Kapitel 1: Lenas seltsamer Valentinstag
Lena saß am Fenster, die Stirn auf die Hände gestützt, und starrte auf den verschneiten Garten. Im ganzen Haus hingen bunte Herzgirlanden, und in der Schule waren heute schon alle mit roten, glitzernden Karten herumgelaufen. Es war Valentinstag – und Lena fand das alles ehrlich gesagt ziemlich doof.
Valentinstag, was soll das überhaupt? fragte sie sich. Muss man denn wirklich allen andauernd Herzchen schenken und „du bist so toll“ sagen? Lena hatte das Gefühl, dass alle anderen ganz verrückt nach der Sache waren. Sogar ihr kleiner Bruder Max hatte für seine beste Freundin Mia ein Herz aus Papier ausgeschnitten. Doch Lena? Sie hatte einfach keine Lust darauf.
Draußen auf dem Gehweg sah sie Emma, ihre Nachbarin, vorbeihüpfen. Emma trug einen leuchtend pinken Schal und schleppte eine kleine Tüte voller bunter Karten hinter sich her. Lena konnte Emmas lautes Kichern sogar durch die Fensterscheibe hören. Manchmal fragte sie sich, warum sie an solchen Tagen so komisch drauf war. Vielleicht, weil sie das Gefühl hatte, an Valentinstag müssten alle besonders fröhlich und herzlich sein, und das war ihr irgendwie zu viel.
Da klopfte es leise an ihrer Tür. „Lena?“, rief Mama, „kommst du nach unten? Wir machen gleich einen kleinen Valentinstags-Brunch!“
„Ich komme gleich“, murmelte Lena, ohne sich zu bewegen.
Sie mochte die Brunchs mit ihrer Familie eigentlich gern. Trotzdem wollte sie am liebsten einfach in ihrem Zimmer bleiben, fern von all den Herzen und Liebesgedichten.
Doch dann hörte sie unten Lachen und das leise Klimpern von Tassen. Vielleicht gibt's ja wenigstens Pfannkuchen, dachte Lena. Sie stand auf, schlüpfte in ihre roten Puschen und tappte die Treppe hinunter.
Kapitel 2: Die fliegende Schokoladenherzkatastrophe
Am Esstisch war es laut und wuselig. Mama trug ein Schürzchen mit kleinen Herzchen, Papa balancierte einen Turm aus Pfannkuchen, und Max hatte Schokosoße auf der Nase. Überall lagen kleine Herzpralinen, und auf Lenas Platz lag eine Karte mit ihrem Namen. Sie öffnete sie vorsichtig.
„Für meine Lieblings-Lena, weil du die beste große Schwester der Welt bist! Frohen Valentinstag! Max“, stand darauf, daneben ein krakelig gemaltes Herz.
Lena musste grinsen. Max hatte wirklich die schiefsten Herzen auf der Welt, aber trotzdem war ihre Laune ein kleines bisschen besser.
Nach dem Frühstück forderte Mama sie auf: „Lena, magst du heute ein paar Valentinsherzen bei den Nachbarn verteilen? Es ist so schön, anderen eine Freude zu machen.“
Lena wollte erst protestieren, doch bevor sie etwas sagen konnte, hatte Mama ihr schon eine Schachtel mit kleinen Schokoladenherzen in die Hand gedrückt. „Nur falls du Lust hast!“, zwinkerte sie.
Lena schnappte sich die Schachtel – und da passierte es: Sie stolperte über Max' Spielzeugauto, und die Schokoladenherzen flogen in einem eleganten Bogen durch die Luft. Zwei landeten unter dem Sofa, eins rollte bis in den Flur und eines… fiel prompt in Omas Wollkorb.
„Ups!“, rief Lena, während Max sich vor Lachen kringelte.
„Na, das ist ja mal ein fliegendes Herz!“, lachte Papa.
Trotz des kleinen Unglücks kicherte Lena. Vielleicht war Valentinstag doch nicht ganz so schlimm, wie sie dachte – zumindest, wenn man fliegende Schokoladenherzen hatte.
Kapitel 3: Ein Herz für Frau Schröder
Nachdem sie ihre Schokoladenbeute wieder eingesammelt hatte, stapfte Lena in den Vorgarten. Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, und die Wintersonne blinzelte durch die kahlen Äste. Sie überlegte, wem sie die Herzen bringen könnte.
Als erstes fiel ihr Frau Schröder ein, die im Haus nebenan wohnte. Sie hatte immer einen lustigen Hut auf und winkte Lena jeden Morgen zu. Lena klingelte und wartete. Nach einer Weile öffnete Frau Schröder die Tür und lächelte.
„Na, Lena! Was verschlägt dich denn zu mir am Valentinstag?“
Lena hielt ihr unsicher ein Schokoladenherz hin. „Ähm… ich wollte ihnen einfach mal einen schönen Tag wünschen. Und… das hier ist für Sie!“
Frau Schröders Augen wurden ganz rund. „Oh, das ist aber lieb! Weißt du, ich bekomme sonst nie Valentinsherzen. Und ich liebe Schokolade!“
Lena fĂĽhlte sich ein bisschen wie Supergirl. Sie verabschiedete sich und lief kichernd weiter. Vielleicht war es doch gar nicht so schwer, jemandem eine Freude zu machen.
Auf dem Rückweg begegnete sie ihrem Freund Ben, der mit seinem Hund Flocki spazieren ging. Ben streckte ihr die Zunge raus. „Hey Lena, hast du auch so'n Herzchen bekommen?“
Lena grinste: „Nein, ich verschenke heute welche!“
Ben schüttelte den Kopf. „Puh, du bist aber mutig. Ich trau mich das nicht – was, wenn die Leute's doof finden?“
Lena zuckte die Schultern. „Bisher hat sich noch jeder gefreut. Sogar Frau Schröder.“
Ben dachte nach. „Hast du vielleicht noch eins übrig? Ich würd gern eins an Flockis Hundekumpel geben. Der hat heute Geburtstag.“
Lena reichte Ben ein Herz. „Hier. Viel Spaß beim Verschenken!“
Ben strahlte. „Danke, Lena! Du bist die Beste!“
Lena fühlte sich wieder so, als hätte sie einen kleinen Zaubertrick gemacht.
Kapitel 4: Die mutige Valentinsmission
Am Nachmittag trafen sich die Kinder aus der Nachbarschaft auf dem kleinen Spielplatz. Heute sollte jeder ein kleines Geschenk mitbringen, das er einem anderen Kind weitergeben wollte. Lena hatte sich erst Sorgen gemacht, dass sie nichts Besonderes hätte, aber dann fiel ihr das perfekte Geschenk ein: Sie bastelte aus buntem Papier kleine Freundschaftsarmbänder.
Als sie auf dem Spielplatz ankam, war es schon ein wildes Durcheinander. Mia hatte einen Turm aus Muffins gebacken, Ben verschenkte selbstgebastelte Hundeknochen an alle Vierbeiner und Emma, die Nachbarin, hatte einen Wagen voller glitzernder Herzaufkleber dabei.
„Lena!“, rief Emma, „willst du einen Aufkleber?“
Lena lachte. „Sehr gern, aber nur, wenn du ein Freundschaftsarmband von mir nimmst!“
Die Mädchen tauschten ihre kleinen Geschenke und setzten sich auf die Schaukel. Emma klebte Lena einen Herzaufkleber mitten auf die Nase. Beide kicherten.
Dann kam Max mit einem besonders großen Schokoladenherz angelaufen. „Lena, das ist für dich! Weil du heute das freundlichste Mädchen der ganzen Nachbarschaft warst!“
Lena war ganz gerührt. „Danke, Max! Und weißt du was? Heute war eigentlich gar nicht so übel. Eigentlich ist Valentinstag ziemlich cool!“
In diesem Moment kam auch Ben mit Flocki vorbei. Flocki hatte ein Herzchen-Band um den Hals gebunden und bellte fröhlich.
Ben grinste. „Lena, dein Herz ist bei Flockis Freund super angekommen. Und ich hab auch noch ein Armband für dich gebastelt!“
Er ĂĽberreichte ihr ein etwas schief geknotetes, aber sehr buntes Freundschaftsband.
„Du bist jetzt offiziell meine beste Valentinsfreundin!“, verkündete Ben feierlich.
Alle lachten, und Lena fühlte sich so warm und fröhlich wie schon lange nicht mehr.
Kapitel 5: Das geheime Herz der Freundschaft
Am Abend saß Lena wieder am Fenster und blickte auf die Lichter im Haus gegenüber. Überall sah sie fröhliche Gesichter und hörte hier und da ein Lachen oder ein Lied. Sie dachte an ihren eigenen Tag. An das Missgeschick mit den Schokoladenherzen, an Frau Schröders Lächeln, an die bunten Freundschaftsbänder und an die vielen kleinen Überraschungen, die sie und ihre Freunde sich gemacht hatten.
Mama kam herein und setzte sich neben sie. „Na, wie war dein Valentinstag, Lena?“
Lena lächelte. „Am Anfang fand ich's doof. Aber heute habe ich gemerkt, dass es gar nicht um Liebespaare und kitschige Karten geht. Es geht darum, anderen eine Freude zu machen. Sogar mit winzig kleinen Sachen.“
Mama nickte. „Das stimmt, mein Schatz. Manchmal ist das größte Geschenk ein freundliches Lächeln oder eine kleine Geste.“
Lena kicherte. „Oder ein fliegendes Schokoladenherz!“
Mama lachte. „Genau, oder das!“
Lena hüpfte zu Max aufs Sofa und drückte ihn. „Danke für deine Karte, Max. Und für das große Herz.“
Max grinste verlegen. „Kein Problem. Und danke, dass du heute so mutig warst!“
Gemeinsam zählten sie all die Freundschaftsbänder, Muffins, Aufkleber und Karten, die sie bekommen hatten. Aber am meisten freute sich Lena über das, was sie gelernt hatte: Dass kleine Taten manchmal ein großes Herz zeigen. Und dass Valentinstag viel mehr ist als nur Herzchen und Schokolade.
Als Lena ins Bett ging, war sie glücklich und zufrieden. Sie wusste, dass sie nächstes Jahr ganz bestimmt wieder kleine Valentinsüberraschungen verschenken würde – nicht, weil sie musste, sondern weil es Spaß macht, anderen eine Freude zu bereiten. Und diesen Valentinstag würde sie nie mehr vergessen!