Ein kalter Morgen
Es war früh am Morgen. Draußen war es noch ganz dunkel.
Mia lag in ihrem warmen Bett. Sie war fast fünf Jahre alt.
Nebenan schliefen ihre Freundinnen Lea, Emma und Sara. Sie hatten bei Mia übernachtet.
Plötzlich wachte Mia auf.
Es war ganz leise im Zimmer. Nur das leise Atmen der anderen Mädchen war zu hören.
Mia flüsterte:
„Ob es schon geschneit hat?“
Sie mochte es, wenn jemand ihr sagte, was sie tun sollte.
Aber jetzt war niemand wach. Also musste sie selbst entscheiden.
Sie setzte sich vorsichtig auf. Die Decke war warm und weich.
Die Luft im Zimmer war kühl. Mia zog ihre Wollsocken an.
„Ich stehe ganz leise auf“, dachte sie. „Dann kann ich nach dem Wetter schauen.“
Langsam, ganz langsam, kletterte sie aus dem Bett.
Der Boden war kalt unter ihren Füßen.
Sie tappte zum Fenster. Ihre Finger waren ein bisschen kalt, als sie den Vorhang zur Seite schob.
Draußen war alles grau-blau.
Die Häuser waren still, die Autos noch voller Frost.
Und da, auf den Dächern, lag eine dünne, weiße Decke.
„Schnee!“, hauchte Mia leise.
Lea bewegte sich im Bett.
„Mia? Was machst du?“, murmelte sie verschlafen.
„Ich schaue nur raus“, flüsterte Mia. „Es hat geschneit.“
Nun setzten sich auch Emma und Sara auf. Ihre Haare standen wild in alle Richtungen.
„Wirklich Schnee?“, fragte Emma.
„Nur ein bisschen“, sagte Mia. „Aber alles ist weiß.“
Sara gähnte. „Ist es kalt?“
Mia nickte. „Ja. Aber drinnen ist es noch schön warm.“
Da ging die Tür auf, und Mias Mama steckte den Kopf herein.
Sie lächelte müde.
„Ach, ihr seid ja schon wach“, sagte sie leise. „Guten Morgen, ihr vier.“
„Guten Morgen“, flüsterten die Mädchen.
„Habt ihr schon aus dem Fenster geschaut?“, fragte Mama.
„Ja“, sagte Mia. „Es hat geschneit. Nur ein kleines bisschen.“
„Dann ziehen wir uns später warm an und gehen raus“, sagte Mama. „Aber zuerst frühstücken wir. Und ihr zieht euch ordentlich an, ja? Die Sachen bleiben auf ihren Plätzen, wie immer.“
Mia nickte. Sie mochte es, wenn Mama sanft erklärte, wie alles sein sollte.
Es fühlte sich sicher an.
Der Warte- und Leseplatz
Nach dem Frühstück sagte Mama:
„Wir gehen heute zum Winterarzt-Termin. Die Ärztin schaut nur, ob alles in Ordnung ist. Das geht schnell.“
Mia war ein kleines bisschen aufgeregt.
Lea, Emma und Sara durften mitkommen, weil ihre Eltern schon vorher gefragt hatten.
Es war wie ein kleiner Ausflug.
Draußen war die Luft kalt und biss ein wenig in die Nase.
Die Mädchen trugen dicke Jacken, Mützen und Schals.
Wenn sie ausatmeten, sahen sie kleine weiße Wölkchen.
„Meine Finger kribbeln“, kicherte Lea und pustete in ihre Handschuhe.
Sie stapften durch das nasse, weiße Pulver auf dem Boden.
Es knirschte nicht richtig, weil es nur wenig Schnee war.
Aber die Welt sah trotzdem ein bisschen verzaubert aus.
Als sie bei der Ärztin ankamen, hingen im Flur viele bunte Jacken ordentlich an der Garderobe.
Schilder zeigten, wo welche Sachen hingehörten.
Mama sagte:
„Jacken an den Haken, Schuhe ordentlich nebeneinander, bitte. Wir achten auf die Sachen und auf den schönen Flur.“
Sie alle hängten ihre Jacken auf. Mia strich ihre Jacke glatt.
„So, jetzt hängt sie sauber“, dachte sie stolz.
Dann zeigte die Arzthelferin auf eine Ecke des Wartezimmers.
Dort lagen Kissen auf dem Boden.
Es gab ein kleines Regal mit Büchern und ein paar Holztiere.
„Das ist unsere Leseecke“, sagte sie. „Hier könnt ihr warten, bis ihr dran seid. Die Bücher und Spielsachen gehören zur Praxis. Ihr dürft damit spielen, aber bitte vorsichtig.“
Mia sah die Ecke an.
Die Kissen waren bunt. Ein Kissen war rot mit weißen Sternen, eines blau mit Schneeflocken.
Die Bücher hatten fröhliche Bilder. Alles sah einladend aus.
Sie flüsterte:
„Oh, das ist ja gemütlich.“
„Wir setzen uns hin“, schlug Mama vor. „Wir warten ruhig, ja?“
Die Mädchen kuschelten sich auf die Kissen.
Lea nahm ein Buch mit einem Schneemann.
Emma fand eines mit Tieren im Winterwald.
Sara hielt ein dünnes Buch mit großen Bildern von Kindern im Schnee.
Mia sah sich vorsichtig um.
Ein kleines Schild am Regal sagte: „Bitte die Bücher vorsichtig behandeln und wieder zurückstellen.“
Mia las es leise vor und streichelte mit der Hand den Buchrücken.
„Wir müssen gut aufpassen“, sagte sie. „Die Bücher gehören nicht uns.“
„Ja“, sagte Lea. „Wenn wir sie kaputt machen, können andere Kinder sie nicht mehr lesen.“
Mama nickte zufrieden.
„Genau“, sagte sie. „Respekt bedeutet, wir gehen sorgsam mit Dingen um, auch wenn sie uns nicht gehören. Und wir lassen den Ort so schön, wie wir ihn gefunden haben.“
Mia fühlte sich ein bisschen groß, als sie das hörte.
Sie nahm auch ein Buch. Es war über den Winter.
Auf der ersten Seite war ein Kind am Fenster, so wie sie heute Morgen.
„Schaut“, sagte Mia. „Das Kind steht auch auf, um nach dem Wetter zu sehen.“
Die vier Mädchen setzten sich enger zusammen.
„Lies du vor, Mama“, bat Mia. „Mit deiner ruhigen Stimme.“
Mama lächelte und begann.
Ihre Stimme war leise und warm.
Während sie las, sah Mia Bilder von Schneeflocken, warmen Teetassen und leuchtenden Fenstern.
Draußen vor dem Fenster der Praxis wehte der Wind.
Drinnen war es hell, warm und gemütlich.
Mia fühlte sich sicher in der Leseecke.
Kleiner Mut und große Pläne
Nach einer Weile rief die Ärztin:
„Mia, du bist dran.“
Mia rückte näher an Mama.
„Ich hab ein bisschen Bauchkribbeln“, flüsterte sie.
„Das ist in Ordnung“, sagte Mama. „Ich bin bei dir. Wir machen alles langsam.“
Mia nickte. Sie mochte es, wenn Mama alles Schritt für Schritt erklärte.
Sie stand auf, legte das Buch mit den Winterbildern ganz gerade zurück ins Regal.
„Danke, Buch“, murmelte sie leise. „War schön mit dir.“
Lea flüsterte:
„Wir warten auf dich in der Leseecke.“
Die Untersuchung ging wirklich schnell.
Die Ärztin war freundlich und erklärte Mia genau, was sie tat.
„Jetzt höre ich dein Herz. Jetzt schaue ich in deinen Hals. Du machst das prima.“
Als Mia zurückkam, strahlten die anderen Mädchen.
„War es schlimm?“, fragte Emma.
„Nein“, sagte Mia. „Nur ein bisschen komisch. Aber Mama hat alles erklärt. Und jetzt ist es vorbei.“
Sie setzten sich noch kurz zu den Büchern.
Alle halfen mit, Kissen wieder ordentlich hinzulegen.
Ein Holzpferd stellte Sara vorsichtig zurück in die Reihe.
„Dann finden es andere Kinder auch gleich“, sagte sie.
Die Arzthelferin sah das und lächelte.
„Ihr passt aber gut auf unsere Sachen auf“, sagte sie. „Das ist sehr lieb von euch.“
Mia spürte ein warmes Gefühl im Bauch.
Es war, als ob eine kleine Sonne in ihr leuchtete, obwohl es draußen Winter war.
Draußen vor der Praxis wehte der Wind ihnen ins Gesicht.
Ihre Nasenspitzen wurden rot.
Sie atmeten weiße Wölkchen in die Luft.
„Wenn wir zu Hause sind“, sagte Mia, „erzählen wir Papa alles. Wie ich aufgestanden bin, um den Schnee zu sehen. Und von der Leseecke. Und wie wir alles wieder ordentlich gemacht haben.“
„Und von dem Buch mit dem Winterkind“, fügte Lea hinzu.
„Und von meinem Bauchkribbeln“, sagte Mia. „Und davon, dass es dann besser war.“
„Und dass wir gut auf die Sachen aufgepasst haben“, sagte Emma. „Das ist wichtig.“
Sara lächelte.
„Wir können später auch unsere eigenen Bücher vorsichtig anschauen“, meinte sie. „Wie in der Praxis. Dann bleiben sie lange schön.“
Mia nickte eifrig.
In ihrem Kopf sah sie schon den Abend:
Sie alle im Wohnzimmer, mit Decken und Kissen.
Vielleicht draußen ein paar Schneeflocken am Fenster.
Drinnen warmes Licht.
Bücher in ihren Händen.
„Heute Abend machen wir unsere eigene Leseecke“, sagte sie leise.
Mama hörte das.
„Das ist eine schöne Idee“, sagte sie. „Aber wir denken daran: Bücher nach dem Lesen wieder ins Regal, Kissen ordentlich hinlegen. Wir achten auch zu Hause auf unsere Sachen und auf unser Zimmer.“
„Ja“, sagten die vier Mädchen wie ein kleiner Chor.
Sie gingen weiter durch die winterliche Straße.
Die Häuser waren still, ein paar Lichter leuchteten schon, obwohl es noch Tag war.
Der Himmel war hellgrau und weich wie Watte.
Mia drückte Mamas Hand.
Sie dachte an den kalten Morgen am Fenster, an die warme Leseecke, an den kleinen Mut in ihr.
Der Winter war kalt, das stimmte.
Aber er war auch voll von warmen Momenten.
Von Geschichten, von weichen Kissen, von leisen Stimmen.
Und Mia freute sich schon darauf, am Abend alles zu erzählen.
Ganz genau.
Damit die schönen Wintererinnerungen in ihren Herzen bleiben konnten.
Wie kleine Lichter, die leise weiterleuchten.