Anfang: Das Freizeitheim und der Zettel mit den „Unmöglich“-Aufgaben
Im Freizeitheim „Sonnensprung“ roch es nach Kakao, Bastelkleber und ein bisschen nach nassen Gummistiefeln. Überall lagen bunte Kissen. An der Wand hing ein großes Plakat: „Heute: Tag der unmöglichen Herausforderungen!“
Mila war fünf Jahre alt. Sie hatte ruhige Augen, ein leises Lächeln und eine kleine Tasche, in der immer irgendetwas Nützliches steckte. Ein Pflaster. Ein Knopf. Ein winziger Keks, der sich verlaufen hatte.
Die anderen Kinder liefen aufgeregt hin und her, als würde der Boden kitzeln. Mila ging langsam. Sie schaute erst, dann dachte sie nach. Und dann machte sie etwas Lustiges daraus.
Auf dem Tisch lag ein Zettel. Ganz oben stand in dicken Buchstaben:
„UNMÖGLICH! Nur für Superhelden (und sehr mutige Socken).“
Darunter waren drei Aufgaben:
1. „Baue einen Turm, der höher ist als du – ohne dass er umfällt.“
2. „Bringe den Ball in den Korb, ohne ihn zu werfen.“
3. „Gehe über den Flur, ohne den Boden zu berühren.“
Mila las das. Sie nickte, als hätte der Zettel ihr gerade „Guten Morgen“ gesagt.
Die Betreuerin, Frau Linde, trug eine Schürze mit kleinen Sternen darauf. Sie lächelte und flüsterte verschwörerisch: Heute wird es ein bisschen verrückt.
Mila fand das gut. Verrückt konnte man oft gut kitzeln, bis es lachte.
Sie setzte sich auf ein Kissen, band ihre Schuhe fest und schaute sich um. Auf einem Regal standen Bausteine. Daneben lagen Poolnudeln, Seile, ein Wäschekorb, ein Rollbrett und ein sehr strenges Stofftier-Krokodil, das so tat, als würde es alles überwachen.
Mila winkte dem Krokodil. Das Krokodil blieb streng, aber irgendwie sah es aus, als würde es innerlich grinsen.
Mila atmete ruhig ein. In ihrem Kopf hörte sie ein kleines „Pling“, so wie bei einem Toaster, wenn der Toast fertig ist.
Dann stand sie auf und ging zur ersten „Unmöglich“-Aufgabe.
Mitte: Drei Hindernisse und eine Menge Quatsch-Ideen
Die erste Aufgabe war der Turm. Mila stellte sich neben die Bausteine. Sie war nicht besonders groß, aber das war auch gar nicht nötig. Sie nahm ein langes Lineal und hielt es wie ein Forscher an ihre Schulter. Dann nickte sie wieder.
Sie baute. Erst breit. Ganz breit. So breit wie eine Pizzaschachtel. Dann setzte sie oben drauf immer kleinere Steine, wie eine Treppe für Ameisen.
Ein paar Kinder kamen gucken. Jemand kicherte, weil Mila dabei ganz ernst guckte, als würde sie ein Schloss für eine Königin bauen.
Der Turm wurde höher und höher. Und dann… wackelte er.
Ganz vorsichtig wackelte er. Erst nur ein bisschen. Dann ein bisschen mehr, wie ein Zahn, der noch nicht weiß, ob er rausfallen will.
Mila hielt den Atem an. Das Wackeln wurde frecher.
Plopp!
Ein Stein fiel runter und landete in einem Eimer mit Bastelwatte. Er sah aus, als würde er darin baden.
Mila blinzelte. Dann grinste sie. Ein Badstein.
Sie nahm die Bastelwatte aus dem Eimer, rollte sie zu kleinen weichen Kugeln und steckte sie zwischen die unteren Steine. Plötzlich hatte der Turm „Wackel-Socken“ an. Er stand stabiler, als hätte er sich an den Boden gekuschelt.
Aber er musste noch höher. Höher als Mila.
Mila schaute den Turm an, dann schaute sie sich an. Dann schaute sie den Turm wieder an. Und dann tat sie etwas, das so einfach war, dass alle kurz still wurden:
Sie setzte sich hin.
Jetzt war Mila kleiner. Der Turm war auf einmal höher als sie.
Einige Kinder prusteten los. Frau Linde hielt sich die Hand vor den Mund, damit ihr Lachen nicht zu laut wurde. Das strenge Krokodil sah noch strenger aus, aber seine Knopfaugen funkelten.
Mila klopfte dem Turm vorsichtig auf die Seite, wie einem Haustier. Aufgabe eins war geschafft. Und Mila hatte dabei nicht einmal schwitzen müssen. Nur ein bisschen sitzen.
Dann kam Aufgabe zwei: „Bringe den Ball in den Korb, ohne ihn zu werfen.“
Der Korb stand auf einem Stuhl. Der Ball lag auf dem Boden. Mila hob den Ball an und spürte, wie rund und frech er war. Ein Ball wollte immer rollen. Ein Ball liebte Quatsch.
„Ohne werfen“, stand da. Mila nickte. Sie war sowieso nicht in Werf-Laune.
Sie suchte nach etwas, das helfen konnte. Da lag eine Poolnudel. Ganz lang. Ganz bunt. Sie sah aus wie eine weiche Schlange, die gerne im Wasser wohnt.
Mila legte die Poolnudel wie eine schräge Bahn auf den Stuhl. Das obere Ende zeigte zum Korb. Das untere Ende lag beim Ball. Sie drückte die Poolnudel ein bisschen fest, damit sie nicht wegrutschte.
Dann nahm sie den Ball und setzte ihn unten an die Nudel. Der Ball zögerte, als würde er fragen: „Darf ich?“
Mila tippte ihn ganz sanft an. Der Ball rollte los. Langsam. Er rollte die Nudel hoch, als wäre es ein kleiner Berg. Das sah so komisch aus, dass Mila lachen musste: Ein Ball, der einen Berg hochspaziert!
Kurz vor dem Korb machte der Ball „Hopp“. Nicht werfen, nur hüpfen. Dann plumpste er in den Korb.
Der Korb machte ein zufriedenes Geräusch, als wäre er gerade satt geworden.
Aufgabe zwei war geschafft.
Jetzt blieb nur noch Aufgabe drei. Und die klang wirklich unmöglich:
„Gehe über den Flur, ohne den Boden zu berühren.“
Der Flur im Freizeitheim war lang. Und der Boden war… überall. Ganz flach. Ganz da. Er tat so, als wäre er unschuldig, aber er lauerte.
Die Kinder standen am Anfang des Flurs wie vor einem See voller Krokodile. Nur dass es hier kein Wasser gab, sondern Linoleum.
Mila stellte sich hin und schaute den Flur an. Dann schaute sie nach oben.
Die Decke war hoch. Zu hoch zum Klettern. Aber Mila brauchte nicht die Decke. Sie brauchte nur etwas, das nicht „Boden“ war.
Da stand ein kleiner Wagen mit Matten. Daneben lagen Teppichfliesen. Außerdem gab es ein Rollbrett, ein Seil und ein großes Pappschild, auf dem „Bastelraum“ stand.
Mila nahm eine Teppichfliese. Sie legte sie auf den Boden. Dann stellte sie ihren Fuß darauf.
„Aha“, dachte sie.
Wenn die Fliese da ist, ist der Boden darunter zwar immer noch Boden. Aber Mila berührt die Fliese, nicht den Boden. Das war ein bisschen wie: Man sitzt auf einem Stuhl, nicht auf der Luft.
Sie legte die zweite Fliese weiter vorne hin. Dann machte sie einen Schritt darauf.
Und dann passierte etwas sehr Lustiges: Mila merkte, dass es aussieht, als würde sie über kleine Inseln gehen. Inselhüpfen im Flur!
Sie nahm die Fliese hinter sich und legte sie wieder nach vorne. Schritt. Insel. Schritt. Insel.
Ein kleines Kind rief: Das ist ja wie eine Schildkröte!
Und wirklich: Mila schob ihre „Panzerplatte“ immer weiter. Sie war eine fröhliche Flur-Schildkröte.
Aber dann kam der Mini-Rebond: Eine Fliese rutschte weg, weil jemand aus Versehen daran gepustet hatte. Mila wackelte. Der Boden unter ihr schien zu grinsen: „Na, gleich berührst du mich!“
Mila blieb ruhig. Sie setzte sich einfach auf ihre Fliese, als wäre sie in einem Boot. Sitzen war offenbar ihre Superkraft.
Dann zog sie das Seil heran. Sie band es an den Griff vom Mattenwagen. Ganz vorsichtig zog sie den Wagen ein Stück zu sich, wie ein Angler, der einen riesigen Fisch fängt. Der Wagen rollte näher.
Mila legte eine Matte vor sich. Die Matte war groß. Viel größer als eine Fliese. Eine Riesen-Insel!
Sie rutschte auf ihrem Po von der Fliese auf die Matte. Nicht auf den Boden. Auf die Matte. Und dann schob sie die Matte weiter, als würde sie auf einem Teppich-Schlitten reisen.
Ein paar Kinder lachten so sehr, dass sie fast selbst umkippten. Frau Linde musste kurz so tun, als würde sie husten, damit sie nicht zu laut lachte.
Mila schob, rutschte, schob, rutschte. Der Flur wurde kürzer. Das Ende kam näher.
Doch kurz vor dem Ziel lag eine letzte, gemeine Lücke. Keine Fliese. Keine Matte. Nur Boden.
Mila starrte die Lücke an. Der Boden starrte zurück. Es war ein Duell.
Mila kramte in ihrer kleinen Tasche. Da war der winzige Keks. Er war sehr krümelig, aber er war da.
Mila nahm den Keks und legte ihn feierlich an den Rand der Matte. Dann tat sie so, als wäre der Keks ein „magischer Startknopf“. Sie drückte ihn mit einem Finger.
Natürlich passierte nichts Magisches. Aber Mila musste so über ihre eigene Idee lachen, dass sie plötzlich eine neue echte Idee hatte.
Sie nahm das große Pappschild „Bastelraum“ und legte es wie eine Brücke über die Lücke. Dann krabbelte sie darüber, langsam und sicher, wie eine Katze, die nicht nass werden will.
Und zack: Sie war drüben.
Ohne den Boden zu berühren.
Das strenge Krokodil nickte. Ganz, ganz wenig. Aber es war ein echtes Krokodil-Nicken.
Ende: Das „Unmöglich“ wird ein Spiel und ein Augenzwinkern
Am Ende des Flurs stand eine kleine Glocke. Mila durfte sie läuten, wenn sie fertig war. Sie läutete einmal. Ding!
Das Geräusch war hell und fröhlich, als hätte es Glitzer im Bauch.
Frau Linde kam dazu und zeigte auf den „UNMÖGLICH“-Zettel. Mit einem Stift schrieb sie darunter:
„Unmöglich… bis Mila sich hinsetzt.“
Die Kinder lachten. Mila lachte auch. Sie fühlte sich warm im Bauch, aber nicht wie Suppe. Eher wie ein weiches Kissen.
Dann zeigte Mila den anderen Kindern ihre Insel-Fliesen und die Matten-Schlitten-Idee. Bald hüpften, krabbelten und rutschten alle über den Flur. Der Boden schaute ganz enttäuscht. Heute durfte er niemanden kitzeln.
Sogar das Krokodil bekam eine Aufgabe. Mila setzte ihm eine Bastelwatte-Kugel auf den Kopf, wie eine Mütze. Das Krokodil sah noch strenger aus als vorher. Das machte es nur noch witziger.
Am Ende des Vormittags gab es Kakao. Mila saß mit ihrem Becher da und blickte auf die drei „unmöglichen“ Aufgaben. Sie waren jetzt nicht mehr gruselig. Sie waren wie Spiele, die man nur richtig ansehen musste.
Mila dachte: Manchmal ist „unmöglich“ nur ein Wort, das schlechte Laune hat. Und wenn man es ein bisschen kitzelt, fängt es an zu lachen.
Sie nahm einen Schluck Kakao. Ein kleiner Schokobart blieb an ihrer Lippe hängen. Mila bemerkte ihn nicht sofort.
Frau Linde zeigte auf Milas Gesicht und zwinkerte ihr zu, als wäre das ein Geheimzeichen: „Superheldin.“
Mila wischte sich den Schokobart ab, aber ein winziger Punkt blieb übrig. Mila sah ihn im Spiegel der Fensterscheibe und musste wieder lachen.
Denn jetzt hatte sie einen Mini-Schoko-Punkt auf der Nase.
Und das war vielleicht die lustigste Belohnung von allen.