Kapitel 1: Die Dichterin mit dem Popcorn-Reim
Mina war neun, trug immer einen Stift hinterm Ohr und hatte eine Fantasie, die manchmal schneller rannte als ihr Fahrrad. Heute rannte sie direkt in den Open-Air-Kinohof, wo eine große, weiße Leinwand zwischen zwei Kastanien hing wie ein gespanntes Bettlaken für Riesen.
„Hier riecht's nach Abenteuer und nach…“ Mina schnupperte. „…Popcorn.“
„Und nach meinen neuen Socken!“ rief Ben und streckte seinen Fuß vor. Ben war Minas bester Freund und fand alles lustig, was man wackeln, werfen oder aus Versehen umstoßen konnte.
„Die Socken riechen eher nach… mutigem Käse“, sagte Lili trocken. Lili war die ordentliche Freundin, die Pflaster, Haargummis und Ersatzpläne in ihrer Tasche hatte. Wenn Chaos eine Wolke war, war Lili der Regenschirm.
„Pssst! Der Toncheck!“ flüsterte Kofi. Kofi war ruhig, aber seine Augen waren immer wach, als hätte er in seinem Kopf eine kleine Taschenlampe an. Er konnte Dinge reparieren, die andere nicht mal als Dinge erkannten.
Mina klappte ihr kleines Notizbuch auf. „Ich schreibe ein Gedicht über heute. Hört zu:
‚Kino im Freien, Sterne im Kleid—‘“
„—Socken im Wind, Popcorn bereit!“ ergänzte Ben sofort.
Mina lachte. „Okay, das ist… überraschend gut.“
Sie setzten sich auf die knisternden Decken. Hinter ihnen klapperten Becher. Vor ihnen glühte die Leinwand noch leer, aber die Luft war schon voll von Kichern, Flüstern und dem leisen Summen der Lautsprecher.
Da kam Frau Dammann, die Kino-Chefin, mit einem Klemmbrett. „Kinder, kurze Frage: Hat jemand das… äh… Erinnerungsbuch gesehen?“
„Erinnerungsbuch?“ wiederholte Mina. Ihr Stift zuckte.
„Unser Gästebuch“, sagte Frau Dammann. „Da unterschreiben alle: ‚Ich war hier!‘ Und heute Abend soll es am Eingang liegen. Aber… es ist weg.“
Ben riss die Augen auf. „Weg wie… weg weg? Oder weg wie… es versteckt sich, weil es schüchtern ist?“
Frau Dammann seufzte. „Weg wie… nicht da.“
Mina stellte sich vor, wie ein Buch auf kleinen Papierbeinchen davonschlich. Das war so albern, dass es vielleicht wahr sein konnte. „Keine Sorge“, sagte sie und klappte ihr Notizbuch zu. „Wir finden es. Wir sind… das Team Popcorn-Poeten!“
„Team… was?“ fragte Lili.
„Popcorn-Poeten“, wiederholte Ben begeistert. „Mit Käse-Socken!“ Er wedelte noch mal.
„Oh nein“, murmelte Kofi, aber er lächelte dabei.
Kapitel 2: Die Spur des flauschigen Unfugs
Sie schlichen – na gut, sie gingen ziemlich normal, aber Mina fühlte sich dabei wie eine Detektivin – zur Popcornbude. Dort drehte sich die Maschine und tat so, als wäre sie ein kleiner Vulkan mit Mais.
„Hast du das Gästebuch gesehen?“ fragte Mina den Popcornmann, Herrn Pustekuchen, der wirklich so hieß. Oder zumindest stand es so auf seinem Namensschild.
Herr Pustekuchen blinzelte. „Ein Buch? Hier? Ich habe nur Mais. Und Zucker. Und Salz. Und…“ Er hob einen Deckel. „…eine Zange.“
Ben flüsterte zu Mina: „Vielleicht hat das Buch Hunger gehabt und ist in den Zucker gefallen.“
Lili zeigte auf den Boden. „Schaut. Da sind… Fussel.“
Tatsächlich: Kleine, graue, flauschige Fussel klebten an der Popcornbude, als hätte jemand mit einem staubigen Kissen gewunken.
Kofi kniete sich hin. „Das ist kein Popcorn. Das ist… Filz. Wie von einem Kostüm.“
Mina schnalzte mit der Zunge, als wäre sie eine echte Ermittlerin. „Ein Filz-Kostüm… im Kino…“ Ihre Augen leuchteten. „Ein Maskottchen!“
Ben rief: „Der Popcorn-Pinguin!“
„Es gibt keinen Popcorn-Pinguin“, sagte Lili. Dann hielt sie kurz inne. „Oder?“
Herr Pustekuchen kratzte sich am Kopf. „Na ja… letztes Jahr hatten wir eine Filmnacht mit einem… äh… Waschbären im Filzanzug. Der sollte Flyer verteilen. Aber der Anzug ist im Lager.“
Mina nickte dramatisch. „Im Lager. Dann los!“
Sie liefen zum kleinen Holzschuppen hinter der Leinwand. Dort roch es nach Farbe, Kabeln und dem letzten Sommer. Kofi zog an der Tür.
„Abgeschlossen“, sagte er.
Ben klopfte. „Hallo? Wir sind freundlich!“
Lili zeigte auf das Fenster, das einen Spalt offen stand. „Da passen wir… vielleicht… rein.“
Mina schluckte. „Ich bin Dichterin, keine Fensterkletterin.“
Ben grinste. „Dichterin, Fensterkletterin – beides reimt sich fast!“
„Tut es nicht“, sagte Lili, aber sie schob Mina sanft Richtung Fenster. „Ich halte.“
Kofi sah sich um. „Ich pass auf.“
Mina schob vorsichtig den Kopf durch den Spalt. Drinnen war es dunkel. Sie tastete nach etwas, fand nur… etwas Weiches.
„Äh… ich glaube, ich fasse gerade… einen Hintern an“, flüsterte sie.
„Wessen?“ piepste Ben.
„Keine Ahnung!“ Mina zog die Hand zurück. Das Weiche wackelte. Ein großes, graues Filzgesicht tauchte plötzlich am Fenster auf, mit riesigen Knopfaugen.
Alle erschraken gleichzeitig.
„Aaaaa!“ rief Ben.
„Pssst!“ zischte Lili.
„Oh!“ machte Kofi.
Und Mina sagte automatisch: „Ein Gedicht!“
Der Filzwaschbär hob langsam eine Pfote… und winkte.
Kapitel 3: Der Waschbär mit dem falschen Auftrag
Die Tür ging von innen auf. Heraus trat… niemand. Also, niemand ohne Kostüm. Der Waschbär war offenbar echt, weil er ein Mensch im Anzug war. Nur: Der Kopf wackelte so komisch, dass Mina kurz dachte, das Ding hätte ein eigenes Leben.
Dann hob der Waschbär den Kopf ab, und darunter kam Paul zum Vorschein. Paul war elf, etwas größer, und arbeitete manchmal im Kino mit. Er sah aus, als hätte er eine sehr lange, sehr verwirrte Woche hinter sich.
„Nicht erschrecken“, sagte Paul schnell. „Ich… äh… übe.“
Ben zeigte auf den Filzkopf. „Du übst… Waschbär sein?“
Paul nickte. „Frau Dammann hat gesagt: ‚Hol das Buch und stell dich damit an den Eingang.‘ Und ich dachte, sie meint… das Buch… das ich schon geholt habe. Also habe ich es geholt. Und dann…“ Er schaute auf seine großen Filzpfoten. „…konnte ich es nicht mehr gut halten. Und dann…“
„Und dann hat das Buch Beine bekommen!“ flüsterte Mina.
Paul seufzte. „Ich hab's irgendwo hingelegt. Sicher. Total sicher. So sicher wie…“ Er überlegte. „…wie Popcorn im Bauch.“
„Popcorn ist nicht lange sicher im Bauch“, sagte Ben. „Das ist eher eine schnelle Reise.“
Lili verschränkte die Arme, aber ihre Stimme blieb freundlich. „Paul, wo genau hast du es hingelegt?“
Paul deutete vage Richtung Leinwand. „Na… da, wo es nicht nass wird. Unter… irgendwas.“
Kofi hob eine Augenbraue. „Unter irgendwas ist ein sehr großes Gebiet.“
Mina trat näher, als würde sie ein Theaterstück spielen. „Paul, keine Panik. Wir finden es zusammen. Und außerdem“, sagte sie leiser, „du bist nicht allein. Hier ist niemand böse.“
Paul atmete hörbar aus. „Okay. Danke.“
Ben klatschte in die Hände. „Mission: Buch aus dem Nirgendwo bergen!“
„Und zwar bevor der Film beginnt“, fügte Lili hinzu und sah auf die Uhr.
Kofi nickte. „Wir teilen uns auf. Aber nicht zu weit. Wir rufen, wenn wir was finden.“
Mina schrieb schnell in ihr Notizbuch:
„Ein Waschbär, ein Buch, ein Witz –
und Freunde, die halten fest wie Sitz.“
„Was?“ fragte Ben.
„Später“, sagte Mina. „Jetzt suchen!“
Kapitel 4: Das große Versteck-Spiel unter allem Möglichen
Sie suchten an den seltsamsten Orten: unter der Kasse, hinter den Liegestühlen, zwischen zwei Plakaten, die im Wind klatschten wie applauslustige Hände.
Ben hob einen Eimer hoch. „Buch? Nein. Aber ein Gummihuhn.“
„Lass es da“, sagte Lili sofort.
Das Gummihuhn quiekte. Ben ließ es los. Es quiekte noch mal, als hätte es das letzte Wort.
Kofi schaute unter die Lautsprecherbox. „Nur Kabel. Und Staub. Und noch mehr Staub.“
Mina kroch unter die Leinwandbühne, wo es nach Holz und Geheimnissen roch. „Wenn ich ein Buch wäre“, murmelte sie, „würde ich mich hier verstecken, damit mich niemand mit Ketchup bekleckert.“
„Ketchup ist gefährlich“, rief Ben von irgendwo. „Ich hab mal—“
„Ben, konzentrier dich!“ rief Lili.
Dann hörten sie Pauls Stimme: „Ich glaube, ich hab's unter… dem Ding… gelegt.“
„Welchem Ding?“ rief Kofi zurück.
„Dem runden!“
„Es gibt viele runde Dinge!“ rief Lili.
Mina stieß sich fast den Kopf. „Au!“
Sie robbte wieder hervor, die Haare voller kleiner Holzkrümel. „Ich hab eine Idee. Paul, was war das letzte, was du gemacht hast, bevor du das Buch abgelegt hast?“
Paul überlegte. „Ich… hab den Waschbärkopf gesucht. Dann hab ich ihn gefunden. Dann hab ich ihn aufgesetzt. Dann… hab ich versucht, würdevoll zu laufen. Ich bin gegen den Getränke-Tisch gelaufen. Dann… hab ich das Buch schnell irgendwohin gerettet, bevor es umkippt.“
„Getränke-Tisch!“ sagte Kofi sofort. „Da hinten, neben der Lichterkette.“
Alle rannten hin. Ben rannte am schnellsten und rief: „Aus dem Weg, meine Socken haben Vorfahrt!“
Am Getränke-Tisch standen zwei runde Kühlboxen. Ben hob den Deckel der ersten.
„Nur Eiswürfel“, sagte er traurig.
Lili deutete auf die zweite. „Da ist ein Handtuch drauf.“
Kofi hob das Handtuch an. Darunter lag… ein dickes Buch mit einem glänzenden Einband. Darauf stand: „ERINNERUNGEN“.
Mina atmete auf, als hätte sie gerade einen Schatz gefunden, der sich nach Sommer anfühlte. „Da bist du ja!“
Paul machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen Lachen und Erleichterung lag. „Oh! Ja! Genau da! Total sicher!“
Ben klopfte auf den Einband. „Buch, du bist wirklich schlecht im Verstecken.“
Das Buch sagte nichts, aber Mina war sich sicher, es wäre gern gelobt worden.
Sie trugen es zusammen zum Eingang. Lili hielt es, Kofi hielt die Ecke, Mina hielt die andere Ecke, und Ben hielt… na ja, Ben hielt vor allem eine Pose, als wäre er ein Bodyguard.
„Wir haben's!“ rief Mina zu Frau Dammann.
Frau Dammann strahlte. „Ihr seid großartig! Und Paul… du hast geholfen?“
Paul nickte. „Ich hab… sehr viel gelernt. Vor allem, dass Filzpfoten keine guten Buchhände sind.“
„Und dass Gummihühner schweigen sollten“, murmelte Lili.
„Sie schweigen nie“, sagte Ben ehrfürchtig.
Kapitel 5: Sterne, Film und ein unterschriebenes Erinnerungsheft
Als der Film endlich begann, war der Himmel dunkel genug, dass die ersten Sterne wie kleine Kaugummipunkte klebten. Die Leinwand leuchtete, und das Publikum wurde still – so still, wie Menschen eben werden, wenn sie gleichzeitig lachen und schauen wollen.
Mina saß zwischen ihren Freunden und fühlte sich warm, obwohl ein leichter Wind ging. Vielleicht war es das Gefühl, dass alles gut war. Dass man Fehler machen durfte. Dass jemand einen auffing, selbst wenn man als Waschbär gegen einen Tisch lief.
Ben flüsterte: „Wenn ich mal ein Maskottchen bin, will ich ein Popcorn-Pinguin sein.“
„Wenn du mal ein Maskottchen bist“, flüsterte Lili zurück, „dann bitte mit normalen Socken.“
Kofi sagte leise: „Ich fand's gut, wie wir das gelöst haben. Ohne Stress.“
Mina nickte. „Weil wir zusammen waren.“
Nach dem Film führte Frau Dammann sie zum Eingangstisch. Das Erinnerungsbuch lag dort, geschniegelt und geschniegelt – also, so geschniegelt wie ein Buch sein kann, das fast entführt worden wäre.
„Als Dank dürft ihr die erste Seite für heute Abend füllen“, sagte Frau Dammann. „Und Paul auch.“
Mina schlug die Seite auf. Sie roch nach Papier und nach Möglichkeiten. „Ich schreibe“, sagte sie feierlich.
Ben beugte sich über ihre Schulter. „Schreib was über meine Socken.“
„Nein“, sagte Lili gleichzeitig mit Kofi.
Mina grinste und schrieb, langsam und schön, damit jeder Buchstabe wie ein kleines Licht aussah:
„Heute hat ein Waschbär das Erinnerungsbuch gerettet, indem er es fast verloren hätte.
Wir haben gesucht, gelacht, gedacht und zusammengehalten.
Im Open-Air-Kino sind wir ein Team: Mina, Ben, Lili, Kofi und Paul.“
Dann setzte sie darunter: „Team Popcorn-Poeten“.
„Und jetzt Unterschriften“, sagte Frau Dammann.
Sie unterschrieben nacheinander: Mina mit einem kleinen Stern, Ben mit einer winzigen Socke, Lili mit einem ordentlichen Herz, Kofi mit einem ruhigen Punkt, der irgendwie genau passte, und Paul mit einem kleinen Waschbärkopf, der diesmal nicht weglief.
Mina schloss das Buch sanft. „So“, sagte sie leise, „jetzt bist du wirklich sicher.“
Ben gähnte. „Ich auch. Aber auf eine gute Art.“
Lili legte einen Arm um Mina. „War ein schöner Abend.“
Kofi nickte. „Mit viel Lachen.“
Paul schob den Filzkopf unter den Arm. „Und mit weniger Kollisionen als vorher.“
Sie gingen langsam nach Hause, während hinter ihnen die Lichterkette noch glimmte. Der Wind raschelte in den Kastanien, als würde er ein letztes, leises Kichern verstecken. Mina hielt ihr Notizbuch fest und dachte: Manche Erinnerungen sind wie Popcorn – sie knistern, sie hüpfen, und am Ende bleiben sie warm im Bauch.