Vorfreude
Lina zupfte an ihrem roten Schal und sah aus dem Fenster. Draußen glitzerte der Schnee wie Zuckerstreusel. Neben ihr saß Benni, ihre beste Freundin, fast sechs Jahre alt, mit Zöpfen, die wie zwei kleine Bögen aussahen. Sie hatten den ganzen Nachmittag gebastelt: kleine Laternen aus Papier, glitzernde Sterne und eine geheimnisvolle Schachtel mit einer Schleife.
„Was ist in der Schachtel?“ flüsterte Benni und ihre Augen wurden groß.
Lina lächelte. Sie mochte Überraschungen. Sie mochte besonders die Überraschung um Mitternacht, wenn alle Uhren plötzlich anders ticken zu scheinen. „Das ist eine Mitternachtsüberraschung“, sagte sie. „Wir verraten sie erst, wenn alle Kerzen flackern.“
Die beiden Mädchen halfen der Mutter, den Tisch zu decken. Es gab warmen Kakao mit einem Tupfer Sahne, und kleine Kekssterne. Auf dem Küchentisch leuchtete eine kleine Laterne, die sie zusammen gebastelt hatten. Die Mutter legte sanft die Hand auf ihre Schultern. „Hört gut zu“, sagte sie, „in zehn Minuten vor Mitternacht hört ihr den Nachbarn die Glocken leise zählen. Dann atmen wir tief und sagen etwas Nettes für das neue Jahr.“
Lina nickte. Sie liebte das Zuhören. Man hörte so viele kleine Dinge: das Knistern der Flamme, das leise Klappern des Bestecks, das entfernte Lachen eines Hundes im Hof. Alles schien eine Geschichte zu erzählen.
Die kleine Glocke
Als der Abend dunkler wurde, zündeten sie Kerzen an. Die Flammen warfen warme Schatten an die Wand. Benni hielt ihre Laterne vor das Gesicht und machte geheimnisvolle Grimassen. „Wenn wir die Glocken hören, öffnen wir die Schachtel“, flüsterte Lina.
Draußen begannen die Glocken zu klingen. Erst eins, dann zwei — ein langsamer, freundlicher Takt. Die Mutter stellte eine alte kleine Glocke auf den Tisch. „Ihr könnt sie einmal läuten, wenn ihr etwas Wünschen wollt“, sagte sie. Benni strahlte. Lina spürte ein Kitzeln im Bauch, ein gutes Kitzeln.
„Ich wünsche mir, dass Oma gesund bleibt“, flüsterte Benni, und Lina hörte die Stimme zittern. Lina legte eine Hand auf Bennies Hand. „Ich wünsche, dass wir viele Abenteuer zusammen haben“, sagte Lina. Dann läuteten beide Mädchen die kleine Glocke mit einem sanften Schwung. Der Ton war klar wie ein Tropfen, der in einen stillen Teich fällt.
Nach dem Läuten öffneten sie die Schachtel. Drin lagen kleine Zettel, jeder mit einem Bild: ein Herz, ein Baum, ein Stern. „Für Wünsche“, erklärte die Mutter. Lina zog einen Zettel mit einem Stern. Benni zog einen mit einem Herz. Sie tauschten ihre Wünsche, wie man manchmal Tauschgeschichten macht, und lachten über die kleinen Fehler beim Zeichnen.
Die Uhr zeigte fast Mitternacht. Sie zählten die letzten Sekunden, aber langsam, so dass es nicht eilig klang. „Drei… zwei… eins…“ Und dann hörten sie draußen ein leises Feuerwerk, weit weg, wie bunte Blumen am Himmel. Die Mädchen drückten sich aneinander, und Lina dachte, wie schön es ist, wenn jemand da ist, der die Freude teilt.
Ein warmes Flüstern
Nach dem Feuerwerk setzten sie sich auf das Sofa und tranken den letzten Schluck Kakao. Die Mutter sagte: „Jetzt ist ein guter Moment, um zuzuhören. Was habt ihr heute gehört?“
Benni murmelte von Glocken und Omas Atem. Lina erzählte von dem Hund im Hof und dem Knistern der Kerzen. Sie hörten eine Weile zu, wie man einer warmen, unsichtbaren Melodie lauscht. Zuhören bedeutete, die Welt leiser werden zu lassen, so dass die kleinen Dinge laut genug wurden, um Herz und Bauch zu wärmen.
„Und jetzt“, sagte die Mutter, „lasst uns eine kleine Überraschung für morgen vorbereiten.“ Sie holte ein großes Blatt Papier und bunte Stifte. „Schreibt oder malt etwas Nettes, das ihr morgen zusammen tun wollt.“ Die Mädchen malten einen Schneemann, ein Picknick und ein großes, buntes Buch.
Dann ging Benni zur Haustür und zog ihren Mantel an. „Ich glaube, ich bin müde“, flüsterte sie. Lina sah, wie ihre Augen schwer wurden. Ihre Mutter nahm ihnen die Laterne ab und steckte sie vorsichtig auf das Fensterbrett. Die Flamme flackerte noch ein wenig, als würde sie den Tag verabschieden.
Bevor sie sich zur Nacht verabschiedeten, kuschelten sich Lina und Benni in ihre Decken. „Weißt du“, sagte Lina, „ich mag Überraschungen, aber am liebsten mag ich es, wenn wir zusammen zuhören und dann zusammen schlafen.“
„Ich auch“, sagte Benni. Sie atmete tief ein, als würde sie alle kleinen Töne des Abends aufsaugen: das Klappern, das Flackern, das Glockenläuten. Ein Gefühl von Sicherheit und Freude breitete sich in ihrem kleinen Körper aus.
Draußen knisterte der Schnee leise. Drinnen war es warm und ruhig. Die Mutter küsste ihre Stirn. „Gute Nacht, meine kleinen Lauscher“, sagte sie sanft.
Lina drehte sich zu Benni, lächelte im Dunkeln und flüsterte wie ein Geheimnis: „Bis morgen, à demain.“ Benni antwortete mit einem verschlafenen Lächeln. Und so schliefen sie ein, mit dem Wissen, dass morgen neue Geräusche, neue Überraschungen und neue Geschichten auf sie warteten.