Das Wolkenschienen-Beginn
Felix war neun Jahre alt und trug eine zu große Strickmütze, denn seine Ohren mochten fröhliche Kälte. Er war Lehrling der kleinen Magierakademie am Rand der Himmelstadt und pendelte jeden Morgen mit dem Tramway der Wolken zur Schule. Das Tram sah aus wie eine alte Straßenbahn, aber es gluckste, wenn es bremste, und regnete nie, nur wenn die Passagiere niesten.
An diesem Morgen hatte Felix ein neues Projekt: eine Liste mit nützlichen Zaubersprüchen. Er zog ein zerknittertes Notizbuch aus der Tasche und setzte sich am Fenster. Draußen flogen Federwolken wie Zuckerwatte vorbei. Neben ihm summte ein Besen, der sich versehentlich als Reisegefährte gemeldet hatte. Der Besen war faul, aber höflich — er nickte mit borstigen Borstenhaaren.
„Erste Regel“, flüsterte Felix und schrieb: „1. Nie einen Besen herzen, bevor er fragt.“ Der Besen kicherte leise. Gleich beim ersten Stopp kletterte eine Kiste fliegender Äpfel herein, die beschloss, ein Tanzduett mit dem Fahrkartenautomaten zu wagen. Ein kleiner Wirbelwind entstand, Äpfel kugelten, und Felix sprang auf, um zu helfen. Er murmelte einen Drehzauber aus seiner Liste: „Kreisleise, still und sacht, ordne Äpfel, mach es sacht.“ Die Äpfel formten sofort eine Pirouette und reihten sich vor dem Automaten auf. Die Passagiere klatschten. Felix streichelte sein Notizbuch wie einen alten Freund.
Der Besen mit den eigenen Ideen
Im Tram lebten viele Besen, und einige hatten eigene Meinungen. Der auffälligste war Borsti, der Besen neben Felix. Borsti liebte Streiche — er steckte am liebsten seine Borsten in Muffins und kitzelte Leute an den Knöcheln. Heute beschloss Borsti, dass das Tram dringend mehr Schwung brauchte. Während Felix weiter Punkte auf seine Liste schrieb („2. Zauber gegen vergessene Hausaufgaben“), fädelte Borsti eine Reihe von Mini-Schleudern ein und begann, die Sitze wie auf einem Karussell zu drehen.
„Halt!“, rief Felix, denn der kleine Passagier, ein Kater in Habichtspullover, war plötzlich kopfüber. Felix wischte mit dem Ärmel über sein Notizbuch und flüsterte: „Stoppus Ruhiglus.“ Ein grüner Funken schnippte heraus, landete auf Borsti und verwandelte seine Borsten in Konfetti — nur für eine Sekunde. Borsti hielt inne, dann lachte er so hell, dass die Sitze wieder still wurden. Felix tippte auf seine Liste: „3. Kurze Besen-Bremse — gilt nur mit Humor.“
Die Strophe der verlorenen Socken
Zwischen zwei Wolkenbahnhöfen stieg eine Oma mit einem Korb voller Wollsachen ein. Aus dem Korb schlüpften plötzlich Socken, die lieber einander suchen wollten, als an den Beinen zu bleiben. Sie hüpften auf den Sitzen, bildeten ein Socken-Orchester und spielten auf den Knöpfen der Jacken. Die Melodie klang wie ein Regenbogen mit Tanzschuhen.
Felix seufzte, denn seine Liste brauchte mehr Ordnung. Er kritzelte: „4. Zauber für verlorene Dinge: sanftes Zusammenführen.“ Dann sang er, ganz leise, eine kleine Reimzeile, die er erfunden hatte: „Findet euch, Stück für Stück, kommt zurück zum Socken-Klick.“ Ein paar Socken kuschelten sich an die Strickjacke der Oma, andere rollten wie kleine Kugeln zurück in den Korb. Die Oma zwinkerte Felix dankbar zu. Der Besen Borsti applaudierte mit einer einzigen Borstenbürste und verstellte dabei fast die Hutkrempe eines Herrn mit Taschenuhr.
Eine Wolke, die drängte
Das Tram fuhr nun durch eine Wolke mit besonders viel Puste. Diese Wolke war launisch und wollte schneller vorankommen, wie ein Kind auf dem Pausenhof. Sie schüttelte das Tram so lustig, dass ein Haufen Zuckerkringel vom Kiosk begann, als Girlande durch den Wagen zu fliegen. Felix fühlte, wie sein Herz schnell schlug. Das Tram war zwar sicher, aber wenn die Wolke zu sehr drängte, könnten die Haltestangen anfangen, Polka zu tanzen.
Felix holte tief Luft und schrieb: „5. Beruhigungszauber für ungeduldige Wolken.“ Dann klopfte er dreimal gegen das Fenster, pustete Luft in seine Hände wie eine kleine Trompete und sprach: „Ruhig, Wolke, leise zieh, atme sacht, wiegt wie nie.“ Die Wolke blähte noch einmal ihre Wattebauchmuskeln auf — wie ein Huhn, das sich streckt — und dann seufzte sie, als hätte sie gerade ein gemütliches Nickerchen gemacht. Das Tram schaukelte nur noch sanft. Die Zuckerkringel landeten wieder brav in der Kiste. Felix schrieb zuletzt auf seine Liste: „6. Immer freundlich zur Wolke sein.“ Er grinste. Borsti machte eine tiefe Verbeugung, die einer Duschbürste gleicht.
Zu Hause, mit Dank ans Himmelsblau
Als das Tram die letzte Haltestelle erreichte, stiegen alle mit einem kleinen Lächeln aus. Felix hielt sein Notizbuch fest, das nun voller bunter Kritzeleien und Zaubersprüche war. Manche waren praktisch, manche albern — wie der „Schnurrbart-auf-Zeit“-Zauber, für sehr wichtige Vorstellungsgespräche mit Katzenjurys. Die Besen trugen ihre Besitzer wie kleine, stolze Hühner. Borsti gab Felix einen letzten Stupser, der sich anfühlte wie ein komplimentäres Kitzeln.
Zuhause saß Felix auf seinem Bett und las seine Liste noch einmal durch. Er strich Sachen an, fügte einen Stern hinzu und lachte leise. Dann stand er am Fenster, schaute hoch in das weite, gemütliche Blau und flüsterte ganz leise: „Merci au ciel.“ Es klang wie ein kleines Geheimnis, das nur die Wolken und die Besen kannten. Draußen glitt das Tram weiter, summend wie ein Lied, und Felix schlief mit einem Lächeln ein, bereit für neue, verrückte Zauber am nächsten Morgen.