht mehr unten. Und ich habe den Hof gewischt. Kreide überall. Man muss auch an die älteren Leute denken, die ausrutschen könnten.“
„Das ist respektvoll“, sagte Jonas ehrlich. „Danke.“
Sie rannten nicht. Jonas wollte nicht, dass Frau Krüger außer Atem geriet. Also gingen sie schnell, aber ordentlich. Im Treppenhaus klangen ihre Schritte wie eine Trommel, die „Bitte sei da“ spielte.
Unten beim Briefkasten stand der kleine Tisch. Darauf lagen Werbeprospekte, ein Schlüsselbund, ein Handschuh. Aber kein Porträt.
Frau Krüger sank auf die Bank neben der Tür. „Oh nein.“
Jonas starrte auf den Tisch. Da war ein heller, rechteckiger Abdruck im Staub. Ein Bild hatte dort gelegen. Vor kurzem. Und jemand hatte es mitgenommen.
Mila tippte auf den Boden. „Hier. Eine Spur.“
Jonas beugte sich hin. Ein dünner, feuchter Streifen führte von der Tischkante Richtung Ausgang. Als hätte ein nasses Papier kurz den Boden berührt.
„Es war noch ein bisschen feucht“, flüsterte Jonas. „Und jemand hat es rausgetragen.“
Tim schluckte. „Die zwei älteren Jungs?“
„Vielleicht“, sagte Jonas. „Oder jemand, der es schützen wollte. Oder jemand, der dachte, es ist Müll.“
Frau Krüger hob den Kopf. „Ich möchte nicht, dass ihr euch streitet oder jemanden beschuldigt, ohne sicher zu sein.“
Jonas nickte. „Machen wir nicht.“
Sie folgten dem feuchten Streifen bis zur Haustür. Dort… hörte er einfach auf. Keine Tropfen mehr. Kein Abdruck. Draußen war der Wind. Im Hof war Kreide. Und die Spur war weg.
Jonas stand still. Das war der Moment, in dem ein Detektiv tief denken muss. Und der Leser auch.
Wenn du Jonas wärst: Wer könnte ein feuchtes Porträt vom Tisch genommen haben, ohne böse Absicht? Wer ist oft im Treppenhaus, mag Ordnung, und trägt vielleicht Dinge weg, damit sie „richtig“ sind?
Jonas drehte sich langsam um und sah auf das Schild neben dem Keller: „Fundkiste – bitte abgeben, nicht liegen lassen“. Daneben hing ein Schlüssel an einem Haken. Und darunter ein kleines Notizbuch.
Mila las: „Hausmeister Brandt – Fundliste“.
Jonas klopfte an die Kellertür. „Herr Brandt?“
Der Hausmeister kam heraus, diesmal ohne Eimer. „Ja?“
Jonas zeigte auf die Fundliste. „Haben Sie ein Porträt gefunden? Frau Sommer hat es unten hingelegt.“
Herr Brandt wurde rot. „Oh! Ja, stimmt. Ich dachte, das gehört zu den Fundsachen. Ich wollte es oben im Büro ablegen, damit es nicht verloren geht. Dann kam ein Anruf, und ich…“ Er rieb sich die Stirn. „Ich habe es kurz in den Sperrmüllraum gelegt, weil ich die Hände frei brauchte. Nur kurz!“
Frau Krüger sprang auf. „Schon wieder der Sperrmüllraum?“
Herr Brandt nickte beschämt. „Und danach habe ich den Boden gewischt. Die Kreidespuren und das Wasser… ich wollte, dass niemand ausrutscht. Tut mir leid.“
Jonas und Mila tauschten einen Blick. Das erklärte vieles: das Wischen, die verschwundenen Kreidespuren, die feuchten Streifen. Aber wo war das Bild jetzt?
„Herr Brandt“, fragte Jonas ruhig, „ist der Sperrmüllraum noch abgeschlossen?“
Herr Brandt zog den Schlüssel hervor. „Ja.“
Sie gingen hinein. Der Raum war fast leer. Nur ein alter Stuhl stand da, und eine einzelne Pappplatte lehnte an der Wand.
Jonas trat näher. Hinter der Pappplatte war etwas Flaches.
Frau Krüger hielt den Atem an.
Jonas zog die Platte vorsichtig weg. Dahinter lag, sauber an die Wand gelehnt, das Porträt. Der Rahmen war heil. Das Gesicht darauf lächelte freundlich, als hätte es die ganze Zeit gewusst, dass es gefunden wird.
Frau Krüger nahm das Bild mit beiden Händen. Ihre Augen glänzten. „Da bist du ja.“
Tim atmete so laut aus, dass sogar Bubi draußen wahrscheinlich kurz still wurde.
Herr Brandt kratzte sich am Kopf. „Ich habe es dort hingestellt, damit es nicht umkippt. Und dann… habe ich die Spur weggewischt.“ Er seufzte. „Und damit habe ich euch verwirrt.“
Jonas grinste. „Eine Spur, die am Ende gelöscht wird. Das ist fast wie in einem richtigen Krimi.“
Mila nickte. „Nur ohne Bösewicht. Eher mit… zu viel Helfen auf einmal.“
Frau Krüger sah Tim und Alina an. „Ihr wolltet mich schützen. Das ist lieb. Aber nächstes Mal sagt ihr es mir, ja?“
Tim nickte. „Ja. Ich verspreche es.“
Alina schaute das Porträt an. „Der Mann sieht wirklich nett aus.“
Frau Krüger lächelte. „Das war er auch.“
Als sie wieder im Flur standen, war der Boden sauber und trocken. Keine Kreidespur mehr. Kein feuchter Streifen. Der Fall war gelöst, und die letzte Spur war weggewischt.
Jonas steckte seine Lupe in die Tasche. „Manchmal“, sagte er zu Mila, „endet ein Rätsel nicht mit einer großen Explosion, sondern mit einem Lappen und guter Absicht.“
Mila lachte. „Detektivregel Nummer zwei: Erst denken. Dann wischen.“
Und Jonas fand, das war eine Regel, die man sich merken konnte.