Kapitel 1: Die Überraschung am Dienstagmorgen
Tom saß gerade am Frühstückstisch und pustete auf sein warmes Kakaoglas. Die Sonne schien durch das Fenster und warf goldene Flecken auf sein Gesicht. Plötzlich kam seine Mutter lächelnd in die Küche und legte einen Brief auf den Tisch. „Post für dich!“, sagte sie geheimnisvoll.
Tom staunte. Er bekam selten Briefe. Mit etwas zittrigen Fingern öffnete er den Umschlag. Sein Herz klopfte schneller, als er die ersten Zeilen las: „Lieber Tom, du bist für das große Schülerkonzert nächste Woche als Solo-Geiger ausgewählt worden…“
Wie ein Blitz schoss die Aufregung durch seinen Körper. Ein Solo! Vor allen Leuten! Tom stellte sich die Bühne vor, das Publikum, die vielen bekannten und unbekannten Gesichter, die auf ihn blicken würden. Plötzlich war sein Appetit weg.
Seine Mutter merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. „Was ist los, Tom? Freust du dich nicht?“
Tom kniff die Lippen zusammen. „Ich weiß nicht, Mama. Ich habe irgendwie... Angst.“
Kapitel 2: Die Angst kribbelt im Bauch
Später in der Schule dachte Tom die ganze Zeit nur an das Konzert. Die Lehrerin erklärte Mathe, aber Tom hörte nur das Rauschen in seinem Kopf. Er sah sich aus Versehen auf der Bühne stehen und alle würden ihn anstarren. Was, wenn er sich verspielt? Oder stolpert? Oder… oh nein, was, wenn er seinen Geigenbogen fallen lässt?
In der Pause erzählte Tom seinem besten Freund Jonas von dem Solo. Jonas staunte. „Wow, das ist doch voll cool! Warum hast du denn Angst?“
Tom zuckte die Schultern. „Weil alle mich anschauen. Was, wenn ich es verhaue?“
Jonas überlegte. „Mein Papa sagt immer, dass ein bisschen Angst dazu gehört, wenn etwas wichtig ist. Vielleicht hilft es, wenn du üb…“
Plötzlich fiel Tom Jonas ins Wort. „Aber ich will doch nur, dass die Angst weggeht. Sie fühlt sich an wie hundert Ameisen, die in meinem Bauch krabbeln.“
Jonas lachte. „Dann musst du sie vielleicht mal fragen, was sie will.“
Tom starrte ihn an. „Die Angst fragen?“
„Na klar!“, sagte Jonas, „Wenn ich Angst habe, male ich ein Bild davon. Dann sieht sie irgendwie weniger unheimlich aus.“
Dieses Gespräch brachte Tom zum Nachdenken.
Kapitel 3: Die Angst wird gemalt
Nach der Schule schlich Tom in sein Zimmer, schloss die Tür und holte seine Malkreide. Er beschloss, seine Angst zu malen, so wie Jonas gesagt hatte. Er nahm ein großes Blatt Papier und begann.
Er malte ein riesiges, wackeliges Wesen in Zitronengelb und Papageiengrün mit wilden, aufgerissenen Augen. Große, flatternde Hände und einen Mund, der ganz gespannt war. So sah seine Angst aus. Irgendwie sah sie sogar ein bisschen lustig aus. Tom musste kichern.
Als seine kleine Schwester Anna hereinschlich, klopfte sie neugierig auf das Bild. „Was ist das?“
Tom grinste. „Das ist meine Konzert-Angst. Sie will, dass ich alles perfekt mache. Aber eigentlich will sie nur, dass ich mich anstrenge.“
Anna nickte verständnisvoll. „Kannst du sie nicht mitnehmen? Vielleicht hilft sie dir sogar.“
Tom dachte kurz nach. „Das ist gar keine schlechte Idee, Anna.“
Kapitel 4: Proben mit Angst
Jeden Tag übte Tom jetzt für das Solo. Am Anfang war die Angst immer noch da. Sie kappelte und kitzelte ihn, besonders wenn er schwierige Stellen spielte. Aber Tom sprach manchmal beim Üben mit seiner Angst.
„Angst, du darfst mitkommen, aber nur, wenn du leise bist,“ sagte er leise, bevor er die Melodie spielte.
Manchmal spielte er sogar für Anna und seine Mutter. Sie klatschten immer.
Einmal im Park übte er draußen, und ein kleiner Hund kam vorbei, setzte sich hin und hörte zu. Tom musste lachen. „Na, Hund, bist du auch ein bisschen nervös wegen meines Geigenspiels?“
Langsam wurde seine Angst kleiner. Sie hockte nicht mehr so schwer auf seinem Bauch. Manchmal war sie nur noch wie ein leichtes Kribbeln im kleinen Zeh.
Eines Tages hatte er eine neue Idee. Er stellte sich vor, dass das Publikum aus lauter Kuscheltieren bestand. Teddys, Mäuse, Elefanten – alle klatschten begeistert. Das machte ihn mutiger.
Kapitel 5: Der große Tag
Am Konzerttag war Tom schon beim Aufwachen ganz aufgeregt. Er aß nur halb so viel Frühstück wie sonst. Seine Mutter steckte ihm einen kleinen, bemalten Stein in die Hosentasche. „Den kannst du in deiner Hand halten, wenn die Angst kommt,“ lächelte sie.
Hinter der Bühne war es dunkel und riechte nach Holz und Lampenstaub. Die anderen Kinder tuschelten und übten noch einmal. Tom spürte seine Angst wieder, aber diesmal war sie kleiner.
Er griff nach dem Stein, den seine Mutter ihm gegeben hatte, atmete tief ein und aus. „Angst, du bist da. Das ist okay. Aber jetzt konzentriere ich mich auf meine Musik,“ flüsterte er.
Dann war Tom an der Reihe. Das Licht blendete, das Publikum war still. Er hob den Bogen und begann zu spielen. Am Anfang zitterte seine Hand, doch nach ein paar Tönen wurde er ruhiger.
Er dachte an sein gemaltes Angst-Monster, das jetzt am Bühnenrand saß und gespannt zuhörte. Die Melodie floss, die Finger flitzten über die Saiten. Am Ende klatschten alle – sogar die Lehrer lächelten.
Tom strahlte. Es war geschafft!
Kapitel 6: Die Angst als Freundin
Nach dem Konzert kam Anna angerannt und umarmte Tom fest. „Du hast es geschafft!“
Tom lachte und fühlte sich leicht wie eine Feder. Später, zu Hause, hing er das Angst-Bild an seine Wand. „Du darfst bleiben“, sagte Tom zu seinem Bild, „aber ich bestimme jetzt, wann du zu Besuch kommst.“
Abends, im Bett, dachte Tom lange nach. Angst ist gar nicht immer schlecht, fand er. Sie kann einen auch beschützen, so dass man sich vorbereitet. Aber wenn sie zu laut wird, darf man ihr freundlich sagen: „Jetzt reicht's.“
Tom lernte, dass es Mut bedeutet, trotzdem weiterzumachen, auch wenn man Angst hat.
Und so wurde Tom ein bisschen mutiger. Und wenn manchmal wieder die Angst kam, dann wusste er: Sie gehört dazu. Und manchmal, wenn er ganz genau hinhörte, hörte er sie kichern – und diesmal musste er selbst kichern.