Am Teppich-Tisch
Mila war fast fünf und mochte Dinge, die sich sanft anfühlten. Wenn etwas kratzte, wurde ihre Haut ganz wach, als würde sie „Stopp!“ flüstern. Deshalb hatte Mila heute ihren weichen, grünen Pullover an, der sich anfühlte wie ein ruhiges Kissen.
Im Kindergarten standen drei kleine Tische zusammen. Darüber hing ein Schild: „Bücher-Ecke“. Frau Sommer sagte: „Heute bauen wir zusammen ein kleines Buch. Jede Seite zeigt etwas von euch.“
Mila setzte sich neben ihre Freundinnen: Aylin und Greta. Aylin hatte dunkle Locken und lachte schnell. Greta trug eine Brille mit roten Bügeln und dachte oft erst nach und dann lachte sie.
„Ein Buch über uns!“ rief Aylin. „Mit Bildern, mit Stoffen, mit… Glitzer?“
Greta hob den Finger. „Glitzer ist überall. Sogar in den Socken.“
Mila kicherte. „Bitte nicht in meinen Pullover.“
Frau Sommer stellte eine Kiste auf den Tisch. „Hier sind Materialien: Filz, Papier, Wolle, Stoffreste, Sandpapier, Knöpfe. Ihr dürft fühlen, schauen und wählen.“
Mila schaute schon auf die Kiste, aber ihre Fingerspitzen wurden vorsichtig. Sie flüsterte: „Ich nehme nur die weichen Sachen.“
„Ist doch okay“, sagte Greta ruhig. „Ich mag eher Sachen, die fest sind. Dann weiß ich, wo sie sind.“
Aylin grinste. „Und ich mag alles, was bunt ist. Sogar fest und kratzig, wenn es funkelt.“
Die drei beugten sich über die Kiste wie über eine Schatztruhe.
Die kribbelige Überraschung
Greta zog als Erste etwas heraus. „Sandpapier!“ Sie rieb mit dem Finger darüber. „Kitzelt. Wie ein kleiner Bergweg.“
Aylin zog Wolle heraus und legte sie Mila ans Handgelenk. „Wie fühlt sich das an?“
Mila lächelte. „Wie eine Wolke, die nicht wegfliegt.“
Dann griff Mila nach einem Stück Stoff, das aussah wie Himmelblau. Sie streichelte darüber. Weich. Gut. Sie wollte es für ihre Buchseite nehmen.
Plötzlich rutschte aus der Kiste ein braunes Stück… und landete genau auf Milas Hand. Es war rau. Sehr rau. Mila zog die Hand schnell zurück, als hätte sie eine Brennnessel berührt.
„Oh!“ sagte sie leise und rieb ihre Finger an ihrem Pullover. Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer.
Aylin beugte sich vor. „Alles okay, Mila?“
Mila nickte, aber ihre Stirn war noch faltig. „Das war kratzig. Meine Haut mag das nicht.“
Greta nahm das raue Stück auf. „Das ist Bast. Das benutzen wir manchmal für Körbe.“ Sie schaute zu Mila. „Soll ich es weglegen?“
Mila atmete aus. „Ja, bitte. Ganz nach hinten. Danke.“
Frau Sommer kam dazu und setzte sich zu ihnen. „Mila, du hast schnell gemerkt, was dir nicht gut tut. Das ist eine starke Sache. Du darfst sagen: Nein, das ist mir zu viel.“
Mila schaute auf ihren Pullover. „Manchmal ist es mir peinlich.“
Aylin schüttelte den Kopf. „Mir ist peinlich, wenn ich vor Freude hüpfe und fast den Kleber umwerfe.“
Greta sagte trocken: „Und ich finde es peinlich, wenn ich nicht peinlich bin. Dann fehlt was.“
Mila musste lachen. Das Lachen machte ihre Schultern weich.
„Dann machen wir es so“, sagte Greta. „Wir bauen ein Buch, in dem jede Seite anders ist. Wie wir.“
Drei Seiten, drei Wege
Sie legten drei Blätter vor sich hin. „Meine Seite“, sagte Mila, „soll sich wie ein Kuscheltier anfühlen.“ Sie klebte das himmelblaue Stoffstück in die Mitte. Daneben setzte sie ein kleines Stück Filz, weich und warm wie ein Abendlicht. Mit einem Buntstift zeichnete sie eine Hand und schrieb, mit Hilfe von Frau Sommer: „Sanft ist gut.“
Aylin nahm buntes Papier und malte ein großes Herz in Regenbogenfarben. Sie klebte ein paar Knöpfe dazu, einen gelben und einen grünen, „damit es aussieht wie Augen“, sagte sie. „Mein Herz schaut euch an!“
Greta prustete. „Es schaut sehr freundlich.“
Aylin sagte stolz: „Mein Herz ist wie ich. Laut und nett.“
Greta klebte ein Stück Sandpapier an den Rand ihrer Seite, aber nur wie einen Rahmen. In die Mitte malte sie einen kleinen Weg mit Steinen und Blumen. „Ich mag es, wenn ich die Kante fühlen kann“, erklärte sie. „Dann weiß ich, wo die Seite anfängt.“
Mila schaute neugierig. „Darf ich mal ganz kurz an deinem Rahmen fühlen?“
Greta nickte. „Nur wenn du willst. Du kannst auch nur mit einem Finger.“
Mila tippte vorsichtig mit einem Finger auf das Sandpapier. Es war kribbelig, aber nicht schlimm, weil es nur ein kurzer Tipp war und weil Greta sie dabei anschaute, als hätte Mila einen guten Plan.
„Das geht“, sagte Mila überrascht. „Aber nur kurz.“
„Super“, sagte Greta. „Du bist die Chefin deiner Finger.“
Dann hatte Aylin eine Idee. „Wir machen eine Seite zusammen!“
„Eine gemeinsame Seite?“ fragte Mila.
„Ja“, sagte Aylin. „Über Unterschiede. Und wie wir zusammen spielen.“
Sie suchten lange in der Kiste. Mila fand ein Stück weiches Band. Greta fand ein festes Stück Pappe. Aylin fand ein glänzendes Papier, das nicht glitzerte, aber trotzdem funkelte wie eine Seifenblase.
Sie klebten alles auf ein Blatt: Das Band als „Fluss“, die Pappe als „Brücke“, das funkelnde Papier als „Sonne“. Dann malten sie drei kleine Figuren, die über die Brücke gingen, Hand in Hand.
„Die Brücke ist fest“, sagte Greta.
„Der Fluss ist weich“, sagte Mila.
„Die Sonne ist bunt“, sagte Aylin.
„Und wir?“ fragte Mila.
„Wir sind zusammen“, sagte Aylin.
Greta nickte. „Zusammen, aber nicht gleich.“
Das Buch wird zugeklappt
Am Ende des Vormittags lochte Frau Sommer die Seiten und band sie mit einer dicken, weichen Schnur zusammen. Das Buch war nicht perfekt gerade, und ein Knopf wackelte ein bisschen. Aber es sah aus wie ein echtes Kinder-Buch.
Frau Sommer setzte sich mit den drei Mädchen in die Bücher-Ecke. „Wer möchte zeigen?“
Mila hielt ihre Seite hoch. „Das ist meine. Ich mag weiche Sachen. Kratzige Sachen machen mich nervös.“
Aylin sagte laut: „Und das ist mutig, das zu sagen!“
Greta ergänzte: „Und wir können trotzdem zusammen basteln, weil wir aufeinander achten.“
Frau Sommer lächelte. „Was habt ihr heute über Vielfalt gelernt?“
Aylin sagte: „Dass anders sein spannend ist.“
Greta sagte: „Dass jeder eigene Regeln hat. Das ist okay.“
Mila dachte kurz nach und sagte dann: „Dass ich mich nicht verstecken muss. Ich kann sagen, was ich brauche.“
Später, als die Eltern kamen, nahm Mila das Buch vorsichtig in beide Hände. Es fühlte sich gut an: weich an der Schnur, ein bisschen fest an der Pappe, und hier und da ein kleiner Knopf, der wie ein winziges Lächeln drückte.
Zu Hause im Bett las Mama mit ihr das Buch noch einmal. Mila strich über die Stoffseite, dann über die gemeinsame Seite mit der Brücke. Ihre Augen wurden schwer, aber warm.
„Heute hast du viel gelernt“, flüsterte Mama.
Mila nickte. „Ich habe gelernt: Meine Finger dürfen Nein sagen. Und meine Freunde können Ja sagen zu mir.“
Mama küsste ihre Stirn. „Genau.“
Mila klappte das kleine Buch langsam zu. In ihrem Kopf waren drei Dinge ganz klar, wie Sterne über einem ruhigen Spielplatz: Alle fühlen anders. Man kann darüber sprechen. Und so, wie man ist, ist man richtig.