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Geschichte über Mobbing 9/10 Jahre Lesen 12 min.

Fips, der Mutrucksack: Drei Sätze gegen Mobbing

Mira, deren Rucksack Fips vieles miterlebt, wird in der Schule gemobbt; sie ringt mit Angst und sucht nach Wegen, damit umzugehen.

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Mira, 10-jährige mit rundem Gesicht, großen glänzenden Augen und entschlossener, leicht zitternder Miene, kastanienbraunes Pferdeschwanzhaar, einfacher Pulli Senfgelb und Jeans, steht mittig und sagt „Stopp“ mit erhobener Hand; Fips, kleiner sternbesetzter Rucksack in Hellblau mit silbernem Stern, sitzt leicht zurückversetzt auf ihrem Rücken und strahlt Mut aus; Nora, geflochtenes Haar, ruhiges Lächeln, steht links und legt diskret die Hand auf Miras Schulter; Ben, grüner Hoodie, Ball unter dem Arm, beschützender Blick, steht rechts; zwei ältere Kinder als Mobber mit arroganten Haltungen, dunklerer Kleidung, wenige Schritte vor Mira, einer zeigt auf sie, der andere grinst verzogen; Pausenhof mit hellem Plattenboden, einfachen Spiellinien, roten Bänken, beigem Schulgebäude und vereinzelten Herbstblättern, weiches Spätvormittagslicht; Schlüsselszene: Mira behauptet ihr Nein, zentrierte Komposition, warme Farben für Freunde, neutrale Töne für Mobber, beruhigende Atmosphäre trotz Spannung, minimalistischer Kawaii-Stil mit klaren Konturen und Pastellpalette. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Rucksacktasche, die zu viel hört

Fips war eine Rucksacktasche. Nicht irgendeine, sondern eine mit einem kleinen Stern-Aufnäher und einem Reißverschluss, der manchmal kicherte, wenn er gut gelaunt war. Fips hing jeden Morgen am Rücken von Mira, einem Mädchen aus der vierten Klasse, und sah die Welt von dort oben: Flure, Pausenhof, Turnbeutel und Brotdosen.

Fips war leicht nervös – nicht wegen Mathe oder Diktaten. Fips sorgte sich um andere. Wenn jemand allein saß, drückte sich Fips' Stoff ein bisschen zusammen, als wollte er trösten. Wenn jemand lachte, fühlte sich Fips' Stern heller an.

An diesem Dienstag merkte Fips gleich nach der ersten Pause: Etwas war anders. Mira ging langsamer. Ihre Schultern waren steif, und ihre Hand hielt den Riemen von Fips so fest, als könnte sie sich daran festhalten.

In der Ecke beim Treppenhaus standen zwei Kinder aus einer höheren Klasse. Sie flüsterten und sahen zu Mira herüber. Fips hörte Wörter wie „Baby“ und „Heulsuse“. Es waren keine lauten Wörter, aber sie hatten scharfe Kanten.

Mira tat so, als würde sie nichts bemerken. Sie lächelte sogar kurz – ein Lächeln, das sich anfühlte wie ein Pflaster auf einer Stelle, die eigentlich Luft brauchte.

In der nächsten Pause passierte es wieder. Diesmal stellte sich eines der Kinder näher an Mira, so nah, dass Fips den warmen Atem an seinem Stoff spürte. „Gib uns dein Pausenbrot. Nur heute“, sagte die Stimme, als wäre das eine kleine Bitte. Aber in dem Ton steckte etwas, das drückte wie ein zu voller Rucksack.

Mira zögerte. Fips spürte, wie sie die Brotdose in ihm suchte. Sie wollte „Nein“ sagen, das fühlte Fips deutlich. Doch ihre Finger wurden langsam. Angst ist manchmal wie Klebstoff.

Am Ende gab Mira die Brotdose heraus. Die Kinder gingen weg, als wäre nichts gewesen.

Fips blieb still. Er war nur eine Tasche. Und trotzdem fühlte er sich, als hätte er etwas falsch gemacht.

Kapitel 2: Schritte neben Mama

Nach der letzten Stunde klapperten die Stühle, und im Flur roch es nach nassen Jacken. Mira ging hinaus, und Fips schaukelte an ihrem Rücken. Draußen wartete Miras Mama. Ihr Schal war gestreift, und sie hatte diesen Blick, der nicht laut ist, aber alles sieht.

Sie liefen zusammen nach Hause. Der Gehweg war voll von knisternden Blättern, und ein Bus brummte an ihnen vorbei. Fips mochte diese Strecke, weil sie ruhig war. Heute war sie schwer.

Mama fragte nicht sofort. Sie ging einfach neben Mira, Schritt für Schritt. Dann sagte sie: „Du bist heute so leise. Ist etwas passiert?“

Mira zog an Fips' Riemen. „Nicht wirklich“, murmelte sie. Das klang nach „doch“, nur kleiner.

Fips wünschte sich, er könnte sprechen. Er stellte sich vor, wie sein Reißverschluss ganz ernst sagen würde: „Da waren gemeine Worte. Und die Brotdose.“ Aber Taschen können nur tragen, nicht erzählen.

Mama blieb an einer Ampel stehen. Als das rote Licht leuchtete, kniete sie sich etwas zu Mira hinunter. „Wenn etwas dich drückt, darf es raus“, sagte sie. „Du musst das nicht allein tragen.“

Mira schluckte. „Wenn ich was sage… dann machen sie es vielleicht schlimmer“, flüsterte sie. „Oder sie lachen. Oder… ich weiß nicht.“

Fips spürte, wie Miras Rücken sich klein machte. Dieses „Ich weiß nicht“ war ein dunkler Fleck im Stoff des Tages.

Mama nickte langsam. „Das ist eine echte Sorge“, sagte sie ruhig. „Und genau deshalb holen wir Hilfe. Nicht, weil du schwach bist, sondern weil du stark genug bist, es nicht mehr allein zu machen.“

Mira sah auf den Boden. „Aber ich habe doch einfach… gegeben. Ich hätte Nein sagen sollen.“

„Nein sagen ist manchmal schwer“, sagte Mama. „Besonders wenn man Angst hat. Das ist normal. Wir überlegen zusammen, wie du sicher Nein sagen kannst. Und wer dir dabei hilft.“

Als sie weitergingen, fühlte Fips etwas wie Wärme durch den Stoff. Noch war nichts gelöst, aber da war ein Plan, wie ein fester Knoten, der nicht drückt, sondern hält.

Kapitel 3: Drei kleine Sätze

Zu Hause stellte Mira Fips auf den Stuhl im Kinderzimmer. Fips sah den Schreibtisch, die Stifte und ein Plakat mit Sternbildern. Mira setzte sich aufs Bett, Mama daneben.

„Erzähl mir genau, was passiert ist“, sagte Mama.

Mira erzählte vom Treppenhaus, vom Flüstern, von der Brotdose. Sie sagte auch, dass es schon letzte Woche angefangen hatte – zuerst mit Sprüchen, dann mit „nur Spaß“, und heute war es plötzlich „gib her“.

Mama hörte zu, ohne Mira zu unterbrechen. Dann sagte sie: „Das ist nicht okay. Das nennt man Mobbing. Und Mobbing lebt davon, dass man sich allein fühlt.“

Mira zog die Knie an. „Aber wenn ich Nein sage, dann…“

„Dann brauchst du einen Plan“, sagte Mama. „Einen, der einfach ist. Wir üben drei kleine Sätze. Nicht viele Worte, damit sie im Kopf bleiben.“

Mira hob den Blick.

Mama zählte an den Fingern ab. „Erstens: ‚Stopp. Lass das.‘ Zweitens: ‚Ich will das nicht.‘ Drittens: ‚Ich hole Hilfe.‘“

Mira probierte leise: „Stopp. Lass das.“ Es klang erst wacklig.

Fips stellte sich vor, wie der Stern auf ihm als Mut-Stern funktionierte, der beim Üben leuchtet. Der Reißverschluss spannte sich, als würde er mittrainieren.

Mama nickte. „Gut. Und jetzt noch etwas Wichtiges: Du musst nicht allein dahinstehen. Wer könnte morgen in der Pause bei dir sein?“

Mira dachte nach. „Nora vielleicht. Und Ben… der ist oft in der Nähe.“

„Super“, sagte Mama. „Und wir informieren auch deine Klassenlehrerin. Das ist ihre Aufgabe: dafür zu sorgen, dass Schule sicher ist.“

Mira presste die Lippen zusammen. „Aber dann denken alle, ich petze.“

Mama schüttelte den Kopf. „Petzen ist, jemanden in Schwierigkeiten bringen, weil man schaden will. Hilfe holen ist, jemanden schützen, weil etwas nicht stimmt. Das ist ein Unterschied.“

Fips fand, das war ein Satz, den man auf den Stern-Aufnäher sticken könnte.

Am Abend packte Mira ihren Rucksack für morgen. Sie legte die Brotdose hinein – diesmal zwei belegte Brote, eins extra. „Falls jemand sein Brot vergessen hat“, murmelte sie.

Fips war stolz. Sorgen können schwer sein, aber Miras Sorge war freundlich, nicht ängstlich. Und freundlich ist gut – solange man dabei auch auf sich aufpasst.

Kapitel 4: Die Pause, die nicht allein war

Am nächsten Tag war der Himmel hell, als hätte er frisch gewischt. In der Schule klang alles wie immer: Schritte, Stimmen, Pausenklingel. Und trotzdem fühlte sich Fips an, als wäre er ein bisschen größer. Vielleicht, weil Mira aufrechter ging.

In der großen Pause stand Nora schon am Rand des Hofs. Sie winkte. Ben kam auch dazu, mit einem Ball unter dem Arm. „Wir gehen nachher zur Bibliothek-Ecke“, sagte Nora. „Da ist es ruhig.“

Mira nickte, und Fips spürte, wie ihr Atem leichter wurde.

Dann tauchten die zwei Kinder wieder auf. Sie kamen näher, als hätten sie eine unsichtbare Linie gezogen, die Mira nicht überqueren darf. Eines grinste. „Na? Wieder was Leckeres dabei?“

Fips merkte, wie Mira kurz erstarrte. Dieser Moment, in dem das „Nein“ im Hals hängen bleibt. Fips kannte ihn jetzt. Aber dann hörte Fips Miras Stimme. Sie war nicht laut, aber klar.

„Stopp. Lass das“, sagte Mira.

Das Kind blinzelte, als hätte es damit nicht gerechnet. „Was denn? Ist doch nur Spaß.“

Nora machte einen Schritt neben Mira. Ben stellte sich auf die andere Seite, den Ball fest in den Händen. Sie sagten nicht viel. Allein ihre Nähe war wie ein Geländer.

Mira schluckte einmal und sagte den zweiten Satz: „Ich will das nicht.“

Das Grinsen wurde kleiner. „Du stellst dich an.“

Mira sah kurz zu Nora und Ben. Dann kam der dritte Satz, und Fips fühlte ihn bis in die Nähte: „Ich hole Hilfe.“

Die zwei Kinder schauten sich um. Auf dem Hof waren andere Kinder. Einige blickten herüber. Nicht alle sagten etwas. Aber sie sahen hin. Und Hinsehen ist der Anfang.

Ben hob die Hand. „Da ist Frau Keller“, murmelte er, und deutete zur Pausenaufsicht.

Mira ging nicht allein. Nora ging mit. Ben auch. Fips schaukelte, aber nicht mehr wie ein schwerer Sack, sondern wie ein Rucksack auf einem Weg, den man kennt.

Frau Keller hörte zu, stellte Fragen und blieb ruhig, genau wie Mama. Sie sagte: „Danke, dass du es sagst. Das ist wichtig.“ Dann ging sie mit Mira ein Stück zur Seite, wo es leiser war.

Später kam Miras Klassenlehrerin dazu. Es wurde besprochen, dass Mira nicht mehr allein in die Ecke beim Treppenhaus gehen muss, dass die Aufsicht dort genauer hinsieht und dass es ein Gespräch mit den anderen Kindern geben wird.

Mira wurde nicht ausgelacht. Niemand klatschte. Es war kein Film. Es war einfach… Hilfe. Und das war genug.

Kapitel 5: Die Mut-Zeugen

Am Nachmittag lief Mira wieder mit Mama nach Hause. Der Wind war frisch und roch nach Bäckerei. Fips hörte Miras Schritte, gleichmäßig wie ein ruhiges Lied.

„Wie war's?“ fragte Mama.

Mira zog den Riemen diesmal nicht fest, sondern nur kurz, wie ein freundliches Tippen. „Ich hab's gesagt“, antwortete sie. „Mein Herz hat geklopft wie verrückt. Aber Nora und Ben waren da. Und Frau Keller auch.“

Mama lächelte. „Ich bin stolz auf dich.“

Mira nickte, aber dann wurde ihr Blick nachdenklich. „Weißt du…“, sagte sie langsam, „da haben auch andere geguckt. Erst dachte ich, die machen nichts. Aber dann… haben sie hingesehen. Und als ich zu Frau Keller gegangen bin, sind zwei aus meiner Klasse näher gekommen. Nicht direkt zu mir, aber so… als würden sie zeigen: Wir sind auch da.“

Mama blieb kurz stehen. „Das sind Zeugen“, sagte sie. „Manchmal wissen Zeugen nicht, was sie tun sollen. Aber Zeugen können wichtig sein. Hinsehen, dabeibleiben, Hilfe holen – das ist mutig.“

Mira pustete eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich dachte immer, nur die Person, die was sagt, ist mutig.“

„Mut hat viele Formen“, sagte Mama. „Dein Mut war das Sprechen. Noras und Bens Mut war das Dabeistehen. Und die anderen… können lernen, dass Wegschauen es schlimmer macht.“

Zu Hause stellte Mira Fips wieder auf den Stuhl. Sie öffnete den Reißverschluss, und er kicherte leise, als würde er aufatmen.

Am Abend schrieb Mira auf einen Zettel drei Sätze und klebte ihn innen an Fips' Klappe: „Stopp. Lass das. – Ich will das nicht. – Ich hole Hilfe.“

Dann packte sie noch etwas ein: das extra Brot. Diesmal nicht aus Angst, sondern als freundliche Reserve – und nur, wenn jemand wirklich fragt und sie es freiwillig geben will.

Bevor das Licht ausging, streichelte Mira kurz über Fips' Stern. „Morgen“, flüsterte sie, „müssen wir nicht alles alleine tragen.“

Und Fips, die Rucksacktasche, die zu viel hört und zu viel fühlt, war zum ersten Mal ganz sicher: Hilfe holen ist kein schweres Gepäck. Es ist ein Weg, den man zusammen geht.

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Das Quiz: Hast du die Geschichte gut verstanden?

Stern-Aufnäher
Ein Stoffstück mit einem Stern, das auf Kleidung oder Taschen festgenäht wird.
Reißverschluss
Ein Verschluss mit zwei Reihen Zähne, die man zum Öffnen und Schließen zieht.
Turnbeutel
Eine einfache Tasche aus Stoff, die man zum Sport oder für Schuhe benutzt.
Pausenhof
Der Schulhof, wo Kinder in der Pause spielen, essen oder sich treffen.
Klebstoff
Eine klebrige Substanz, mit der Dinge zusammengehalten oder befestigt werden.
Ampel
Ein Licht mit Rot, Gelb und Grün, das den Verkehr und das Gehen regelt.
Mobbing
Wenn immer wieder jemand geärgert, ausgeschlossen oder absichtlich verletzt wird.
Petzen
Jemandem etwas erzählen, um ihn in Schwierigkeiten zu bringen; hier falsch verstanden.
Zeugen
Personen, die etwas gesehen oder gehört haben und davon berichten können.
Pausenaufsicht
Die Lehrkraft oder Erwachsene, die während der Pause auf die Kinder achtet.
Stopp. Lass das.
Ein klarer Satz, den man sagt, wenn man will, dass jemand sofort aufhört.
Ich will das nicht.
Ein kurzer Satz, um deutlich zu machen, dass man etwas nicht möchte.
Ich hole Hilfe.
Ein Satz, der bedeutet, dass man eine erwachsene Person oder Unterstützung holt.

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