Kapitel 1 – Der erste Atemzug Kälte
Jonas drückte seine Nase an die Scheibe. Draußen schwebten kleine Schneeflocken ganz langsam vom grauen Himmel. Sie tanzten, als hätten sie alle Zeit der Welt.
Drinnen in der warmen Wohnung roch es nach Tee und ein bisschen nach Zimt. Jonas trug noch seinen Schlafanzug und die dicken Wollsocken, die Oma gestrickt hatte.
„Es schneit richtig!“, rief er.
Seine Mutter kam mit einer Tasse in der Hand ans Fenster. „Ja“, sagte sie leise, „der Winter meint es ernst.“
Jonas beobachtete, wie sich der Schnee auf die Autos legte. Erst ganz vorsichtig, dann dicker. Die Bäume unten im Hof bekamen weiße Mützen. Ein Fahrrad, das jemand vergessen hatte, verschwand langsam unter einer Decke aus Schnee.
Er merkte, wie in seiner Brust etwas eng wurde. „Ich mag den Winter nicht so“, murmelte er. „Alles ist kalt. Und dunkel.“
Mama stellte die Tasse ab und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Der Winter ist anders, das stimmt“, sagte sie. „Aber anders heißt nicht automatisch schlecht. Man muss nur gut hinschauen.“
Jonas zuckte mit den Schultern. „Gut hinschauen bringt doch auch keine längeren Tage“, brummte er.
Seine Mutter lachte leise. „Stimmt. Aber man entdeckt Dinge, die man im Sommer nie sehen würde. Die Luft, wenn du rausgehst, die Geräusche im Schnee… Und die Wärme drinnen fühlt sich nochmal ganz anders an.“
Jonas dachte kurz nach. Ihm fiel das Gefühl ein, wenn man nach dem Sportunterricht im Winter aus der kalten Turnhalle in die warme Umkleide kam. Das war schon irgendwie schön.
„Außerdem“, fuhr Mama fort, „heute machen wir etwas Besonderes. Im Jugendzentrum nebenan gibt es eine Winteraktion für Menschen, die es gerade schwer haben. Ich helfe da mit. Willst du mitkommen?“
„Was denn für eine Aktion?“, fragte Jonas.
„Wir packen Wintertaschen mit Tee, warmen Socken, Mützen, ein paar Leckereien. Für Leute, die zu wenig Geld haben oder sogar auf der Straße leben. Vor der Tür vom Jugendzentrum ist ein großer überdachter Eingang, so eine Art Vorbau. Da können alle kurz aus der Kälte raus, sich aufwärmen, Tee trinken.“
Jonas stellte sich den Eingang vor. Er kannte das Jugendzentrum. Vorn war ein breiter, tiefer Betonsims, eine Art breiter Treppenaufgang, und darüber ein langes Vordach aus Metall. Wenn es regnete, konnte man darunter stehen, ohne nass zu werden.
„Darf ich wirklich mitmachen?“, fragte er.
„Ja, klar. Aber nur, wenn du auch ehrlich sagst, was du machen magst und was nicht. Du musst nicht alles toll finden“, sagte Mama. „Abgemacht?“
Jonas nickte vorsichtig. „Okay. Aber ich sag, wenn mir was zu viel ist.“
„Genauso soll es sein“, meinte Mama.
Jonas schaute noch einmal hinaus. Die Flocken waren größer geworden, und die Straße sah langsam aus wie aus Watte. Er seufzte. Der Winter würde bleiben. Vielleicht, dachte er, könnte er ja wirklich mal genauer hinsehen.
Kapitel 2 – Unter dem schützenden Vordach
Der Schnee knirschte leise unter Jonas' Stiefeln, als sie später zum Jugendzentrum gingen. Die Luft biss ein bisschen in seine Wangen. Wenn er ausatmete, sah er seine weiße Wolke vor dem Gesicht schweben.
„Meine Nase friert ab“, murrte er, aber nicht besonders ernst.
Mama grinste. „Sie hängt noch dran. Ich hab nachgeschaut.“
Als sie um die Ecke bogen, sah Jonas das Vordach des Jugendzentrums. Darunter standen schon ein paar Leute, die sich unterhielten. Ein gelbes Licht fiel durch die Glastür nach draußen. Direkt vor der Tür stand ein langer Tisch mit einer Thermoskanne, bunten Tassen und einer Blechdose.
Der Schnee fiel dicht, aber unter dem Vordach blieb der Boden trocken. Am Rand bildete sich eine scharfe Linie: hier trocken, da nass und weiß. Jonas blieb kurz an der Linie stehen und strich mit der Stiefelspitze den Schnee zur Seite. Er beobachtete, wie das nasse dunkle Pflaster darunter zum Vorschein kam.
„Guten Morgen, ihr zwei!“, rief eine Stimme.
Es war Lara, die Betreuerin aus dem Jugendzentrum. Sie trug eine dicke Strickmütze mit einem riesigen Bommel. Aus ihrem Mund stieg beim Reden Dampf.
„Hey, Jonas, schön, dass du mitmachst“, sagte sie. „Wir verteilen heute Tee und kleine Wintertaschen. Und drinnen packen wir neue.“
„Was soll ich machen?“, fragte Jonas.
„Das kannst du dir aussuchen“, meinte Lara. „Möchtest du eher hier draußen beim Tee helfen? Oder drinnen beim Packen? Oder vielleicht beobachten, wer was braucht?“
Das Wort „beobachten“ blieb bei Jonas hängen. Eigentlich machte er das oft, ohne darüber nachzudenken. In der Schule schaute er gern aus dem Fenster und merkte sich, welcher Baum zuerst die Blätter verlor. Oder er sah, wenn es einem Mitschüler nicht gut ging, noch bevor der etwas sagte.
„Ich will erstmal hier stehen“, entschied er. „Dann seh ich alles.“
Mama nickte zufrieden. „Gute Idee.“
Sie stellten sich hinter den Tisch. Lara erklärte: „Immer wenn jemand kommt, bietest du Tee an. Und du kannst fragen, ob die Person lieber süß oder nicht so süß mag. Aber nur, wenn du dich damit wohlfühlst. Du musst nicht mit jedem reden, okay?“
Jonas atmete tief ein. Die Luft roch nach Schnee, nach feuchtem Beton und ein bisschen nach Zigarettenrauch von jemandem, der weiter hinten stand. Unter dem Vordach war es windstill. Man hörte die Schneeflocken fast nicht, nur das leise Rauschen der Straße dahinter.
Die Glastür öffnete sich. Ein älterer Mann mit einer dicken, aber ziemlich abgenutzten Jacke kam heraus. Er hatte keine Mütze, nur dünne graue Haare.
„Möchten Sie Tee?“, fragte Jonas vorsichtig.
Der Mann lächelte müde. „Sehr gern, junger Mann. Aber bloß nicht zu süß, ich hab keinen Zucker mehr nötig“, sagte er und zeigte seine zahnarmen Reihen.
Jonas goss langsam Tee in die Tasse und achtete darauf, nichts zu verschütten. Er reichte sie ihm mit beiden Händen. Die Finger des Mannes zitterten ein bisschen, als er die Tasse nahm.
„Danke“, sagte er leise. „Hier ist es ein bisschen wärmer als da draußen.“
Jonas sah, wie der Dampf von der Tasse direkt in das faltige Gesicht zog. Der Mann schloss für einen Moment die Augen. Sein ganzer Körper wirkte, als würde er ein kleines Stück weicher werden.
Jonas merkte, wie sich in seiner Brust ein warmes Gefühl ausbreitete. Das Vordach über ihnen knisterte leise, als eine Ladung Schnee darauf fiel. Draußen formten Autos mit ihren Lichtern gelbe Streifen im weißen Wirbel.
Er dachte: Vielleicht ist der Winter gar nicht nur kalt. Man muss nur sehen, wo es warm wird.
Kapitel 3 – Die Wintertaschen und die Wahrheit
Nach einer Weile wurden Jonas' Füße kalt, obwohl er dicke Socken trug. Seine Finger waren auch ein bisschen steif geworden.
„Willst du eine Pause machen?“, fragte Mama. „Wir können drinnen Wintertaschen packen.“
Jonas nickte. „Ja. Meine Zehen fühlen sich an wie Eiswürfel.“
Drinnen im Jugendzentrum war es warm. Seine Brille beschlug sofort, als er hereinkam, und er musste lachen. Der Raum war hell, und auf den Tischen lagen Mützen, Schals, Socken, Teepäckchen und kleine Schokotafeln.
„Wow“, murmelte Jonas. „So viele Sachen.“
„Die meisten wurden gespendet“, erklärte Lara. „Wir sortieren und machen daraus Taschen. Jede Tasche soll ungefähr gleich sein, damit es fair bleibt.“
Jonas nahm eine rote Stofftasche und fuhr mit der Hand darüber. Der Stoff fühlte sich robust an. Nicht zu dünn, nicht zu dick.
„Wir legen immer zuerst eine warme Sache hinein“, sagte Mama. „Also Mütze oder Schal oder dicke Socken. Dann Tee, dann was Süßes. Und vielleicht noch was Kleines zum Schreiben, wenn wir genug haben.“
Jonas fasste nach einer Mütze. Sie war kratzig.
„Die nehme ich nicht“, sagte er entschieden.
„Warum nicht?“, fragte Lara.
„Die kratzt. Kratzige Mützen mag ich nicht. Wenn man sich schon im Winter wärmt, soll es sich auch gut anfühlen“, antwortete Jonas.
Lara nickte. „Guter Punkt. Vielleicht ist sie für jemanden mit sehr dicken Haaren okay. Dann kratzt sie nicht so. Wir legen sie in eine eigene Kiste, für Leute, die sich was aussuchen dürfen.“
Jonas lächelte. Es fühlte sich gut an, dass seine Meinung zählte. Er nahm eine andere Mütze, blau mit weichem Futter, und legte sie in die Tasche. Dann wählte er einen Früchtetee. Er roch an der Packung.
„Dieser riecht nach Sommer“, sagte er überrascht. „Nach Erdbeeren.“
„Willst du, dass jemand im Winter Sommertee kriegt?“, fragte Mama.
Jonas dachte nach. Er stellte sich vor, wie jemand im kalten Wind stand und an einem Tee roch, der nach warmen Tagen roch.
„Ja“, sagte er. „Vielleicht erinnert der Tee daran, dass es nicht immer so kalt bleibt.“
„Sehr schöne Idee“, sagte Mama leise.
Sie packten schweigend weiter. Nach der dritten Tasche spürte Jonas, wie seine Schultern etwas müde wurden. Er war es nicht gewohnt, so lange im Stehen zu arbeiten.
„Wie geht's dir?“, fragte Mama.
Jonas zögerte kurz. Er wollte nicht wie ein Jammerlappen klingen. Aber sie hatten doch ausgemacht, dass er ehrlich sein sollte.
„Ich finde es gut, was wir hier machen“, begann er. „Aber ich mag es nicht, so viel zu stehen. Und ich mag diese kratzigen Sachen nicht. Und… ich will nicht mit jedem reden. Bei manchen Leuten weiß ich nicht, was ich sagen soll.“
Mama sah ihn an. Ihre Augen wurden weich. „Danke, dass du mir das so genau sagst“, meinte sie. „Das ist wichtig. Dann können wir schauen, was für dich passt.“
„Ist es schlimm, dass ich das nicht alles mag?“, fragte Jonas.
„Überhaupt nicht“, antwortete sie. „Es ist mutig, das zu sagen. Solidarisch sein heißt ja nicht, sich selbst zu vergessen. Sondern bewusst zu helfen, so wie man kann.“
Lara hatte das Gespräch mit einem Ohr mitbekommen. „Wir könnten dich zum Beobachtungschef machen“, schlug sie vor.
„Was ist das denn?“, fragte Jonas misstrauisch.
„Du achtest darauf, was die Leute wirklich brauchen. Ob sie frieren, ob sie lieber lange Schals wollen oder eher Socken. Du schaust, wer vielleicht nur einen Tee will und sonst seine Ruhe. Und du sagst uns, wenn dir etwas auffällt. Das kannst du gut, glaube ich.“
Jonas' Brust wurde warm. „Ja“, sagte er. „Darauf hab ich Lust.“
Er spürte, wie der Winter sich wieder ein bisschen anders anfühlte. Nicht nur als etwas, das man ertrug, sondern als etwas, bei dem er selbst eine Rolle spielen konnte.
Kapitel 4 – Kleine Beobachtungen, große Wirkung
Wieder draußen unter dem Vordach stellte sich Jonas seitlich hin, sodass er den Tisch, die Tür und die Leute darunter sehen konnte. Der Schnee fiel immer noch dicht, aber langsamer. Auf dem Vordach bildeten sich kleine Eiszapfen an der Kante. Sie glänzten wie Glas.
Er achtete auf die Leute, die kamen und gingen.
Ein Mädchen in seinem Alter stand neben ihrer Mutter. Sie trug eine dünne Jacke, aber einen dicken Schal. Ihre Hände steckten tief in den zu kurzen Ärmeln. Ihre Finger schauten ein Stück heraus und waren rot.
Jonas tippte Lara an den Ärmel. „Die da“, flüsterte er, „braucht Handschuhe. Sie hält die Hände so komisch versteckt.“
Lara nickte. „Gute Beobachtung.“ Sie ging zu der Mutter. „Wir haben drinnen noch Handschuhe. Möchtet ihr mal schauen?“
Das Mädchen sah überrascht auf. „Echt?“, fragte sie.
Ein bisschen später kam sie mit dunkelroten Fäustlingen wieder heraus. Sie grinste und schaute Jonas kurz an. „Die sind voll warm“, sagte sie. Ihre Stimme war fast ein bisschen schüchtern, aber glücklich.
Jonas spürte, wie seine Ohren heiß wurden, obwohl es kalt war. Er schaute wieder zur Schneelinie am Rand des Vordachs. Jedes Mal, wenn jemand drüberging, hinterließ er Spuren.
Dann kam eine Frau mit einem Kinderwagen. Der Kinderwagen war alt, und die Räder hinterließen braune Spuren im Schneematsch. Das kleine Kind darin trug eine dicke Jacke, aber der Reißverschluss war kaputt und stand offen.
Jonas sagte: „Der Reißverschluss ist kaputt. Vielleicht braucht das Kind lieber eine Decke.“
Mama nickte. „Magst du fragen? Ich steh neben dir.“
Jonas schluckte. „Okay, ich versuch's.“
Er ging einen Schritt näher. „Entschuldigung“, begann er. „Darf ich was fragen?“
Die Frau sah ihn müde an. „Ja?“
„Ich hab gesehen, der Reißverschluss von der Jacke ist kaputt“, sagte Jonas. „Wir haben drinnen Decken und vielleicht auch Jacken. Möchten Sie schauen? Damit das Kind nicht friert.“
Die Frau blinzelte überrascht. Dann lächelte sie zum ersten Mal. „Du hast gute Augen“, sagte sie. „Danke. Eine Decke wäre toll.“
Lara brachte eine bunte Decke. Das Kind griff sofort nach dem Stoff und kuschelte ihn ans Gesicht.
„Manchmal sind Kinder die besten Detektive“, meinte Lara später zu Jonas.
Auf einmal hörte Jonas ein lautes Krachen. Ein Teil Schnee war vom Vordach gerutscht und neben der Treppe auf dem Boden gelandet. Der Schnee spritzte hoch, wie ein weißer Springbrunnen. Einige Kinder, die vorbeigingen, kicherten.
Jonas musste lachen. „Der Winter macht Geräusche wie ein kaputtes Kissen“, sagte er.
„Wie kommst du darauf?“, fragte Mama.
„Wenn ein Kissen aufreißt, fliegen auch plötzlich überall weiße Sachen raus“, erklärte Jonas. Er stellte sich ein Kissen voller Schneeflocken vor und grinste.
In diesem Moment bemerkte er einen Mann, der ganz am Rand des Vordachs stand. Er hatte den Rücken zur Wand gelehnt und sah nach unten auf seine Schuhe. Er hatte keinen Tee in der Hand und sprach mit niemandem. Sein Schal war dünn und ein bisschen zerlöchert.
Jonas fühlte ein Ziehen in seinem Bauch. „Der da“, sagte er zu Mama, „hat gar nichts. Nicht mal Tee. Und er guckt immer auf den Boden.“
„Was glaubst du, was er braucht?“, fragte sie.
Jonas dachte nach. „Vielleicht will er keinen Tee. Vielleicht will er einfach nur in Ruhe stehen, aber nicht ganz allein sein.“
„Willst du dich mal neben ihn stellen? Du musst nicht reden“, schlug Mama vor.
Jonas zögerte. Dann atmete er tief ein und ging langsam rüber. Er stellte sich neben den Mann, aber mit ein bisschen Abstand. Nicht zu nah.
Sie standen schweigend da. Der Schnee draußen fiel weiter. Unter dem Vordach war es ruhig. Man hörte nur ab und zu Tassenklirren und gedämpfte Stimmen.
Nach einer Weile sagte der Mann: „Ganz schön kalt, was?“
„Ja“, antwortete Jonas. „Aber hier geht's.“
„Hier geht's“, wiederholte der Mann. „Ja. Hier geht's.“
Sie schwiegen wieder.
Dann bemerkte Jonas, dass der Mann immer wieder mit den Fingern an seinem dünnen Schal zog. „Ich mag, wenn's um meinen Hals richtig warm ist“, sagte Jonas plötzlich. „Kalte Luft im Kragen finde ich doof.“
Der Mann sah ihn an. „Ja“, meinte er. „Das mag ich auch nicht so.“
Lara, die drinnen war, kam kurz darauf mit einer Kiste heraus. „Wir haben gerade die letzten Schals sortiert“, rief sie. „Wer noch einen braucht, darf gern schauen.“
Jonas wandte sich an den Mann. „Vielleicht finden Sie ja einen, der den Hals richtig warm macht“, sagte er leise.
Der Mann nickte langsam. „Vielleicht“, murmelte er. Seine Augen waren nicht mehr ganz so leer.
Jonas spürte stolz, dass seine Beobachtungen etwas veränderten. Ganz kleine Dinge, aber sie fühlten sich groß an.
Kapitel 5 – Der Mut, Nein zu sagen
Gegen Nachmittag tat Jonas alles weh: die Füße, der Rücken, sogar der Nacken. Er war müde vom Stehen, Reden, Gucken. Der Himmel draußen war inzwischen dunkelgrau geworden. Die Straßenlaternen schalteten sich ein und malten gelbe Kreise in den Schnee.
„Wir könnten noch ein paar Taschen für später vorbereiten“, schlug Lara vor. „Ein paar Leute kommen vielleicht erst am Abend.“
Mama sah Jonas an. „Wie fühlst du dich?“
Jonas spürte, dass er am liebsten nach Hause gehen und sich unter seine Decke kuscheln wollte. Der Gedanke an noch mehr Packen machte ihn müde. Gleichzeitig nagte eine Stimme in ihm: Du musst weitermachen, sonst bist du egoistisch.
Er schaute auf seine Stiefel. Kleine Schneeränder hatten sich an den Sohlen festgesetzt. Dann erinnerte er sich an das, was Mama morgens gesagt hatte: Er dürfe sagen, was er mag und was nicht. Und daran, dass Lara gesagt hatte, Solidarität heiße nicht, sich selbst zu vergessen.
Er atmete tief ein. Die kalte Luft kitzelte in seiner Nase.
„Ich mag, was wir machen“, fing er an. „Aber ich bin wirklich müde. Ich will nicht noch mehr Taschen packen. Und ich hab auch keine Lust mehr zu reden. Sonst werd ich nur knatschig.“
Er wartete auf eine enttäuschte Reaktion.
Lara lächelte jedoch. „Danke, dass du das sagst“, meinte sie. „Das ist total in Ordnung. Du hast heute schon viel gemacht. Du kannst auch einfach hier unter dem Vordach sitzen und eine Pause machen. Oder mit deiner Mutter nach Hause gehen.“
Mama strich ihm über die Schulter. „Ich bin auch müde“, gab sie zu. „Wir haben heute viel geschafft.“
Jonas setzte sich auf die Treppenstufe direkt an der Kante vom trockenen Boden zum Schnee. Ein kalter Hauch kam von draußen herein, aber unter dem Vordach fühlte er sich geschützt. Wie in einer kleinen Höhle.
Er betrachtete die Spuren im Schnee. Große Stiefelabdrücke, kleine Schuhe, Reifenspuren vom Kinderwagen. Manche Spuren gingen hin, andere zurück. Einige endeten direkt unter dem Vordach, als hätten die Leute dort einen Moment Schutz gefunden.
„Ich find den Winter immer noch kalt“, sagte Jonas nachdenklich. „Und ich mag es nicht, wenn es so früh dunkel ist. Aber… ich mag, wie leise alles wird, wenn so viel Schnee liegt. Und ich mag dieses Vordach. Es ist draußen und doch nicht ganz draußen.“
„Gefällt dir der Winter jetzt ein bisschen besser?“, fragte Mama.
„Ein bisschen“, gab Jonas zu. „Aber ich mag ihn nicht immer. Ich mag ihn nur… manchmal. Und ich mag, dass wir Leuten helfen können, die ihn noch viel schlimmer finden.“
Er stand wieder auf und klopfte den Staub von seiner Hose, obwohl gar kein Staub da war, nur ein paar Schneeflocken.
„Ich will jetzt nach Hause“, sagte er dann klar. „Ich will in die Badewanne, Kakao trinken und meine weiche Decke. Und morgen will ich vielleicht wiederkommen. Aber nur, wenn ich nicht zu müde bin.“
Mama nickte. „Das ist ein guter Plan.“
Lara kam zu ihnen und drückte Jonas kurz die Schulter. „Du hast heute sehr viel Gutes getan, Jonas. Nicht nur mit deinen Händen, sondern mit deinen Augen.“
Jonas musste grinsen. „Meine Augen sind aber auch müde“, meinte er.
„Dann haben sie sich eine Pause verdient“, sagte Lara.
Kapitel 6 – Wärme im Bauch und Klarheit im Kopf
Zuhause zog Jonas die nassen Sachen aus. Seine Socken waren an den Zehen ein bisschen feucht geworden, obwohl sie dick waren. Die Heizung gluckerte leise. Der Geruch von heißem Wasser stieg aus dem Badezimmer, wo die Wanne einlief.
Jonas ließ sich langsam in das warme Wasser sinken. Zuerst stachen seine kalten Füße ein bisschen, als würde tausend kleine Nadeln darauf tanzen. Dann breitete sich eine tiefe Wärme aus, die bis in seine Zehen kroch.
Mit geschlossenen Augen sah er nochmal das Vordach vor sich. Die Linie zwischen trocken und nass. Die Menschen, die mit roten Nasen kamen und mit einem bisschen mehr Wärme im Gesicht wieder gingen. Die Decke im Kinderwagen. Die roten Fäustlinge. Der Mann mit dem dünnen Schal.
Er merkte, wie ruhig sein Atem wurde.
Später saß er im Wohnzimmer, eingewickelt in seine weiche Decke. In der Hand hielt er eine Tasse Kakao. Der Dampf streichelte sein Gesicht.
„Wie war dein Tag?“, fragte Mama und setzte sich neben ihn.
Jonas dachte einen Moment nach, bevor er antwortete. „Kalt und warm zugleich“, sagte er. „Ich hab den Schnee gemocht, so ein bisschen. Vor allem, wie er klang, wenn er vom Vordach gerutscht ist. Und ich mochte es, Leuten zu helfen. Aber ich mochte es nicht, die ganze Zeit zu stehen. Und ich mochte die kratzigen Mützen nicht. Und ich mag es nicht, wenn ich mit zu vielen Menschen gleichzeitig reden soll. Das macht mich müde.“
Mama nickte aufmerksam. „Du kannst Dinge mögen und andere nicht. Das ist völlig okay.“
„Ja“, meinte Jonas. „Und wenn ich sage, was ich nicht mag, können wir besser planen. Dann helfe ich lieber bei den Sachen, die ich gut kann. Zum Beispiel beobachten.“
Er lehnte den Kopf an Mamas Schulter. „Ich bin ein Winterbeobachter“, murmelte er.
„Ein sehr guter“, stimmte sie zu.
Draußen vor dem Fenster fiel noch immer Schnee. Aber jetzt, im warmen Zimmer, sah er weicher aus. Wie eine große, leise Decke, die sich über die Stadt legte.
„Weißt du“, sagte Jonas langsam, „der Winter ist wie dieses Vordach. Draußen ist es echt kalt und manchmal unangenehm. Aber wenn man den richtigen Platz findet, ist es gar nicht so schlimm. Und wenn man sagt, wo man stehen will, ist es noch besser.“
Mama lächelte. „Das ist eine kluge Beobachtung.“
Jonas spürte, wie sich in ihm eine leichte, ruhige Zufriedenheit ausbreitete. Er war müde, aber auf eine gute Art. Seine Augenlider wurden schwer.
„Morgen schau ich erstmal aus dem Fenster und beobachte die Spuren im Schnee“, murmelte er. „Und wenn ich wieder ins Jugendzentrum will, sag ich es. Und wenn ich nicht will, sag ich das auch.“
„Genau so“, sagte Mama leise.
Jonas nahm einen letzten Schluck Kakao. Dann zog er die Decke bis zum Kinn hoch. In seinem Kopf wirbelten noch ein paar Schneeflocken herum, gemischt mit warmen Tassen, weichen Mützen und einem langen, schützenden Vordach, unter dem man stehen konnte, ohne im Winter ganz verloren zu sein.
Langsam glitt er in den Schlaf, zufrieden darüber, dass er nicht nur den Winter ein bisschen besser verstanden hatte, sondern auch sich selbst – mit allem, was er mochte und nicht mochte. Und gerade das fühlte sich an wie ein kleines, stilles Stück Mut, das tief in ihm leise weiterglühte.