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Geschichte über die Reise 11/12 Jahre Lesen 20 min.

Faro und das Meer: Auf leisen Pfoten zu Gast

Der junge Fuchs Faro begibt sich auf eine Reise zum Meer, wo er wichtige Lektionen über Respekt, Freundschaft und das Teilen von Wegen lernt, während er andere Tiere trifft und Abenteuer erlebt.

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Ein junger Fuchs mit funkelnden Augen und leuchtend rotem Fell, voller Neugier und Staunen, steht an einem goldenen Strand und beobachtet die sanft brechenden Wellen. Neben ihm schwebt eine strahlend weiße Möwe mit schelmischem Blick über ihm, bereit, auf den Sand zu tauchen. Nicht weit entfernt sitzt ein alter Hund mit grauem Fell und weisen Augen auf einem Stein und schaut den Fuchs mit einem wohlwollenden Lächeln an, als ob er ein kostbares Geheimnis teilt. Der Himmel ist strahlend blau, mit flauschigen Wolken, und die Sonne scheint intensiv, wodurch funkelnde Reflexionen auf dem Wasser entstehen. Die Szene fängt den Moment ein, in dem der Fuchs zum ersten Mal die Schönheit des Meeres entdeckt, sein Herz schlägt vor Aufregung und Abenteuer. Melden Sie ein Problem mit diesem Bild

Kapitel 1: Die Karte, die nach Salz roch

Ich bin Faro, ein junger Fuchs mit neugierigen Ohren und einem Rucksack aus Gedanken. Mein Bau liegt am Rand eines kleinen Dorfes, dort, wo die Gärten an die Felder stoßen und die Feldmäuse nachts Geschichten flüstern. An einem warmen Abend finde ich hinter dem Kindergarten etwas, das nicht hierher gehört: eine zerrissene Seite aus einem Schulatlas. Der Wind blättert sie halb um. Ich lege eine Pfote darauf und schnuppere. Die Seite zeigt die Küste, einen blauen Rand aus Wellen, und es riecht, als hätte der Wind Salz darin versteckt.

„Das Meer“, murmle ich. „Ich will das Meer sehen.“

Meine Mutter sitzt im Schatten eines Apfelbaums und schaut mich an, als wüsste sie seit Langem, was ich gerade denke. „Wenn du gehst, gehst du mit offenen Augen“, sagt sie ruhig. „Reisen heißt sehen und achten. Du bist Gast in der Welt.“

„Ich passe auf“, verspreche ich. Und ich meine es. Ich packe nichts ein außer einem glatten Stein, der gut in meiner Pfote liegt, und einem Faden, den ich aus einer Vogelscheuche gezogen habe. Man weiß nie.

In der Dämmerung mache ich mich auf den Weg. Die Luft riecht nach Heu, nach Erde, nach den Abenteuern von morgen. Hinter mir raschelt Mutter in den Brombeeren, nicht besorgt, eher wachsam. „Denk daran, Faro“, ruft sie leise, „Respekt ist die beste Karte.“

Ich nicke, obwohl sie das im Dunkeln nicht sehen kann, und folge dem Trampelpfad, den die Rehe mögen. Schon nach wenigen Schritten fühlt sich die Welt größer an.

Kapitel 2: Wege, auf denen alle Recht haben

Die Straße in Richtung Norden glitzert unter den Laternen wie ein Fluss aus Stein. Ich höre Motorräder in der Ferne. Zur Sicherheit halte ich mich an die Hecke. Am Dorfrand steht Ida, eine Igelin mit einer Mini-Narbe am Ohr. „Auf Reisen, Fuchs?“ fragt sie, als wäre das die normalste Sache der Welt.

„Zum Meer“, sage ich.

„Ich mag Pfützen, die nach Wolken schmecken“, kichert Ida. „Pass auf die Streifen auf dem Boden auf. Menschen nennen sie Zebrastreifen. Da halten sie manchmal an.“ Sie zeigt zur Kreuzung. Ich setze mich auf meine Hinterpfoten und beobachte, wie Autos wirklich langsamer werden, als ein Kind mit Ranzen über die weißen Streifen geht. Die kleine Hand in der großen Hand der Mutter – es ist ein Bild, das warm macht.

„Also keine Rennerei“, sage ich.

„Kein Drängeln, kein Schubsen“, brummt Ida gemütlich. „Und immer schauen: links, rechts, links.“

Wir warten, bis die Straße leer ist. Dann huschen wir hinüber. Auf der anderen Seite flattert Rocco, der Raberich, der immer so tut, als wäre er Hafenmeister der ganzen Luft. „Abenteuer!“ krächzt er und landet auf einem Straßenschild. „Die Menschen haben Stege für ihre rollenden Kisten. Wir haben Brücken für unsere Pfoten.“

„Brücken?“ frage ich.

Er nickt und fliegt voran. Der Feldweg wird schmaler, die Luft feuchter. Bald stehen wir vor einer Bahnlinie. Sie riecht nach Eisen, nach Öl und nach Geschichten, die schnell sind. „Nicht auf die Schienen“, sagt Rocco ernst. „Das ist nicht unser Ort. Aber da drüben ist eine Unterführung. Die Menschen bauen sie für Menschen, und wir dürfen sie klug benutzen.“

Im Tunnel hallen unsere Schritte. Es ist kühl, und mein Herz schlägt lauter als sonst. „Reisen ist, Wege zu teilen“, denke ich. Draußen, auf der anderen Seite, glänzt der Mond in einer Pfütze. Es riecht nach Apfel. Ein Obstgarten hält Wache. Ich springe nach einem Apfel, der zu hoch hängt, und bekomme ihn prompt auf die Nase. „Aua.“ Rocco lacht, und ich lache mit. „Die besten Erinnerungen machen einen kleinen blauen Fleck“, sagt Ida.

Wir sitzen unter dem Baum und teilen den Apfel. Süßes klebt an meinem Schnurrhaar. Dann verabschieden wir uns. „Pass auf dich auf“, sagt Ida. „Und auf das, was dir nicht gehört.“ Rocco hebt ab. „Wenn du das Meer siehst, grüß die Wellen. Sie kennen meinen Namen.“

Kapitel 3: Wo der Wind Wörter trägt

Am nächsten Nachmittag wird der Wind breiter, und mit ihm kommt der salzige Duft, der mich gestern träumen ließ. Hinter den letzten Feldern tauchen Häuser auf, die niedriger sind als Wolken. Ein Hafen liegt da, eingerahmt von einer steinernen Mole. Boote schaukeln in ihren Leinen, als würden sie leise Lieder summen. Möwen kreischen, doch nicht böse, eher wichtig. Und ja: das Meer. Es liegt da, groß und beweglich, wie ein lebendiger Spiegel.

Ich bleibe am Rand stehen. Mein Schwanz macht kleine Wechselzeichen in der Luft. „Hallo“, sage ich, weil man Dinge, die groß sind, begrüßt. Der Wind antwortet mit einem Schubser gegen mein Ohr.

Auf der Hafenmauer sitzt ein Hund, alt und gelassen, mit einem Gesicht, das schon viele Sonnen gesehen hat. Sein Fell ist grau an der Schnauze, aber seine Augen sind hell. „Du riechst nach Feld und Fragezeichen“, sagt er, ohne aufzustehen. „Ich bin Kalle. Das ist mein Stück Welt.“

„Faro“, sage ich. „Und ich bin nur zu Besuch.“

„Gut so“, brummt Kalle. „Besuche machen freundlich, wenn man die Regeln kennt. Siehst du das Schild da?“ Er zeigt mit der Nase auf eine Tafel am Düneneingang. Darauf steht: Betreten verboten – Brutgebiet. Darunter ein Bild von einem kleinen Vogel, der aussieht, als trüge er eine elegante Brille. „Austernfischer“, erklärt Kalle. „Sie brauchen Ruhe. Die Dünengräser halten den Sand fest. Wenn Füße alles platt treten, fliegt der Sand davon und die Nester auch.“

Ich schaue den Weg an, der zwischen den Dünenmarkierungen führt. „Also immer auf dem Weg bleiben“, sage ich.

„Und nicht füttern, was wild ist“, ergänzt Kalle. „Menschen kippen manchmal Pommes für die Möwen aus. Dann werden Möwen frech. Und frech bedeutet oft Ärger.“

Eine Möwe mit klugem Blick landet neben Kalle und stupst ihn in die Seite. „Ich bin nur frech, wenn jemand mein Brot klaut“, ruft sie. „Greta. Angenehm, Fuchs. Neu hier?“

„Nur kurz“, sage ich. „Ich will lernen, ohne zu stören.“

„Die Flut kommt in sechs Stunden wieder hoch“, ruft Greta und deutet auf eine rote Flagge, die am Strand weht. „Heute Abend weht es mehr. Der Wind hat Geschichten im Bauch.“

Kalle nickt. „Es gibt die Gezeiten. Das Meer atmet. Einatmen heißt Flut, ausatmen heißt Ebbe. Wenn du in eine Bucht gehst, schau, wie du wieder rauskommst. Wege, die trocken kamen, können nass gehen.“

Wir laufen gemeinsam ein Stück am Strand entlang. Ich bleibe auf dem festen, feuchten sandigen Rand, wo die Wellen kleine Küsse auf den Boden setzen. Kinder bauen Burgen. Ein Vater zeigt auf eine Karte und erklärt seinem Sohn, wie die Fahrrinne verläuft. Ich halte Abstand, beobachte und merke mir die Worte. Respekt ist auch: etwas sehen und trotzdem den eigenen Schatten nicht darüber legen.

Am Abend, als die Sonne sich die Schultern im Meer kühlt, zieht der Wind an. Die ersten Tropfen fallen groß und weich. Greta hebt ab. „Ich checke die Wolken“, ruft sie. Kalle schaut mich an. „Wenn du einen trockenen Platz brauchst, hinter der bohrigen Tür im Schuppen ist eine Lücke. Aber pass auf. Fremdes bleibt fremd.“

Ich nicke. „Ich nehme den Wind ernst.“

Kapitel 4: Sturmzeichen und ein kleines Herz

Die Nacht hat Wellen aus Luft. Der Regen trommelt auf die Hafenplanken. Ich presse mich unter einen umgestürzten Kahn, dessen Bauch wie ein alter Wal riecht. Zwischen den Böen höre ich etwas Kleines piepen. Kein normales Möwengeschrei, eher ein ängstliches Flattern. Ich krieche näher ans Geräusch, dorthin, wo der Strand in die Düne klettert. Ein Zaun mit dünnen Seilen markiert das Schutzgebiet. Dahinter sitzt ein winziges Wesen mit roten Beinen und einem Schnabel, der länger ist als sein Gesicht. Es zittert. Ein Plastikring von einer Flasche hängt wie ein böser Ring um sein Bein.

Ich atme langsam. Mein Bauch sagt etwas anderes als mein Kopf. Ich bin ein Fuchs. Ein Fuchs könnte jetzt… Nein. Meine Mutter hat gesagt: Respekt ist die beste Karte. Ich bin Reisender. Ich bin Gast.

„Hey“, flüstere ich, so sanft ich kann. „Alles gut. Ich will helfen.“

Das Küken piept. Sein Blick ist groß. Dicht daneben liegt der Ring, hart und glänzend wie ein falscher Käfer. Ich schiebe den Faden aus der Vogelscheuche mit der Pfote aus meinem Fell, den ich mir am Morgen um den Bauchgurt gewickelt habe. Mein Plan: Ich mache eine kleine Schlinge, so dass ich den Ring festhalten kann, ohne es zu kneifen. Meine Pfoten zittern ein wenig, denn Sturmwind ist nicht der beste Helfer für feine Knoten.

„Braucht jemand Flügel und eine Klappe?“ Greta stürzt mit einem Bogen aus dem Wind. Sie landet, die Flügel leicht geöffnet, und schaut mich kritisch an. „Ein Fuchs, der nicht futtert, sondern fummelt. Was ist los?“

„Der Ring“, sage ich. „Wenn ich ihn festhalte und du mit dem Schnabel ziehst…“

„Vorsicht mit dem Beinchen“, mischt sich eine zarte Stimme ein. Eine andere Möwe? Nein, es ist ein Austernfischer, klein wie das Küken, aber wacher im Blick. „Pip“, piept das Küken jetzt wirklich, als wüsste es seinen Namen. Die Eltern kreisen, halten Abstand, weil ich da bin. Ich ducke mich. „Ich geh weg, sobald es frei ist.“

Kalle trottet heran, nass und würdevoll. „Ich stehe Wache“, sagt er. „Wenn Menschen kommen, lenke ich ab. Und du, Fuchs, machst das in Ruhe. Ich habe dich beobachtet. Du hast Hände aus Herz.“

Ich atme aus. Dann arbeite ich. Der Faden hält den Ring. Greta fasst mit dem Schnabel kurz und präzise zu. „Eins, zwei, drei“, zähle ich. Wir ziehen. Der Ring gibt nach, schnappt hoch, aber nicht an das Bein zurück. Pip wankt, das Bein ist frei. Der Sturm schreit, als wäre er wütend, dass etwas gelungen ist.

„Hinter die Schnur, schnell“, rufe ich. Ich gehe drei Schritte zurück. Pip rennt in das Gras, kauernd, zitternd, aber frei. Seine Eltern landen, nur zwei Körperlängen von ihm entfernt. Sie rufen, er antwortet. Ich senke den Kopf. „Ich bin schon weg“, sage ich und mache einen Bogen, groß genug, dass mein Geruch nicht durch ihre Nester zieht.

„Gute Arbeit“, schnarrt Greta, und selbst ihre Stimme klingt weicher. Kalle schüttelt sich den Regen aus dem Fell. „Respekt ist nicht nur ein Wort. Heute ist es ein kleiner Schritt in warmes Gras.“

Der Wind bleibt stark, aber ich finde Schlaf unter dem Kahn, den Regen wie eine Decke, die Geschichten raschelt. Ich träume vom Meer, das atmet, und von kleinen roten Beinen, die wieder laufen.

Kapitel 5: Das verlorene Buch der kleinen Wellen

Am Morgen ist die Luft klar und frisch, als hätte sie geduscht. Der Strand ist neu sortiert. Seegras liegt in langen grünen Bändern, und zwischen Muschelschalen glitzert etwas Buntes. Ein Rucksack, halb im Sand, halb im Schaum. Er riecht nach Kinderhand, nach Stiften, nach Vanillekeks. Ich stupse ihn an. Der Reißverschluss ist offen, und ein Buch schaut heraus, dick, mit aufgeklebt gesammelten Muscheln vorne drauf.

Ich ziehe das Buch vorsichtig mit den Zähnen heraus und blättere mit der Pfote. Auf den Seiten sind Zeichnungen: eine Möwe, ein Leuchtturm, ein Schild: „Düne ruht – Menschen auch“ hat ein Kind in krakeligen Buchstaben geschrieben. Daneben stecken Tickets, ein getrocknetes Strandgras, ein Blatt Papier mit Regeln: „Nichts mitnehmen, was lebt. Nichts zurücklassen, was nicht verrottet. Auf dem Weg bleiben. Andere grüßen.“ Ich kann nicht alles lesen, natürlich nicht, aber die Bilder reden mit mir, und die kleinen Gerüche dazwischen erzählen genauso gut. Auf einer Seite ist ein Fuchs, übertrieben mit großem Schwanz, und daneben ein lachender Hund. Jemand hat dazu geschrieben: „Kalle passt auf die Hafenkante auf.“

Ich sehe zum Hafen. Kalle wird schon da sitzen, denke ich. Ich packe den Rucksack am Riemen. Er ist schwer, aber nicht zu schwer. Ich ziehe ihn den Strand hinauf, über trockenen Sand, den Rücken rund, die Zunge zwischen den Zähnen.

„Braucht ihr eine helfende Klaue?“ Rocco landet neben mir, so überrascht, als hätte er mich in einer Piratenrolle erwischt. „Ein Fuchs rettet ein Rucksack. So was nimmt man mit in den Himmel der Geschichten!“

„Lost and Found“, schnauft Kalle, als wir ihn erreichen. „Es gibt eine Bank am Hafen, da legen die Leute Dinge hin, die sie finden. Ich sitze daneben. Ich sehe, wer sucht.“

„Und du? Zeigst dich nicht?“ fragt Rocco.

Ich schüttle den Kopf. „Nein. Ich bleibe Gast. Ich will helfen, ohne zu verwirren.“

Wir schleppen den Rucksack zur Bank. Kalle legt sich davor, als wäre er angeschwemmt. Er ist ein Profi im unauffällig Auffälligen. Ich verkrieche mich hinter einen Poller, Rocco auf meinem Rücken wie ein Hut.

Nach einer Weile kommt ein Mädchen, nicht viel größer als ein Fahrradsattel, mit Salz im Haar und einem großen Pflaster am Knie. Ihre Augen suchen. Als sie den Rucksack sieht, atmet sie aus, als hätte sie die Luft die ganze Zeit angehalten. „Mein Reisebuch!“ ruft sie und drückt es an sich. „Dankeschön!“ Sie schaut Kalle an und streichelt ihn zwischen den Ohren. Kalle wedelt kurz, macht sonst nichts Großes daraus. Das Mädchen setzt sich und blättert. Als sie die Seite mit Fuchs und Hund sieht, lacht sie. „Du bist es wirklich“, sagt sie leise zu Kalle. „Und irgendwo ist der Fuchs.“

Ich lächle im Schatten. Rocco stupst mich mit dem Schnabel. „Sie hat dich gesehen, ohne dich zu sehen.“

Greta landet auf der Kaimauer. „Die kleine Familie hat die Nacht gut überstanden“, ruft sie mir zu. „Das Küken rennt den Eltern schon auf die Nerven. So soll es sein.“

Ich nicke. Es fühlt sich an, als hätte ich einen weißen Faden in die Welt geknüpft, dünn und stark.

Am Nachmittag gehe ich ein letztes Mal am Wasser entlang. Das Meer ist jetzt zahm wie eine Katze nach dem Fressen. Ein Junge sammelt Müll in einen Beutel, den er von einem Schild genommen hat: „Strand sauber – Meer froh“, steht darauf. Ich beobachte ihn, wie er sich bückt, wie er lächelt, als er eine bunte Kappe findet, die er aber nicht behält. Er legt sie zum „Lost and Found“. Ich denke an den Ring von gestern, der jetzt hoffentlich in einem Eimer für Plastik liegt. Man muss nicht groß sein, um groß zu handeln.

Kapitel 6: Heimwege und die Reise, die in dir bleibt

Der Heimweg riecht anders als der Hinweg. Ich kenne jetzt die Kurven im Wind, das Knirschen der Muscheln, den Ruf der Fahrrinne, die Stimmen am Hafen. Das, was fremd war, ist ein bisschen vertraut geworden. Ich gehe denselben Weg zurück und doch nicht denselben, weil ich nicht mehr ganz derselbe bin.

Am Dünenzaun bleibe ich stehen, nur für einen Atemzug. Ich wünsche Pip und seiner Familie leise Glück. Dann folge ich dem Strandstück bis zur Unterführung. Rocco begleitet mich ein Stück, bis die Stadt aufhört und die Felder beginnen. „Wenn jemand dich fragt, was das Meer ist, was sagst du?“ fragt er.

„Ein Herz, das man hören kann“, antworte ich. „Es schlägt langsam, aber stark.“

„Schöne Antwort“, sagt Rocco, und ich glaube, er speichert sie in seinem großen Rabengehirn, irgendwo zwischen Landkarten und Diebstahlplänen für glänzende Dinge.

Abends treffe ich wieder Ida, die am Straßenrand sitzt und ein Blatt Minze schnuppert. „Und? Hat das Meer einen Geschmack?“ fragt sie.

„Ja“, sage ich. „Es schmeckt nach Freiheit und nach Regeln, die gut tun. Nach Wegen, die man teilen kann, und nach Schildern, die man ernst nimmt. Nach stillen Heldentaten, die keiner klatscht, die aber etwas verändern.“

„Klingt nach einem ordentlichen Abendbrot für Gedanken“, brummt Ida zufrieden. „Ich mag‘s, wenn Reisen satt macht, nicht nur müde.“

„Ich habe etwas gelernt“, sage ich. „Wer reist, kommt nicht als König, sondern als Gast. Und ein Gast achtet: Wege, die andere gemacht haben, Nester, die andere bauen, Dinge, die anderen gehören. Er lässt zurück, was ihm nicht gehört, er nimmt mit, was er verschmutzt hat. Und wenn jemand Hilfe braucht, fragt er sich zuerst: Wie kann ich helfen, ohne noch mehr zu stören?“

„Du sprichst wie ein alter Fuchs“, lacht Ida. „Das steht dir.“

Ich schleiche durch die Gärten, wo die ersten Lichter angehen und jemand auf dem Balkon eine Gitarre probiert. Am Apfelbaum wartet Mutter. Ich drücke mich an ihr Fell, das nach Zuhause riecht. Sie lauscht meinem Herzschlag und dem, was ich erzähle, ohne viele Wörter. Ich erzähle vom Sturm, von Kalle und Greta, von Pip und dem Rucksack, vom Jungen mit dem Müllbeutel und vom Schild an der Düne. Ich erzähle vom Atem des Meeres.

„Gut gemacht“, sagt sie, als ich fertig bin. „Du bist fortgegangen, und du hast die Welt größer und leichter wieder zurückgebracht.“

In dieser Nacht schreibe ich im Kopf eine Art Tagebuch, mein eigenes, ohne Muscheln, aber mit Bildern. Ich stelle mir vor, wie Kinder durch ihren Ort gehen, als wären sie Reisende. Wie sie an ihrer Schule einen Zebrastreifen überqueren, nett nicken, nichts achtlos fallen lassen. Wie sie am Fluss die Brücke nehmen, weil Gleise nicht ihre Wege sind. Wie sie in einem Park ein Schild sehen und nicht denken: „Das gilt nicht für mich“, sondern: „Das sind Regeln, die schützen, nicht verbieten.“

Am Morgen hänge ich meinen glatten Stein an einen dünnen Zweig über dem Bau. Er erinnert mich daran, wie es war, das erste Mal den Atem des Meeres zu hören. Vielleicht gehe ich wieder hin, aber nicht gleich. Reisen braucht Zeit, und Zeit braucht Ruhe, damit das Gesehene Platz findet.

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich das Mädchen auf der Bank, das ihr Buch umarmt, und Kalle, der so tut, als schlafe er. Ich sehe Pip rennen, die roten Beine schnell wie Lachen. Und ich höre, ganz leise, wie das Meer atmet. Einatmen. Ausatmen.

Ich lächle. Ich bin froh, dass ich gegangen bin. Und ich bin froh, dass ich zurück bin. Die Welt ist groß, und ich bin klein, ja. Aber klein sein heißt nicht, wenig zu bewirken. Es heißt, nah genug zu sein, um sehen zu können. Und nah genug, um zu achten.

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Düne
Ein Hügel aus Sand, der oft am Meer oder in Wüsten vorkommt und durch Windbildung entsteht.
Austernfischer
Ein Vogel mit einem langen Schnabel, der oft in Küstennähe lebt und sich von Muscheln und anderen Meeresfrüchten ernährt.
Brutgebiet
Ein Bereich, in dem Vögel ihre Eier legen und ihre Küken aufziehen.
Fahrrinne
Ein gezeichneter Weg im Wasser für Schiffe, um sicher zu fahren.
Respekt
Die Wertschätzung oder Achtung, die man anderen Lebewesen oder Regeln entgegenbringt.
Küken
Ein junger Vogel, der gerade aus dem Ei geschlüpft ist.

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