Erster Morgen
Es ist ein sonniger Tag. Lina und Mila sind sechs Jahre alt. Sie hüpfen leise durch die Küche. Heute ist Vatertag. Die Vögel zwitschern. Die Küchenuhr tickt ruhig.
„Wir machen etwas besonderes“, flüstert Lina. „Etwas das Papa noch nie hat.“
Mila nickt. „Etwas mit Musik und Worte. Und mit Geduld.“
Die Mädchen setzen sich an den kleinen Tisch. Auf dem Tisch liegt weißes Papier und ein Buntstift. Ein altes Kassettenradio spielt leise eine ruhige Melodie. Es ist ihre Lieblingsmusik. Die Töne sind warm wie Honig. Die Musik macht sie mutig.
„Ich schreibe ein Gedicht“, sagt Mila. „Ich bin nicht groß im Reimen.“
„Ich male lieber“, meint Lina. „Aber wir können zusammen machen.“
Sie hören die Musik und atmen langsam ein und aus. Geduld ist wie ein kleiner Garten, sagen sie. Man muss warten, gießen, lächeln.
„Wie fängt man an?“ fragt Mila.
„Mit einem Wort“, sagt Lina. „Mit Liebe.“
Sie schreiben: „Lieber Papa, du bist wie die Sonne, warm und groß.“ Dann kichern sie. „Das klingt wie ein Wetterbericht“, sagt Mila. Sie löschen mit dem Handballen einen Strich und fügen neue Wörter ein.
Die Melodie bleibt ruhig. Manchmal bleibt eine Note hängen. Lina hört genau hin. „Die Musik hilft mir“, sagt sie. „Sie sagt: Bleib ruhig.“ Mila nickt wieder. Sie überlegen, was Papa am liebsten mag. Sein lautes Lachen, die kalten Hände nach dem Garten, seine Suppe mit zu viel Salz.
„Er mag Geschichten“, sagt Mila. „Er sammelt Geschichten in seiner Hosentasche.“
„Und er mag unsere Umarmungen“, fügt Lina hinzu. „Und seine Kaffeeschale.“
Sie schreiben weiter. Jedes Wort ist wie ein kleiner Pinselstrich. Sie malen am Rand einen kleinen Stern und eine Tasse. Die Zeit geht langsam. Geduld wächst. Sie nehmen einen tiefen Atemzug, hören die Musik und schreiben: „Danke, dass du immer geduldig wartest, bis wir fertig sind.“
Mittagsüberraschung
Zum Mittag machen die Mädchen eine kleine Torte. Nicht groß. Ein Keks mit etwas Marmelade. Sie üben, wie man ganz leise pfeift, damit Papa nicht alles gleich hört. Die Musik spielt nun etwas fröhlicher. Lina tanzt mit einem Löffel. Mila lacht leise.
„Sollen wir ihm das Gedicht vorsingen?“ fragt Lina. „Oh, das ist eine Überraschung.“
„Ja! Aber zuerst brauchen wir einen Briefumschlag.“
Sie finden einen roten Umschlag in einer Schublade. „Wie in den alten Geschichten“, flüstert Mila. Sie falten das Papier sehr ordentlich. Geduld, sagt Lina, ist wie ein breites Band. Man kann es um die Worte legen.
Jetzt kommt der kleine Rebell-Moment. Die Torte fällt fast vom Teller. Oh nein! Marmelade auf dem Tisch. Die Mädchen schauen sich an. Dann lachen sie. „Das ist ein Missgeschick der Liebe“, sagt Mila. Sie wischen die Marmelade weg und machen eine neue Torte. Papa wird lachen, denken sie.
Als Papa heimkommt, ist die Küche voller Musik und kleine Krümel. Er sieht die beiden mit roten Wangen. Er kniet sich hin. „Was macht ihr da?“ fragt er sanft.
Lina hält den Umschlag hoch. „Für dich“, sagt sie. „Wir haben ein Gedicht geschrieben. Wir haben gewartet und Musik gehört.“ Mila singt die erste Zeile. Ihre Stimmen klingen wie zwei kleine Glocken.
Papa hört zu. Seine Augen werden groß. Er setzt sich auf den Stuhl. „Das ist mein bester Moment heute“, sagt er. „Kommt her.“ Er nimmt beide Mädchen auf den Schoß. Die Musik im Radio spielt weiter, wie ein Kissen aus Tönen.
Der kleine Wendepunkt
Papa liest das Gedicht laut. Er lacht und dann wird er still. „Ich habe nicht gewusst, dass ihr so gut schreibt“, sagt er. Dann zupft er an seiner Schürze. „Aber ich habe heute etwas für euch auch.“ Er steht auf und holt eine kleine Flasche Saft. Die Flasche ist stolz und warm.
Die Mädchen sehen ihn verwundert an. „Für uns?“ fragt Mila. Papa nickt. Er gießt drei Gläser ein. Eines ist für ihn, zwei kleine für die Mädchen. Die Musik wird noch leiser. Dann passiert noch eine kleine Überraschung. Papa verschüttet fast ein bisschen Saft. Alle lachen. Ein Tropfen landet auf dem Gedicht. „Das ist ein echter Kuss“, sagt Papa und tupft es weg.
„Warum weinen deine Augen ein bisschen?“ fragt Lina leise. Papa lächelt brav. „Manchmal kommen Tränen, wenn Worte warm sind“, sagt er. Mila legt ihre Hand an seine. Geduld hat gewartet. Geduld hat gelächelt. Liebe hat gesprochen.
Abend und Abschied
Die Sonne geht langsam. Die Mädchen sehen, wie Papa das Gedicht zusammenlegt und in seine Hosentasche steckt. „Damit ich es immer finde“, sagt er. Die Musik spielt noch einmal die ruhige Melodie. Sie sitzen zusammen. Papa hebt sein Glas. „Auf uns“, sagt er.
Alle drei stoßen an. Die Mädchen trinken aus ihren kleinen Gläsern. Papa leert sein Glas zuletzt. Er schaut zu den Mädchen und leert sein Glas ganz langsam. Das Glas ist nun leer. Es blinkt im Licht. Ein leiser Klang bleibt hängen. Das Glas ist geleert.
„Danke“, sagt Papa. „Danke für eure Geduld und eure Lieder.“ Die Mädchen kuscheln sich an ihn. Sie fühlen sich warm. Die Küche duftet nach Keksen und Marmelade und Liebe.
Die Nacht kommt bald. Die Musik klingt wie ein Deckenlied. Die Mädchen liegen im Bett und denken an den Tag. Geduld war ein Teil des Geschenks. Kleine Fehler machten alles noch schöner. Worte und ein leeres Glas sagen: Du bist geliebt.
Gute Nacht, denken sie leise. Die Sterne zwinkern. Die Musik schließt die Augen.