Kapitel 1: Ordnung mit Extra-Zeit
Mira war sieben Jahre alt und mochte es, wenn Dinge einen Platz hatten. Nur brauchte sie beim Aufräumen oft länger, weil sie Dyspraxie hatte. Ihre Hände wollten manchmal schneller als ihre Gedanken, und dann rutschte ein Stift weg oder ein Buch landete schief im Regal. Mira seufzte, schaute auf ihr Zimmer und sagte: „Mein Chaos macht Purzelbäume.“
Ihre Mama setzte sich neben sie auf den Teppich. „Wir machen das Schritt für Schritt. Du musst dich nicht beeilen.“
„Aber morgen kommt Jona zum Spielen“, murmelte Mira. „Und ich will, dass er sich wohlfühlt.“
Mama nickte. „Dann finden wir eine Ordnung, die zu dir passt. Nicht zu einem perfekten Zimmer.“
Mira nahm eine Kiste und beschriftete sie mit Filzstift: „BAUSTEINE“. Der Filzstift machte einen dicken Punkt, weil ihre Hand kurz zitterte.
„Der Punkt ist wie ein kleiner Stern“, sagte Mama lächelnd.
Mira grinste. „Ein Stern für Mut.“
Sie legten zusammen drei Kisten hin: „BÜCHER“, „MALEN“, „SPIELZEUG“. Mama stellte eine Küchenuhr auf zehn Minuten. „Wir räumen bis zum Klingeln. Danach Pause.“
„Deal“, sagte Mira und streckte die Hand aus. Mama schlug ein.
Als die Uhr tickte, räumte Mira langsam. Sie nahm zwei Legosteine, dann noch zwei. Einmal fiel ihr eine Kiste um, und es klapperte wie Regen auf dem Boden.
Mira hielt kurz den Atem an.
Mama sagte ruhig: „Das war nur ein Geräusch. Wir sammeln sie wieder ein. Wie kleine Käfer.“
Mira lachte. „Käfer, die unbedingt unter das Bett wollen!“
Nach zehn Minuten klingelte die Uhr. Mira hatte nicht alles geschafft, aber eine Ecke sah schon klar aus. Mama klatschte leise. „Siehst du? Kleine Schritte sind echte Schritte.“
Mira spürte Wärme im Bauch. Aufräumen fühlte sich für sie wie ein Weg mit vielen Kurven an. Aber Kurven konnten auch spannend sein.
Kapitel 2: Jona und der Spielplan
Am nächsten Nachmittag klingelte es. Jona stand vor der Tür, mit einem Rucksack und einem breiten Lächeln. „Hallo, Mira! Ich hab mein Kartenspiel dabei.“
„Komm rein“, sagte Mira. Ihr Herz klopfte ein bisschen. Im Flur standen noch zwei Schuhe schief, und auf dem Regal lag ein Schal wie eine schlafende Schlange.
Jona zog die Jacke aus und schaute sich um. „Cool, ihr habt diese Kisten. Das ist wie in einer Werkstatt.“
Mira blinzelte. „Findest du?“
„Ja“, sagte Jona. „Bei mir sieht's manchmal aus wie ein Tornado. Nur dass der Tornado Chips isst.“
Mira prustete los. „Mein Tornado frisst Radiergummis!“
Sie gingen in ihr Zimmer. Mira zeigte auf die Kisten. „Das hilft mir. Ich brauche mehr Zeit beim Sortieren.“
Jona setzte sich auf den Teppich. „Dann machen wir es zusammen. Aber erst spielen?“
Mira nickte. „Erst spielen.“
Beim Kartenspiel rutschten Mira ein paar Karten aus der Hand. Zwei fielen unter den Schreibtisch.
„Oh nein“, sagte Mira leise.
Jona beugte sich runter. „Ich bin gut im Karten-Fischen.“ Er hielt zwei Karten hoch wie einen Fang. „Tadaa!“
Mira lächelte, aber sie spürte trotzdem dieses Ziehen: Was, wenn Jona genervt ist?
„Mira“, sagte Jona, als hätte er ihre Gedanken gehört, „wir können einen Spielplan machen. Dann ist es leichter.“
„Einen Plan?“
„Ja“, sagte Jona. „Wie bei einem Abenteuer. Erst: Karten auf dem Tisch. Zweit: Verlorene Karten suchen. Dritt: Kurz lachen. Viert: Weiter spielen.“
Mira lachte. „Kurz lachen ist wichtig.“
Sie legten ein Blatt Papier hin und malten Symbole: ein Tisch, ein Auge, ein Lachgesicht, ein Pfeil. Mira mochte die Bilder. Bilder waren wie kleine Wegweiser.
Beim nächsten Mal, als eine Karte fiel, sagte Jona: „Schritt zwei!“
Mira schaute auf das Auge. „Suchen!“
Und dann, als sie die Karte fanden, zeigten beide auf das Lachgesicht und kicherten. Es war gar nicht schlimm. Es fühlte sich an, als hätte Mira eine freundliche Landkarte für ihre Hände.
Kapitel 3: Die Aufräum-Expedition
Nach dem Spiel sagte Mama durch die Tür: „In einer halben Stunde gibt es Obst und Joghurt.“
„Okay!“, rief Mira. Dann schaute sie auf den Boden. „Ähm… wir wollten ja auch ein bisschen aufräumen.“
Jona sprang auf. „Aufräum-Expedition! Welche Mission zuerst?“
Mira zeigte auf die Kiste „MALEN“. „Stifte.“
Sie knieten sich hin. Mira nahm Stifte einzeln, weil mehrere auf einmal ihr oft aus der Hand rutschten. Jona nahm immer drei. „Ich bin das Stifte-Taxi“, sagte er und machte Motorgeräusche: „Brrrmmm!“
Mira kicherte. „Dann bin ich die Stifte-Fee. Ich setze sie genau hin.“
Sie arbeiteten Seite an Seite. Wenn Mira unsicher wurde, stoppte sie kurz, atmete ein und aus und sagte: „Ein Teil nach dem anderen.“
Jona nickte. „Wie bei Bausteinen.“
Als Mira ein Heft ins Regal schieben wollte, blieb es schief hängen. Ihre Wangen wurden heiß.
„Soll ich?“, fragte Jona vorsichtig.
Mira dachte kurz nach. „Ja, aber langsam.“
Jona hielt das Heft fest, Mira führte die Ecke. „Zusammen“, sagte Mira.
„Zusammen“, wiederholte Jona.
So ging es mit den Büchern. Bei den Bausteinen machte Mira einen Trick: Sie klebte kleine Farbpunkte auf die Kisten. Rot für Bausteine, Blau für Bücher, Gelb für Malen.
„Farben sind wie Ampeln“, erklärte sie. „Sie sagen mir: Hier lang.“
Jona staunte. „Das ist schlau. Dein Zimmer hat Verkehrsregeln.“
Mira grinste. „Und ich bin die Bürgermeisterin.“
Als die Küchenuhr klingelte, machten sie Pause. Mama brachte Obst. Der Apfel knackte laut, die Banane roch süß. Mira spürte, wie ihre Schultern locker wurden.
„Weißt du“, sagte Mira und drehte einen Apfelstückchen zwischen den Fingern, „Dyspraxie macht manches für mich schwierig.“
Jona kaute und sagte: „Und du hast trotzdem gute Ideen. Die Farbpunkte sind genial.“
Mira lächelte. „Es ist wie… ich habe in mir einen kleinen Wirbelwind. Der wirbelt Dinge durcheinander, aber er bringt auch neue Einfälle.“
„Dann ist dein Wirbelwind ein Ideen-Wirbelwind“, sagte Jona. „Meiner ist eher ein Snack-Wirbelwind.“
Sie lachten beide, und das Lachen war weich, nicht laut.
Kapitel 4: Ein Platz für jeden, ein Versprechen für morgen
Später bauten sie eine kleine Stadt aus Bausteinen. Mira sortierte die Teile nach Farben, Jona nach Formen. „Deine Methode ist bunt“, sagte er. „Meine ist eckig.“
„Bunt und eckig passt“, sagte Mira. „Wie ein Regenbogen mit Häusern.“
Als es Zeit wurde, aufzuräumen, sah Mira kurz zum Boden. Es lag noch etwas da. Aber es fühlte sich nicht mehr wie ein Berg an. Eher wie ein Hügel, den man mit vielen kleinen Schritten hochgeht.
Mama kam rein und sagte: „Ich sehe Teamarbeit.“
Jona zeigte auf die Kisten. „Mira hat ein super System. Und wir haben eine Expedition gemacht.“
Mama nickte. „Und ihr habt zugehört. Das ist eine starke Sache.“
Mira schaute Jona an. „Danke, dass du nicht genervt warst.“
Jona zog die Schultern hoch. „Wieso denn? Jeder hat etwas, das länger dauert. Und du erklärst es gut. Das hilft mir.“
Mira spürte wieder diese Wärme. „Wenn du willst, können wir nächste Woche wieder spielen. Dann mache ich vorher den Zehn-Minuten-Trick.“
„Und ich bringe das Stifte-Taxi“, sagte Jona.
Sie gingen zur Tür. Jona zog die Schuhe an und stellte sie ordentlich nebeneinander. „Schau“, sagte er, „ich kann auch lernen.“
Mira stellte ihren Schal zusammengefaltet auf das Regal. „Und ich auch.“
Draußen winkte Jona. „Bis bald, Mira!“
Mira winkte zurück. „Bis bald. Ich verspreche: Wir bleiben Freunde, und wir helfen uns. Mit Ohren zum Zuhören und Händen zum Zusammen-Arbeiten.“