1. Der erste Frost
Mina, die kleine Feldmaus, wachte auf und schnupperte. Die Luft war klar. Auf den Gräsern glitzerten Eiskristalle wie winzige Sterne. Mina zitterte leicht. „Ist es schon Winter?“, flüsterte sie zu ihrem Doudou, einem weichen, alten Tuch, das sie um den Hals trug. Doudou antwortete nicht, aber Mina fühlte sich besser, wenn sie es berührte.
Der Weg zur Futterstelle war anders. Die Tage waren kurz. Die Sonne kam spät und ging früh. Die Felder waren still. Mina sah Fußspuren im entfernten Schnee und hörte die ferne Stimme eines Raben. In ihrem kleinen Herzen war ein bisschen Sorge. „Werde ich genug finden?“, dachte sie.
Sie versteckte sich hinter einem hohlen Baum und beobachtete. Zuerst kam ein Rotkehlchen. Es hüpfte auf dem gefrorenen Boden und pickte nach kleinen Samen. Dann erschien ein Eichhörnchen. Es trug eine Nuss in den Pfoten und suchte andere Verstecke. Mina atmete ruhig. Die Tiere fanden ihr Essen. Vielleicht könnte sie das auch.
2. Die Futterstelle
Am Rand des Gartens lag eine kleine Futterstelle. Eine ältere Frau, Frau Becker, stellte dort Brotkrumen und Körner hin. Sie liebte es, Vögel und kleine Tiere zu füttern. Mina fühlte sich sicher, wenn Menschen freundlich waren. Sie beobachtete aus dem Gebüsch.
„Schau, ein Spatz!“, murmelte Mina. Der Spatz sang ein kurzes Lied. Ein Kohlmeise kletterte am Futterhäuschen hoch. Mina zählte die Tiere mit den Augen. Jede Art hatte eine andere Art zu essen. Das Rotkehlchen pickte vorsichtig, das Eichhörnchen schnappte flink, die Meise kletterte wie eine kleine Akrobatin.
Mina wollte auch essen. Doch sie war schüchtern. Die größeren Tiere schienen schneller. „Vielleicht sind sie böse, wenn ich hingehe“, dachte sie. Dann hörte sie Frau Beckers Stimme: „Kommt nur, ihr Kleinen. Es ist genug für alle.“ Frau Becker lächelte und streute extra Körner ganz am Rand. Mina spürte ein warmes Gefühl in der Brust. Sie traute sich näher.
3. Ein Besuch in der Küche
Am Nachmittag, als die Sonne niedrig stand, bemerkte Mina eine offene Fensterklappe am Haus. Drinnen roch es nach frisch gebackenem Apfelkuchen und warmem Tee. Die Familie war gerade im Wohnzimmer und hatte die Tür nur angelehnt. Das war ihre Chance für einen kleinen Nachmittagsimbiss.
Mina schlüpfte vorsichtig durch den Spalt. Die Küche war groß und warm. Auf dem Tisch lagen Krümel und eine winzige Schale mit Haferflocken. Ihre Nase zitterte vor Freude. „Oh, wie herrlich!“, flüsterte sie. Plötzlich hörte sie Stimmen. Ein kleines Mädchen rief: „Mama, ich glaube, da war eine Maus!“ Eine freundliche Stimme antwortete: „Dann hat sie sicher Hunger. Lass uns ein kleines Tellerchen hinstellen.“
Die Familie war nett. Sie setzten eine Schale mit Haferflocken und ein Stück Apfel in eine Ecke. „Wir sollten freundlich zu den Tieren sein“, sagte das Mädchen. „Sie sind doch auch im Winter hungrig.“ Mina traute sich näher. Sie knabberte vorsichtig an den Haferflocken. Es schmeckte warm und süß.
„Danke“, piepste Mina leise, obwohl die Menschen sie nicht hören konnten. Sie fühlte sich geborgen. Hinter dem warmen Fenster hörte sie Gelächter und Musik. Draußen war es kalt, drinnen war es gemütlich. Mina dachte an ihr Doudou. Sie zog es fester um sich. „Du bist mein Glücksbringer“, flüsterte sie.
4. Ein bisschen Mut
Auf dem Rückweg traf Mina den Igel Bruno. Bruno sah groß und stachelig aus, aber seine Augen waren sanft. Er fror. „Ich suche einen Platz für den Winterschlaf“, sagte er. Mina setzte sich neben ihn. „Ich habe ein warmes Nest aus Heu gefunden“, erzählte sie. „Doch ich fürchte mich vor dem tiefen Schlaf.“ Bruno nickte langsam. „Ich habe Angst, etwas zu verpassen“, murmelte er.
Mina dachte an den Besuch in der Küche. Sie hatte Mut gefunden, weil die Familie freundlich war. „Vielleicht hilft es, wenn wir zusammen gehen“, schlug sie vor. Bruno lächelte durch seine Stacheln. „Komm mit, Mina.“ Sie fanden ein sonniges Plätzchen zwischen Wurzeln, das wie ein kleines Bett wirkte. Mina sammelte Moos und Doudou schnurrte fast vor Freude.
Sie verstanden, dass Mut nicht heißt, keine Angst zu haben. Mut heißt, etwas zu tun, obwohl man Angst hat. Sie kuschelten sich zusammen. Die Welt war still, aber nicht leer. Es gab Wärme, auch wenn es draußen kalt war.
5. Ein letzter Lächeln
Die Tage vergingen und die Vorräte am Futterplatz reichten weiter. Frau Becker streute jeden Morgen ein wenig aus. Die Familie in der Küche stellte hin und wieder Reste bereit. Die Tiere lernten, dass Hilfe nicht nur von ihrer Art kommt. Sie lernten, aufeinander zu achten.
Eines Abends, als der Himmel violett wurde, setzte sich Mina auf einen kleinen Hügel. Sie hielt Doudou fest und schaute zum Fenster, in dem die Familie Licht anzündete. Der Frost machte die Luft klar. Die Sterne schauten neugierig herunter. Mina dachte an all die kleinen Gesten: die Schale Haferflocken, das Streuen der Körner, das Lächeln des Mädchens.
Sie schloss die Augen. Sie war noch immer ein bisschen ängstlich, aber sie war auch ruhig. Sie hatte Freunde gefunden und Plätze, an denen sie willkommen war. „Gute Nacht“, flüsterte sie, legte Doudou ans Kinn und lächelte. Ein warmes, kleines Lächeln, das nur ihr Doudou sehen konnte.