Der Tag, an dem der Wind „Hups!“ sagte
In der modernen Stadt Kicherstadt glitzerten die Fenster wie Bonbons. Auf den Straßen summten Busse, Fahrräder klingelten, und irgendwo roch es nach warmen Brezeln.
Ganz oben auf einem Dach stand Juri. Er war ein junger Mann mit einer Superheldenmaske, die ein bisschen schief saß. Auf seiner Brust prangte ein großes „W“. Es bedeutete: Windmann.
„Heute mache ich alles perfekt“, sagte Juri zu sich selbst und hob die Hand. „Ganz kontrolliert. Winziges Lüftchen.“
Ein winziges Lüftchen kam auch. Es war so klein, dass es fast kitzelte.
Und dann … „HATSCHI!“, nieste Juri.
Das Lüftchen verwandelte sich in einen Windstoß, der „WUUUSCH!“ machte. Ein Werbeplakat am Nachbarhaus flatterte wie ein riesiger Pfannkuchen. Unten rief jemand: „He! Mein Hut!“
Ein Hut flog vorbei, drehte eine elegante Pirouette und landete Juri direkt auf der Maske.
Juri zog den Hut ab. „Oh. Hallo.“
Vom Bürgersteig winkte eine ältere Dame mit lila Mantel. „Junger Mann! Das ist mein Sonntagshut! Der hat Gefühle!“
„Entschuldigung!“, rief Juri. „Wind… äh… passiert!“
In diesem Moment piepte sein Superhelden-Armband. Piep! Piep! Piep!
Auf dem kleinen Bildschirm stand: NOTFALL – PASSERELLE – UNGEWÖHNLICHES GERÄUSCH.
Juri schluckte. „Passerelle? Das ist die Fußgängerbrücke über der großen Straße.“
Er sprang vom Dach auf eine Feuertreppe, rutschte ein Stück zu schnell und landete mit einem „Plopp!“ in einem Blumenkübel.
Eine Katze auf dem Balkon gegenüber miaute beleidigt: „Mrrr?“
Juri strich sich Erde von der Maske. „Schon gut. Ich bin… in Eile.“
Er rannte los. Dabei ging seine Superhelden-Cape-Kordel auf und wickelte sich um einen Laternenpfahl. Juri blieb hängen wie ein Wimpel.
„Äh… Hilfe?“, sagte er.
Ein kleines Mädchen kam vorbei und hielt ihr Eis hoch. „Du steckst fest.“
„Nur kurz“, sagte Juri. „Kannst du… ziehen?“
Das Mädchen zog. Der Knoten löste sich – und Juri machte einen riesigen Satz nach vorn. „WOOO!“ Er landete genau vor einem Straßenmusiker, der gerade Trompete spielte.
„Tüüüt!“, machte die Trompete, weil Juri aus Versehen dagegen stupste.
Der Musiker grinste. „Coole Einlage, Windmann.“
Juri wurde rot. „Danke… äh… das war geplant.“
Und weiter ging's zur Passerelle.
Die Passerelle und das singende Geländer
Die Passerelle in Kicherstadt war eine schicke Brücke aus Glas und Metall. Unten brummten Autos wie Käfer. Oben liefen Leute mit Einkaufstaschen und Schulranzen.
Als Juri ankam, hörte er das „ungewöhnliche Geräusch“ sofort.
„Wiiiii-wooo? Wiiiii-wooo?“, machte das Geländer.
Juri blieb stehen. „Das Geländer… singt?“
Neben ihm stand ein Mann mit Sicherheitsweste und sehr ernstem Gesicht. „Endlich! Sind Sie der… Windmann?“
Juri stellte sich gerade hin. „Ja! Also, meistens. Was ist los?“
Der Mann zeigte auf eine Ecke der Passerelle. Dort war ein großes, rundes Ding festgebunden. Es sah aus wie ein riesiger Ballon, nur glänzend und etwas beleidigt.
„Das ist ein Werbe-Luftkissen für ein neues Sofa-Geschäft“, erklärte der Mann. „Es sollte unten auf dem Platz stehen. Aber ein Windstoß hat es hochgeweht. Und jetzt…“
„…singt das Geländer“, ergänzte Juri.
„Genau! Der Ballon drückt dagegen, und bei jedem Auto unten vibriert alles. Die Leute bleiben stehen, lachen, filmen – und keiner geht weiter. Das ist ein Stau. Ein Fußgänger-Stau!“
Tatsächlich standen auf beiden Seiten der Brücke Menschen dicht an dicht. Ein Junge rief: „Noch mal das Lied!“
Das Geländer antwortete: „Wiiiii-wooo!“
Eine Frau lachte. „Es klingt wie eine Polizeisirene, nur fröhlicher!“
Juri kratzte sich am Kopf. „Okay, Initiative! Ich mach das. Ganz ruhig. Ich puste den Ballon sanft… ganz sanft… runter.“
Der Mann mit der Weste hob den Daumen. „Bitte schnell. Sonst glauben noch alle, das Geländer will Popstar werden.“
Juri ging zu dem Ballon. Auf dem Ballon stand in großen Buchstaben: SOFA-SUPER! Darunter ein lächelndes Sofa mit Zähnen. Ein Sofa mit Zähnen war immer ein bisschen komisch.
„Hallo, Sofa-Super“, sagte Juri. „Du musst da runter.“
Der Ballon knirschte leise im Wind, als würde er antworten: „Nööö.“
Juri stellte sich breitbeinig hin, hob beide Hände und flüsterte: „Mini-Wind, nur für dich. Wie ein Streicheln.“
Er pustete.
Es kam ein Wind – leider nicht mini. Er war eher „WOOOOM“.
Der Ballon löste sich nicht nach unten. Er schoss nach oben, zog an den Seilen und riss fast ein Schild mit. Ein Mann schrie: „Mein Kaffee!“
Der Kaffee schwappte über und machte ein kleines braunes Muster auf den Boden. „Oh oh“, sagte Juri.
Der Ballon rieb am Geländer. Das Geländer sang lauter: „WIIIII-WOOO! WIIIII-WOOO!“
„Jetzt applaudieren sie gleich“, murmelte Juri, denn einige Leute klatschten tatsächlich im Takt.
Juri atmete tief ein. „Okay. Plan B.“
„Haben Sie einen Plan B?“, fragte der Mann mit der Weste hoffnungsvoll.
Juri schaute um sich. Da war ein Fahrradkurier, der mit seinem Rad nicht weiterkam. Da war die lila Mantel-Dame mit ihrem Sonntagshut – sie hatte ihn wieder auf und guckte streng. Da waren Kinder, die kichernd Selfies machten.
Juri rief: „Alle bitte kurz zuhören! Ich brauche Hilfe. Wir machen das zusammen.“
Alle schauten. Ein kleiner Junge fragte: „Dürfen wir auch was Superheldiges machen?“
„Ja!“, sagte Juri. „Superheldig heißt: mitdenken und mithelfen.“
Die lila Mantel-Dame schob sich nach vorn. „Ich bin bereit. Mein Hut auch. Er ist wieder beruhigt.“
Der Fahrradkurier hob die Augenbrauen. „Was soll ich tun?“
Juri zeigte auf die Seile, die den Ballon hielten. „Wir müssen ihn kontrolliert runterziehen. Aber nicht ruckartig. Sonst fliegt er wie ein riesiger Seifenblasenfisch.“
„Ein Seifenblasenfisch!“, rief ein Kind begeistert.
„Genau“, sagte Juri. „Und ich… ich mache einen Wind-Schild. Einen Wind, der bremst.“
Der Mann mit der Weste nickte. „Okay. Wer zieht?“
Juri teilte ein: „Sie da mit den starken Armen – ja, Sie mit dem Einkaufskorb voller Wassermelonen! Und du, Fahrradkurier. Und… die Kinder können zählen. Langsam bis drei. Und Frau mit dem lila Mantel: Sie passen auf, dass keiner stolpert.“
Die Dame strahlte. „Endlich eine Aufgabe, die meinem Mantel würdig ist.“
Die Kinder stellten sich wie ein kleiner Chor auf. „Eins… zwei…“
Juri hob die Hände. „Ganz ruhig… bitte Wind, benimm dich.“
„Drei!“, riefen die Kinder.
Alle zogen. Der Ballon kam ein Stück runter. Das Geländer machte: „wii—“
Dann kam ein Bus unter der Brücke vorbei und brummte besonders laut. Die Vibration ließ den Ballon hüpfen.
„Hopp!“, machte der Ballon. Oder es klang zumindest so.
Juri erschrak und schickte schnell Wind dagegen – aber wieder zu viel. Der Wind drückte den Ballon seitlich.
Der Ballon schwenkte wie ein riesiger Pendel. Direkt auf… den Sonntagshut zu!
„MEIN HUT!“, rief die lila Mantel-Dame und duckte sich.
Der Hut flog in die Luft, als hätte er eigene Superkräfte. Er landete auf dem lächelnden Sofa mit Zähnen.
Alle starrten. Dann sagte der kleine Junge: „Jetzt ist das Sofa ein Gentleman.“
Alle lachten, sogar der Mann mit der Weste. Juri aber seufzte. „Sorry! Ich rette gleich beides. Ballon und Hut.“
„Erst den Hut!“, rief die Dame.
„Erst den Ballon!“, rief der Mann mit der Weste.
Juri nickte entschlossen. „Beides. Ich hab eine Idee.“
Plan C: Der Wind im Flüstermodus
Juri kniete sich hin und legte das Ohr an das Geländer. „Wiiiii-wooo“, sang es leise.
„Was machst du da?“, fragte der Fahrradkurier.
„Ich höre zu“, sagte Juri. „Wenn mein Wind zu stark ist, wird alles wild. Aber wenn ich ihn wie Musik mache… dann kann ich ihn steuern.“
Ein Kind flüsterte: „Windmusik!“
Juri stand auf. „Okay, alle: Wir machen es wie ein Lied. Ich gebe den Takt. Wenn ich ‚puh‘ sage, zieht ihr. Wenn ich ‚psss‘ sage, haltet ihr. Und wenn ich ‚hallo Hut‘ sage… dann ist das für den Hut.“
„Ich mag das“, sagte die lila Mantel-Dame. „Mein Hut mag Höflichkeit.“
Alle nahmen die Seile wieder. Die Kinder stellten sich bereit zum Zählen, aber Juri schüttelte den Kopf. „Heute nicht zählen. Heute singen wir.“
Er hob die Hände und machte ein winziges „puh“, so klein, dass es wie ein Atemzug klang. Der Wind strich über den Ballon, nicht stoßend, eher schiebend.
„Puh“, sagte Juri.
Alle zogen ein kleines Stück. Der Ballon kam runter. Das Geländer sang diesmal nicht Sirene, sondern nur: „wii…“
„Psss“, sagte Juri.
Alle hielten. Nichts ruckelte.
„Puh“, sagte Juri wieder, ganz gleichmäßig.
Der Ballon sank weiter. Der Hut wackelte auf dem Sofa-Gesicht, als würde er grüßen.
Juri lächelte. „Hallo Hut.“
Ein sanfter Windkringel löste den Hut ganz vorsichtig vom Ballon. Der Hut segelte wie ein Blatt nach unten.
Die lila Mantel-Dame streckte beide Arme aus, als würde sie einen Schatz fangen. „Komm zu Mama, Hut!“
Plopp! Der Hut landete genau auf ihrem Kopf. Perfekt.
Sie stand sehr gerade. „So. Ordnung ist wieder da.“
Alle klatschten. „Windmann! Windmann!“
Juri winkte schnell ab. „Noch nicht. Ballon zuerst.“
„Puh“, sagte Juri.
Ziehen. „Psss.“ Halten.
Der Ballon kam nun so weit runter, dass man die Knoten sehen konnte. Der Mann mit der Weste trat vor und band die Seile an einem festen Pfosten fest.
„Geschafft!“, rief er. „Jetzt kann er nicht mehr wandern.“
Doch in diesem Moment passierte ein Mini-Rebondissement: Der Ballon machte „Pfffft“.
„Oh nein“, sagte der Fahrradkurier. „Er verliert Luft!“
Ein dünner Luftstrahl schoss heraus und kitzelte Juri an der Nase.
„Nicht jetzt“, murmelte Juri. Er spürte ein Niesen kommen. Ein Superhelden-Niesen war gefährlich.
„Alle weg!“, rief er und hielt sich die Nase zu. „Ich… ich…“
Die Kinder riefen: „Nicht niesen!“
Die lila Mantel-Dame hielt ihm ihren Hut hin. „Schnuppern Sie an meinem Hutband! Das riecht nach Lavendel. Das beruhigt!“
Juri beugte sich vor und schnupperte. „Mmm… Lavendel.“
Das Niesen zog sich zurück wie ein scheues Kaninchen.
„Gerettet“, flüsterte Juri.
Der Ballon aber sank weiter in sich zusammen und wurde zu einem großen, schlaffen Kissen. Es lag nun auf der Brücke wie ein riesiger Pfannkuchen.
Ein Kind sprang nicht drauf, weil die Dame streng guckte. „Nicht draufhüpfen!“, sagte sie.
Der Mann mit der Weste seufzte erleichtert. „Keine singende Brücke mehr.“
Das Geländer war still. Dann machte es ganz leise: „…wii.“
„Psst“, sagte Juri zum Geländer und grinste. „Pause. Du warst super.“
Ein Applaus, ein Sofa-Gentleman und Lust auf morgen
Die Menschen konnten wieder über die Passerelle gehen. Der Fußgänger-Stau löste sich auf wie Zucker im Tee. Unten rollten die Autos weiter, oben wurde es wieder luftig.
Der Mann mit der Weste schrieb etwas auf ein Klemmbrett. „Ich notiere: Problem gelöst durch Teamarbeit und… Windmusik.“
Der Fahrradkurier schwang sich aufs Rad. „Ich hab heute gelernt: Man kann sogar mit einem Ballon verhandeln. Wenn man nett ist.“
Die Kinder standen noch um Juri herum. „Kannst du noch mal ‚puh‘ machen?“, fragte eines.
Juri lachte. „Nur ein winziges.“
Er machte „puh“, und ein paar lose Zettel tanzten wie Schmetterlinge, ganz langsam. Die Kinder jauchzten.
Die lila Mantel-Dame trat zu Juri. „Junger Mann“, sagte sie feierlich, „Sie haben Initiative gezeigt. Sie haben nicht nur gepustet. Sie haben gefragt, geplant und alle mitgenommen.“
Juri kratzte sich verlegen am Hals. „Ich… hatte auch viel Glück. Und Lavendel.“
„Lavendel ist auch Initiative“, sagte sie ernst. Dann zwinkerte sie.
Der Mann mit der Weste reichte Juri eine kleine Rolle Klebeband. „Für Ihre Cape-Kordel. Falls Sie wieder an einer Laterne hängen bleiben.“
Juri nahm sie. „Danke. Das ist… sehr praktisch-superheldig.“
Gerade als Juri gehen wollte, rief das Geländer plötzlich: „WIIIII—“
Alle erstarrten.
Juri drehte sich blitzschnell um. „Was? Noch mal?“
Dann sahen sie es: Ein kleiner Junge hatte mit seinem Trinkhalm gegen das Metall gepustet. Es machte ein lustiges Geräusch, wie eine Mini-Sirene.
Der Junge grinste. „Ich wollte testen, ob es noch kann.“
Alle lachten erleichtert. Juri beugte sich zu dem Jungen. „Du bist ein kleiner Forscher. Aber bitte nur, wenn kein Stau entsteht.“
„Versprochen“, sagte der Junge.
Die lila Mantel-Dame hob den Hut. „Und wenn doch, rufen Sie Windmann. Aber ohne Niesen.“
Juri salutierte. „Ohne Niesen. Ich übe.“
Er ging über die Passerelle, diesmal ganz normal, nicht springend, nicht rutschend. Der Wind spielte sanft mit seiner Cape, als würde er sagen: „Bis bald.“
Auf der anderen Seite blieb Juri stehen und schaute zurück. Die Stadt glitzerte, die Leute lächelten, und der Ballon-Pfannkuchen wurde schon von zwei Mitarbeitern weggetragen.
Juri sagte leise zu sich: „Heute war chaotisch. Aber ich hab's angefangen. Ich hab Hilfe geholt. Und wir haben's geschafft.“
Sein Armband piepte wieder. Piep!
Diesmal stand da: HINWEIS – MORGEN: UNBEKANNTE FLATTER-SACHE BEI DER BIBLIOTHEK.
Juri grinste so breit, dass seine Maske fast rutschte. „Unbekannte Flatter-Sache? Klingt nach Abenteuer.“
Er schob die Maske zurecht, klopfte auf die Klebebandrolle in seiner Tasche und flüsterte: „Okay, Wind. Morgen machen wir's noch besser. Im Flüstermodus.“
Und der Wind in Kicherstadt antwortete, ganz freundlich und ganz leise: „Puh.“