Kapitel 1: Das verschwundene Buch
Mila war zehn und konnte sehr geduldig sein. Man sagte sogar, sie könne warten wie eine Katze vor einem Mausloch. Heute stand sie vor der Stadtbibliothek, die nach Papier und leisen Abenteuern roch.
„Endlich!“ flüsterte ihr Freund Ben, der schon auf der Treppe hüpfte.
Drinnen winkte Frau Krüger, die Bibliothekarin, mit einem Gesicht wie ein zusammengefalteter Regenschirm. „Kinder, ich brauche Hilfe.“
„Ist jemand zu laut gewesen?“ grinste Ben.
Frau Krüger schüttelte den Kopf. „Schlimmer. Das neue Buch ist weg. ‚Der Sternenatlas für Kinder‘. Es war gestern noch da. Heute ist das Regal leer.“
Mila trat näher. Im Sachbuchraum standen die Regale ordentlich, als hätten sie geschniegelt und gebügelt. Nur ein Platz gähnte wie eine Zahnlücke.
„Wer wusste davon?“ fragte Mila.
„Viele. Ich habe es gestern im Leseclub gezeigt. Und ich habe es heute Morgen gesucht, bevor wir öffnen. Nichts.“ Frau Krüger seufzte. „Ohne das Buch kann ich die Sternen-Nacht nächste Woche vergessen.“
Mila kniete sich hin. Am Boden lag etwas Glitzerndes. Ein winziges Stück silbernes Papier, wie von einer Bonbonverpackung.
„Ein Hinweis“, murmelte Mila. „Ben, siehst du noch etwas?“
Ben streckte den Kopf in das Regal wie ein neugieriger Igel. „Hier ist… ein Lesezeichen. Aber nicht unseres. Da steht: ‚Psst! Folge den Sternen‘.“
Mila hielt das Lesezeichen hoch. „Okay. Ein Rätsel. Und ein verschwundenes Buch. Das ist genau mein Dienstag.“
Kapitel 2: Drei Verdächtige und ein klebriger Stern
Mila zog Ben zur Infotafel. Dort hing ein Plan der Bibliothek: Kinderabteilung, Sachbücher, Computer-Ecke, Lesesaal, Hinterzimmer.
„Wir brauchen Verdächtige“, sagte Ben wichtig.
„Wir brauchen zuerst Fakten“, antwortete Mila. „Wer war gestern im Leseclub?“
Frau Krüger zählte an den Fingern: „Lina aus der 4b, Herr Sauer vom Museum, und Herr Riedel, der Hausmeister. Und natürlich ihr beide… aber ihr habt das Buch nicht.“
Ben hob die Hand. „Ich war's nicht! Ich klaue nur Kekse.“
Mila musste lachen. „Okay. Drei mögliche Personen.“
Sie gingen zur Computer-Ecke. Lina saß dort und tippte, die Zunge an der Lippe, als würde sie einen Drachen zähmen.
„Lina“, sagte Mila freundlich. „Hast du den Sternenatlas gesehen?“
Lina schaute auf. „Der war super! Aber ich hab ihn nicht. Ich hab nur…“ Sie zog etwas aus der Tasche: eine Hand voll Stern-Sticker. „Ich bastle ein Sternbildheft.“
Mila bemerkte einen Sticker, der halb abgeknibbelt war. „Hast du gestern einen Sticker verloren?“
Lina schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich hab einen klebrigen Stern auf dem Tisch gefunden. Da!“ Sie zeigte auf die Tischkante. Ein kleiner Klecks Kleber glänzte.
„Kleber… und Silberpapier“, murmelte Mila. „Ben, was passt dazu?“
Ben schnupperte übertrieben. „Bonbon! Kleber! Jemand bastelt und nascht.“
Sie bedankten sich und gingen zum Lesesaal. Dort ordnete Herr Sauer, ein Mann mit runder Brille, ein paar Plakate.
„Ah, Mila!“, sagte er. „Wollt ihr die neue Ausstellung sehen? ‚Himmel über unserer Stadt‘.“
„Später“, sagte Mila. „Uns fehlt ein Buch.“
Herr Sauer legte die Hand aufs Herz. „Ich? Ich stehle doch keine Bücher! Ich leihe sie höchstens aus… mit Zettel.“
„Hatten Sie gestern etwas Silbernes dabei?“ fragte Mila.
Er lachte leise. „Silber? Nur meine Alufolie fürs Käsebrot. Und die habe ich wieder mitgenommen.“
Ben flüsterte: „Käsebrot ist auch verdächtig.“
Mila schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich.“
Draußen im Flur fegte Herr Riedel der Hausmeister, als würde er einen unsichtbaren Drachen vertreiben.
„Herr Riedel“, sagte Mila, „haben Sie heute Morgen etwas Ungewöhnliches gesehen?“
Er kratzte sich am Kinn. „Nur, dass im Hinterzimmer Licht an war. Obwohl ich es ausgemacht hatte. Vielleicht hat Frau Krüger—“
„Frau Krüger war nicht hier“, sagte Mila. „Sie war beim Bäcker, hat sie gesagt.“
Herr Riedel nickte langsam. „Dann war noch jemand da.“
Mila spürte, wie das Rätsel kitzelte wie ein Geheimnis im Ärmel.
Kapitel 3: Die falsche Spur
Mila setzte sich auf eine Bank zwischen zwei hohen Regalen. Sie schloss kurz die Augen, so wie sie es machte, wenn Mathe knifflig wurde.
„Also“, begann sie. „Wir haben Silberpapier, Kleber, ein Lesezeichen mit ‚Folge den Sternen‘ und das Hinterzimmer-Licht.“
Ben flüsterte: „Lina bastelt. Kleber passt zu Lina.“
„Das ist eine Hypothese“, sagte Mila. „Aber wir müssen prüfen.“
Sie gingen zurück zu Lina. Mila fragte ruhig: „Darf ich in deine Tasche schauen?“
Lina wurde rot wie eine Tomate, nickte aber. In der Tasche lagen Sticker, ein Notizheft und… ein zerknittertes Bonbonpapier. Silber!
Ben rief: „Aha! Erwischt!“
Lina sprang auf. „Ich hab das Bonbon von meiner Oma! Und das Papier hab ich vergessen. Aber ich hab kein Buch!“
Mila blieb ruhig. Geduld war ihr Superkraft. „Lina, wo warst du heute Morgen?“
„In der Schule. Wir hatten Mathe-Test. Leider“, stöhnte Lina.
Mila konnte sich das vorstellen. Lina würde eher Mathe klauen als Bücher. Außerdem: Das Licht im Hinterzimmer war morgens an. Lina war da nicht hier.
Mila hob das Bonbonpapier auf. „Okay, das war eine falsche Spur.“ Sie schaute Ben an. „Wir streichen Lina als Täterin. Aber das Papier erklärt noch nichts.“
Ben atmete aus. „Dann muss es der Käsebrot-Mann sein!“
„Oder jemand ganz anderes“, sagte Mila. „Wir denken zu schnell. Lass uns dem Lesezeichen folgen: ‚Folge den Sternen‘.“
Sie gingen zurück zum Regalplatz. Mila betrachtete die Regalbretter. An der Seite klebte ein kleiner Stern-Sticker, fast unsichtbar.
„Da!“ flüsterte sie. „Ein Stern zeigt einen Weg.“
Ben beugte sich vor. „Wie bei einer Schnitzeljagd!“
Mila nickte. „Und eine Schnitzeljagd macht man nicht, um etwas zu stehlen. Man macht sie, um jemanden zu führen.“
„Oder in eine Falle“, flüsterte Ben dramatisch.
Mila grinste. „In unserer Bibliothek? Höchstens in die Sachbuch-Ecke.“
Kapitel 4: Der Weg durch die Bibliothek
Der erste Stern zeigte Richtung Kinderabteilung. Zwischen Bilderbüchern klebte der nächste Stern an einem Buchrücken: ein grüner Punkt, der nur auffiel, wenn man genau hinsah.
„Du bist wie eine Sternen-Detektivin“, sagte Ben.
„Und du bist wie ein lauter Satellit“, flüsterte Mila. „Pssst.“
Sie folgten den Sternen weiter: zur Fensterbank, zur Treppe, zur Pinnwand. Dort hing ein kleiner Zettel: „Wer den Himmel sucht, schaut nach oben. Wer das Buch sucht, schaut nach hinten.“
„Nach hinten… Hinterzimmer!“ Ben zog die Augenbrauen hoch.
Sie schlichen zum Hinterzimmer. Die Tür war nur angelehnt. Drinnen roch es nach Kartons und Putzmittel. Auf einem Tisch stand eine Kiste, und darüber spannte sich eine Girlande aus Papiersternen.
„Das ist ja… hübsch“, flüsterte Ben.
Mila sah noch etwas: Auf dem Boden glitzerte wieder Silberpapier. Und daneben lag eine Rolle Klebeband.
„Klebeband, nicht Bastelkleber“, sagte Mila. „Das passt eher zu… jemandem, der dekoriert.“
In diesem Moment knarrte der Boden. Jemand war im Raum.
„Wer ist da?“ fragte Mila, nicht ängstlich, eher bestimmt.
Hinter einem Karton tauchte Herr Riedel auf. In der Hand hielt er—das Buch. Der Sternenatlas. Er sah aus, als hätte man ihn beim Tanzen auf frischen Socken erwischt.
„Oh“, sagte er. „Erwischt.“
Ben verschränkte die Arme. „Sie haben es gestohlen!“
Herr Riedel hob schnell beide Hände. „Nein, nein! Ich habe es nur… versteckt. Für eine Überraschung.“
Mila blieb ruhig. „Erklären Sie es.“
Herr Riedel räusperte sich. „Frau Krüger hat immer so viel zu tun. Ich wollte ihr helfen. Für die Sternen-Nacht. Ich habe die Deko gebastelt, und der Atlas sollte der Höhepunkt sein. Ich dachte, wenn ich ihn hier lasse, ist er sicher.“
„Und warum das Rätsel?“ fragte Mila.
„Damit ihr Kinder Spaß habt“, sagte Herr Riedel und lächelte schief. „Ich habe gesehen, wie ihr immer Detektiv spielt. Ich… habe es vielleicht ein bisschen zu geheimnisvoll gemacht.“
Ben zeigte auf das Silberpapier. „Und die Bonbons?“
Herr Riedel wurde verlegen. „Die waren für mich. Dekorieren macht hungrig.“
Mila nickte langsam. „Das Licht war heute Morgen an, weil Sie hier waren.“
„Ja“, sagte er. „Ich wollte fertig werden, bevor alle kommen.“
Kapitel 5: Die Sternen-Nacht rettet sich
Mila und Ben brachten den Atlas zu Frau Krüger. Herr Riedel ging neben ihnen wie ein Schuljunge, der seine Hausaufgaben vergessen hatte.
Frau Krüger sah erst streng aus, dann weich. „Herr Riedel… Sie wollten helfen?“
„Ja“, sagte er leise. „Aber ich hätte fragen sollen.“
Mila nickte. „Hilfe ist toll. Aber ohne Bescheid sagen wird sie schnell zu einem Problem.“
Ben ergänzte: „Und Rätsel sind super. Aber nicht, wenn jemand denkt, es wurde geklaut.“
Frau Krüger atmete tief durch und lächelte schließlich. „Dann machen wir es richtig. Wir nutzen Ihre Deko, Herr Riedel. Und ihr zwei helft beim Aufbau.“
„Dürfen wir die Schnitzeljagd offiziell machen?“ fragte Mila.
„Unbedingt“, sagte Frau Krüger. „Mit klaren Regeln.“
Eine Stunde später hingen die Papiersterne im Lesesaal, der Sternenatlas lag auf einem Tisch, und daneben stand ein Schild: „Detektiv-Station: Finde das Sternbild des Tages.“
Herr Sauer kam vorbei, sah die Deko und staunte. „Wundervoll!“
Lina brachte ihr Sternbildheft und klebte einen neuen Sticker ein. „Mila, du bist echt fair“, sagte sie. „Du hast nicht einfach geschimpft.“
Mila zuckte mit den Schultern. „Detektiv sein heißt auch: zuhören.“
Ben grinste. „Und Bonbonpapier einsammeln.“
Alle lachten. Das Rätsel war gelöst, niemand war böse, und die Sternen-Nacht war gerettet.
Als Mila mit Ben zur Tür ging, winkte Frau Krüger. „Bis bald, ihr beiden!“
Mila winkte zurück. „Bis bald.“