Laden läuft...
Fantastischer Mythos 9/10 Jahre Lesen 22 min.

Koa und der Funke, der den Morgen zurückbrachte

Koa begibt sich auf die Suche nach dem verlorenen Morgen, trifft unterwegs magische Meereswesen und muss lernen, dass Großzügigkeit und Teilen wichtiger sind als Besitz.

Lade diese Geschichte als PDF herunter

Ideal zum Teilen oder Ausdrucken dieser Geschichte!

E-Book herunterladen (.epub)

Lesen Sie diese Geschichte auf Ihrem E-Reader.

Koa, ein rundgesichtig gebräunter Mann mit schwarzen Strähnen und staunend-sanftem Ausdruck, kniet auf einer wolkenartigen Plattform und hält schützend eine geschnitzte Holzschale mit einer kleinen leuchtenden Flamme, aus der Farbwölkchen steigen; hinter ihm steht Moana‑Kea, eine schlanke Gestalt aus Moos und Schimmer mit perlmutterblasser Haut und seegrasgrünem Haar im Nebelschleier, die ihn lächelnd mit offenen Händen betrachtet; über ihnen schwebt der große Vogel Ruru‑Nui mit tintenschwarzem Gefieder und einer Girlande kleiner farbiger Phiolen, aus denen rote, goldene und blaue Farbbänder entweichen, gerade über der Schale stationär; unten am Strand sehen ein etwa achtjähriges Mädchen und ein neunjähriger Junge mit zerzausten Haaren und einfachen Baumwollkleidern zum Himmel, die Hände gefaltet, vom ersten goldenen Streifen der Morgendämmerung beleuchtet; Ort: ruhiges, glitzerndes Meer, türkisfarbene Lagune, niedrige palmengesäumte Klippen, über allem eine große Wolkenspiralleiter zum Himmel, Korallen- und Treibholztexturen im Vordergrund; Situation: magischer Moment, in dem die Flamme sich zu einer mehrfarbigen Morgenröte öffnet, in leuchtenden Bändern zum Horizont aufsteigt, Wolken und Farbtropfen schweben, zarte mythische Atmosphäre in gouacheartigen warmen Tönen (Gold, Rosa, Azur) kontrastiert mit tiefblauen Schatten. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Das Meer ohne Morgen

In der Nacht, wenn die Inseln wie schlafende Schildkröten im Ozean lagen, war der Himmel ungewöhnlich dunkel. Nicht nur dunkel wie sonst, sondern so dunkel, als hätte jemand die Farben weggeräumt wie Spielzeug nach einem Sturm.

Koa, ein Mann mit wachen Augen und Händen, die nie still sein wollten, stand am Rand der Lagune. Hinter ihm raschelten Palmen, vor ihm gluckste das Wasser und flüsterte Geheimnisse, die man nur hört, wenn man wirklich zuhört.

„Du siehst aus, als würdest du mit den Wellen streiten“, sagte eine Stimme.

Aus dem Schatten trat Tane, der Fischer. Sein Netz hing über der Schulter, und sein Lachen war so breit wie ein Korallenriff.

„Ich streite nicht“, murmelte Koa. „Ich frage nur. Warum kommt keine neue Morgenröte? Warum kein erstes Licht?“

Tane kratzte sich am Kinn. „Vielleicht hat die Sonne verschlafen.“

„Sonnen verschlafen nicht“, sagte Koa und schaute hinauf. „Jemand hat sie… gestohlen. Oder versteckt.“

Ein paar Kinder liefen am Strand entlang und riefen: „Koa! Erfinde uns ein bisschen Tag!“

Koa winkte ihnen zu, aber sein Bauch fühlte sich schwer an. Ohne Morgen war die Zeit wie ein Kanu ohne Ruder.

Da ploppte es neben ihm. Etwas tauchte aus der Lagune auf: ein kleiner Fisch, schimmernd wie eine Münze. Doch statt Flossen hatte er winzige Hände, und statt zu glubschigen, zwinkerte er.

„Psst“, sagte der Fisch. „Du willst eine Aurore machen, stimmt's?“

Koa blinzelte. „Du… redest.“

„Natürlich“, flüsterte der Fisch. „In Nächten ohne Morgen sprechen sogar die Steine. Hör zu: Tief unter dem Wasser schläft ein heiliger Stein, der den ersten Funken trägt. Er heißt Piko-Feuer. Aber er wacht nur auf, wenn du nicht für dich selbst bittest.“

„Nicht für mich“, wiederholte Koa.

„Für alle“, sagte der Fisch und ließ ein leises Kichern ins Wasser fallen. „Wenn du großzügig bist, wird die Dunkelheit dünner. Wenn du teilst, wird das Licht mutiger.“

Koa kniete sich hin. „Wie finde ich diesen Stein?“

Der Fisch hob eine Hand und deutete auf die Stelle, wo die Lagune am tiefsten war, dort, wo das Wasser fast schwarz wurde. „Folge dem Echo. Es ist schwach, aber es ist da. Und vergiss nicht: Ein Held braucht nicht immer ein Schwert. Manchmal braucht er nur offene Hände.“

Koa richtete sich auf. In ihm klopfte ein Wunsch: nicht nur ein Morgen, sondern ein Morgen, den alle sehen konnten. Ein Morgen, der auch die müden Herzen weckte.

„Tane“, sagte er. „Kannst du mir dein Kanu leihen?“

Tane schnaubte. „Du willst damit die Sonne angeln?“

„Vielleicht“, antwortete Koa. „Oder ihr ein Zuhause bauen.“

Tane grinste. „Nimm es. Aber bring es zurück. Ich habe dem Kanu versprochen, dass es nicht im Bauch eines Haies endet.“

Koa legte die Hand auf das Holz. Es war warm, als hätte es schon eine Ahnung von Licht. Dann stieß er ab, hinein in die dunkle Lagune, hinein in das große Rätsel.

Kapitel 2: Der Weg der singenden Muscheln

Das Kanu glitt über das Wasser, leise wie ein Gedanke. Koa paddelte, und mit jedem Schlag hörte er etwas: ein fernes „Huuuh“, als rufe jemand aus einer Höhle.

„Das Echo“, flüsterte er.

Um ihn herum tauchten Muscheln aus dem Wasser auf, groß wie Teller. Sie klapperten nicht, sie sangen. Jede Muschel sang dieselbe Melodie, aber in einer anderen Stimme: mal hoch wie ein Vogel, mal tief wie ein Trommelschlag.

„Wer seid ihr?“ fragte Koa.

Die Muscheln antworteten im Chor: „Wir sind die Wächterinnen der Richtung. Wir zeigen nicht den kürzesten Weg, sondern den richtigen.“

Koa musste lachen. „Das ist wie bei meiner Tante. Sie schickt dich zum Markt und du kommst mit einer Ziege und drei Geschichten zurück.“

Die Muscheln klangen, als würden sie kichern. „Dann hör zu, Koa mit den flinken Händen. Vor dir liegt die Rinne der Spiegel. Dort wohnt der Aal Hinauri, der die Dunkelheit liebt. Er lässt niemanden vorbei, der nur nehmen will.“

„Ich will nicht nur nehmen“, sagte Koa. „Ich will geben. Ich will die Aurore für alle.“

„Beweise es“, sangen die Muscheln. „Gib zuerst, dann geh weiter.“

Koa griff in seine Tasche. Er hatte nicht viel: ein Stück getrocknete Kokosnuss, einen kleinen Knochenhaken, und ein Band aus geflochtenen Fasern, das seine Mutter ihm gemacht hatte.

Er dachte an die Kinder am Strand, an Tane, an die alten Leute, die morgens gern die ersten Farben in den Wolken suchten. Dann löste er das Band von seinem Handgelenk.

„Das ist mir wichtig“, sagte Koa leise. „Aber wenn der Morgen wiederkommt, kann meine Mutter ein neues flechten. Oder ich flechte es. Ich lerne schnell.“

Er legte das Band ins Wasser. Es sank nicht. Es schwamm und leuchtete kurz, als hätte es das Meer begrüßt.

Die Muscheln sangen lauter: „Großzügig. Mutig. Weiter!“

Vor ihm wurde das Wasser glatt wie ein Spiegel. Koa sah darin nicht nur sein Gesicht, sondern auch Dinge, die er kannte: sein Dorf, die Feuerstelle, die Hände seiner Mutter, wie sie Brotfrüchte wendete. Dann sah er auch Dinge, die er nicht kannte: eine riesige Tür aus Koralle, und dahinter ein Funken, klein, aber stark.

Plötzlich schoss etwas durch den Spiegel: ein langer Aal, silbern und dunkel zugleich. Seine Augen waren wie zwei nasse Steine.

„Halt!“ zischte Hinauri. „Wer stört meine schöne, gemütliche Finsternis?“

Koa paddelte nicht weiter. Er hob die Hände, offen, wie der Fisch gesagt hatte. „Ich bin Koa. Ich will den Funken finden, der den Morgen weckt.“

Der Aal kringelte sich um das Kanu, sodass das Holz knarrte. „Morgen? Bah. Morgen bedeutet Schatten, die fliehen, und Sterne, die sich verstecken. Ich mag Sterne. Sie sind brav und bleiben still.“

„Auch der Morgen kann still sein“, sagte Koa. „Und freundlich. Er ist für alle da. Für dich auch. Du kannst dann im Riff schlafen und dich wärmen.“

Hinauri lachte, ein glitschiges Geräusch. „Wärme? Ich brauche keine Wärme. Ich brauche… ein Geschenk. Damit ich weiß, dass du nicht lügst.“

Koa dachte schnell. Er hatte seinen Haken. Ohne ihn konnte er kaum fischen. Aber er erinnerte sich: „Wenn du teilst, wird das Licht mutiger.“

Er löste den Knochenhaken und hielt ihn hin. „Hier. Damit kannst du Korallenstücke aus Spalten ziehen oder Perlen retten. Er ist stark.“

Der Aal schnupperte. „Ein echtes Geschenk. Nicht nur Worte.“ Langsam löste er sich vom Kanu. „Gut. Pass durch. Aber merke dir: Der Funken ist stolz. Er lässt sich nicht zwingen.“

Koa nickte. „Ich werde nicht zwingen. Ich werde bitten. Und ich werde teilen.“

Der Spiegel wurde wieder Wasser. Das Echo „Huuuh“ war jetzt näher, wie ein Herzschlag im Meer.

Kapitel 3: Die Korallentür und der schlafende Funke

Die Lagune ging in eine unterseeische Höhle über, so klar, dass Koa das Gefühl hatte, er könne bis auf den Grund sehen, obwohl es tief war. Sein Kanu schaukelte, als würde es zögern.

„Schon gut“, murmelte Koa und klopfte auf das Holz. „Wir machen das gemeinsam.“

Da tauchte die Korallentür auf, riesig und mit Mustern, die wie Wellen und Wolken zugleich aussahen. Vor der Tür schwebte eine Gestalt: eine Frau aus Meerschaum und Mondlicht, mit Haaren, die wie Seegras flossen. Ihre Augen funkelten, als hätte sie darin kleine Sonnen versteckt.

„Ich bin Moana-Kea“, sagte sie. Ihre Stimme klang wie Regen auf Blättern. „Hüterin des Piko-Feuers.“

Koa schluckte. „Ich bin Koa. Ich… ich möchte eine Aurore machen. Unser Himmel ist leer.“

Moana-Kea betrachtete ihn. „Viele wollen Licht. Manche wollen es, damit sie mehr sehen als andere. Manche wollen es, damit sie glänzen. Warum willst du es?“

Koa atmete tief ein. Er dachte an die Kinder, die riefen. An die Alten, die warteten. An Tanes Kanu, das ihm vertraute.

„Weil ohne Morgen alle langsamer werden“, sagte er. „Weil Angst in der Dunkelheit wächst wie Algen. Weil die Leute das Lächeln vergessen, wenn sie keine Farben mehr finden. Ich will, dass wir wieder gemeinsam staunen.“

Moana-Kea nickte langsam. „Ein schöner Grund. Doch Worte sind leicht wie Federn. Zeig mir, was in deinen Händen wohnt.“

Koa öffnete seine Tasche. Sie war fast leer. Er zeigte seine leeren Handflächen. „Ich habe schon gegeben. Mein Band. Meinen Haken. Ich habe nicht viel. Aber ich kann etwas bauen. Ich kann etwas erfinden.“

„Erfinden?“ Moana-Kea hob eine Augenbraue.

Koa zeigte auf die Korallentür. „Wenn das Piko-Feuer ein Funken ist, braucht es etwas, worin es sicher brennen kann. Sonst erlischt es. Ich kann eine Schale machen. Eine Funken-Schale. Aus etwas, das das Meer mag.“

Moana-Kea lächelte ein wenig. „Das Meer mag vieles. Und es frisst vieles.“

„Dann nehme ich etwas, das nicht so leicht gefressen wird“, sagte Koa und blickte umher. In der Höhle lagen Treibholzstücke, glatt wie polierte Steine. Und es wuchs dort eine Pflanze, deren Blätter wie dünne Schilde waren.

Er arbeitete. Er band Holz mit Fasern zusammen, die er aus den Schilden schnitt, und formte eine Schale. Er ritzte Muster hinein: Wellen, Wolken, und in die Mitte ein Kreis, wie ein Auge.

Während er schnitzte, wiederholte er leise, wie ein Lied:

„Für alle. Für alle. Für alle.“

Jedes „Für alle“ machte seine Hände ruhiger.

Moana-Kea beobachtete ihn. „Du wiederholst deine Absicht. Das ist klug. Absichten rutschen sonst weg wie Seife.“

Als die Schale fertig war, hielt Koa sie hoch. „Sie ist nicht perfekt. Aber sie hält. Und sie ist für den Funken, nicht für mich.“

Moana-Kea legte die Hand auf die Korallentür. Sie öffnete sich ohne Knarren, eher wie eine Muschel, die sich freut.

Drinnen war es nicht hell. Es war… vorbereitet. Wie ein Raum, der auf ein Lachen wartet. In der Mitte lag ein Stein, klein wie eine Kokosnuss, doch er pulsierte. Darin schlief etwas: ein Funke, so winzig wie der Punkt am Ende eines Satzes.

„Piko-Feuer“, flüsterte Koa.

Moana-Kea warnte: „Erwecken heißt nicht reißen. Erwecken heißt erinnern.“

Koa kniete sich hin und stellte seine Schale neben den Stein. Dann beugte er sich vor und sprach nicht laut, sondern warm:

„Funke, ich bin Koa. Wir haben dich vermisst. Komm nicht für mich. Komm für die, die warten. Komm für die, die teilen. Komm für die, die lachen wollen.“

Einen Moment passierte nichts. Dann vibrierte der Stein. Der Funke hob sich, als wäre er ein Glühwürmchen, das endlich die Augen öffnet. Er schwebte über der Schale, zögerte – und sprang hinein.

Die Schale glühte. Ein sanftes Licht wuchs, nicht wie ein Feuer, das frisst, sondern wie ein Licht, das einlädt.

Moana-Kea nickte zufrieden. „Jetzt musst du ihn zum Himmel bringen. Aber pass auf: Der Weg nach oben ist nicht der Weg nach unten.“

Koa hob die Schale vorsichtig an. Das Licht wärmte seine Finger, ohne zu brennen.

„Wie komme ich zum Himmel?“ fragte er.

Moana-Kea deutete auf eine Spirale aus Wasser, die sich in der Höhle bildete, wie ein schimmernder Wirbel. „Der Strudel der Wolkenleiter. Er trägt dich. Wenn dein Herz schwer wird, sinkst du. Wenn dein Herz großzügig bleibt, steigst du.“

Koa schluckte. „Dann werde ich leicht sein… für alle.“

Kapitel 4: Die Wolkenleiter und die gestohlene Farbe

Der Strudel packte das Kanu nicht wie ein Monster, sondern wie starke Arme. Koa hielt die Schale mit dem Funken fest an seine Brust. Das Kanu drehte sich, und das Wasser wurde zu Wind, und der Wind wurde zu Nebel.

Plötzlich war Koa nicht mehr unter dem Meer, sondern mitten in einer Wolke. Sie fühlte sich an wie weiche Watte, die ein bisschen kitzelt. Über ihm: der Himmel, dunkel, aber nicht mehr ganz so hart. Unter ihm: das Meer, weit und geduldig.

Auf der Wolke stand jemand, der dort eigentlich nicht stehen konnte: ein großer Vogel mit Federn wie Tinte. Um seinen Hals hing eine Kette aus kleinen Fläschchen. In jedem Fläschchen glomm eine Farbe: Rot wie Hibiskus, Blau wie tiefe See, Gold wie reife Mango.

Der Vogel neigte den Kopf. „Na, na. Was trägst du da?“

Koa richtete sich auf. „Ein Funke. Für eine Aurore.“

Der Vogel lachte. „Aurore? Ach, die Farben gehören mir. Ich bin Ruru-Nui, der Sammler. Ich habe die Morgenfarben eingesammelt, damit die Nacht länger dauert. Nacht ist ruhig. Nacht hat weniger Fragen.“

Koa sah die Fläschchen. Er spürte einen Stich im Herzen. „Die Farben sind nicht dein Spielzeug.“

„Doch“, schnarrte Ruru-Nui. „Ich habe sie gefunden. Und wer findet, der behält.“

Koa dachte an die Muscheln und den Aal, an Moana-Kea und den Funken. Immer wieder dieselbe Prüfung: nehmen oder teilen.

Er sagte langsam: „Wer findet, kann auch schenken. Das ist größer.“

Ruru-Nui flatterte mit den Flügeln, und ein kalter Wind zog über die Wolke. „Und was schenkst du mir? Dein kleines Licht?“

Koa blickte auf den Funken in der Schale. Er war das Wichtigste, das er je gehalten hatte. Wenn er ihn hergab, vielleicht kam nie ein Morgen. Aber wenn er Ruru-Nui nichts gab, würde der Vogel die Farben behalten.

Koa hob die Schale ein Stück höher. „Ich schenke dir nicht den Funken. Der gehört allen. Aber ich schenke dir etwas anderes: Zeit.“

„Zeit?“ Ruru-Nui klang beleidigt. „Ich bin ein Vogel. Ich esse Zeit nicht.“

„Doch“, sagte Koa und lächelte vorsichtig. „Du sammelst sie. Du hast die Farben gesammelt, damit die Nacht länger wird. Du willst mehr Nachtzeit. Ich gebe dir etwas, das Nachtzeit süß macht.“

Er griff in seine Tasche. Da war nur noch ein Stück Kokosnuss. Er brach es in zwei Hälften. Eine Hälfte hielt er sich hin, die andere bot er dem Vogel an.

„Teilen?“, schnarrte Ruru-Nui.

„Ja“, sagte Koa. „Setz dich. Iss mit mir. Hör mir zu. Ich erzähle dir eine Geschichte aus meinem Dorf. Eine echte, mit Lachen. Dann fühlst du dich nicht so allein in deiner langen Nacht.“

Ruru-Nui zögerte. Dann landete er näher, pickte vorsichtig. Die Kokosnuss knirschte.

Koa begann zu erzählen: von Tane, der einmal ein Netz aus Versehen über seinen eigenen Kopf geworfen hatte und trotzdem behauptete, es sei Absicht gewesen; von Kindern, die einen Krebs zum „König“ machten und ihm einen Blätterhut aufsetzten; von seiner Mutter, die immer sagte: „Wenn du etwas hast, mach es größer, indem du es teilst.“

Während Koa sprach, wurde der Wind weniger kalt. Der Vogel hörte zu. Und etwas in seinen dunklen Augen wurde weicher, als würde ein Fenster aufgehen.

„Du… machst die Nacht nicht leer“, murmelte Ruru-Nui.

„Niemand sollte allein sein“, sagte Koa. „Nicht einmal ein Sammler.“

Ruru-Nui schüttelte die Fläschchen-Kette, und die Farben klirrten wie kleine Glocken. „Wenn ich sie freilasse, ist es vorbei mit der langen Nacht.“

Koa nickte. „Aber dann kommt ein Morgen, den alle sehen. Auch du. Und du kannst fliegen, wenn es rosa wird. Das ist doch auch schön.“

Der Vogel schwieg lange. Dann seufzte er, so tief, dass die Wolke wackelte. „Ich gebe dir die Farben nicht, damit du sie besitzt. Ich gebe sie dir, damit du sie verteilst.“

„Genau das will ich“, sagte Koa.

Ruru-Nui öffnete ein Fläschchen nach dem anderen. Die Farben sprangen heraus wie fröhliche Fische: Rot, Gold, Blau, Violett. Sie wirbelten um den Funken herum, und der Funke wurde größer, nicht gefährlich, sondern kräftig, wie ein Herz, das endlich im Takt schlägt.

„Geh“, sagte Ruru-Nui leise. „Mach deinen Morgen. Und vergiss nicht: Ein Sammler kann auch ein Schenker werden.“

Koa verbeugte sich. „Danke. Wenn du willst, komm zu uns. Wir haben auch Platz für dunkle Federn im Licht.“

Ruru-Nui schnarrte, fast wie ein Lachen. „Vielleicht. Vielleicht.“

Koa spürte unter den Füßen wieder die Wolkenleiter, eine sanfte Strömung nach Osten, dorthin, wo Morgen geboren werden. Er hielt den Funken und die Farben zusammen, als wären sie ein einziges Lied.

Kapitel 5: Die Geburt der Aurore und das Echo, das erlischt

Als Koa zurück über dem Meer schwebte, sah er seine Inseln unten: kleine dunkle Formen, wartend. Am Strand standen Menschen, nur als Punkte, doch Koa spürte ihre Hoffnung wie Wärme.

Der Himmel im Osten war noch schwarz. Koa kniete auf der Wolke, stellte die Schale vor sich und flüsterte:

„Für alle. Für alle. Für alle.“

Der Funke hob sich aus der Schale, und die Farben tanzten darum. Koa streckte die Hände aus, als würde er ein Tuch ausbreiten. Er stellte sich vor, wie Licht sich über das Wasser legt, wie ein sanfter Mantel.

„Jetzt“, sagte er.

Der Funke platzte nicht. Er öffnete sich. Er öffnete sich wie eine Blüte. Erst ein dünner Streifen Gold, dann ein Hauch Rosa, dann ein schimmerndes Blau, so frisch, als wäre es gerade erst erfunden worden.

Die Aurore wuchs über den Horizont. Sie kletterte höher, und überall wurden Gesichter sichtbar: erstaunt, lachend, manche mit Tränen, die im neuen Licht glitzerten.

Unten riefen die Kinder: „Da! Da ist sie!“

Tane sprang ins flache Wasser und schwenkte die Arme. „Koa! Du hast die Sonne wirklich geangelt!“

Koa lachte so laut, dass die Wolke bebte. „Ich habe sie nicht geangelt! Ich habe sie geteilt!“

Die Farben legten sich über die Inseln, über die Palmen, über die Hütten. Selbst die Lagune sah aus, als hätte sie heimlich ein Schmuckstück angelegt.

Neben Koa tauchte Moana-Kea im Nebel auf, als wäre sie aus dem Morgen gemacht. „Du hast den Funken nicht behalten“, sagte sie. „Du hast ihn freigegeben. So wird aus Wunsch ein Geschenk.“

Koa sah nach unten. „Wird der Morgen jetzt immer kommen?“

Moana-Kea legte den Kopf schief. „Morgen kommt, wenn man ihn begrüßt. Und wenn man ihn teilt. Dunkelheit wird es auch geben, aber sie muss nicht herrschen. Sie darf nur ruhen.“

Koa nickte. In seiner Brust war es hell, aber nicht laut. Eher wie ein ruhiges Feuer.

Da hörte er es wieder: das Echo. Das „Huuuh“, das ihn geführt hatte. Jetzt war es ganz leise, wie der letzte Ton einer Muschelmelodie.

„Das Echo…“ Koa lauschte. „Es wird schwächer.“

Moana-Kea lächelte sanft. „Echos sind Wege. Wenn du angekommen bist, müssen sie nicht mehr rufen.“

Koa schloss die Augen. Er erinnerte sich an den kleinen sprechenden Fisch, an die singenden Muscheln, an den Aal, an den Vogel, an all die Prüfungen. Alles hatte ihn getragen, wie eine Hand unter einem schwankenden Kanu.

Das Echo flüsterte ein letztes Mal, kaum hörbar: „Für alle…“

Dann erlosch es, als würde jemand eine Kerze ausblasen — nicht traurig, sondern zufrieden.

Koa öffnete die Augen. Der Himmel war nun nicht mehr leer. Er war voll von Morgen.

Er ließ die leere Schale zurück auf der Wolke, als Dank. Dann glitt er hinab, hinunter zu seinem Dorf, wo Menschen warteten, um das Licht gemeinsam zu feiern.

Und während die Aurore über dem Meer stand, wusste Koa: Großzügigkeit macht nicht weniger. Sie macht mehr. Sie macht aus einem Funken einen ganzen Himmel.

Ohne Werbung 3€ pro Monat

Möchten Sie eine unterbrechungsfreie Lektüre? Unterstützen Sie Oh My Tales, entfernen Sie alle Anzeigen und profitieren Sie ab 3€ pro Monat von weiteren enthaltenen Vorteilen.

Die Pläne und Preise ansehen
Teilen

Melden Sie ein Problem mit dieser Geschichte

Was haben Sie von dieser Geschichte gehalten?

Geben Sie Ihre Meinung ab, indem Sie dieser Geschichte je nachdem, was Sie und/oder Ihr Kind davon gehalten haben, eine Bewertung geben. Vielen Dank im Voraus!

Vielen Dank! Ihre Bewertung wurde berücksichtigt!

Das Quiz: Hast du die Geschichte gut verstanden?

Lagune
Ein ruhiges, meist flaches Wassergebiet am Meer, oft geschützt von Riffen.
Aurore
Ein buntes Morgenlicht am Himmel, das vor dem Sonnenaufgang erscheint.
Piko-Feuer
Der spezielle Name für einen kleinen, heiligen Funken im Text.
Funken-Schale
Ein Gefäß, das den kleinen Funken halten und schützen kann.
Korallentür
Eine Tür, die aus Korallen wirkt und in die Unterwasserhöhle führt.
Wolkenleiter
Ein spiralförmiger Weg aus Wolken, der nach oben zum Himmel trägt.
Sammler
Jemand, der viele Dinge einsammelt und mit sich trägt, wie Farben.
Gestohlen
Wenn jemand etwas nimmt, das nicht ihm gehört, ohne zu fragen.
Hüterin
Eine Person, die auf etwas Wichtiges aufpasst und es schützt.
Funke
Ein sehr kleines, helles Licht, das Wärme und Licht geben kann.

Erstellen Sie eine magische und einzigartige Geschichte für Ihr Kind!

Erstellen Sie in nur wenigen Minuten ein personalisiertes Abenteuer, in dem Ihr Kind zum Helden wird. Mit unserem exklusiven Tool ist es einfach, kostenlos und unterhaltsam!

Eine Geschichte erstellen

Themen im Zusammenhang mit dieser Geschichte:

mut magisch gemeinschaft höhle meer insel

Laden Sie diese Geschichte herunter:

Lade diese Geschichte als PDF herunter E-Book herunterladen (.epub)

Als Nächstes zu lesen in Mythische Fantasie (Myth Fantasy) für 9/10 Jahre

Erhalten Sie jeden Sonntagabend neue Geschichten!

Erhalten Sie 7 spannende und fesselnde Geschichten, die auf das Alter und die Vorlieben Ihres Kindes abgestimmt sind, jeden Sonntag um 17 Uhr*. Es ist kostenlos und garantiert spamfrei!
*E-Mail wird um 17 Uhr Mitteleuropäischer Zeit (MEZ) gesendet.
Wir mögen auch keinen Spam. Deshalb senden wir Ihnen nur Geschichten. Sie können sich jederzeit abmelden.