Erster Teil
In einem fernen, leuchtenden Königreich lebte eine Prinzessin mit Haaren wie Morgenlicht. Ihr Herz war weich wie eine Feder. Ihr Lächeln war warm wie Sonnenschein auf einem Blatt. Das Schloss stand auf einem Hügel aus Marmor und Moos. Bäume flüsterten dort Geschichten. Vögel sangen wie kleine Glocken.
Die Prinzessin hieß Liora. Sie liebte die Blumen, die Tiere und die Menschen. Sie liebte auch die Fremden, die anders aussahen oder anders sprachen. Eines Tages hörte Liora von einem alten Grollen am Rand des Reichs. Die Menschen nannten es die Kluft der Unterschiede. Auf der anderen Seite der Kluft lebten andere Königreiche. Sie sahen anders aus. Sie trugen andere Farben. Manchmal stritten sie. Manchmal fürchteten sich die Menschen voreinander.
Liora seufzte. „Ich möchte Frieden“, flüsterte sie. „Ich möchte eine Brücke.“ In ihrem Herzen wuchs ein geheimer Wunsch. Sie wollte eine trêve schreiben. Eine trêve, ein Wort wie eine Blumenkrone, die beide Seiten verbindet.
Zweiter Teil
Die Prinzessin machte sich auf den Weg. Sie trug einen Mantel aus Sternenfäden. In der Hand hielt sie ein Pergament, leer wie ein Schneefeld. Auf dem Weg traf sie einen nachtblauen Fuchs. Der Fuchs war flink und klug. „Wohin, kleine Prinzessin?“, fragte er. „Ich gehe, um eine trêve zu finden“, sagte Liora. „Eine trêve für alle.“
Der Fuchs nickte. „Sei freundlich und sei mutig. Höre mit deinen Ohren wie Blumen. Sie flüstern die Wahrheit.“ Sie reisten über Bäche, die glitzerten wie zerbrochene Spiegel. Sie gingen durch Wälder, in denen die Bäume Geschichten malten. Manchmal fühlte die Prinzessin Angst. Ihre Hände zitterten. Dann sang sie leise ein Lied. Ihr Lied war weich. Es war ein Regenlied. Der Fuchs hörte zu und schlief friedlich.
Am Ende des Tages erreichten sie die Kluft. Dort stand eine hohe Mauer aus Steinen mit vielen Farben. Auf der einen Seite sangen Trommeln in warmen Tönen. Auf der anderen Seite glöckerte eine Harfe in silbernen Klängen. Die Menschen blickten misstrauisch. Sie hielten ihre Türen fest.
Die Prinzessin trat vor. Sie verbeugte sich leicht, so wie man den Morgen grüßt. Dann malte sie mit ihrem Finger eine kleine Blume auf den Boden. Die Blume war rot und blau zugleich. „Ich bringe eine trêve“, sagte Liora mit sanfter Stimme. „Ich bringe ein Wort, das Brücken baut.“ Einige Kinder blickten neugierig. Ein alter Mann legte seine Hand auf sein Herz. Die Trommeln zuckten leise. Die Harfe spielte eine helle Note.
Eine Stimme rief: „Wer bist du?“ „Ich bin Liora“, antwortete die Prinzessin. „Ich bin Prinzessin von hier. Ich mag eure Farben. Eure Stimmen sind schön. Ich möchte eine Trêve schreiben. Willt ihr mit mir schreiben?“
Die Menschen schwiegen. Dann trat eine Frau hervor. Sie trug ein Tuch mit Mustern, die Liora nie zuvor gesehen hatte. „Wir sind anders“, sagte die Frau. „Wir essen anderes Brot. Wir sagen andere Lieder. Warum soll ich dir vertrauen?“
Liora lächelte. „Weil Unterschied wie Blumen sind. Manche Blumen sind groß, manche sind klein. Manche duften süß, manche sind schüchtern. Alle sind schön. Wenn wir unsere Hände legen wie Blätter, können wir eine Brücke machen.“
Die Frau dachte nach. Der Fuchs stupste Liora mit der Nase. Das kleine Lied aus ihrem Herzen klang wie eine Glocke. Langsam kamen Kinder beider Seiten näher. Sie boten Brot und Beeren. Sie boten selbstgemalte Bilder. Zwei kleine Jungen hielten eine geschnitzte Feder in der Hand. „Wir können teilen“, sagten sie.
Die Prinzessin setzte sich und rollte das Pergament aus. Ihre Hand zitterte nicht mehr. Sie schrieb ein Wort nach dem anderen. „Respekt“, schrieb sie. „Freundlichkeit“, schrieb sie. „Hören“, schrieb sie. Dann bat sie jede Person, ein Zeichen zu malen. Die Frau mit dem Tuch malte eine Sonne mit vielen Strahlen. Der alte Mann malte eine Eiche. Die Kinder malten eine Brücke aus bunten Steinen.
Als das Pergament voll war, legte Liora es zwischen die zwei Seiten. „Das ist unsere Trêve“, sagte sie. „Wir versprechen, aufeinander zu achten. Wir versprechen, zu teilen. Wir versprechen, zu lernen.“ Hände legten sich über das Papier. Hände zitterten ein wenig. Dann fanden sie einander. Ein leiser Applaus wie Vogelgezwitscher erfüllte die Luft.
Die Mauer verlor ihre Härte. Kleine Blumen wuchsen zwischen den Steinen. Farben flochten sich wie Bänder. Die Trommeln und die Harfe spielten zusammen. Die Kluft verwandelte sich in einen Fluss, über den eine bunte Brücke führte.
Liora stand still. Ihr Herz war warm wie Honig. „Danke“, flüsterte sie. „Wir sind verschieden, und das ist schön.“ Die Menschen lächelten. Sie umarmten einander, wie Bäume sich umarmen. Die Prinzessin schrieb noch einen Satz auf ihr Pergament: „Wir achten einander.“ Dann rollte sie das Pergament zusammen und legte es in eine kleine Kiste aus Eichenholz.
Die Sonne senkte sich, golden wie Pfirsichsaft. Alle gingen heim, Hand in Hand. Die Prinzessin ging zuletzt. Sie schaute noch einmal zurück. Die Brücke glitzerte. Die Sterne kamen leise heraus. Liora seufzte zufrieden. Die Trêve war kein lautes Fest. Sie war ein leises Versprechen.
Zu Hause legte Liora die Kiste auf ihr Fensterbrett. Dort leuchtete sie wie ein kleines Schloss. Jeden Abend sah sie auf die Brücke. „Wir sind verschieden“, sagte sie oft. „Und wir sind Freunde.“ Und so schlief das Königreich, ruhig und freundlich, unter einem Himmel, der alle Farben kannte.